Christen als „kreative Minderheit“

In der Auseinandersetzung mit der postreligiösen Gesellschaft droht die Kirche sich in einem „Identität-Relevanz-Dilemma“ zu verzetteln. Was tun? Neue Strategien für eine christliche „Gegenkultur“ sind gefragt. Von Tobias Klein
Foto: dpa | Von den Linken und dem hl. Benedikt lernen: Christen könnten ihre weltanschauliche Orientierung in kleinen Zellen für die Gesellschaft fruchtbar machen.

Ein Gespenst geht um in der katholischen Kirche: das Gespenst der „Lebenswirklichkeit“. Im Vorfeld der beiden Bischofssynoden zur Familienpastoral 2014 und 2015 waren Fragebögen an alle Bischofskonferenzen der Welt verschickt worden, mit denen die Auffassungen und Einstellungen der Kirchenmitglieder zu Fragen von Sexualität, Ehe und Familie ermittelt werden sollten; wie man sich bereits hatte denken können, offenbarte diese Fragebogenaktion eine massive Diskrepanz zwischen der Lehre der Kirche und den Ansichten ihrer Mitglieder, insbesondere in der sogenannten „westlichen Welt“. Man kann wohl davon ausgehen, dass der zur Vorbereitung der für den Oktober 2018 geplanten Bischofssynode zum Thema „Jugend“ ausgearbeitete Fragebogen ähnliche Ergebnisse zutage fördern wird.

Warum ist das nicht überraschend? Dass ethische Normen stets in einem gewissen Spannungsverhältnis zum tatsächlichen Verhalten einer Mehrzahl der Menschen stehen, liegt im Grunde auf der Hand – etwas salopp könnte man sagen: sonst bräuchte man sie ja nicht. Während sich jedoch in früheren Zeiten die Wertmaßstäbe westlicher Gesellschaften zumindest in der Theorie noch an einem christlichen Selbstverständnis orientierten, ist die gesamtgesellschaftliche Relevanz des Christentums seit einigen Jahrzehnten rapide im Schwinden begriffen. In Deutschland ist heute über ein Drittel der Bevölkerung konfessionslos; aber auch unter den Kirchenmitgliedern selbst nimmt die religiöse Bindung ab: Von annähernd 25 Millionen Katholiken in Deutschland besuchen laut den jüngsten Zahlen nur noch etwa 2, 5 Millionen regelmäßig den Gottesdienst, in den in der EKD zusammengeschlossenen evangelischen Landeskirchen sind es sogar nur rund 800 000. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov aus dem Jahr 2015 äußerten 81 Prozent der Befragten – darunter auch eine klare Mehrheit der Kirchenmitglieder beider großen Konfessionen –, Religionsgemeinschaften sollten sich aus der Politik heraushalten; religiöser Glaube wird weithin als „Privatsache“ und somit als gesellschaftlich irrelevant betrachtet. Nicht nur werden explizite religiöse Bekenntnisse im öffentlichen Raum vielfach als übergriffig und inakzeptabel betrachtet; auch in vielen ethischen Fragen haben die Kirchen längst die gesellschaftliche Deutungshoheit verloren. Insbesondere im Bereich von Sexualität, Ehe und Familie werden traditionell christliche Standpunkte vielfach als „diskriminierend“, „rückständig“, „menschenverachtend“ oder schlicht als „rechts“ diffamiert und aus dem Diskurs gedrängt.

Vor diesem Hintergrund mehren sich die Stimmen, die ein stärkeres Zugehen der Kirchen auf die „Lebenswirklichkeit“ der Menschen fordern. So sprach etwa der Osnabrücker Bischof Bode im Zusammenhang mit den beiden Synoden zur Familienpastoral von einer „dialogischen Struktur der Wirklichkeit“: Die Kirche habe die Menschen nicht nur etwas zu lehren, sondern auch von ihnen zu lernen. Demgegenüber wäre freilich zu fragen, ob eine solche Annäherung an sich verändernde gesellschaftliche Zustände nicht Unklarheit darüber schaffe, wofür die Kirche eigentlich inhaltlich steht. Bereits im Jahr 2001 wies der Wiener Kardinal Schönborn in einem Vortrag auf das sogenannte „Identität-Relevanz-Dilemma“ hin: Je stärker die Kirche das Eigene und Unverwechselbare ihrer Identität betone, desto weniger Akzeptanz finde sie „auf dem Markt der Meinungen und Optionen in einer pluralistischen Gesellschaft“. Von einem „Dilemma“ ist hier deshalb zu sprechen, weil umgekehrt der Verzicht auf eindeutige Positionierungen im Interesse größerer gesellschaftlicher Relevanz eben den eigenen Identitätskern schwächt. Zugespitzt formuliert: Man spricht zwar eine größere Zahl von Menschen an, hat ihnen aber im Grunde nichts mehr zu sagen. Was aber haben Christen dem immer mächtiger werdenden Trend zur Säkularisierung entgegenzusetzen?

In den USA macht derzeit ein Buch Furore, das dem Ansinnen einer Überbrückung der vielbeschworenen Kluft zwischen kirchlicher Lehre und Lebenswirklichkeit eine radikale Absage erteilt und stattdessen dafür plädiert, diese Diskrepanz entschlossen auszuhalten: „The Benedict Option“, verfasst vom konservativ-christlichen Journalisten und Blogger Rod Dreher, erschien am 14. März und ist nach Einschätzung von Weihbischof Robert Barron, dem Begründer der Medienapostolats-Plattform „Word On Fire“, schon jetzt „das meistdiskutierte religiöse Buch des Jahres“. Dreher betrachtet es als ausgemacht, dass die christlichen Kirchen den Kampf um die gesellschaftliche Deutungshoheit in ethischen und weltanschaulichen Fragen verloren haben, und urteilt, angesichts der heranbrandenden Flut des Säkularismus genüge es nicht, „Sandsäcke aufzutürmen“ – vielmehr müsse man „eine Arche bauen“, um den Fortbestand christlichen Lebens inmitten einer postchristlichen Gesellschaft zu sichern. Diesen Aufruf richtet Dreher nicht so sehr an die kirchliche Hierarchie, die er in weiten Teilen als angepasst, saturiert und profillos wahrnimmt; vielmehr plädiert er für die Bildung lokaler christlicher Basisgruppen, die als Keimzellen für eine christlich orientierte „Gegenkultur“ fungieren sollen. Der Titel „The Benedict Option“ ist inspiriert von den Thesen des Philosophen Alasdair MacIntyre, der Parallelen zwischen den aktuellen gesellschaftlichen Umbrüchen und dem Untergang des Römischen Imperiums zieht: Ebenso wie der Hl. Benedikt von Nursia auf diesen Zusammenbruch mit der Gründung einer monastischen Gemeinschaft reagiert und damit eine innere Erneuerung der Identität Europas eingeleitet habe, brauche es auch heute wieder „gegenkulturelle“ Basis- oder Untergrundbewegungen inmitten einer orientierungslos gewordenen Gesellschaft.

Im Zentrum von Rod Drehers Vision einer christlichen Graswurzelbewegung steht ein radikales Verständnis von Laienapostolat: die Forderung, entschiedene Christen aller Konfessionen sollten ihr religiöses Bekenntnis nicht auf isolierte Teilbereiche ihres täglichen Lebens beschränken, sondern alle Lebensbereiche auf dieses Bekenntnis hin ausrichten und zu diesem Zweck die enge Vernetzung mit Gleichgesinnten suchen. Die praktischen Konsequenzen aus dieser Forderung reichen von der Etablierung christlich orientierter Berufs- und Konsumnetzwerke, Wohn- und Gebetsgemeinschaften bis hin zum Projekt religiöser Landkommunen mit eigenen Schulen, eigenen Kirchen und landwirtschaftlicher Selbstversorgung. Man könnte meinen, letzteres sei eine typisch amerikanische Idee: In einem gewissen Sinne und zu einem gewissen Grad verdanken die Vereinigten Staaten ihre Entstehung genau solchen Kommunen religiöser Sondergemeinschaften. Allerdings sollte man nicht übersehen, dass es vergleichbare Trends zu „gegenkulturellen“, auf Selbstversorgung ausgerichteten Basisnetzwerken – genannt seien hier etwa Schlagworte wie „Tiny Houses“, „Foodsharing“ oder „Urban Gardening“ – durchaus auch hierzulande gibt, wenn auch in der Regel ohne religiösen, geschweige denn christlichen Hintergrund. Auch und gerade im urbanen Raum existieren Netzwerke aus „alternativen“ Wohnprojekten, Lokalen, Veranstaltungszentren, Geschäften und Werkstätten, die von der Vision getragen sind, alle Lebensbereiche ihrer „Community“ mit einer klaren – meist politisch linksgerichteten – weltanschaulichen Orientierung zu durchdringen. Es wäre durchaus zu fragen, weshalb es nicht möglich sein sollte, vergleichbare Strukturen auch aus christlicher Perspektive heraus zu schaffen.

Während die Radikalität von Drehers Visionen einerseits zweifellos gerade ihren Reiz ausmacht, verweist sie jedoch andererseits auch auf die ihnen innewohnenden Probleme. Von den theologisch und kirchenpolitisch vielfach eher „liberal“, also im oben ausgeführten Sinne „relevanzorientiert“ gesonnenen kirchlichen Funktionären, Gremien und Verbänden auf Pfarrei-, Dekanats- und Bistumsebene hätten „alternative“ christliche Graswurzelinitiativen hierzulande wohl kaum Unterstützung oder Sympathie zu erwarten; aber auch die konservativeren Fraktionen in den Pfarrgemeinden wären nicht notwendigerweise natürliche Verbündete, da diese zumeist in einem bürgerlich-traditionsorientierten Milieu verwurzelt sind und „alternativen Lebensentwürfen“ tendenziell skeptisch gegenüberstehen dürften. Über solche strategischen Erwägungen hinaus sind jedoch auch gewichtige prinzipielle Einwände gegen die von Dreher propagierten Konzepte zu bedenken: Zu nennen wäre hier vor allem die Gefahr isolationistischer Tendenzen, die die von Dreher herbeigesehnten christlichen Gemeinschaften zu einem elitären Selbstbild, zu diktatorischer Strenge nach innen und sektiererischer Abschottung nach außen verführen könnten. Aber selbst wenn man nicht gleich vom Schlimmsten ausgeht, bleibt die Frage, ob solche dicht gewebten Netzwerke in Hinblick auf das oben angesprochene „Identität-Relevanz-Dilemma“ nicht – sprichwörtlich ausgedrückt – „auf der anderen Seite vom Pferd fallen“ – eben weil es ihnen an Anschlussfähigkeit an weitere Kreise der Gesellschaft fehlt. Wie wäre ein solcher willentlicher Verzicht auf gesellschaftliche Relevanz mit dem christlichen Missionsauftrag vereinbar?

Dreher selbst kontert solche Einwände mit einem Hinweis auf den emeritierten Papst Benedikt XVI., der in seiner Zeit als Kardinal wiederholt den von dem Kulturtheoretiker Arnold Toynbee geprägten Begriff der „kreativen Minderheit“ als Modell für die Zukunft der Christenheit ins Spiel gebracht habe. Weit davon entfernt, sich selbstgenügsam nach außen hin abzuschotten, zeichneten sich solche „kreativen Minderheiten“ dadurch aus, dass sie gerade durch das entschlossene Festhalten an ihrer spezifischen Identität in die größere Gesellschaft hineinwirken und sie befruchten. Der ehemalige britische Großrabbiner Jonathan Sacks griff den Begriff der „kreativen Minderheit“ in einem im Jahr 2013 gehaltenen Vortrag auf und stellte fest, dass dieses Konzept bereits im Rat des Propheten Jeremia an seine Landsleute im Babylonischen Exil (Jer 29, 1–23) zum Ausdruck komme: „Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und esst ihre Früchte! Nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter […]. Ihr sollt euch dort vermehren und nicht vermindern. Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum Herrn; denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl.“

Auf welche Weise es christlichen Gemeinschaften gelingen kann, in diesem Sinne als „kreative Minderheiten“ in einer säkularen Gesellschaft zu wirken, darüber wird zweifellos noch viel diskutiert werden. Als noch wichtiger und zielführender könnte es sich indes erweisen, es ganz praktisch auf den Versuch ankommen zu lassen. Das Vorwort von Rod Drehers „Benedict Option“ schließt mit einer direkten Anrede an den Leser: „Der neue und ganz andere Benedikt, den Gott dazu beruft, Seine Kirche neu zu beleben und zu stärken, könntest … Du sein.“

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