Den Glauben bezeugen bei Nightfever in Kreuzberg

Die Gemeinde St. Bonifatius in Berlin hat zu einer leisen, besinnlichen Gebetsnacht eingeladen. Von Katrin Krips-Schmidt

Auch wenn in diesen Tagen die lokale Presse – und nicht nur sie – kräftig Stimmung gegen den Besuch des hohen Gastes aus Rom macht, wenn die Zeitungen und Fernsehberichte sich mit Meldungen über bevorstehende Demonstrationen wütender Papstgegner und Kirchenkritiker nur noch so überschlagen: Hier und heute herrscht eine ganz andere Atmosphäre, und es geht einmal nicht um die Reizthemen eines in seiner Leiblichkeit gefesselten und gefangenen Menschen. Es geht um das Herz des Glaubens, die Botschaft Christi, die von den Gläubigen weitergegeben werden soll, auch und gerade in einer Stadt wie Berlin, in der noch nicht einmal ein Drittel der Bevölkerung ein christliches Bekenntnis teilt.

Am Vorabend des großen Ereignisses, bevor der Papst von siebzigtausend jubelnden Menschen im Olympiastadion empfangen wird, lädt die Kreuzberger Gemeinde St. Bonifatius zu einer leisen, besinnlichen Gebetsnacht.

Nightfever heißt die nach dem Kölner Weltjugendtag 2005 ins Leben gerufene Veranstaltung, und heute sind es nicht nur junge Leute, die die Bänke der großen Kirche in der Yorckstraße dichtgedrängt bis auf den letzten Platz füllen: Diesmal kommen natürlich weitaus mehr Besucher als sonst, sie kommen aus allen Teilen Deutschlands und der Welt, und das, was heute Abend auf dem Programm steht, möchten sie sich nicht entgehen lassen: ein Pontifikalamt mit dem neuen Erzbischof der Stadt. Und sie möchten sich geistlich vorbereiten auf den kommenden Tag. Auf die Begegnung mit dem Stellvertreter Christi. Der Abend beginnt mit eindringlichen Glaubenszeugnissen. Nacheinander treten ein Mann, eine Frau vor das Mikrofon. Sie berichten davon, wie dieser Papst, Papst Benedikt XVI., ihrem Leben die entscheidende Wende gegeben hat. Da ist der ehemalige evangelische Christ, der schon bald gemerkt hat, dass der„Panzergeneral“, wie Kardinal Ratzinger von manchen Medien bezeichnet wurde, doch ein „lieber, gütiger Mensch“ sei.

Großer Zuspruch auch der Jugend für Erzbischof Woelki

Oder der einstige Atheist, der sich früher viel mit Philosophie beschäftigt hat, und durch den Heiligen Vater zum Glauben gekommen ist. Durch das Lesen der Schriften Kardinal Ratzingers sei ihm klar geworden, wie „glaubwürdig“ der katholische Glaube doch ist. Der Journalist Ingo Langner erinnert an die Wahl Benedikts vor sechs Jahren und weiß noch, wie er damals vor Begeisterung in die Luft gesprungen sei. Mit dieser Begeisterung, die nicht nachgelassen hat, begrüßt er den Papst: „Lieber Heiliger Vater: Herzlich willkommen in Deiner deutschen Heimat. Herzlich willkommen in Berlin!“ Der Autor Michael Hesemann ist davon überzeugt, Benedikt habe die Antworten auf die Probleme unserer Tage: „Petrus, Kirche, Gott und Zukunft, die sind untrennbar miteinander verbunden.“ Denn: „Gerade hier in Berlin haben wir doch erlebt, wohin Gottlosigkeit führt!“

Eine gewisse Gottvergessenheit bei vielen Menschen dieser Stadt ist auch der Hintergrund für das bewegende Zeugnis, das der junge, aus Paris stammende Priester Jean-Marie Porté von der Hilfsorganisation Points-Coeurs gibt. Seine Gemeinschaft will Menschen in seelischer Not trösten. Seit zwei Jahren gibt es eine Niederlassung in Berlin und das, wie er sagt, aus gutem Grund: Nirgendwo sonst rage das Kreuz so heraus wie an diesem Ort. Es sei ein Kreuz der Verwirrung, furchtbare Einsamkeit herrsche hier unter den Menschen.

Der Höhepunkt der Gebetsnacht ist die heilige Messe. Die Gottesdienstbesucher spenden dem seit vier Wochen amtierenden Erzbischof Rainer Maria Woelki kräftigen Beifall, als dieser vom Pfarrer der Gemeinde, Ulrich Kotzur, herzlich begrüßt wird. Am Fest des heiligen Matthäus deutet der Berliner Oberhirte in seiner Predigt das Evangelium des Tages (Mt 9,9–13). Er freut sich, dass so viele junge Menschen den Weg nach St. Bonifatius gefunden haben und betont, dass der Heilige Vater gerade auch für die jungen Christen ein Herz habe. Weil er ihnen zutraut, authentisch zu leben und als Mitarbeiter Jesu tätig zu sein. Deshalb sei es schön, diese Messe am Festtag des heiligen Matthäus zu feiern. Der sei auch kein Supermann gewesen, die frommen Juden hätten ihn als nicht gesellschaftsfähig angesehen. Dennoch habe Jesus ausgerechnet ihn berufen: „Den stellt er in seine Nachfolge! Keiner von uns braucht Angst zu haben, dass er nicht gemeint ist. Jeder ist gemeint!“, fordert Woelki die Gläubigen ebenfalls zu einer entschiedenen Nachfolge auf. So wie Jesus nicht zu gering vom Zöllner Matthäus gedacht hat, sollen auch wir von uns nicht zu gering denken. Der Papst traue jedem von uns etwas zu. Jeder habe sein eigenes Charisma. Und auch heute noch sollen wir – wie damals die Apostel – zu den Menschen gehen und ihnen von Gott erzählen. Wir sollen ihnen erzählen, wie wir selbst Gott erfahren haben. Wir seien Botschafter Christi, seine „Exzellenzen“, was ja auch heute noch als Ehrenbezeichnung gelte, auf die wir stolz sein sollten. Die Messe endet mit der Aussetzung des Allerheiligsten.

Wie ist der neue Erzbischof bei den Berlinern „angekommen“? Ein junger Mann sagt: „Ausgezeichnet. Was mir bei der Predigt des Erzbischofs auffiel war, dass er deutlich den Primat Gottes betont hat. Dass er von Liebe redete, dass er deutlich gemacht hat, was Liebe ist, und immer von Gottesliebe und Nächstenliebe in dieser Reihenfolge sprach, das hat mir am meisten gefallen. Das zweite war die Betonung der Mission, der Evangelisierung, das fand ich irgendwie neu in Berlin, jung und neu.“ Und ein Jugendlicher meint: „Ich denke, dass Erzbischof Woelki eine Bereicherung für die Stadt ist.“ Er freue sich schon sehr auf den Papst und auf die Messe mit ihm und hoffe, dass dort auch viele Menschen anderer Konfessionen hinkämen, damit auch die den Papst erlebten.

Am Vorabend des Papstbesuches geht es den Gläubigen, die sich in Sankt Bonifatius in dieser Nacht versammeln, nicht um irgendwelche anmaßenden Ansprüche von Kirchenhetzern. Es geht um die befreiende Botschaft des Evangeliums und um ihre Weitergabe durch den erlösten Christen.

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