Bob Dylan

Bob Dylan ist Orpheus, Mystiker und Sphinx

Am 24. Mai feiert Bob Dylan, der Nachfahre jüdischer Ukrainer, seinen 80. Geburtstag. Der amerikanische Singer-Songwriter lässt sich nicht in eine Kategorie einordnen. Dylan hat sich immer wieder neu erfunden und fast immer hat der radikale Wechsel von der einen in die andere Schaffens- und Lebensphase seine Fans verstört. 1978 lies er sich taufen und wurde Mitglied in einer lutherischen Denomination.
Bob Dylan
Foto: Sony Music | War während seiner Karriere stilistisch nicht zu fassen und zum Leidwesen mancher Fans, immer für Überraschungen gut: Bob Dylan, der am 24. Mai 80. Geburtstag feiern kann.

Eigentlich sollte Bob Dylan seit dem vergangenen Jahr in Japan und den USA unterwegs sein   die "Never Ending Tour", begonnen 1988, muss durch das Coronavirus eine Zwangspause einlegen. Und was macht der Sänger, Musiker, Maler, Dichter und seit 2016 auch Literaturnobelpreisträger unterdessen? Er beschäftigt sich mit der Destillation von Whiskey. Ab Mai dieses Jahres   pünktlich zum 80. Geburtstag   soll das geistige Getränk mit dem vielversprechenden Namen "Heaven s Door" erhältlich sein. 

Und es gab 2020 das vorerst letzte Album mit dem vielschichtigen, einem Song von Jimmie Rogers entlehnten Titel "Rough and Rowdy Ways", eine Doppel-CD, deren Songs ohne Nostalgie geschichtsphilosophisch zurückblicken auf ein Amerika, das Menschen hervorgebracht hat, die ihren Weg gegen alle Widerstände zu gehen bereit waren: General William T. Sherman, der im Sezessionskrieg auf Seiten der Nordstaaten kämpfte, Allan Ginsberg, Martin Luther King und John F. Kennedy, dem das 17minütige Langgedicht, der Talking Blues "Murder Most Foul" ("Der übelste Mord") gewidmet ist - letzteres mit shakespearscher Anmutung. Dylan selbst ist inzwischen Teil dieser Geschichte Amerikas, eine lebende Legende, die unbeirrt gegen alle Proteste seiner Anhänger voranschritt auf dem selbstgewählten Weg.

Immer wieder neu erfunden

 

Der 1941 in Duluth (Minnesota) als Robert Allen Zimmermann Geborene hat sich seit seinen Anfängen 1961 immer wieder neu erfunden, und fast immer hat der radikale Wechsel von der einen in die andere Schaffens- und Lebensphase seine Fans verstört. Begonnen hat der Sohn jüdischer Eltern als Folksänger in der Tradition von Woody Guthrie, es folgt die "elektronische" Rockphase mit dem Auftritt beim Newport Festival 1965, der heftig ausgebuht wird. Nach seinem schweren Motorradunfall zieht er sich für längere Zeit aufs Land zurück und konzentriert sich auf seine Familie, um 1967 mit einem Country-Album wieder in die Öffentlichkeit zu treten.

Lesen Sie auch:

Blues, Soul, Cajun, Jazz, TexMex   jede amerikanische Musikströmung findet Eingang in Dylans Alben und verschmilzt mit seiner speziellen Interpretation zu einem jedesmal aufs Neue unvergleichlichen Musikerlebnis. Bis heute polarisiert der Künstler, der sich in den vergangenen Jahren verstärkt dem "Great American Songbook" zugewandt hatte, indem er Sinatra-Klassiker mit seiner rostigen, alterskratzigen Stimme abschmirgelte und damit für Rat- wenn nicht gar Fassungslosigkeit sorgte, dem mittlerweile aber eine gewisse, dem Alter geschuldete Narrenfreiheit zugestanden wird. 

Den größten Schock versetzt er seiner "Gemeinde" aber interessanterweise mit seiner Konversion zum Christentum im Winter 1978/79. Im christlichen Glauben findet er Kraft und Neuorientierung, er besucht drei Monate lang eine Klosterschule, schließt sich einer protestantischen Glaubensbewegung an, einer Abspaltung von der lutherischen Kirche mit besonderer Betonung alttestamentarischer Texte (deren Lektüre sich schon in den frühen Liedern Bob Dylans niederschlägt) und lässt sich taufen. Die nächsten Platten spiegeln seine innige Hinwendung zum Christentum wider. 

Wahl zwischen Gott oder dem Teufel

Lesen Sie auch:

Was für viele Anhänger so schockierend plötzlich kam, ist indes nur folgerichtig, wenn man die Texte des Musikers verfolgt   da ist ein Suchender, der sich schon früh mit der Bibel, vor allem mit dem Alten Testament auseinandersetzt. Warum es für jeden Menschen schlussendlich nur die Wahl zwischen Gott und dem Teufel gibt, besingt Dylan in dem Lied "Gotta Serve Somebody", dessen Refrain lautet: "Well, it may be the devil or it may be the Lord / But you re gonna have to serve somebody".

Der Nachfahre jüdischer Ukrainer, die 1905 in die USA einwanderten, hat seine religiösen Wurzeln nie verleugnet. Einschneidende persönliche Krisen lassen ihn Hilfe suchen und finden. Zumindest für einige Jahre fühlt er sich aufgehoben in der christlichen Gemeinschaft, und christliche Symbolik prägt nach wie vor viele seiner Songs.

Im letzten Album ist in "Black Rider" der schwarze Reiter (der Apokalypse) in dunkler Einsamkeit auf den ewig gleichen Pfaden unterwegs, aber nach wenigen Metern ist die Straße schon nicht mehr dieselbe.

... und dann bekommt er den Nobelpreis

 

1997 tritt Bob Dylan in Bologna am Welt-Eucharistie-Tag vor 300 000 Zuhörern auf, in Anwesenheit von Johannes Paul II. Der Papst geht auf einen der bekanntesten Songs Dylans ein, "Blowin  In The Wind", und sagt: "Sie fragen in diesem Lied, wie viele Straßen ein Mensch entlangwandern muss, um sich als Mensch erkennen zu können. Ich sage Ihnen: nur eine einzige. Der Mensch muss lediglich dem Weg von Jesus Christus folgen, denn dieser ist der Weg der Wahrheit und des Lebens." Dylan zeigt sich tief berührt von der Begegnung.

1996 wird er zum ersten Mal für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, der ihm schließlich 2016 zugesprochen wird   für viele dann doch überraschend, offensichtlich auch für Bob Dylan selbst. Er fühle sich sehr geehrt, lässt er das Nobelpreiskomitee wissen, sagt aber im November 2016 seine Teilnahme an der Zeremonie der Preisverleihung am 10. Dezember ab. Womöglich überwältigt von einer Anwandlung früherer Schüchternheit, nicht aus von vielen Kritikern und Anhängern unterstellter Arroganz. Stellvertretend nimmt die Künstlerin Patti Smith für Bob Dylan in Stockholm die Ehrung entgegen. Sie trägt zur Preisverleihung den Bob-Dylan-Song "A Hard Rains A-Gonna Fall" aus dem Jahr 1962 vor, unvergesslich und herzergreifend.

„Dass ich mich nun zu den Namen auf einer solchen Liste geselle,
ist wahrlich nicht in Worte zu fassen.“

In seiner schriftlich übermittelten Bankett-Ansprache beschreibt Dylan seine Überraschung und dankt dafür, dass das Komitee die Frage, ob seine Lieder Literatur seien, die er sich niemals selbst gestellt habe, mit einem Ja beantwortet hat. Er schreibt dazu: "Von klein auf war ich mit den Werken derjenigen vertraut, die einer solchen Auszeichnung für würdig befunden wurden, und habe sie gelesen und aufgesogen: Kipling, Shaw, Thomas Mann, Pearl S. Buck, Albert Camus, Hemingway. Diese Giganten der Literatur, deren Werke in den Schulen gelehrt werden, in Bibliotheken auf der ganzen Welt stehen und von denen in ehrfürchtigem Ton gesprochen wird, haben immer einen tiefen Eindruck hinterlassen. Dass ich mich nun zu den Namen auf einer solchen Liste geselle, ist wahrlich nicht in Worte zu fassen." 

Auch über diese Rede wurde heftig diskutiert. Und doch: die mitunter kryptisch-symbolistisch formulierten, tiefgründigen Balladen, die von sozialen Fragen, Religion, Politik und Liebe erzählen, sind Gedichte, die, für sich genommen, auch ohne die dazugehörige Musik ihre Brillanz entfalten. Hat nicht auch Orpheus seine Lyrik zur Leier gesungen? 

Für weitere Irritation ist er noch immer gut

Lesen Sie auch:

Seit 60 Jahren begleiten die Texte und die Musik Bob Dylans Generationen junger und inzwischen auch mit ihm altgewordener Menschen. Zahlreiche Musiker sind von ihm inspiriert und beeinflusst worden. Seine Fans -  wann auch immer sie seinen Werken zuerst begegnet sind   müssen sich bis heute auf immer neue Wandlungen einstellen und damit auch ihre eigene Haltung hinterfragen. Blindes Epigonentum ist da nicht gefragt, eher eine permanente Auseinandersetzung mit Text und Musik des verehrten "Helden", der sein letztes Album sicher nicht unbeabsichtigt mit dem Song "I contain Multitudes" (was man mit "Ich bin Viele" übersetzen könnte) beginnt, indem er Walt Whitman zitiert.  

Bob Dylan, der Mystiker, die Sphinx in der Rolle des biblischen Sehers oder des antiken Dichters, wird am 24. Mai 80 Jahre alt. Möge er uns noch lange irritieren!

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Abba kündigen neues Album an
Medien

Altern, „ABBA“ bitte unsterblich werden Premium Inhalt

Digitaltechnik macht es möglich: Die schwedische Popband ist seit 40 Jahren getrennt – im nächsten Jahr werden die vier als Avatare auftreten. Eine wegweisende Pionierleistung?
17.10.2021, 09  Uhr
Peter Winnemöller
Themen & Autoren
Gerhild Heyder Albert Camus Autor Bibel Blues Bob Dylan Gedichte Geschichtsphilosophie Jesus Christus Johannes Paul II. John F. Kennedy Liedermacher und Singer-Songwriter Martin Luther Martin Luther King Musiker Nobelpreiskomitee Nobelpreisträger für Literatur Patti Smith Pearl S. Buck Songs Sänger Thomas Mann Walt Whitman Woody Guthrie

Kirche

Einsame Kirche am Meer
Vatikanstadt

Ins Niemandsland der Kirche Premium Inhalt

Kirchenfunktionäre in Europa müssten den Untergang des Christentums fürchten, wenn Afrika und Asien nicht zeigen würden, dass Evangelisierung fruchtbar sein kann.
27.10.2021, 17 Uhr
Guido Horst