Berlin

Das Religiöse kehrt zurück - in allerlei Gestalt

Der Mensch ist ein religiöses Wesen: Wenn beispielsweise das Christentum schwindet, besetzen Ersatzkulte die freiwerdenden Räume - sei es durch esoterisch und okkulte Ideen oder totalitäre Ideologien. Oder - so meint Michel Houellebecq - auch der Islam erobere sich diese Freiräume, weil er den einfacheren Weg anbiete.
Kreuz gegen Sarazenenschwert
Foto: imago-images | Befinden wir uns in einem Kampf der Kulturen? Michel Houellebecq zeichnet eine Analogie kommunizierender Röhren: Der Mensch muss ein religiöses Sehnen befriedigen.

Wenn sich Michel Houellebecq in den Medien zurückmeldet, dann sparen Medien nicht mit dem Adjektiv „provokativ“. Im Interview mit der FAZ erscheint es für den liberalen Zeitgeist ungewohnt, wenn der französische Starautor unumwunden von einer „offenkundigen Rückkehr des Religiösen“ spricht. 

Houellebecq hat dieses Feld schon früher berührt, vornehmlich in „Unterwerfung“. Die Frage, die der Bestseller-Autor in den Raum warf, war jedoch nicht, ob die Religion zurückkehrt, sondern vielmehr, welche Religion zurückkehrt. Der Islam „gewinnt“ – weil er den einfachen Weg bedeutet. Er erscheint als weltliche Angelegenheit, die weniger spirituelle, denn politische und gesellschaftliche Implikationen hat und als autoritärer Ordnungsfaktor auftritt. Das einzige Kapitel, in dem Kult und spirituelle Kraft im Mittelpunkt stehen, findet nicht in einer Moschee, sondern im Wallfahrtsort Rocamadour statt.

Vom Koran, Mohammed und Allah selbst ist niemand überzeugt

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Frankreichs Konversion zum Islam spiegelt sich in den Motiven von Houellebecqs Figuren. Sie erfolgt aus sexuellen, pragmatischen und naiv-romantischen Gründen. Vom Koran, Mohammed und Allah selbst ist niemand überzeugt – selbst der muslimische Staatschef erscheint als kühl berechnender Machtpolitiker, der aus taktischen Gründen die „Islamkarte“ spielt. Hier greift Houellebecq ein thomistisches Argument auf, das katholische Gelehrte über Jahrhunderte tradierten: Mohammed verführte die Völker „durch Versprechung fleischlicher Genüsse, zu deren Verlangen die Begierde anstachelt“, führt Thomas von Aquin in seiner Summa contra Gentiles aus. Mohammeds Anhänger folgten daher keiner ausgefeilten Theologie, sondern glaubten „leichtfertig“, weil der Islam ein genussvolles Leben erlaubte. 

Der Islam als Religion eines mekkanischen Kaufmanns macht es seinen Anhängern einfach; das Christentum als Religion des Gottessohnes dagegen unglaublich schwer. Mohammeds Anhänger werden noch zu Lebzeiten mit Kriegsruhm, Beute und Frauen reichlich entlohnt; Christi Apostel sterben dagegen den Märtyrertod. Nach Aquino wäre die Hinwendung eines ultraliberalen, hedonistischen Westens zum Islam daher kein Paradoxon, sondern logischer Zwang.

Prognose: Der Katholizismus erfährt eine Renaissance

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Für Houellebecqs Protagonisten François, dessen Vorbild Joris-Karl Huysmans auf die Dekadenz des späten 19. Jahrhunderts mit dem Klostereintritt reagierte, bleibt die mystische Träumerei von einem auferstandenen Abendland in Rocamadour bloße Phantasterei: „Nach einer halben Stunde stand ich, endgültig vom Geist verlassen und auf meinen lädierten, vergänglichen Körper beschränkt, wieder auf und ging traurig die Stufen zum Parkplatz hinunter.“ In späteren Interviews prognostiziert der Autor jedoch auch dem Katholizismus eine Renaissance. 

Doch Houellebecq irrt zugleich, wenn er im Interview erklärt, das Phänomen der Rückkehr der Religionen sei „zunächst einmal völlig unvorhersehbar“ gewesen. Das berühmte Diktum von André Malraux – „Das 21. Jahrhundert wird religiös sein, oder es wird nicht sein“ – popularisierte Peter Scholl-Latour im deutschsprachigen Raum. Und indes Samuel Huntingtons Theorie unausweichlicher Zivilisationskriege immer noch die Gemüter erregt, verbreitet sich mittlerweile eine Stimmung, die zumindest in Grundlinien prophetische Wendungen darin ersehen will.

Entscheidender Faktor europäischer Identität: Christentum

Viel mehr noch als Malraux oder Huntington hat der britische Historiker Christopher Dawson bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Europas Weg klarsichtig beschrieben: Religiosität ist Grundlage jeder Kultur, und Kulturen, die ihre Religion negierten, seien zum Scheitern verurteilt. Die Rückkehr der Religion ist demnach gleichbedeutend mit dem Überlebenskampf einer Kultur; sie ist unausweichlich, will sie sich selbst erhalten. Für Dawson war daher eine Rückkehr zum mittelalterlichen Abendland der logische Schritt. 

Sein Werk „The Making of Europe“ sieht im Christentum den entscheidenden Faktor europäischer Identität, indes Reformation, Aufklärung und Säkularisierung als Wegbereiter von Liberalismus und Relativismus Europa von sich selbst entfremden. Dawsons Europa-Konzeption war damit weitaus bodenständiger und weitsichtiger als ein allein auf Verträgen beruhendes, supranationales Gemeinwesen, das im Grunde gar nicht weiß, was es vertritt. 

Missionare haben jahrhundertealte Erfahrungen

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Versuche der jüngeren Vergangenheit, die Rückkehr des Religiösen als oberflächliche Erscheinung zu desavouieren, sind zahlreich: die islamische Wiedergeburt sei in Wirklichkeit auf eine kleine Gruppe puristischer Salafisten begrenzt, die zurückgekehrte Orthodoxie in Russland allein Staatssache. Solche Begründungen verkennen historische religiöse Entwicklungen. Weder war das Christentum vor seiner Anerkennung durch Konstantin eine Massenreligion, noch war es in allen Zeiten eine monolithische Erscheinung. Die Kirche steht auf ihren Heiligen, die als vitale Kraft dazu berufen sind, diese zu inspirieren und zu erneuern. Die Rückkehr zu „alten, guten Formen“ steht im Kontrast zu politischen Reformen. 

Die Evangelikalen sind in den USA bis heute nicht in der Mehrheit, sie haben jedoch über Netzwerke, gegenseitige finanzielle Unterstützung und stetiges Beharren eine Stellung in der republikanischen Parteipolitik gewonnen, die noch vor einem halben Jahrhundert niemand erahnt hätte. Revolutionen – ob politische, gesellschaftliche oder religiöse – gehen stets von organisierten, elitären Gruppen aus. Jakobiner und Bolschewiken sind Waisenkinder gegen Missionare mit jahrhundertealten Erfahrungen. Dass mittlerweile selbst hindunationalistische Kreise dazu übergehen, die indische Bevölkerung zu missionieren, um eine einheitliche religiöse Identität des Subkontinents zu befördern, sollte ein Augenöffner sein. Traditionell missionieren Hindus nicht. Dass überdies Religionen über die Demographie ihr Gewicht behalten – religiöse Familien neigen zu größerem Kinderreichtum – ist ein Argument, das nicht nur Houellebecq beschäftigt hat. 

Totalitäre Ideologien ersetzen verschwindende Religionen

Die Blindheit für diese Entwicklung liegt in einer teleologisch-linearen Überzeugung des Westens begründet, die eine Korrelation zwischen Modernität und Verschwinden der Religion prognostizierte. Doch statt eines langsamen Verschwindens der Religion hat sie sich evolutionär an das aggressiv-säkulare Umfeld angepasst. Trotz des Rückgangs von Gottesdienstbesuchern und trotz des Bedeutungsverlustes der Kirchen hat sich eine weitgehend unbefriedigte spirituelle Sehnsucht auf dem alten Kontinent Bahn gebrochen, deren Erscheinungsformen von Ersatzreligionen – wie den totalitären Ideologien der letzten beiden Jahrhunderte – über diffuse esoterische und okkulte Ansichten bis hin zu apokalyptischen Zerstörungs- und Erlösungsfantasien reichen. „Wenn die Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche“, lautete schon Chestertons Urteil. Die Aufklärung hat die Religion nicht zerstört, sondern den Aberglauben befördert. Es regiert der Säkularismus, aber nicht der Atheismus, der trotz aller Möglichkeiten eine Minderheitenposition geblieben ist.

Warum kann der Mensch nicht vom Religiösen ab? C.S. Lewis hat in seiner Rezension des „Herr der Ringe“ eine sehr bedeutsame Feststellung gemacht. Tolkiens Botschaft sei gewesen, dass „das wirkliche Leben der Menschen von mythischer und heroischer Qualität“ sei. Aufklärung und Materialismus haben dem Menschen bis heute nichts Vergleichbares gegeben. Der Mensch als Maß aller Dinge bleibt bloßer, vergänglicher Leib, auf den das Individuum ohnmächtig zurückgeworfen wird. Mythos wie Religion sind kein eskapistischer Traum, sie sind auch nicht dazu da, um eine ausweglose Lage freudiger auszuhalten. Sehnsucht kann nur nach etwas bestehen, was größer ist als das bloße Individuum; dasselbe gilt für Opferbereitschaft. Es entbehrt nicht der Ironie, dass ausgerechnet das Abendland, in dessen religiösem Mittelpunkt das größte Opfer schlechthin steht, diesen Sinn offensichtlich in weiten Teilen verloren hat, während der Islam an derselben Stelle brilliert.

Religion ist ein zwingendes Element kultureller Eigenheit

Noch in den 1990er Jahren stellte Francis Fukuyama mit seinem „Ende der Geschichte“ den intellektuellen Gegenpol zu Huntington dar. Heute gilt es anzuerkennen, dass nicht die weltweite Demokratie, sondern die fruchtbare Diversität der Zivilisationen historische Kontinuität bleibt, und die Religion keine Folklore, sondern zwingendes Element kultureller Eigenheit darstellt. 

Fukuyamas Vision einer vereinten Welt, in der Unterschiede nur noch in Sportveranstaltungen wie Fußballweltmeisterschaft und Olympiade ausgetragen wird, erscheint dagegen trostlos. Es wäre tatsächlich eine vom Geist verlassene Welt, in der unser vergänglicher Körper nur noch darauf wartet, seine letzten Stufen zum Parkplatz hin-unterzugehen. 

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Guido Horst