Auf der Suche nach dem leiblichen Vater

Ein emotionaler Film, der vor allem mit seiner nuancierten Figurenzeichnung überzeugt: „Alle Katzen sind grau“. Von José García
Foto: FilmKinoText | Mit der Suche nach ihrem leiblichen Vater beauftragt die 15-jährige Dorothy (Manon Capelle) den Privatdetektiv Paul (Bouli Lanners).
Foto: FilmKinoText | Mit der Suche nach ihrem leiblichen Vater beauftragt die 15-jährige Dorothy (Manon Capelle) den Privatdetektiv Paul (Bouli Lanners).

Das Spielfilmdebüt der belgischen Regisseurin Savina Dellicour „Alle Katzen sind grau“ („Tous les chats sont gris“) beginnt wie manch heutiger Film mit einer schnell geschnittenen Folge fragmentarischer Bilder, die zunächst einmal unverständlich bleiben. Auf einer Kostümparty lässt sich offenkundig eine Frau gehen.

Die Verkleidung, die sie trägt – Dirndl und blonde Perücke mit Zöpfen – taucht wenig später wieder auf: Christine (Anne Coesens) reagiert ziemlich heftig, als ihre Tochter Dorothy (Manon Capelle) Kleid und Perücke anzieht. Weder die erste Sequenz noch diese zweite Szene erschließen sich dem Zuschauer. Deren Sinn wird er vielmehr erst später verstehen. Dazwischen schieben Drehbuchautor Matthieu de Braconier und Regisseurin Savina Dellicour aber noch eine Szene, in der Paul (Bouli Lanners) Christines Familie beim Einsteigen in ein Auto von seinem Wagen aus beobachtet und fotografiert. Insbesondere die 15-jährige Dorothy scheint ihn zu interessieren. Warum er ein solches Interesse an der Heranwachsenden hat, wird schnell deutlich: Der Mittvierziger Paul, der sich als Privatdetektiv mit Gelegenheitsjobs übers Wasser hält, lebte lange im Ausland. Nun, da er kürzlich nach Brüssel zurückgekehrt ist, wird er wieder mit der Tatsache konfrontiert, dass er eine Tochter hat: Dorothy, die aus einer kurzen Affäre mit Christiane stammt. Die 15-Jährige glaubt ihrerseits schon lange, dass der Mann ihrer Mutter nicht ihr leiblicher Vater sein kann. Dorothys Fragen weicht ihre Mutter jedoch immer wieder aus. Deshalb entschließt sich das Mädchen, anders an die Lösung ihrer Fragen heranzugehen. Just in diesem Augenblick lernt Dorothy zufällig Paul kennen. Von Anfang an übt der Beruf des Detektivs eine gewisse Faszination auf sie aus. Was liegt also näher, als dem Detektiv den Auftrag zu erteilen, nach ihrem leiblichen Vater zu suchen? Wie soll sich aber Paul in der Sache verhalten? Sich Dorothy offenbaren, kann er nicht – dafür hat Christine mit ihren Drohungen gesorgt. Wenigstens führt dieser Auftrag dazu, dass er viel Zeit mit Dorothy verbringen kann und auf diese Weise seine Tochter kennenlernt. In der Tat kommen sich die beiden im Laufe der Zeit näher.

Balance zwischen heiteren und ernsten Augenblicken

Trotz der Ermittlungen, die Paul im Laufe der Filmzeit anstellt, um seine Vaterschaft zu beweisen, sowie der falschen Fährten, denen er auch folgt, ist „Alle Katzen sind grau“ kein Detektivfilm. Den Filmemachern geht es vielmehr um die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den drei Protagonisten. Deshalb bleibt die Kamera von Thomas Buelens stets sehr nah an den drei Figuren. Diese kontrastiert auch das großbürgerliche Ambiente, in dem Dorothy aufwächst, mit den grauen Wohnblöcken der Gegend, in der Paul lebt. Savina Dellicour inszeniert ihren Film aber sonst schnörkellos. Nichts soll von den drei Hauptfiguren ablenken.

Das Drehbuch von Matthieu de Braconier, das selbst bei dem Zufall, der Paul und Dorothy zusammenbringt, immer glaubwürdig bleibt, verknüpft die drei unterschiedlichen Perspektiven miteinander, was dem Film eine untrügliche Komplexität verleiht. Damit korrespondiert auch der stimmige Erzählrhythmus, der die Entwicklung der Figuren nachvollziehbar macht. Zu Paul, der zunächst die Hauptperson zu sein scheint, führt Regisseurin Savina Dellicour aus: „Paul hat sich im Laufe der Drehbuchentwicklung immer wieder verändert, aber der Kern von dem, was mir an ihm gefiel, ist geblieben: das war der ,Outsider?, einer, der am Rande der Gesellschaft lebt. Einer, der großzügig ist, ein großes Herz hat, und trotzdem einsam ist. Die Idee, dass er eine Tochter haben könnte, die er gar nicht kennt, ist ganz am Anfang der Drehbucharbeit mit Matthieu de Braconier entstanden, um dieser Einsamkeit nachzugehen.“

Zwar bringt Paul zunächst einmal die Geschichte voran, weil er nach Möglichkeiten sucht, seine Tochter Dorothy kennenzulernen. Im Laufe des Filmes übernimmt jedoch die Kamera Dorothys Standpunkt. Mit ihren Fragen nach ihrem leiblichen Vater steht sie nun im Mittelpunkt. Schließlich schiebt sich Christine immer mehr in den Vordergrund, weil nur sie die ganze Wahrheit kennt, und sich endlich der jahrelang verdrängten Vergangenheit stellen muss. Auch wenn lange Zeit der Film seinen Fokus auf die Vater-Tochter-Beziehung legt, die etwa auch mit der gemeinsamen Vorliebe für Punksongs unterstrichen wird, erweist sich „Alle Katzen sind grau“ letztendlich als ein Film über eine Mutter-Tochter-Beziehung. Oder allgemeiner: „Ein zentrales Thema, von dem wir erzählen wollten, war die Art, wie wir Menschen uns gegenseitig darstellen, um das Leben auszuhalten, und wie manchmal diese unterschiedlichen Darstellungen in Konflikt geraten, besonders im Inneren einer Familie“, so Savina Dellicour.

Das klug ausgearbeitete und ebenso intelligent inszenierte Drehbuch wechselt kaum merklich nach und nach die Tonart: Ergeben sich in der ersten Filmhälfte noch komödiantische Situationen aus der bereits angesprochenen Konstellation des Detektivs, der den Vater seiner Tochter suchen soll, ohne dass er sich ihr öffnen kann, so wird der Ton in der zweiten Filmhälfte ernster – was mit der einen oder anderen überraschenden Wendung zusammenhängt. Insgesamt trifft der Film wunderbar die Waage zwischen heiteren und ernsten Augenblicken. Mit „Alle Katzen sind grau“ gelingt Savina Dellicour ein Spielfilmdebüt, das sich insbesondere durch die nuancierte Figurenzeichnung und die Darstellung von Familienbindungen in Zeiten von wechselnden Beziehungen und kurzen Affären auszeichnet.

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