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Arp Museum in Rolandseck: Heilige Körper

Das Arp Museum in Remagen präsentiert in einer neuen Ausstellung die christlichen Glaubenswelten vom Mittelalter bis in die Frühmoderne.
Kunstausstellung „Heilige Körper“ in Remagen
Foto: dpa | „Die Ausstellung thematisiert eine universelle Frage des Menschseins und der Menschlichkeit, sie trägt die deutliche Botschaft des friedfertigen Umgangs in die Welt“.

Voller Dankbarkeit richtet der heilige Josef seinen Blick gen Himmel, die linke Hand hat er auf seinen Brustkorb gelegt. Ebenso einer der Hirten: Ergriffen ist die muskulöse Gestalt auf die Knie gesunken, die Arme ausgebreitet, die Anspannung bis in die gespreizten Fingerspitzen fühlbar.

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Währenddessen blickt Maria in einer Mischung aus Freude und Fürsorge auf das Kind in der Krippe und richtet behutsam das Leinentuch, auf dem der Säugling gebettet ist. Wer sich in die „Anbetung der Hirten“ vertieft, wird noch viele Details in dieser aus dem Weihnachtsevangelium bekannten Szenerie entdecken. Geradezu plastisch, beinahe dreidimensional treten die höchst individuell und empfindsam gestalteten Figuren, Tiere, Landschaft und die in der Ferne liegende Stadt den Betrachtern aus dem von Johann-Peter Platzer im Jahr 1750 geschaffenen Ölgemälde entgegen. Das innige Miteinander von Gottesmutter und dem Christuskind steht im Mittelpunkt –  zumal diese Aussage durch das wie eine gleißende Lichtquelle wirkende Leinentuch, das den Messias birgt, offenkundig wird.

Ruhe und Kraft durch Qual und Folter

Dabei steht das berührende Gemälde aus der Zeit an der Schwelle zur Neuzeit ganz in der Tradition der mittelalterlichen Kunst seit etwa 1300: biblische Begebenheiten aus dem Alten und Neuen Testament ins Bild zu setzen und sie lebendig zu halten. Das gilt insbesondere für die zentralen christlichen Themen wie die Weihnachtsgeschichte und die Passion sowie Auferstehung. In der „Beweinung Christi“ (um 1520), der Mittelteil eines ursprünglich dreiflügeligen Altars des Meister der von Grooteschen Anbetung werden wie in einem Bilderbuch verschiedene Stationen aus der Leidensgeschichte nebeneinander gestellt. Zutiefst ergriffen präsentiert einige Schritte vom Weihnachtsbild entfernt die „Heilige Veronika mit dem Schweißtuch“ im Bild von Colyn de Coter (1510) das Antlitz des Messias – das Gesicht eines Mannes, das nicht an die durch Folter erlittenen Qualen erinnert, sondern innere Ruhe und Kraft ausstrahlt.

Das gilt auch für die Darstellungen von Heiligen und Propheten. Im Gesicht des Evangelisten Matthäus haben Alter und Arbeit ihre Spuren hinterlassen: Dicke Tränensäcke unter den tief in den Schädel eingedrückten Augen, die hohe Stirn in Falten gelegt, den Kopf auf einen Arm gestützt, während die andere Hand ein Buch umklammert, blickt Matthäus auf, weil sich ihm ein Engel genähert hat. Der „Evangelist Matthäus mit Engel“ (1655) von Jan Jansz van Bronchorst ist ein besonders beeindruckendes Beispiel für die Darstellungen von Märtyrern und Heiligen, die Christus in ihrem Lebens- und oder Leidensweg gefolgt sind. Jusepe de Ribera malte 1636 einen „Heiligen Hieronymus“, in dessen nach oben gerichtetem Gesichtsausdruck sein Ringen um Gott sowie seine Zwiesprache mit ihm deutlich werden und der dabei mit seinen Händen einen Schädel an seinen halbnackten Oberkörper drückt.

Körperlich spürbare Kunstwerke

In vielen der etwa 50 religiösen Gemälde und Skulpturen werden „Heilige Körper“ fast fühlbar oder treten den Betrachtern nahezu haptisch gegenüber. Bis heute künden beispielsweise die unterschiedlichen und seit Jahrhunderten gelebten Bräuche im Zusammenhang mit der Heiligenverehrung von deren Bedeutung und Boten als überzeugte und überzeugende Vermittler des Glaubens. „Heilige Körper“ heißt die sehenswerte Ausstellung, die das Arp Museum Bahnhof Rolandseck derzeit in drei farblich getrennten ineinander übergehenden Räumen inszeniert. Bei gedämpftem Licht und in nahezu meditativer Atmosphäre illustrieren in den Bereichen „Die Heilige Familie“, „Opfer“, „Propheten“ und „Heilige Körper“ die Objekte herausragende Gestalten und wesentliche Botschaften des Christentums. Dabei kommt es mitunter zu spannenden Dialogen zwischen den Objekten, etwa wenn ein elfenbeinerner gegeißelter Christus (17. Jahrhundert) mit dem Gemälde „Das Heilige Antlitz“ von Georges Rouault aus dem Jahr 1940 korrespondiert.

Dialoge, Begegnungen und Botschaften gibt es auch innerhalb der verschiedenen Objekte in vielfältiger Form zu entdecken. So etwa, wenn Gläubige als Stifter von Objekten auftreten und darin dann selbst auftreten. Auf diese Weise der physischen Begegnung mit Heiligen hoffen diese frommen Menschen auf deren Fürsprache und Gebet für die eigenen Seelen, um nach ihrem irdischen Leben das ewige Leben zu erlangen. Ein sehr berührendes Beispiel hierfür ist die in farbig gefasstem Holz detailreich und ausdrucksstark gefasste Personengruppe aus den Niederlanden um 1510. „Stifterpaar mit ihren hl. Patronen Augustinus und Katharina“ ist das Werk betitelt, in dem das Paar betend gegenüber kniet und dabei von ihrem jeweiligen Namenspatron in Begleitung von Ordensleuten beschirmt wird. In ihrer Menschlichkeit rücken die Personen allesamt zusammen, kommen sich sehr nah, bilden eine Brücke vom Irdischen zum Überirdischen. Ergreifend, ja geradezu packend ist der hölzerne Gnadenstuhl aus Brabant um 1520, der Gottvater mit dem Leichnam Christi darstellt.

Der Unternehmer, Arzt und Wirtschaftswissenchaftler Gustav Rau (1922–2002) hatte zu Lebzeiten eine umfangreiche Kunstsammlung aufgebaut, deren Kern sich seit 2008 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck befindet. Besonders in den 1970er und 1980er Jahren kaufte er ausgesuchte und qualitätvolle religiöse Kunst des Mittelalters, des Barock und der Neuzeit – in einer Zeit, in der sich der Kunstmarkt vorrangig auf die Moderne fokussierte. Die nun ausgestellten exquisiten Kunstwerke aus sechs Jahrhunderten stellen Glaubenswege vom Mittelalter bis in die Moderne dar, berichten von der Friedfertigkeit des Mensch gewordenen Gottes und vermitteln die Glaubensstärke der ihm nachfolgenden Märtyrer und Heiligen. Herausragend sind die verschiedenen Skulpturen der Schau, die in ihrer Unmittelbarkeit und Menschlichkeit besonders faszinieren und berühren. In der Elfenbeinarbeit „Marter des hl. Bartholomäus“ (um 1640) von Jacobus Agnesius (zugeschrieben) drücken sich in ergreifender Weise das Martyrium des Heiligen einerseits und die Unerbittlichkeit der Henker andererseits aus.

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„Die Ausstellung thematisiert eine universelle Frage des Menschseins und der Menschlichkeit, sie trägt die deutliche Botschaft des friedfertigen Umgangs in die Welt“, betont Julia Wallner, Direktorin des Arp Museums Bahnhof Rolandseck. Kuratorin Susanne Blöcker ergänzt: „Glaubt man an die innere Stärke der ,heiligen Körper' werden sie zu einem Kraftquell und lassen uns glauben an das Wunder des Mitmenschlichen.“ Aus allen Objekten spricht in unterschiedlicher künstlerischer Bild- und Formsprache der Wunsch, christlicher Religion und dem Überirdischen nahezukommen sowie ihre zeitlosen Glaubensbotschaften wachzuhalten und weiterzutragen.


Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr, Führungen sonntags 15 Uhr.

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