Annäherung an das Mysterium des Todes und ewigen Lebens

Es herrscht das titanische Zeitalter, das von Bürgerkriegen beherrscht wird: Wie Ernst Jünger auf die Fragen von André Müller antwortete. Von Stefan Meetschen
Ernst Jünger
Foto: dpa | Der Schriftsteller Ernst Jünger.
Ernst Jünger
Foto: dpa | Der Schriftsteller Ernst Jünger.

Ende der 1980er Jahre sorgte der österreichische Journalist André Müller (1946– 2011) mit Interviews in der Wochenzeitung „Die Zeit“, im „Spiegel“ oder im „Playboy“ für Aufsehen: Schonungslos versuchte er darin, seine prominenten Gesprächspartner als hohl und unwissend zu entlarven. Oft mit Erfolg. Nur bei einem Interviewten, dem gegenüber Müller selbst sich von Anfang an als geistig unterlegen empfand, suchte er Rat und Orientierung – bei Ernst Jünger (1895–1998), dem in der alten Bundesrepublik von linken Intellektuellen so angefeindeten Autor von „In Stahlgewittern“, „Auf den Marmorklippen“ und „An der Zeitmauer“. Akribisch bereitete sich Müller auf die Begegnungen mit dem Fast-Jahrhundert-Zeugen vor, hielt diese mit Tonband fest, redigierte die Gespräche. Zusammen mit Briefen, welche die beiden austauschten, und hilfreichen Erläuterungen des Herausgebers Christophe Fricker sind die drei Gespräche nun erschienen. Beginnend mit dem Gespräch vom 8. November 1989, am Vortag des historischen Mauerfalls.

Hier spürt man beim Lesen, wie skeptisch und vorsichtig Jünger („nun ja“, „haha“, „na“) auf Müllers zum Teil – bei aller Verehrung – schon recht forsche Fragerei reagiert. Müller versucht das innere Kraft- und Sinn-Zentrum des fast 100-Jährigen anzuzapfen. Sucht er doch nach einem Weg, wie er selbst sinnerfüllt leben und arbeiten kann – nach einer gescheiterten Ehe und ohne die Anerkennung, die er sich für sein eigenes schriftstellerisches Tun erhofft hat. Dass Müller Interviews gemeinhin als reinen, geistlosen Broterwerb einstuft, wird schnell deutlich. Nicht Interesse am Menschen treibt ihn dabei, nur Geld. Doch Jünger lässt sich von dem Fragenden nicht in die Enge treiben. Er bleibt freundlich reserviert und kritisiert sogar den Gesprächsverlauf. „Herr Müller, ich glaube, wir haben so viel geredet, Überflüssiges auch ... Machen Sie aber bitte kein Interview draus.“

Nachdem Müller genau das aber gemacht hat und das redigierte Gespräch ein großes positives Echo gefunden hat, fasst Jünger mehr Vertrauen zu „André“, wie er ihn nun freundschaftlich nennt. Man verabredet sich zu einem Treffen in München – am Rande eines Treffens des Maximiliansordens, dem Jünger angehört. Längst hat Müller den Schriftsteller zur Sache seines Herzens gemacht, zur Vaterfigur, dem seine liebende Verehrung gilt. Vor allem den „Trieb“ Jüngers zum Weiterschreiben bewundert er; und ist bereit, für Jünger in einem Leserbrief an den „Spiegel“ eine Lanze zu brechen, als kurz vor Jüngers 100. Geburtstag die alten Angriffe erneut einsetzen. Gerade auch vor der Folie der wiedervereinten Nation. Als Antisemit wird Jünger verunglimpft, weil er das Verhältnis der Deutschen zu den Juden mit einer etwas ungewöhnlichen Wasser-Öl-Analogie zu fassen versucht hat. Müller rät dazu, sich zu wehren. Doch Jünger lehnt dies ab, weil er genug „Freunde“ habe und sich nach all den Schlachten nicht auf das Niveau der kleingeistigen linken Meinungsführer herabbegeben will, die damals angeführt von Walter Jens publizistisch agieren. Sein „Horoskop“ genügt Jünger als Erklärung, warum ihn die einen lieben und die anderen hassen.

Müller lässt nicht locker. Man kann den Eindruck bekommen, dass Jünger für ihn mittlerweile so eine Art Ideal-Ich, eine positive Obsession darstellt. Doch es betrübt ihn nicht nur, dass er selbst bei den Feierlichkeiten rund um Jüngers runden Geburtstag nirgendwo auftaucht, er leidet auch darunter, dass sich Jünger weiterhin nicht für sein, also Müllers, schriftstellerisches Werk interessiert: „Ich geb' es Ihnen noch mal. Ich geb' Ihnen auch das noch mal. Das haben Sie auch gekriegt. Das ist mir das Wichtigste. Das ist Prosa. Aber Sie brauchen' s nicht lesen.“ Stattdessen reflektiert Jünger bei stabiler Gesundheit über seine Gesammelten Werke, aktuelle Übersetzungen und Auszeichnungen, gute Kontakte zu anderen Literaturgrößen und Staatsmännern (Mitterand, Kohl).

Soll Jünger seine frühe Publizistik im Rahmen der Gesammelten Werke veröffentlichen? Müller dient ihm bei dieser Frage als journalistischer Ratgeber. An anderer Stelle wirft Jünger ihm aber vor, zu journalistisch zu denken. Sozusagen den Blick für das große Ganze zu verlieren. Oft kreisen die geteilten Gedanken der Gesprächspartner um metaphysische Fragen. Jünger tritt als der Optimist auf, der zwar zuweilen etwas freigeistig mit religiösen Begriffen spielt, diese Dimension nichtsdestotrotz aber doch ernst nimmt. Es geht ihm um den „Fortschritt“ bei der Annäherung an das Mysterium des Todes und ewigen Lebens. Im „dritten Gang“, einem Zwischenzustand zwischen Traum- und Wachzustand, findet Jünger eine Kraft und visionäre Nähe zu der Todesschwelle, die auch Müller umtreibt. Jedoch unter gänzlich anderen Vorzeichen. Denn so kategorisch, wie Müller die Religion ablehnt, so rigoros wirkt seine Verzweiflung. Allein das Bild Ernst Jüngers, das der Journalist in seiner Wohnung aufgehängt hat, kann ihn etwas von den Depressionen erleichtern, die ihn zuweilen quälen. Ernst Jünger nimmt dies wahr und versucht den labilen Journalisten wie eine Art Adoptivsohn mit Briefen und Anrufen etwas zu stützen. Wobei man nicht vergessen darf, dass Jünger in den 1990er Jahren einen wirklichen Sohn verloren hat. Alexander Jünger, den Arzt, der sich das Leben nahm. Souverän verfolgt Ernst Jünger, der so viele Regime hat kommen und gehen sehen, das Weltgeschehen. Das titanische Zeitalter, das aus seiner Sicht nach den Weltkriegen nun von den Bürgerkriegen bestimmt wird. Als Verfechter der Ehe kann er es sich gegenüber André Müller auch leisten, diskret auf zurückliegende Affären zurückzuschauen, während seine Frau in der Stadt nach neuen Anzügen für ihn guckt. Das wirkt nicht wie ein Verrat, sondern passend zu dem außerordentlichen Maß seines Lebens. Das abenteuerliche Herz kann schließlich nicht nur auf dem Schlachtfeld oder in der Bibliothek, sondern auch in der erotischen Begegnung von Mann und Frau schlagen.

Insgesamt ein recht interessantes Buch. Es zeigt Ernst Jünger im Spiegel eines talentierten Zeitgenossen, der Eckermann-gleich trotz aller Interviewabneigung in der Begegnung mit diesem Goethe des 20. Jahrhunderts zu großer, leicht egomanischer Form auflief.

André Müller – Ernst Jünger: Gespräche über Schmerz, Tod und Verzweiflung. Böhlau Verlag 2015, 234 Seiten, ISBN 978-3-412-22486-8, EUR 24,90

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