Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung 250. Geburtstag

Caspar David Friedrich: Der Maler der modernen Seele

Romantiker und Seelenmensch: Die rätselhafte Kunst des Caspar David Friedrich.
Bildnis des Malers Caspar David Friedrich
Foto: Wikicommons | Bildnis des Malers Caspar David Friedrich von Caroline Bardua, 1810.

Caspar David Friedrich gilt als Inbegriff des romantischen Malers. Seine Landschaften, oder besser, Landschaftssituationen oder Landschaftsinszenierungen, bilden all das ab, was zum Bestand romantischer Malerei gehört. Wir kennen die Bäume und Ruinen, Gebirge und Küsten, Meere, Felder, Wälder und Wiesen, den Himmel, die Wolken, das Licht. Seine eigentümlichen Rückenfiguren ohne Gesicht, die geheimnisvolle Helligkeitsverteilung, spezielle Horizontlinien und Perspektiven sind magische Bilderfindungen. Sie bleiben oft Rätsel, wie der Maler sich selbst auch immer eines war. 

Lesen Sie auch:

Fast scheint es, als wüssten wir heute über ihn mehr als er selbst und sein Kreis zu Lebzeiten. Wir kontextualisieren und differenzieren, analysieren Entsprechungen und Abweichungen. Das Rätselhafte bleibt gleichwohl bestehen, mit jeder scheinbaren Auflösung treten neue Fragen hinzu. Friedrich wusste um die Unlösbarkeit seiner Bildrätsel, spürte er sie doch selbst und war sich ihrer bewusst. Diese Rätselhaftigkeit begründet damals wie heute den entscheidenden Bedeutungsüberschuss über den sichtbaren Bildbestand hinaus. Wir erleben eine ikonologische Beunruhigung, die uns wohlig zu schaffen macht. 

„Die Abtei im Eichwald“: Eine künstlerische Seelenwanderung

Denn es scheint auf: die Seele. Jedoch ist die Seele im Friedrichschen Œuvre nicht nur die religiös definierte, sondern vor allem eine, die es bis dato so noch nicht gab. Denn es geht nicht nur um die Seele als in uns wirkender göttlicher Atem, sondern um die Seele als Ausdruck eines vormodernen „Ich“. Dafür gab es damals keine Worte, kein Bewusstsein. Die Psychologie – sie war noch nicht erfunden. Aber die grundstürzende Verunsicherung war in der Welt: Das Rätsel der Psyche.

Caspar David Friedrich - Abtei im Eichwald
Foto: Artepics via www.imago-images.de (http://www.imago-images.de/) | Caspar David Friedrich - Abtei im Eichwald.

Von Friedrich ist zu seiner berühmten großformatigen „Abtei im Eichwald“ aus der Alten Nationalgalerie in Berlin ein Text überliefert, der wahrscheinlich aus einem Brief vom Februar 1809 an Johannes Schulze stammt. Er lautet in authentischer Schreibweise: „Jetzt arbeite ich an einem grossen Bilde, worin ich das Geheimnis des Grabes, und der Zukunft darzustellen gedenke. Was nur im Glauben gesehen, und erkannt werden kann, und dem endlichen Wissen des Menschen ewig ein Räthsel bleiben wird: (mir selbst ist was ich darstellen will, und wie ich es darstellen will, auf gewisse Weise ein Räthsel) Unter, mit Schnee bedeckten Grabmälern, und Grabhügeln, stehen die Überreste, einer gothischen Kirche, umgeben von uralten Eichen. Die Sonne ist untergegangen, und in der Dämmerung leuchtet über den Trümmern stehend, der Abendstern und des Mondes Viertel. Dicker Nebel deckt die Erde, und wärent man den obern Theil des Gemäuers noch deutlich sieht, werden nach unten, immer ungewisser, und unbestimmter die Formen, bis endlich sich alles, je näher der Erde, im Nebel verliehrt. Die Eichen streken nach oben die Arme aus dem Nebel, während sie unten schon ganz verschwunden.“ So Friedrich im Originalton. Und so sind die trauernden Mönche, die auf dem Bild eine Beerdigung begleiten, denn auch mehr als die dekorativen Staffage-Figuren, wie romantische Maler sie gern im Bild verteilten ähnlich dem Personal auf einer Modelleisenbahn-Anlage: Die dunkel gewandeten Figuren transzendieren vom Diesseits zum Jenseits. Eine Seelenwanderung im Irdischen – und die entschwindende, unsichtbare Seele des Verstorbenen als verborgener, aber fühlbar präsenter Bildinhalt.

Die religiöse Aufladung von Friedrichs Empfindungswelt ist typisch für den Maler und seine Zeit. Aber das Bekenntnis zum ewigen „Räthsel“ ist für seine Zeit brandneu. Für Florian Illies, dessen Friedrich-Buch „Zauber der Stille“ auf populärlitarische Weise wertvolle Vermittlungsarbeit leistet, weist diese rätselhafte Offenheit und Mehrdeutigkeit den Jubiläumsmaler zu seinem 250. Geburtstag als Vorboten der Moderne aus. Die mutig und nicht ohne Risiko von der Leine gelassene, verselbstständigte Bildwerdung: das ist Avantgarde, und sie ist es bis heute. So ist kaum verwunderlich, dass die Epoche der Romantik vielleicht die einzige ist, die bis in die Jetztzeit in den verschiedenen Sparten von Kunst und Kultur lebendig fortwirkt und sich beständig erneuert.

Seelenkunde von Goethe bis Freud

In der Briefpassage zur „Abtei im Eichwald“ vollzieht Friedrich die Trennung zwischen den Rätseln der Glaubenserfahrung und denen des intellektuellen Erkennens, dem, „was nur im Glauben gesehen, und erkannt werden kann“ und dem, was zwar auch vorhanden ist, aber dem „endlichen Wissen“ noch oder auf ewig verborgen ist. Friedrich war nach seinen erfolgreichen Schaffensjahren zum Ende seines Lebens vergessen. Es dauerte bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, bis zu Sigmund Freud und dem Interesse an der Psyche beziehungsweise der Seele als medizinisch- geistigem Phänomen, dass der Seelenmaler Friedrich wiederentdeckt wurde und bis heute seine Bedeutung wahren konnte. Das „endliche Wissen“ entwickelte sich mit der Wissenschaft von der Seele weiter und gibt doch bis heute die wirklichen Rätsel unseres Menschseins nicht preis. Friedrich zeigt uns: die Romantik als eine Revolution des Geistes war die Epoche des „Dazwischen“. Zum ästhetischen Abenteuer der Künste wurde sie sicher auch durch Geist, durch Ratio, aber noch mehr durch den dialektischen Prozess der Vernunft-Hinterfragung und -Transformation. Das unterstreicht ein kurzer Blick auf das Personal der Epochengeschichte: Goethe, Schiller und Novalis, die Philosophen Fichte, Schelling und Hegel, die genialen Schlegel-Brüder sowie der junge Wissenschaftler Alexander von Humboldt bildeten aus heutiger Sicht die wichtigsten Kräfte der jungen Romantiker-Bewegung. Und natürlich darf ihre Muse nicht vergessen werden, die mutige und freie, -um nicht das abgegriffene „emanzipiert“ zu verwenden- Caroline Schlegel. 

Lesen Sie auch:

Sicherlich: Den Titanen Goethe als „romantisch“ zu vereinnahmen, böte Stoff für zahlreiche wissenschaftliche Tagungen, auch wenn heute das Romantik-Museum in Frankfurt an Goethes Geburtshaus angeschlossen ist. Ein richtungsweisender Wegbereiter ja, aber seine Rolle war die des Klassikers - er suchte und fand das Gültig-Schöne im Vergangenen und verband die Antike mit der anbrechenden Neuzeit. Gleichwohl leuchtet romantisches Empfinden schon früh bei Goethe auf: die „Seele“ wird sogar benannt. Ein Kontakt, der über die über die Mutter entsteht: Susanna Katharina von Klettenberg, Freundin in Studienzeiten. Er nennt sie nur ,,die schöne Seele". Katharina war pietistisch orientiert, Gedankengut, das Goethe bei ihr erleben durfte und dem er sich weltlich anverwandelte. Denn Goethe brauchte Mittler für sein synthetisierendes Denken, das in der Klassik fußte und sich und seine Zeit zur Romantik öffnete. In Straßburg traf er früh Johann Gottfried Herder, einen Skeptiker der Vernunft und kritischen Kant-Schüler. ,,Nicht Bildung macht den Dichter, sondern die tiefe, echte Empfindung", war ein Leitsatz Herders. Und Friedrich Gottlieb Klopstock war es, ein ,,Ehrenbürger der Französischen Revolution", der als Anhänger des Pietismus diesen für die gesellschaftlich politischen Strömungen seiner Zeit öffnete – was freilich damals einherging mit Vaterlandsliebe und nationalstaatlichen Sehnsüchten.

Die Natur als inneres Erlebnis

Wundert es da, dass Friedrich zeitlebens in Goethe seinen künstlerischen Fixstern sah? Die ganz große Anerkennung des Genies aus Weimar jedoch blieb ihm verwehrt. Wohl ließ Goethe dem bekannten Landschaftsmaler einmal den 1. Preis eines Malwettbewerbs angedeihen, doch viel mehr Zählbares sprang beim Ringen Friedrichs mit Goethe um einen Austausch auf Augenhöhe nicht heraus. Ein Auftrag zu lukrativer Wolkenmalerei wurde von Friedrich, der so sehr nach Goethes Anerkennung gierte, abgelehnt, nur scheinbar ein Paradoxon. Goethes Wolken waren Gegenstand naturwissenschaftlicher Betrachtung, Friedrichs Wolken dagegen beseelte Gebilde, denen im Bildganzen kalkuliert Funktion und Sprache zuwuchs. 

Was uns heutige Betrachter seiner Bilder angeht, in Museen und bei den aktuellen Ausstellungen in Hamburg und bald an anderen Orten, so bleibt kaum eine Begegnung mit seiner Kunst folgenlos. Auf eine merkwürdig immersive Weise werden wir Teil des Bildgeschehens. Friedrichs Landschaftsszenerie entwickelt Saugkraft. Sein bester Trick besteht darin, über die oft im Vordergrund platzierten Rückenfiguren uns als Publikum einzusammeln. Dabei schlüpfen wir einerseits in die Betrachterrolle der Figur im Bild, andererseits betrachten wir den im Bild dargestellten Betrachtungsvorgang. So ergibt sich eine doppelte Herausforderung: die Annahme der zugewiesenen Rolle der Figur im Bild und dann, ganz modern, die psychologische Auseinandersetzung mit einem dargestellten Rezeptionsvorgang. Friedrichs komplexe Landschaften erzeugen mehrdimensionale Bilderfahrungen beseelter Kunst. Wir treten ein in die dargestellten Beziehungen und Verschränkungen, und gleichzeitig erweitert sich der Bildraum um unsere Betrachtersphäre davor. 150 Jahre später wurde das entgrenzte Bild zu einem Hauptthema der Kunst des 20. Jahrhunderts, für Joseph Beuys beispielsweise waren seine beseelten Multiples kleine Sender, Dan Flavin ließ Neonlicht lebendig leuchten. Das unsichtbare Ding, das Seele heißt: Es wird erfahrbar durch die Kunst.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Henry C. Brinker Alexander von Humboldt Caspar David Friedrich Friedrich Gottlieb Klopstock Georg Wilhelm Friedrich Hegel Johann Gottfried Herder Johann Wolfgang von Goethe Joseph Beuys Novalis Palingenese Sigmund Freud

Weitere Artikel

Die Spuren des romantischen Landschaftsmalers Carl Blechen führen an den Fuß des Vesuvs nach Pompeji, Neapel und die kleinen Dörfer der Amalfiküste.
02.07.2023, 15 Uhr
Rocco Thiede

Kirche

Über den Teufel wird in Kirchenkreisen nur ungern gesprochen. Doch wo der christliche Glaube schwindet, wächst das Grauen.
13.04.2024, 11 Uhr
Regina Einig