Auf Abwegen nach Mexiko

„Julia“ wird von einer grandiosen Schauspielerin getragen – Die Genremischung bekommt dem Film jedoch nicht

Im Jahre 1980 drehte der noch immer als Inbegriff des unabhängigen Filmregisseurs geltende John Cassavetes einen Spielfilm mit seiner Frau Gena Rowlands in der Hauptrolle, der mittlerweile „Kult“-Status besitzt: „Gloria, die Gangsterbraut“ handelt von einer nicht mehr ganz jungen Mafia-Freundin, die zusammen mit einem kleinen Jungen vor Killern flieht – obwohl sie eigentlich Kinder hasst.

Diese Elemente mischt der französische Regisseur Erick Zonca in seinem amerikanischen Spielfilmdebüt „Julia“, das am Wettbewerb der Berlinale 2008 teilnahm und nun im regulären Kinoprogramm anläuft, neu zusammen. Das Ergebnis nimmt sich trotz der offensichtlichen Anklänge an Cassavetes' „Gloria“ ziemlich eigenständig aus.

Die etwa 40-jährige Julia (Tilda Swinton) lebt in Los Angeles. Sie ist ziemlich einsam, die flüchtigen Männerbekanntschaften füllen sie wohl genausowenig wie die Gelegenheitsjobs aus, mit denen sich die schlagfertige Frau über Wasser hält. Wegen ihrer Alkoholprobleme hat sie nun den Job wieder einmal verloren. Jetzt helfen nur noch die Sitzungen bei den Anonymen Alkoholikern, zu denen sie ihr alter Freund Mitch (Saul Rubinek) drängt.

Widerwillig geht sie zu den Sitzungen, bei denen Julia es allerdings nicht lange aushält. Bei der Gelegenheit lernt sie jedoch die verzweifelte junge Mutter Elena (Kate del Castillo) kennen, die sie um Hilfe bei einem verwegenen Plan bittet. Die Mexikanerin will ihren eigenen Sohn, der beim reichen Großvater lebt, entführen. So kommt die energische Julia auf eine noch waghalsigere Idee: Sie selbst entführt kurzerhand den 9-jährigen Tom (Aidan Gould). Denn sie meint, das Leben habe ihr übel mitgespielt, ihre letzte Chance bestünde darin, mit dem Jungen nach Mexiko zu fliehen, und von dort aus zwei Millionen Geld Lösegeld zu erpressen.

Liefert bis zu diesem Augenblick Regisseur Zonca ein Psychogramm der verzweifelten Julia mit nervöser Kamera und großartigen, in gleißendes Licht getauchten Bildern in knalligen Farben, so entwickelt sich der Film nach und nach zu einem Road-Movie unter der glitzernden kalifornischen und dann mexikanischen Sonne mit immer neuen Wendungen.

Was folgt, ist eine Abfolge action-beladener Verfolgungsjagden und zuletzt ein brutaler Krimi mit Gangstern mit Machogehabe in Mexiko, die den Jungen wiederum kidnappen. Die hektischen Drehbuchwendungen lassen den Film nicht nur an Glaubwürdigkeit verlieren.

Die stimmige Charakterzeichnung, die eine grandios spielende Tilda Swinton anfangs liefert, verliert an Kraft, je schneller und hektischer der Film wird. In einem Interview führt Regisseur Erick Zonca zu dieser Genremischung aus: „Ich wollte eine Figur und das Chaos ihres täglichen Lebens zum Ausgangspunkt nehmen – wir sprechen hier über eine Alkoholikerin – und sie allmählich in den Plot eines Thrillers einschleusen. Das war keine Frage von einer einfachen oder schweren Entscheidung – es war ausschlaggebend, um die Zuschauer in eine Richtung zu führen, die sie so nicht erwartet haben.“

Der Zuschauer wird allerdings eher überrumpelt. Steht bei Cassavetes' „Gloria“ die Action immer im Dienst der Beziehung zwischen der alternden Frau und dem Kind, und nicht zuletzt auch der Entwicklung der titelgebenden Gloria, so verselbstständigt sie sich bei Zonca alsbald. Darunter leidet vor allem der Erzählrhythmus, der zu keiner stimmigen Dramaturgie findet.

Dennoch: „Julia“ lebt von einer Schauspielerin, die bislang eher ätherische Rollen gespielt hatte, und nun die Gelegenheit erhält, ihre Rolle sehr physisch zu gestalten. Dazu Tilda Swinton selbst: „Erick und ich stimmten darin überein, dass es physisch anstrengend sein musste, weil sie ihren Körper auf so viele Arten zusammenschlägt. Es ist, als wäre sie dauernd schweißgebadet, sei es, weil sie einen Ausweg aus einer Krisensituation finden muss oder eine Lüge ausdenken, oder einfach weil sie in diesen Schuhen und zu engen Kleidern durch Los Angeles oder Mexiko läuft. Der physische Kampf war gnadenlos. Schauspielerisch war das für mich Neuland.“

So wird der Film „Julia“ einzig und allein von der Schauspielerin Tilda Swinton getragen. Die Nebenfiguren erhalten kaum Konturen, sie füllen lediglich Klischees aus. So bietet „Julia“ die Gelegenheit, einer großartigen Schauspielerin bei der Arbeit zuzuschauen. Mehr allerdings nicht.

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