Demokratie im eigenen Erleben lernen

Die Ausstellung „Jugendopposition in der DDR“ zeigt 18 persönliche Schicksale, aber auch verschiedene Etappen in der Opposition gegen die SED-Diktatur. Von José García
Foto: Garcia | Frank Ebert (links) erklärt Ministerin Kristina Schröder den Inhalt „seiner“ Tafel, auf der einige Flugblatt- und Mahnwachaktionen des 1970 geborenen Ebert dokumentiert sind.
Foto: Garcia | Frank Ebert (links) erklärt Ministerin Kristina Schröder den Inhalt „seiner“ Tafel, auf der einige Flugblatt- und Mahnwachaktionen des 1970 geborenen Ebert dokumentiert sind.

„In der DDR hat es zu allen Zeiten und in vielen Regionen Widerstand vor allem von jungen Menschen gegeben.“ Mit diesen Worten erläuterte Olaf Weißbach, Geschäftsführer der Robert-Havemann-Gesellschaft, die Auswahl von achtzehn Personen für die von der Robert-Havemann-Gesellschaft und der Bundesstiftung „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ entwickelte Plakatausstellung „Jugendopposition in der DDR“, die den Widerstand gegen die SED-Diktatur von der Nachkriegszeit bis zur Friedlichen Revolution 1989 lebendig werden lässt. Die Ausstellung wurde am vergangenen Montag im Bundesfamilienministerium eröffnet.

Wer protestierte, war ein Feind des Staates

In ihrer Präsentation wies Familienministerin Kristina Schröder auf die Bedeutung der Ausstellung hin: „Sie zeigt, wie mutig junge Menschen sich gegen das Unrechtsregime der ehemaligen DDR auflehnten. Sie ist auch ein Zeichen der Verantwortung gegenüber denjenigen, die im Kampf für die Freiheit ihre eigene Zukunft, vielleicht auch ihr eigenes Leben riskiert haben.“ Als Jugendministerin sei ihr besonders wichtig, „dass sich Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland mit allen Facetten unserer Vergangenheit auseinandersetzen – nicht nur im Geschichtsunterricht in der Schule. Denn demokratische Werte lernt man nicht richtig im Schulbuch wie das kleine Einmaleins, sondern man lernt sie vor allem durch eigenes Erleben.“

Auf 20 Tafeln werden 18 Frauen und Männer mit Fotos, Dokumenten und je einem Zitat vorgestellt. Dieses heißt beispielsweise bei Reiner Bohley (1941–1988): „Ich ändere eine oft geprüfte Glaubensentscheidung nicht einfach deshalb, weil mir daraus Nachteile erwachsen könnten“, bei Bernd Eisenfeld (1941–2010): „Sie trieben mich auf einen Berg, der keinen anderen Abstieg zuließ als den des Gewissens“, oder bei der 1953 geborenen Doris Liebermann: „Ich versuche, in der Wahrheit zu leben, und stoße auf viele Lügen“. Zur Besonderheit dieser Ausstellung führte Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, aus: „Das Konzept besteht darin, zeithistorische Ausstellungen zu den Menschen zu bringen statt nur auf Ausstellungen zu setzen, die an einem Ort oder an wenigen Orten darauf warten, dass die Menschen zu ihnen kommt. Sie wird nicht in einem Exemplar, sondern in 1 500 Exemplaren hergestellt, so dass sie bundesweit und international verbreitet wird. Sie kann von Kultus- oder Bildungsministerien, aber auch von Schulen oder anderen Einrichtungen gegen eine geringe Schutzgebühr von 50 Euro nicht geliehen, sondern erworben werden, sodass die Ausstellung buchstäblich in ganz Deutschland an beliebigen Orten beliebig lange gezeigt werden kann.“

Die doppelte Zielsetzung der Plakatausstellung erklärte Olaf Weißbach mit folgenden Worten: „Wir porträtieren 18 außergewöhnliche Menschenschicksale. Jeder für sich hat auf seine Weise die Entscheidung getroffen, sich gegen ein diktatorisches System zu wehren und für Einigkeit und Recht und Freiheit einzustehen. Aber gleichzeitig zeichnen wir die Etappen einer ostdeutschen Oppositionsgeschichte nach, die zu dem Besten gehört, was unser Land vor dem Hintergrund seiner Geschichte aufzuweisen hat.“ Zu den besonderen Merkmalen dieser verschiedenen Etappen sagte Weißbach: „Die 1950er Jahre sind reich an Opposition und Widerstand und damit korrespondierend auch reich an Repression, Verfolgung, Verurteilung bis hin zur Todesstrafe. Die 1960er Jahre wurden von zwei Ereignissen bestimmt, die Opposition und Widerstand provozierten: der Mauerbau 1961 und 1968 die Niederschlagung des Prager Frühlings durch den Warschauer Pakt. Kulminationspunkt der Oppositionsgeschichte in den 1970er Jahren ist die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Wer dagegen protestiert, gilt als Feind des Staates, wird verfolgt und inhaftiert. In den 1980er Jahren sind es immer mehr Menschen, die nicht mehr gewillt sind, der Propaganda der SED zu folgen. Die Missstände und vor allem die Lügen werden immer offensichtlicher. Der Oppositionsbewegung geht es vor allem darum, eine kritische Öffentlichkeit herzustellen. Die Opposition in den 1980er Jahren ist zu einer Bewegung geworden, die sich in verschiedenen Gruppen organisiert wie der Umweltbibliothek oder der Initiative Frieden und Menschenrechte.“

Schüler und Veranstalter tauschen Erfahrungen aus

Dass sich die Ausstellung besonders an die junge Generation richtet, die keine eigenen Erinnerungen an Diktatur und deutsche Teilung hat, zeigte sich bereits bei der öffentlichen Präsentation im Bundesfamilienministerium. Im Rahmen der Eröffnung nutzten 20 Schüler eines Berliner Gymnasiums die Gelegenheit, um vor Ort mit sieben der insgesamt 18 Protagonisten der Ausstellung über deren Erfahrungen zu sprechen und damit ihr eigenes Wissen zu vertiefen.

– „Jugendopposition in der DDR“. Ausstellung im Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, Glinkastr. 24, 10117 Berlin (bis zum 28. September).

– Die Ausstellung kann gegen eine Leihgebühr von 50 EUR erworben werden. Bestellungen bei der Robert-Havemann-Gesellschaft: www.havemann-gesellschaft.de.

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