„Das ist wahrhaft und eigentlich katholisch“

Ein Merkbuch aus dem 5. Jahrhundert gibt Antworten auf so manche Frage von heute. Von Clemens Schlip
Foto: dpa | „Festhalten, was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde“: Auch das Zweite Vatikanische Konzil versteht sich in dieser Tradition des Katholischen.
Foto: dpa | „Festhalten, was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde“: Auch das Zweite Vatikanische Konzil versteht sich in dieser Tradition des Katholischen.

Wie kann man Orthodoxie und Häresie voneinander unterscheiden? Mit welcher Begründung kann man feststellen, dass eine theologische Aussage irrig ist und dem überlieferten Glauben widerspricht? Oder andersherum gefragt: Wie kann man überhaupt erkennen, dass etwas zum überlieferten Glaubensgut gehört? Fragen, die sich schon vor 1 500 Jahren stellten.

Der südgallische Priestermönch und Kirchenvater Vinzenz von Lérins legte zu ihrer Beantwortung im 5. Jahrhundert eine kanonische Definition vor, die in ihrer Prägnanz zu Berühmtheit gelangt ist: „[es ist] in der katholischen Kirche in besonderem Maße dafür Sorge zu tragen, dass wir das festhalten, was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde: das ist nämlich wahrhaft und eigentlich katholisch.“ Überall, immer, von allen. Eine zu Recht viel zitierte Formel, aber das „Commonitorium“ (Merkbuch) des Vinzenz von Lérins, dem sie entstammt, enthält noch andere Reichtümer.

Der Trierer Patristiker Michael Fiedrowicz hat in Zusammenarbeit mit Claudia Barthold die erste kommentierte lateinisch-deutsche Ausgabe dieses Werkes vorgelegt. Dem eigentlichen Text vorgeschaltet ist eine umfangreiche (etwa die Hälfte des Bandes umfassende) Einführung in Leben und Werk des Autors, Inhalt, Intention und Interpretationsmöglichkeiten des Commonitorium sowie in die wichtige Rezeptionsgeschichte dieses Werkes in Kirche und Theologie. Es fällt positiv auf, wie umfassend Fiedrowicz in seiner Studie die Literatur aller Jahrhunderte aufgearbeitet hat. Eine umfassende Bibliographie rundet den Band ab, der auch für sein gelungenes Layout Lob verdient.

Von besonderer Bedeutung ist die rechte Interpretation des ersten vinzentinischen Kanon mit seinen drei Kriterien „überall, immer, von allen“. Fiedrowicz zeigt, dass diese Kriterien nach Vinzenz sukzessive zum Zug kommen, und er legt dar, wie sie richtig zu verstehen sind. Mit großer Sorgfalt geht er der Frage nach, inwiefern der Kanon als Einschluss- oder Ausschlusskriterium zum Zuge kommen kann. Impliziert der Kanon des Vinzenz nicht ein statisches Glaubensverständnis? Fiedrowicz nimmt Lérins gegen den Vorwurf „ungeschichtlicher Starre“ in Schutz, und zeigt, dass Vinzenz als „erster Theoretiker der Dogmenentwicklung“ gelten kann. Der Lérinser unterscheidet zwischen dem Fortschritt im Glauben (profectus) und seiner Veränderung (permutatio). Ein tieferes Verständnis der Glaubenslehre und seine präzisere Formulierung sind möglich: dabei muss aber die Lehre ihre Identität und Kontinuität bewahren.

Faszinierend ist das umfangreiche Kapitel über die Rezeptionsgeschichte. Während das Mittelalter über das Buch schwieg, schwelgte die Neuzeit in Ausdrücken der Begeisterung über das „goldene Büchlein“; sowohl Katholiken wie Protestanten bezogen sich auf den Kanon des Vinzenz. Das Erste Vaticanum berief sich in seiner dogmatischen Konstitution „Dei Filius“ auf Vinzenz. Freilich versuchten auch die Altkatholiken, den vinzentinischen Kanon gegen das auf dem Konzil promulgierte neue Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit in Stellung zu bringen.

In die Eröffnungsrede Johannes XXIII. zum Zweiten Vaticanum „Gaudet Mater Ecclesia“ wurde nachträglich ein Vinzenz-Zitat eingefügt, um ihr rechtes Verständnis zu befördern. Die „Antworten der Kongregation für die Glaubenslehre auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ von 2007 greifen diesen Passus der päpstlichen Ansprache auf. Sie bekräftigen unter Berufung auf ihn, dass das Zweite Vaticanum keinen Bruch mit der Tradition der Kirche darstellt. Dass Vinzenz uns auch heute noch viel zu sagen hat, daran zweifelt man nach der Lektüre dieser Einführung nicht mehr.

Derart instruiert kann man sich dem Text des Vinzenz selbst zuwenden. Die von Claudia Barthold angefertigte Übersetzung ist gelungen – getreu, und doch gut lesbar. In Fußnoten werden nötige Verständnishilfen erteilt. Dass die zugehörigen Anmerkungsziffern sich sowohl im lateinischen wie im deutschen Text finden, ist eine so große Lektüreerleichterung, dass man sich fragt, warum das nicht generell alle zweisprachigen Ausgaben so handhaben. An dieser Stelle können leider nur drei Zitate einen Eindruck vom Charakter des Werks geben. Wie soll man sich verhalten, wenn ein früher rechtgläubiger Theologe dem Irrtum verfällt? Die Katholiken sollen bedenken, „dass sie gemeinsam mit der Kirche die Lehrer annehmen müssen, nicht aber gemeinsam mit den Lehrern den Glauben der Kirche verlassen dürfen“. Die bloße Berufung auf die Heilige Schrift ist nicht vertrauenswürdig, weil sich in den Werken vieler Häretiker „keine Seite findet, die nicht mit Sätzen aus dem Neuen oder Alten Testament geschminkt und schöngefärbt ist.“

Wie hat wahrer dogmatischer Fortschritt auszusehen? „...es ist rechtmäßig, jene altehrwürdigen Lehrsätze der himmlischen Philosophie im Verlauf der Zeit weiter auszugestalten, auszufeilen und glattzupolieren, doch es ist Unrecht, sie zu verändern, es ist Unrecht, sie zu verunstalten und zu verstümmeln. Sie sollen Einsichtigkeit, Klarheit und Deutlichkeit erlangen, aber sie müssen ihre Vollständigkeit, ihre Unversehrtheit und ihre Eigenart behalten“.

Vinzenz von Lérins verfasste sein „Merkbuch“ in einer Epoche, die von erheblichen innerkirchlichen Spannungen und häretischen Bedrohungen geprägt war. Es ist Ausdruck einer Selbstvergewisserung über unaufgebbare Grundsätze zur Scheidung von Wahrheit und Irrtum. Recht verstanden, können sein Kriterienkanon zur Unterscheidung von wahrer und falscher Lehre und seine Gedanken zum echten Fortschritt im Glauben, der das depositum fidei nicht deformiert, sondern zu seinem tieferen Verständnis beiträgt, uns auch heute gute Dienste leisten. Das hier erstmals in einer zweisprachigen Ausgabe vorliegende Commonitorium ist wirklich ein goldenes Buch, dem man wünscht, dass es Eingang in die Bücherschränke aller Katholiken fände, als ein „Militärdolch gegen die unheiligen Neuerungen aller Häresien“ (Sixtus von Siena, 1520–1569).

Vinzenz von Lérins: Commonitorium, hg. und kommentiert von Michael Fiedrowicz, übersetzt von Claudia Barthold. Carthusianus Verlag, Mühlheim/Mosel 2011, 368 Seiten, ISBN 978-3- 941862-04-3, EUR 36,90

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