Auf Pilgerschaft aus Liebe zum Vater

Historisches Abenteuer, aber auch die christlichen Beweggründe einer Wallfahrt: Der Fernseh-Zweiteiler „Die Pilgerin“. Von José García
Foto: Foto: | Um das Gelübde ihres Vaters zu erfüllen, macht sich Tilla (Josefine Preuß) im Jahre 1368 zusammen mit einer Pilgergruppe auf den Weg nach Santiago de Compostela.ZDF
Foto: Foto: | Um das Gelübde ihres Vaters zu erfüllen, macht sich Tilla (Josefine Preuß) im Jahre 1368 zusammen mit einer Pilgergruppe auf den Weg nach Santiago de Compostela.ZDF

Im Jahre 1368 führt die junge Tilla Willinger (Josefine Preuß) als Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns ein behütetes Leben in der Freien Reichsstadt Tremmlingen nahe Ulm. Dass Tilla in Sachen Emanzipation ihrer Zeit voraus ist, wird von Anfang an etwa an der Szene verdeutlicht, als sie ganz allein auf Jagd geht. Als ihr Vater stirbt, zwingt sie dennoch ihr Bruder Otfried (Volker Bruch) aus geschäftlichen Gründen zur Heirat mit dem durchtriebenen Veit Gürtler (Dietmar Bär). Weil Veit jedoch in der Hochzeitsnacht verstirbt, gerät Tilla unter Giftmordverdacht. Als Mann verkleidet macht sich Tilla auf den Weg nach Santiago de Compostela, um den letzten Willen ihres Vaters zu erfüllen: Als Sühne für seine Sünden dessen einbalsamiertes Herz in geweihter Erde zu bestatten.

Tilla schließt sich einer Pilgergruppe unter der Führung von Vater Thomas (Ernst Stötzner) an, um den mehr als 2 000 Kilometer langen Weg zurückzulegen. Durch die Teilnehmer der Pilgergruppe lernt Tilla und mit ihr auch der Zuschauer die unterschiedlichen Beweggründe kennen, die Menschen im Mittelalter zu einer solch lebensgefährlichen Pilgerreise antrieben – von echter Religiosität über rein weltliche Gründe bis zum Aberglauben. Der mit seinem Fernseh-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (DT vom 16.3.2013) bekannt gewordene Regisseur Philipp Kadelbach erzählt diese Geschichte teilweise in mehreren Parallelsträngen. Denn Tilla wird vom skrupellosen Rigobert (Sebastian Hülk) im Auftrag ihres Bruders verfolgt. Aber auch Bastian (Jacob Matschenz), der Bruder ihres ehemaligen Verlobten, soll Tilla zur Rückkehr bewegen.

Es beginnt eine Reise voller Abenteuer, die – dies sei bereits jetzt verraten – allerdings nicht in der weltberühmten Kathedrale von Santiago de Compostela endet. Dazu führt „Die Pilgerin“-Produzent Benjamin Benedict im Gespräch mit der Tagespost aus: „Für uns war es wichtig, den Moment der Ankunft zu zeigen. Das haben wir am ersten Blick auf die Stadt Santiago de Compostela auf dem Berg festgemacht, von dem aus die Pilger die Stadt erstmals sehen. Vor Ort zu drehen, wäre mit fast unlösbaren Aufgaben verbunden, weil der Vorplatz und die Kirche heute ganz anders als im 14. Jahrhundert aussehen. Und die Dreiportalanlage ,Pórtico de la Gloria‘ einfach nachzubauen, schien uns nicht professionell. Deshalb haben wir uns für die Variante entschieden, die Ankunft der Pilgerreise auf dem ,Freudenberg‘ stattfinden zu lassen.“

Zwar überzeugen die im Computer generierten Bilder nicht immer, das Produktionsdesign kann jedoch als gelungen bezeichnet werden. Dies gilt insbesondere für die Kostüme, deren Stoffe genauso authentisch wie andere Ausstattungsgegenstände oder auch die Innenräume wirken. Besonders geglückt sind Kameramann David Slama die Totalen, wenn er etwa die Pilgergruppe aus einer größeren Perspektive im Zusammenhang mit der Landschaft einfängt. Darüber hinaus unterstreicht Slama die Actionszenen durch schnell geschnittene und deshalb besonders scharf wirkende Bilder. In dieser Hinsicht zahlt es sich aus, dass Regisseur Philipp Kadelbach wieder mit dem aus Thomas Stammer (Ausstattung), Wiebke Kratz (Kostüme) und Gerhard Zeiss (Maske) sowie David Slama bestehenden Team zusammenarbeitete, das für die filmische Umsetzung von „Unsere Mütter, unsere Väter“ verantwortlich ist. Die aufwändige Produktion entwirft ein atmosphärisch dichtes Bild des Mittelalters.

Lediglich die Sprache fällt insofern aus dem Rahmen, weil sie sich auffällig modern ausnimmt. Dazu Produzent Benedict: „Darüber haben wir sehr lange nachgedacht. Wir hätten uns zwar für eine historisierende Sprache mit altertümlichen Redewendungen entscheiden können. Aber wir fanden, dass dies eine zu große Distanzierung zu den Figuren schafft. Weil die Figuren auch junge Menschen sind, haben wir uns dazu entschlossen, dass sie eine ahistorische Ausdrucksweise benutzen – obwohl wir auch dafür gesorgt haben, dass sie beispielsweise keine Anglizismen benutzen.“

Der Zweiteiler kann als historischer Abenteuerfilm bezeichnet werden, der ein authentisch wirkendes Bild des Mittelalters entwirft. Darüber hinaus erzählt „Die Pilgerin“ auch eine zeitlose Geschichte. Zu den Kernaussagen des Fernsehfilmes erläutert Benjamin Benedict: „Ernst Bloch spricht von der ,Melancholie der Erfüllung‘, was volkstümlich mit ,Der Weg ist das Ziel‘ übersetzt werden kann. Der Weg, den die Pilgerin zurücklegt, ist auch eine Metapher für den Lebensweg, den wir alle gehen und die Frage, wie weit man diesen Weg bestimmen kann oder bestimmen muss. Wichtig scheint es mir dabei der Gedanke, dass Tilla diesen Weg für einen anderen Menschen, aus Liebe zu einem anderen Menschen auf sich nimmt – ein sehr christlicher Gedanke, gerade in unserer Zeit der Selbstbezogenheit. Bedeutend in diesem Kontext ist wiederum der Gedanke, dass sie es nicht alleine schafft, sondern auf Andere angewiesen ist.“

Wie bereits in „Unsere Mütter, unsere Väter“ stehen im Mittelpunkt der neuen Regiearbeit von Philipp Kadelbach insbesondere die Charaktere. Dadurch gelingt es dem Regisseur, dem Zuschauer nicht nur auf stofflich wahrnehmbare Weise den Alltag in dieser weit zurückreichenden Zeitepoche, sondern vor allem die Motive und die Haltungen dieser Menschen einschließlich ihrer Religiosität zu vermitteln.

– „Die Pilgerin“, Regie: Philipp Kadelbach. Sonntag, 5. Januar 2014, 20.15 Uhr und Montag, 6. Januar 2014, 20.15 Uhr, ZDF, je 90 Minuten.

– Dokumentation: „Der Weg der Pilgerin. Unterwegs nach Santiago de Conmpostela“, Regie: Bernhard von Dadelsen. Sonntag, 5. Januar 2014, 20.45 Uhr, ZDF, 45 Minuten.

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