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Der Fall Heino und das große Ganze

„Political correctness“ und „cancel culture“ sind wie Pest und Cholera: Kaum jemand mag sie. Dennoch gibt es in Deutschland Hohenpriester dieser Kulte, die sowohl die Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit gerne knebeln würden. Jetzt ist einer dieser hyperkorrekten Guten zu weit gegangen und wurde auf den Platz verwiesen.
Heino
Foto: Christoph Hardt/imago-images | Heinos "Deutscher Liederabend" war dem Intendanten der Tonhalle Düsseldorf, Michael Becker, zu sehr Tümelei. Er wollte dafür nicht werben. Jetzt muss er es dennoch tun.

Heinz Georg Kramm aus Düsseldorf ist Ihnen allen bekannt. Unter dem Namen Heino ist der Mann mit der Sonnenbrille seit Jahrzehnten der erfolgreichste Schlagersänger und Interpret von Volksmusik im Lande. Und wenn ihn einer bittet, auch in die Popkultur einzusteigen, dann produziert er eben einen „Enzian-Rap“ und ist sofort in den Charts und den Herzen der Menschen.

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Ausgerechnet seine Heimatstadt bereitete Heino Anfang dieser Woche Ungemach. Denn die angesehene Düsseldorfer „Tonhalle“, personalisiert durch ihren Intendanten Michael Becker, nahm Anstoß am Titel des für Anfang Oktober geplanten Konzerts mit dem bekannten Sohn der Stadt. Das ist nämlich angekündigt mit dem Titel „Ein deutscher Liederabend“. Und „deutsch“, das gefällt dem Herrn Becker so gar nicht. Ein „deutscher Liederabend“, das sei „fachlich und politisch nicht korrekt gewählt”, und es „tümele“. Und weil es „tümele“, entschied Becker, den Heino-Liederabend nicht zu bewerben, wie es eigentlich Standard ist bei Auftritten in seinem Haus.

Wenn ein Intendant in einer solchen Einrichtung
seine Position ausnutzt, um die Kunstfreiheit einzuschränken,
weil er sich an „Tümelei“ stört, dann stellt sich die Frage,
ob Herr Becker der richtige Mann auf diesem Posten ist.“

Heino selbst äußerte sich entsprechend deutlich. Er sei „fassungslos“ über die Aussagen von Becker. Er werde im Oktober in der Tonhalle Lieder von Brahms, Beethoven, Schubert, Bach, Mozart und Tschaikowsky singen. Schöne Klassiker und Volkslieder dabei wie „Sah‘ ein Knab ein Röslein steh?n“, „Ave Maria“ oder „Guten Abend, gut‘ Nacht“. Wo sei also das Problem? Heino wörtlich: „Ich bin und bleibe ein deutscher Sänger, der deutsche Lieder singt und die deutsche Sprache liebt.“ Punkt! Alles gesagt, was zu sagen ist.

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Der erst frisch gewählte Oberbürgermeister Stephan Keller von der CDU machte dem Spuk am Montag ein Ende und ordnete an, dass in der städtischen Halle, immerhin das musikalische Zuhause der Düsseldorfer Symphoniker, Heino natürlich zu bewerben sei wie andere Künstler auch. Die Düsseldorfer Tonhalle ist in der Rechtsform gGmbH (gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung) organisiert, wie ähnliche Einrichtungen in anderen Großstädten auch. Aber ohne die Finanzausstattung durch Stadt Düsseldorf könnte sie nicht existieren. Wenn ein Intendant in einer solchen Einrichtung seine Position ausnutzt, um die Kunstfreiheit einzuschränken, weil er sich an „Tümelei“ stört, dann stellt sich die Frage, ob Herr Becker der richtige Mann auf diesem Posten ist. Die Freiheit der Kunst sollte – wie die Meinungsfreiheit – sein größtes zu förderndes Ziel sein, statt sich dem linksgrünen Zeitgeist unserer Tage anzubiedern.

Eine ungute Entwicklung

Es sind diese kleinen Vorkommnisse, die eine Entwicklung eingeleitet haben, diese Gesellschaft, unser Land, massiv zu verändern. Die Politische Korrektheit legt sich wie Mehltau über Deutschland, wabert durch Redaktionsstuben, Kultureinrichtungen und Parlamente. Jüngst wurde der Student Lukas Honemann an der Universität Kassel bei einer Arbeit mit Punktabzug sanktioniert, weil er diese nicht in „gendergerechter Sprache“ formuliert hatte. Die Uni stellte das ihren Lehrkräften frei, nach eigenem Belieben so zu handeln. Die Transformation unserer Gesellschaft zu etwas ganz anderem ist keine Verschwörungstheorie, sondern Realität.

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