Das Ziel sind humanoide Roboter

Google will Neurowissenschaft und Robotertechnik enger verbinden – Für Geheimdienste werden so neue Wege in der digitalen Welt erschlossen. Von Alexander Riebel
Foto: dpa | Google konzentriert sich zunehmend auf den Bau von Robotern. So kaufte das Unternehmen nicht nur die Technologiefirma Nest, sondern zuvor schon Boston Dynamics, das den abgebildeten vierbeinigen Roboter BigDog ...
Foto: dpa | Google konzentriert sich zunehmend auf den Bau von Robotern. So kaufte das Unternehmen nicht nur die Technologiefirma Nest, sondern zuvor schon Boston Dynamics, das den abgebildeten vierbeinigen Roboter BigDog ...

Da sind gleich zwei Dinge, die aufschrecken. Deutschland gelingt es offenbar nicht, auch nur den geringsten Wunsch gegenüber Amerika in Sachen Bespitzelung durch die NSA durchzusetzen. „Wir kriegen nichts“, hatte jetzt ein deutscher Verhandlungspartner nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten gesagt. Machen da noch Sanktionen gegenüber Amerika Sinn, wie es Mitglieder der deutschen Regierung vorschlagen?

Die andere Nachricht ist das Vordringen Googles in Schlaf- und Wohnzimmer. Das Unternehmen hatte für 3,2 Milliarden Dollar den Hersteller Nest, einen Anbieter für digitale Thermostate und Rauchmelder übernommen. Beide Nachrichten lassen sich leicht verbinden. Denn der Geheimdienst NSA ist der Herr über das Internet und da kommen die privatesten Daten gerade recht. Wann jemand zu Hause ist, in welchem Zimmer er sich befindet, wie hoch jemand die Heizung einstellt. Die Funktionen können auch über Handys gesteuert werden – wer es besitzt oder gestohlen hat, kann das Haus fernbedienen. Dass NSA nun weltweit in 100 000 Computern seine Software eingespeist haben soll, ist ein Hinweis auf die unerschöpflichen Möglichkeiten. Auch die Bespitzelung von Computern, die nicht ans Internet angeschlossen sind, sei möglich. Natürlich geht es nicht nur um private Daten, sondern um Industriespionage gleichermaßen. Das Unternehmen Nest baut aber nicht nur Messinstrumente, wie zumeist berichtet wird.

Ein Blick auf die Unternehmensstrategie von Google macht den Kauf noch deutlicher. Google hatte nämlich kürzlich Andy Rubin, den Erfinder des Smartphone-Systems Android damit beauftragt, Überlegungen zur Herstellung von Robotern anzustellen. Google plant menschenähnliche Geräte, sogenannte humanoide Roboter; und da passt Nest genau ins Schema. Denn das Unternehmen forscht an der Verbindung von menschlicher Intelligenz und Maschine. Die Vizepräsidentin der Technologie-Abteilung von Nest, Yoky Matsuoka, erklärte hierzu: „Die Verbindung von Neurowissenschaft und Robotertechnik betrifft die Frage, wie menschliche Gehirne lernen, etwas zu tun, und wie Maschinen lernen können, das zu verbessern.“ Genau das wird bei Nest erforscht. Matsuoka bezeichnet die beiden Fähigkeiten sogar als Yin und Yang, also als unzertrennliche Hälften. Langfristig sind es also weniger die Thermostate, die Google interessieren. Wenn humanoide Roboter auch für den Hausgebrauch eingesetzt werden, werden über deren digitale Verbindungen alle privaten Vorgänge erfasst werden können. Und darüber werden sich auch wieder die Geheimdienste freuen. Denn das Ziel bei Nest ist, zunächst Kontrolle über das menschliche Denken zu bekommen, um die Maschinen mit diesem Wissen zu füttern, damit die Menschen schließlich die Kontrolle wieder übernehmen. Aber ob das so einfach geht? Schon zu Beginn der Aufdeckung der Bespitzelung hatte NSA erklärt, nicht Menschen zu bespitzeln, sondern Computer.

Man darf von der Erforschung „menschlicher Gehirne“, wie es Yoky Matsuoka propagiert, nicht zu viel erwarten. Wenn in den angelsächsischen Ländern von Intelligenz die Rede ist, dann ist meistens nur Entscheidungsfähigkeit gemeint. Und die will man dann auf Computer übertragen. Die Tätigkeit von Computern besteht ja im Wesentlichen darin, zwischen Möglichkeiten auszuwählen, also im Prinzip zwischen Ja oder Nein. Dass aber Empirie umgekehrt als Maßstab an den menschlichen Geist angelegt wird, könnte sich noch als Schicksal für die Menschheit erweisen. Denn wenn Rationalität nur als mechanisch-technische Rationalität verstanden wird, wie es heute zunehmend geschieht, dann gibt es auch keine Argumente mehr für die Würde des Menschen, die den Menschen mit mehr auszeichnet, als ihn nur als Wesen mit technischer Vernunft ausgestattet zu sehen.

Leider ist jedoch diese Sicht auf Rationalität die vorherrschende in Amerika. Da mögen Intellektuelle in den amerikanischen Feuilletons protestieren und von zweierlei Amerika sprechen, vom Kontrollstaat und dem liberalen Land der Künstler und Philosophen. Gerade in der amerikanischen Philosophie und in den Geisteswissenschaften wie der Linguistik wird der Mensch als ein empirisches Wesen betrachtet, dass sein Menschsein über linguistische Momente seiner Sprachfähigkeit definiert. Die Denker behaupten, dass das gegenseitige Zusprechen von Festlegungen, durch die einzig Objektivität erreicht werde, wie „das ist grün und nicht rot“, zu einer autoritätsfreien Gesellschaft führe, die nicht durch platonische Ideen oder ähnliche metaphysische Vorstellungen bestimmt sei: Der Mensch müsse Normen selbst herstellen, unter denen er leben wolle. So spricht der liberale Geist in den Vereinigten Staaten, der jegliche Metaphysik ablehnt. Dass mit diesem Menschenbild dem Überwachungsstaat zugearbeitet wird, der künftig über Roboter Kontrolle über seien Bürger ausüben könnte, ist leicht einzusehen. Wenn der weißrussische Medientheoretiker Evgeny Morozov jetzt in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ dazu aufruft zu überlegen, „was von unserer technologischen Infrastruktur – und dem Mangel an solch einer Infrastruktur – in einer Welt nach dem Internet zu halten ist“, dann ist das selbst noch unter der Voraussetzung der technischen Welt gedacht. So wird man aber nicht dem Wesen des Menschen gerecht, wenn man ihn nur als Rädchen der technologischen Infrastruktur denkt, die ja auch „nach dem Internet“ nicht beendet sein wird.

Kann Bundeskanzlerin Merkel bei ihrem bevorstehenden Besuch beim amerikanischen Präsidenten Obama auf einen Verzicht der Bespitzelung etwa deutscher Politiker hoffen? Zumal NSA den Quantencomputer bauen will, um dann endgültig die totale Kontrolle über die digitale Welt zu erhalten. Wohl kaum. Der restlichen Welt bleibt da nur zu denken: „Wir kriegen nichts.“ Ob die Metaphysik noch Zukunft hat, wird also auch von der Einstellung zur technischen Welt abhängen.

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