Bildung zeigt die Haltung der Persönlichkeit

Wie der Romanist Ernst Robert Curtius Wege aus der umfassenden geistig-moralischen Krise zeigte. Von Clemens Schlip
Foto: IN | Was ist Bildung? Ernst Robert Curtius gibt Antworten.
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Der Bonner Romanist Ernst Robert Curtius (1886–1956) ist weiten Kreisen heute noch vor allem durch sein Standardwerk „Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“ bekannt. Curtius kannte sich aber nicht nur in der abendländischen Überlieferung aus. Ruhm erwarb er sich auch als Kritiker der modernen französischen und englischen Literatur. Er trug dazu bei, Autoren wie Marcel Proust und T.S. Eliot in Deutschland bekannt zu machen.

Curtius war ein umfassend gebildeter, konservativer und in jedem Fall ein nach heutigen Maßstäben unzeitgemäßer Denker. Vielleicht ist es dafür symptomatisch, dass die Bonner Universitätsgesellschaft den von ihr mehrere Jahrzehnte lang ausgelobten Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik im vergangenen Jahr abgeschafft hat.

Im Nachlass des großen Gelehrten ist vor einigen Jahren das fast druckfertige Manuskript zu einem Buch aufgetaucht, an dem Curtius im Jahr 1932 arbeitete. Die bisher unveröffentlichten Überlegungen von Curtius mit dem Titel „Elemente der Bildung“ sind nun erstmals erschienen.

Harte Worte gegen die „Zerstreuungstherapie“

Curtius stellte seinem Buch acht lateinische Verse voran. Die ersten drei übernahm er von Vergil, die restlichen verfasste er selbst. Schon dadurch wird deutlich, dass seine Vorstellung von Bildung anspruchsvoll und ganz in der alteuropäischen Tradition verankert ist. Eine konkrete Aufzählung von notwendigen Bildungsinhalten nach dem Muster „Alles, was man wissen muss“ findet man in diesem Buch allerdings nicht. Gleich zu Beginn stellt Curtius fest, dass man unter Bildung nicht eine bloße Ansammlung von Kenntnissen verstehen dürfe (deren Besitz gegebenenfalls durch das Abiturzeugnis nachgewiesen werden kann), sondern dass Bildung eine „Haltung der Persönlichkeit“ darstelle. Ihm geht es um eine Reflexion, was Bildung eigentlich ist, wie sie sich vollzieht und warum sie wichtig ist. Wie kann die Bildungstradition lebendig erhalten werden, wenn sie im Grunde nur kleinen Bevölkerungsgruppen ein wirkliches Anliegen ist? Die einzelnen „Elemente der Bildung“ werden kapitelweise sorgfältig vorgestellt und definiert. Über das Verhältnis von „Trieb, Seele, Geist“ findet man in diesem Buch ebenso profunde Gedanken wie über die Bedeutung von „Sprache und Schrift“ oder über die Definition der Begriffe „Klassik“ und „Romantik“.

Diese sorgfältige Rückbesinnung auf das Wesentliche geschieht vor dem Hintergrund einer vom Autor konstatierten umfassenden geistig-moralischen Krise. Das Buch sollte Antwort geben auf die Probleme des Jahres 1932 und selbstverständlich lassen sich nicht alle seine Aussagen auf die Gegenwart übertragen. „Revolutionäre Nationalsozialisten“, mit deren Thesen sich Curtius auseinandersetzt, gibt es nicht mehr, und wenn er über die „finanzielle Not“ Deutschlands spricht, so beschreibt er eine Situation, mit der verglichen die heutige Lage immer noch recht komfortabel ist.

Doch hat Vieles, was Curtius über die Krise der Moderne bemerkt, grundsätzlich auch heute noch Gültigkeit. So etwa seine harten Worte gegen das, was er die „Zerstreuungstherapie“ für seelische Nöte nennt: „Aus Lebensangst und Lebenswirrnis flüchtet der moderne Mensch in das Vergnügen. Aus der Langeweile flüchtet er in das Kino.“ Und was soll der moderne Mensch mit seiner vielen Freizeit eigentlich anfangen? „Man kann nicht täglich fünf Stunden im Kino sitzen oder fünf Stunden Radio hören.“ Man ersetze Kino durch Fernsehen und füge noch das Internet hinzu, und schon sieht man, dass sich am grundsätzlichen Problem wenig verändert hat.

Und in Zeiten eines grassierenden Veganismus klingt folgende Feststellung von Curtius sehr aktuell: „Heute wird das Verhältnis zur Tierwelt vielfach durch Sentimentalismus verfälscht. Es beruht auf bewusstem oder unbewusstem Import des uns wesensfremden indischen Denkens.“ Auch die Schuldebatten haben sich erstaunlich wenig verändert. Schon im Jahr 1932 musste Curtius darauf hinweisen, dass es nicht sinnvoll ist, alle Kinder aufs Gymnasium zu schicken, weil eben nicht alle die dafür notwendige Begabung haben.

Über einen bloß säkularen Humanismus hinaus

Ein „katholischer“ Denker im engeren Sinne war Curtius nicht, auch wenn er häufig in der Zeitung „Germania“ der Zentrumspartei publizierte. Von den christlichen Kirchen seiner Zeit erwartet er in „Elemente der Bildung“ – mit spürbarem Bedauern – keine mächtigen Impulse mehr („die Tatsache bleibt bestehen, dass die moderne Menschheit in einer großen, immer mehr anschwellenden Bewegung des Abfalls vom Christentum steht“). Immerhin will er im Schlusskapitel sein Bildungskonzept mit einer (durchaus christlich inspirierten) „Lehre von der Letzten Dingen“ verknüpft sehen, was über einen bloß säkularen Humanismus deutlich hinausgeht.

Eine Leerstelle fällt freilich auf: Wie der skizzierten Bildungsidee denn tatsächlich und politisch zum Siege verholfen werden kann, auf diese Frage geht Curtius nicht wirklich ein. Das Nachwort der Herausgeber reicht annähernd an den Umfang des Textes heran und geht über einen einfachen Editionsbericht weit hinaus. Die „Elemente der Bildung“ werden hier sorgfältig interpretiert und im historischen und geistesgeschichtlichen Kontext verortet. Dabei wird deutlich, dass Curtius gute Gründe hatte, im politischen Klima nach der „Machtergreifung“ auf eine Veröffentlichung zu verzichten, die man ihm als Provokation hätte auslegen können, selbst wenn er die im Manuskript an nicht wenigen Stellen offen ausgesprochene Kritik an den Nationalsozialisten gestrichen hätte.

Im Nachwort kommen auch weitere grundsätzliche Fragen zur Sprache wie Curtius' leidenschaftliches Engagement für die deutsch-französische Versöhnung.

Dem Bildungsprogramm, das Curtius vorschwebte und für das er nach dem Krieg mit seinem Meisterwerk „Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“ gleichsam ein umfangreiches Lesebuch vorlegte, waren die Zeitumstände schon in den 1930ern nicht günstig. Das Postulat von der Herrschaft des „geistlichen Menschen“ erwies sich in der Praxis recht bald schon als illusionär und wirkt auch gegenwärtig mehr wie eine Utopie denn als realistische Handlungsanweisung. Gerade dadurch aber erweist sich dieses Buch als radikaler Gegenentwurf, dessen Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Der Text, dem es verwehrt blieb, in seiner Entstehungszeit zu wirken, wird gut 85 Jahre später sicher keine geistige Revolution in Gang setzen können. Dafür ist er auch zu sehr in den Debatten seiner eigenen Epoche verhaftet – ganz abgesehen davon, dass er an manchen Stellen doch deutlich seine Unfertigkeit verrät. Aber wenn er den einen oder anderen Leser zum Nachdenken und Weiterdenken anregt, wäre schon viel gewonnen.

Ernst Robert Curtius: Elemente der Bildung. Herausgegeben von Ernst-Peter Wieckenberg und Barbara Picht. Verlag C.H. Beck, München 2017, Hardcover, 517 Seiten, ISBN 978-3-

406-69760-9, EUR 48,–

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