Architektur war Familientradition

Dokumentarfilm über eine Architektenfamilie, vor allem aber filmische Hommage an Gottfried Böhm. Von José García
Foto: RealFiction | Gottfried Böhm (Mitte) beobachtet kritisch den Entwurf seines Sohnes Paul Böhm (links) für das Islamische Kulturzentrum in Köln.
Foto: RealFiction | Gottfried Böhm (Mitte) beobachtet kritisch den Entwurf seines Sohnes Paul Böhm (links) für das Islamische Kulturzentrum in Köln.

Gottfried Böhm gehört als einziger deutscher Architekt zu den Preisträgern des Pritzker-Architektur-Preises, der zuweilen als „Oscar für Architektur“ bezeichnet wird. Schon sein Vater Dominikus Böhm (1880–1955) war ein renommierter Architekt und insbesondere für seine Kirchenbauten bekannt. Im Dokumentarfilm „Die Böhms – Architektur einer Familie“ von Maurizius Staerkle-Drux sind auch Bilder des Dominikus Böhm zu sehen. Sie zeigen aber insbesondere Gottfried Böhm als Kind, und dienen auch dazu zu erklären, dass Gottfried zunächst eine Ausbildung als Bildhauer absolvierte, weil er sich nicht in der Lage sah, in die Fußstapfen des Vaters zu treten.

Maurizius Staerkle-Drux konzentriert sich in seinem Dokumentarfilm auf die Beziehungen zwischen Gottfried Böhm und seinen drei Architekten-Söhnen Stephan, Peter und Paul Böhm. Auch wenn einige ihrer Werke ins Bild kommen – so etwa zu Beginn die Kirche Christi Auferstehung in Köln-Melaten, Gottfried Böhms erste eigenständige Arbeit aus dem Jahre 1947 St. Kolumba (Kapelle Madonna in den Trümmern) oder seine wohl bekannteste Arbeit, die Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens in Neviges, handelt der Film nicht so sehr von Architektur, als vielmehr von den Beziehungen zwischen den Architekten, oder noch genauer zwischen dem Patriarchen, den seine Kinder „Boss“ nennen, und seinen drei Architekten-Söhnen. Denn der vierte, der sich nicht der Architektur widmet, kommt gar nicht zu Wort.

Der Filmemacher beobachtet etwa den damals 93-Jährigen beim Entwurf einer ganzen Stadt als Kohlezeichnung unter der Bewunderung seiner Söhne. Hier und da rote Akzente. „Rot ist die Farbe der Liebe“, erklärt der Altmeister. Wie dies in der Realität wirkt, kann der Zuschauer später im Potsdamer Hans Otto Theater wahrnehmen. In Interviews kommen die vier Architekten zu Wort, erklären ihre dynamische Beziehung: Sie arbeiten alle im selben Haus, jeder betreut seine eigenen Projekte, nimmt aber auch Anteil an den Arbeiten der anderen. Wie das vor sich geht, verdeutlichen die Gespräche zwischen Vater und Sohn Paul über Paul Böhms umstrittenes Projekt für das Islamische Kulturzentrum an der Kölner Venloer Straße. Dass die Beziehungen zwischen den Brüdern auch nicht immer konfliktfrei gewesen sind, wird etwa aus Peters Klage deutlich, eigentlich habe er den Auftrag für das Kaufhaus Peek & Cloppenburg in Wuppertal ans Land gezogen, und nun habe Paul ihn ausgeführt. Dennoch scheint dieses Konkurrenzdenken im Film eher in Andeutungen durch, etwa in Stephans Entschluss, nach einigen Arbeiten in Deutschland nunmehr in China zu bauen. Entzieht er sich dadurch der Konkurrenz innerhalb der Brüderschaft? Insgesamt verraten die Protagonisten nicht zu viele Details, so dass diese Innenverhältnisse eher diffus bleiben.

Bereits zu Beginn der Dreharbeiten ist Gottfrieds Frau Elisabeth krank. Sie wird auch während des zweijährigen Drehs sterben. Ihre Kinder erzählen davon, wie sie – die ebenfalls Architektin war – ihre Karriere der des Vaters unterstellte. „Der Erfolg meines Vaters ist zu nicht geringem Teil der Kritik meiner Mutter zu verdanken.“ Sie bezeugen aber auch, dass sie auf ihre geistige Entwicklung mehr Einfluss hatte als der Vater. Maurizius Staerkle-Drux zeigt rührende Bilder des altes Ehepaares, wie sich Gottfried Böhm um seine Frau kümmert, wie er nach ihrem Tod tief gebückt und gedankenverloren durch den verschneiten Garten stapft... Der Bildhauer Gottfried Böhm arbeitet an der Totenbüste seiner Frau. Mit ihr im Gepäck begibt er sich auf Reisen, etwa nach Paris, wo Elisabeth vor Jahren eine Wohnung kaufte. Dass seine Frau Elisabeth auch am Bau etwa der WDR-Arkaden in Köln (1991–1998) beteiligt war, lässt allerdings der Dokumentarfilm unerwähnt. Nach dem Tod seiner Frau macht sich Gottfried Böhm vermehrt Gedanken über den Tod. Die Kirche ermögliche die Beziehung zu Christus, zu einem höheren Raum, der nicht mit dem Tod zu Ende gehe, sagt er. Sein Vater Dominikus Böhm, der die liturgische Bewegung in Architektur ummünzte, brachte es auf die Formel: „Ich baue, was ich glaube.“

Hauptschauplatz der Aufnahmen ist die aus den 1930er Jahren stammende Villa in Köln Marienburg, in der die voneinander unabhängigen Büros der vier Architekten untergebracht sind. Darüber hinaus begleitet die Kamera Gottfried auf Reisen, etwa zu seinem älteren, 1918 geborenen Bruder Paul, insbesondere aber zu einigen seiner Projekte, etwa nach Bensberg, wo Gottfried Böhm in den sechziger Jahren das Rathaus und ein Kinderdorf baute. Maurizius Staerkle-Drux begleitet aber auch den ältesten Sohn Stephan auf einer Reise nach China, wo immense Bauprojekte, aber auch einige Schwierigkeiten auf ihn warten.

Auch wenn Einiges an der Arbeitsweise und an den Beziehungen der Architekten-Brüder im Dunkeln bleibt, bietet „Die Böhms – Architektur einer Familie“ Einblicke in das Schaffen einer Familie, die wie kaum eine andere die deutsche Architektur der letzten Jahrzehnte mitgeprägt hat. Der Film von Maurizius Staerkle-Drux nimmt sich jedoch insbesondere als eine Hommage an Gottfried Böhm aus, der am 23. Januar 95 Jahre alt geworden ist. Das Autokennzeichen am neugekauften Jaguar verrät sein Alter: K-GB 1920.

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