Bühnentod auf dem Friedhof der Fakten

„Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2“ – Das Unbuch der Bücher auf den Theaterbühnen in Weimar und Graz. Von Reinhard Kriechbaum
Foto: Museum | Guido Reni: Die heilige Magdalena, um 1631.
Foto: Museum | Guido Reni: Die heilige Magdalena, um 1631.

Dass ausgerechnet der Blinde aus „Mein Kampf“ vorliest, hat schon fast metaphorische Anmutung. Mit den Fingern tastet er über die Braille-Schrift des in dieser Version riesenhafen, an Messbuch-Dimensionen erinnernden Schmökers. Einmal wird der Blinde von einem aus der Bühnen-Truppe aufgefordert, etwas mehr Härte einzubringen, auf dass es wirklich „authentisch“ klinge. So eben, wie wir Hitler aus historischen Aufnahmen im Ohr haben...

„Das Kapital“ von Marx haben diese Theaterleute schon auf ähnliche Weise auf der Bühne abgehandelt. Anfang September beim Kunstfest Weimar und nun beim „steirischen herbst“ in Graz, war Hitlers „Mein Kampf“ dran. Helgard Haug und Daniel Wetzel haben, so scheint's, eine theatrale Anthologie ungelesener Bücher vor. Zumindest mit schlechtem Gewissen gelesener. Kaum jemand wird ja hinausposaunen, dass er „Mein Kampf“ durchstudiert, womöglich gar daheim stehen hat. Bei einer Gesamtauflage von 12,5 Millionen zu Kriegsende liegt aber die Vermutung nahe, dass viel, viel mehr Exemplare herumgeistern, als man wahrhaben möchte.

Der aktuelle Anlass für diese Theaterproduktion: Mit Anfang kommenden Jahres wird „Mein Kampf“ gemeinfrei, man darf es dann nachdrucken (sofern das im jeweiligen Land gesetzlich möglich ist). Bis Kriegsende hatte der Franz Eher Verlag die Autorenrechte für Hitler wahrgenommen, 1945 wurde der Freistaat Bayern dessen Rechtsnachfolger. Der wachte bisher auf der Grundlage des Urheberrechts darüber, dass es keine Nachdrucke gab (zumindest keine im deutschen Sprachraum). Nun sind aber demnächst die siebzig Jahre um. Um eine quasi „offizielle“, wissenschaftlich dokumentierte Neuausgabe ist es still geworden: 2013 hatte der bayerische Landtag eine solche kommentierte Neuauflage durch das Institut für Zeitgeschichte in München befürwortet. Nach einer Reise Horst Seehofers nach Israel hat die CSU-Landesregierung die in Aussicht gestellte Förderung dieses Buchprojekts wieder zurückgezogen. Mit dem 1. Januar wird es also ernst: Wo wird „Mein Kampf“ auftauchen? Das Nachdrucken selbst ist nicht illegal. Der Verkauf des Buches schon. Wann der Strafbestand der Volksverhetzung schlagkräftig wird, das werden die Gerichte klären müssen. Derzeit ist laut Entscheid des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 1979 der antiquarische Verkauf von „Mein Kampf“ nicht strafbar. Der Besitz des Buches auch nicht. Bibliotheken und Buchhandlungen allerdings haben ihre Exemplare schon 1945 nach Beschluss der Alliierten aussondern müssen.

Nun also „Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2“ auf der Bühne, in Weimar und zuletzt in Graz. Jede und jeder hat etwas Sachliches zu sagen. Sibylla Flügge, eine universitäre Frauenrechtlerin, hat in ihren wilden Vor-68er-Jahren „Mein Kampf“ exzerpiert, lose gebunden und ihren Eltern verehrt. Das war in der Pastorenfamilie kein willkommenes Weihnachtsgeschenk. Alon Kraus ist Rechtsanwalt in Israel. „Mein Kampf“ hat der polyglotte Typ auf Englisch, Hebräisch und Deutsch gelesen. Er ist also der Fachmann für Übersetzungen in der Runde. Matthias Hageböck ist Buchrestaurator in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, Anna Gilsberg ist eine Jung-Juristin mit Schwerpunkt Sozial- und Völkerrecht. Sie liest das Buch der Unbücher nach einem Gratis-Download am Handy und ist schon (oder erst?) auf Seite 211. Der blinde Christian Spremberg ist Brailleschriftredakteur und war auch Radiojournalist. Mit sensiblen Fingerkuppen geht er mit Hitler um.

Und dann ist da noch der Rapper Volkan T Error, in Deutschland übel beleumundet als Wegbereiter für den türkischen Hip Hop und Hardcore. Ein hauptberuflicher Radikal-Wortsetzer mit Migrationshintergrund und Musik-Knowhow.

Ein – aus Theaterperspektive – sehr unterschiedliches und deshalb attraktives Menschengrüppchen also. Wenn diese Leute ins Dialogisieren kommen, könnten rasch Funken fliegen. Eine gewisse Dosis Provokation wäre vermutlich unverzichtbar gewesen, um dem Publikum die Brisanz wirklich hautnah zu übermitteln. Doch Helgard Haug und Daniel Wetzel haben ihren Theatersinn gleich vorsorglich mit einer ultra-starken Dosis political correctness weichgespült. So erleben wir Gespräche und eingeübte Diskussionen der Bühnentruppe, einen Gesprächsabend auf minimalistisch gemeinsamem Nenner im Umgang mit Hitlers Buch. Im Grunde ist es ein Hörspiel in Dekorationen (Bücherwänden mit einigen Zutaten) geworden, eine über 120 Minuten durchaus mühsam sich hinschleppende Schulfunksendung. Hoffentlich gehen potenzielle Neu-Veröffentlicher und Erst-Leser dann auch so skrupulös vor wie „Rimini Protokoll“ im Theater.

Oh ja, trotzdem viel gelernt an dem Abend. Der Bühnentod ist auf einem prall gefüllten Friedhof der Fakten eingetreten. Das hat den Theaterbesuch auf alle Fälle gelohnt. Unter anderem haben die Theaterleute versucht, an möglichst viele verschiedene Ausgaben von „Mein Kampf“ zu kommen. In Nordafrika sind Übersetzungen genauso zu haben wie im Fernen Osten, auf hebräisch wanderte das Buch doch nur nach längerer Suche über den Ladentisch. Dafür gibt es in Japan sogar eine Comic-Version. Eine anschauliche Szene ist, wenn einer der Laienspieler auf einem Sessel steht und ihm die Mitspieler ein Buch nach dem anderen zureichen. Fast reicht ein Mensch nicht aus, um die Last zu tragen.

Die Bühnenaufführung wurde in Summe zu einem an unterschiedlichen Aspekten reichen, aber staubtrockenen Diskurs. Vielleicht war ja nur der Anteil an Rechtskundigen unter den Laiendarstellern zu hoch. Sie brachten professionell ihre Gedanken ein, ob und wie man überhaupt öffentlich über „Mein Kampf“ reden darf. Also: Darf man daraus vorlesen, in einem öffentlichen (Theater-)Raum? Könnte das schon als Verhetzung gewertet werden? Und darf man das Buch so ohne weiteres einer Dame ins Parkett runterreichen? Andere Länder, andere Gesetze, viel Vages.

Könnte „Mein Kampf“ für die Neonazi-Szene Kult werden, wenn ein oder gar mehrere Neudrucke womöglich zur Disposition stehen? Jene Leute auf der Bühne, die den Text durchgekaut haben, halten ihn mehrheitlich für nicht gefährlich. „Es ist ein Buch für Verführer, nicht für Verführte“, hieß es einmal auf der Bühne.

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