Bildungskommission will neue Lehrerbildung

Haben Gymnasiallehrer ausgedient? Baden-Württemberg probt die Revolution und will den Einheitslehrer Von Julia Giertz

Der klassische Gymnasiallehrer hat nach Überzeugung einer unabhängigen Expertenkommission ausgedient. Künftig soll die Ausbildung für Lehrer aller weiterführenden Schulen zusammengelegt werden, schlägt das Gremium in seinem am Donnerstag in Stuttgart vorgestellten Papier vor. Die Fachleute empfehlen der grün-roten Landesregierung, nur noch zwei Lehrämter anzubieten: eines für die Grund- und eines für die weiterführenden Schulen. Die Vorsitzende des Gremiums und frühere Berliner Schulsenatorin, Sybille Volkholz (Grüne), betonte: „Bei uns ist kein Absinken der Fachexpertise vorgesehen.“

Der Philologenverband befürchtet eben dies und reagierte entrüstet auf die Vorschläge der von Kultus- und Wissenschaftsministerium eingesetzten Experten. „Damit wird das Totenglöcklein für das Gymnasium geläutet“, sagte Landeschef Bernd Saur. Gebe es künftig keinen Gymnasiallehrer mit seiner hohen Fachlichkeit mehr, gebe es auch kein Gymnasium mehr. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) nannte die Befürchtungen des Verbands unberechtigt. Es handele sich wohl um die „emotionale Angst, einen Sonderstatus zu verlieren“.

Eine aus den Empfehlungen resultierende Kabinettsvorlage werde noch vor der Sommerpause fertiggestellt, kündigte Stoch an. Zuvor sollen die Ratschläge breit diskutiert werden. Auf die Frage, ob die Vorschläge umgesetzt würden, sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne): „Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Empfehlungen in der Schublade verschwinden.“

Saur kritisierte, angesichts der Empfehlung eines „Einheitslehrers“ seien die Bekenntnisse von Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) zum Gymnasium reine Sonntagsreden. In den Ministerien werde gegen das Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und Gemeinschaftsschule gearbeitet, das Kretschmann zur Besänftigung der Eltern verkündet habe. FDP und CDU schlossen sich der Kritik an.

Volkholz berichtete mit Blick auf ähnliche Reformen in Berlin und Nordrhein-Westfalen: „Dort tun sich die Philologen ausgesprochen schwer zu begründen, warum die Lehrer der anderen Schularten schlechter ausgebildet werden sollen als sie selbst.“ Der SPD-Bildungspolitiker Stefan Fulst-Blei pflichtete bei: „Es geht um die fachwissenschaftliche Aufwertung des Lehrerberufs insgesamt, sozusagen um Gymnasialstandard für alle.“

Die Grundschullehrer sollen nach den Vorschlägen weiter an den Pädagogischen Hochschulen (PH) ausgebildet werden; alle übrigen sollen ihren sechssemestrigen Bachelor-Studiengang an PH und Universitäten absolvieren. Danach schließt sich je nach Bedarf ein viersemestriges Master-Studium an „Professional Schools of Education“ an. Diese sollen von Universitäten und PH gemeinsam gegründet werden. Weitere Neuerung wäre eine sonderpädagogische Grundbildung in allen Lehramtsstudiengängen. Bisher wurden nur Gymnasiallehrer an Universitäten ausgebildet, fast alle anderen an PH.

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