Angriff auf patriarchale Institutionen

Hier kam der Feminismus zum Zuge: Die Katholische Akademie in München tagte über „Buddhas weibliche Seite“. Von Alexander Riebel
Foto: IN | Wer wollte sagen, ob es Mann oder Frau ist? Eine Kannon, Inkarnation Buddhas, mit Köpfen auf ihrem Haupt, um das vielfältige Leiden der Menschen zu sehen und hunderten von Armen, um ihnen zu helfen; in Kyoto aus dem 13.
Foto: IN | Wer wollte sagen, ob es Mann oder Frau ist? Eine Kannon, Inkarnation Buddhas, mit Köpfen auf ihrem Haupt, um das vielfältige Leiden der Menschen zu sehen und hunderten von Armen, um ihnen zu helfen; in Kyoto aus dem 13.

Es ist überraschend, dass sich eine katholische Akademie dem Buddhismus widmet. Dabei war es am Wochenende bereits die vierte Veranstaltung zu diesem Thema in diesem Jahr in München, und 2013 wird es hier eine sechsteilige Einführung in den Buddhismus geben mit einer abschließenden Tagung über das Verhältnis von Christentum zum Buddhismus. Die Tagung vom Wochenende sowie die kommenden Einführungen stehen unter Leitung der Augsburger Fundamentaltheologin Professor Katharina Ceming, die auch gerade eine „Einführung in den Buddhismus“ veröffentlicht hat. Dass jetzt das Kardinal Wedel Haus „Buddhas weibliche Seite“ ins Gespräch brachte, hängt nach ihrer Erklärung damit zusammen, dass es oft heiße, die Zukunft der Religionen werde weiblich. Zumindest beim Buddhismus im Westen sind bereits 70 Prozent der Zuhörer bei buddhistischen Veranstaltungen Frauen. Die westlichen Befreiungsbewegungen im Buddhismus wirken zunehmend auch auf die Frauen in den asiatischen Ländern.

Die Marburger Religionswissenschaftlerin Adelheid Herrmann-Pfandt ging gleich auf Konfrontation mit dem „Patriarchat in der Religion“ und besonders der christlichen Kirchen. Sie stellte die seltsame Frage, ob sie bei ihrem Vortrag „Ist die Zukunft der Religionen weiblich?“ vom „Katholizismus eines Eugen Drewermann oder eines Benedikt XVI.“ ausgehen solle. Überall gebe es in den Religionen die „männliche Anmaßung, das Weibliche definieren zu wollen“: „Das göttliche Weibliche hingegen, also die Göttin, hat in den meisten Religionen eine umso wichtigere Funktion, je abgewerteter die konkrete Frau ist, sei es Maria im Katholizismus, als hinduistische oder als buddhistische Göttinnen.“ Offenbar sieht Herrmann-Pfandt nicht, dass vor Gott Männer und Frauen gleich sind. Stattdessen hält sie das Dienen in der Religion für einen speziell weiblichen Zug, der aber zur Bewahrung der Geschlechterhierarchie benutzt werde. Leider hat sie auch keine Belege für die Behauptung genannt, dass Frauen durch die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion zurückgedrängt wurden und „dass heute sogar die Existenz früher Bischöfinnen von etablierten Kirchenvertretern wie Nachwuchstheologen geleugnet wird“. Interessant waren ihre Ausführungen über die tantrischen Lamas, die nicht zu den auf den Mönchszölibat festgelegten Schulen gehören. Die würden sich „gerne Sexualpartnerinnen“ nehmen, mit denen die Referentin teilweise auch gesprochen habe. Die Frauen würden aber nur für Zwecke der Sexualität missbraucht und die Lamas weisen alle Verantwortung von sich, wenn es zur Schwangerschaft komme.

Herrmann-Pfandt wandte sich auch entschieden gegen die Genderforscherin Judith Butler, weil diese das Weibliche zurückdränge. Vielmehr sei in der heutigen Forschung klar, dass die Schaffung der Frau in der Genesis „eine patriarchale Umkehrung der natürlichen Verhältnisse“ sei. Frauen liege mehr das Einbeziehen und nicht die Trennung und Loslösung, wie es der „Geschlechtsidentitätserfahrung der Männer“ entspreche, und darum sei es kein Zufall, dass Frauen in den Religionen eher zu „Synkretismen, Patchwork-Religiosität und Sowohl-als-auch-Denken“ tendieren. Debatten über die Definition des Abendmahls oder der Rechtfertigungslehre findet Herrmann-Pfandt für Frauen langweilig. Sie hofft, dass die „institutionalisierte Religion in ihrer menschenverachtenden Form“ keine große Zukunft mehr habe. So etwas in der Katholischen Akademie zu hören war gewiss ein Novum.

Befreiung im Sinne des Buddhismus haben die zumeist weiblichen Vortragenden in München auch als Befreiung von männlicher Dominanz in den Religionen ausgelegt, wobei das Christentum immer mehr oder weniger deutlich im Hintergrund stand. Die Referenten haben es jedenfalls verstanden, den Buddhismus stark zu machen. Über „War Buddha ein Frauenversteher? Buddhas Haltung Frauen gegenüber“ sprach Carola Roloff, eine buddhistische Nonne, die vom Protestantismus konvertiert ist und an der Universität Hamburg besonders über Frauenordination im Buddhismus forscht. Für Roloff ist Buddha schlechthin der Befreier, kein Gott, aber Befreier, der den „Weg zum Aufhören von Leid“ zeigt, also das Sichfreimachen von allem „Anhaften“ an etwas wie Gier, Hass oder Verblendung und allen Geistesplagen. Es geht also letztlich um die Aufhebung von „Unwissenheit“ als Ursache aller Übel, als die Buddha auch Geburt, Alter, Krankheit und Tod sowie die Getrenntheit von den Lieben nennt. In diesem Sinne versteht Roloff Buddha als Befreier und damit auch als „Frauenbefreier“. Dabei ist die Quellenlage um die Person Buddhas nicht eindeutig. Fest steht zwar, dass Buddha zwischen dem 6. bis 4. Jahrhundert vor Christus gelebt hat, etwa 80 Jahre alt geworden ist, aber die ältesten schriftlichen Zeugnisse sind erst 300 Jahre nach seinem Tod überliefert. Viele Buddhisten würden es zwar anders sehen, dass kein einziges Sutra auf Buddha zurückgehe, wie der Indologe Jens-Uwe Hartmann kürzlich schrieb, aber genau darin sieht Roloff eine Stärke des Buddhismus. Denn in einem Sutra der tibetischen Tradition sage Buddha: „Akzeptiert meine Lehre nicht nur aus Respekt vor mir, sondern untersucht und prüft sie wie ein Goldschmied das Gold durch Reiben, Schneiden und Brennen prüft.“ Wie Buddha seine Lehre selbst gefunden hat, so sollen es auch seine Nachfolger selbst schaffen, ohne sich auf Buddha zu berufen. Für Roloff heißt das, „er hat die Erleuchtung/das Erwachen aus eigener Kraft erlangt, nicht indem er einem Dogma gefolgt ist, sondern vielmehr basierend auf einem achtsamen Lebenswandel durch Meditation“. Und das gelte eben auch für Frauen: „Egal ob Mann oder Frau, jeder ist ein potenzieller Buddha.“

Dass auch Buddha geschlechtslos zu denken ist, das hat die Tagung immer wieder hervorgehoben. Der Zustand der Erleuchtung ist eine Transzendenz oder Absolutheit, die auch übergegensätzlich ist; für Buddhisten gilt, dass Buddha weder Mann noch Frau ist, noch beides nicht. Auch die Differenz selbst spielt im Zustand der Erleuchtung keine Rolle mehr und wird überwunden. Der Geschlechterlosigkeit Buddhas entsprechen auch die vielen Darstellungen von Statuen, die feminine Züge haben können oder bei denen sogar Frauen Modell gestanden haben. Diese Sicht der Geschlechter hat auch Folgen für die Ordination, denn buddhistische Priesterinnen gibt es schon seit der Frühzeit des Buddhismus.

Roloff berichtete eine „humorvolle“ Geschichte einer Sutra, in der einer der Hauptschüler Buddhas, Sariputra, der noch am Geschlechtsunterschied festgehalten habe, einer Göttin begegnet und in einen Disput gerät. Roloff erzählt, wie sich während des Dialogs die „Göttin in sich selbst in Sariputra verwandelt und Sariputra in sich selbst, in die Göttin. Nun steht er da, in weiblicher Gestalt. Doch so wie Sariputra in seiner Verwandlung nicht wirklich Frau ist, sind Frauen nicht wirklich weiblich. Letztlich gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Nachdem die Göttin Sariputra zurückverwandelt hat, – er selbst schafft dies nicht –, erkennt er, dass die weibliche Gestalt und ihre charakteristischen Merkmale weder existent noch nicht existent sind. Alles, was existiert, existiert nur in Abhängigkeit von Ursachen, Wirkungen und Benennungen. Letztlich ist jede Erscheinung, jedes Phänomen, sunya, leer von eigenständiger, inhärenter Existenz.“

Roloff zieht nun eine deutliche Parallele zum „dekonstruktiven Gender-Ansatz: Mann oder Frau sind – zumindest letztlich – nur eine Benennung“. Dieses Verständnis der Geschlechtlichkeit beschränkt sich also keineswegs auf die Buddhanatur, sondern bezieht sich ebenso auf alle Menschen. Der Grund dafür liegt in der buddhistischen Vorstellung von der Substanzlosigkeit aller Phänomene, was ein entschiedener Unterschied zum Christentum bedeutet, wo sich ja gerade von Aristoteles her der Substanzgedanke in der Ontologie zu einem Kern der christlichen Lehre entwickelt hat. Im frühen Buddhismus gehörten nach Roloff zur Charakterisierung Buddhas die „32 Merkmale des großen Mannes“, darunter ein „von einer Hautfalte umschlossenes männliches Geschlechtsorgan“, wonach es in einer frühen Lehrrede geheißen habe, nur ein männlicher Buddha könne vollkommen erleuchtet werden. Im heutigen tibetischen Buddhismus gehe man jedoch davon aus, dass auch Frauen alle 32 Merkmale besitzen, darunter auch das „Geschlechtsmerkmal eines Mannes“. Man könnte hinzufügen, dass im Westen auch bei dem Psychoanalytiker Jacques Lacan, der die Postmoderne wesentlich beeinflusst hat, die Frau einen Phallus besitzt, womit sich Lacan von seinem Lehrer Freud unterscheiden wollte. Die Auflösung der Geschlechter kommt also, sei es durch den Buddhismus oder die Postmoderne („Ich bin eine Anderer“), durch die Infragestellung des Substanzdenkens der abendländischen Ontologie, oder wie im Fall des Buddhismus, des Substanzdenkens im Brahmanismus. Buddha selbst hatte Mahaprajapati, die zusammen mit 500 anderen Bittstellerinnen zu ihm kam, gemeinsam die höchste Weihe und damit die volle Ordination gegeben. Sie konnten wie Mönche als spirituelle Lehrerinnen und Ritualleiterinnen fungieren. Roloff sieht Mahaprajapati als erste buddhistische Feministin, die eingefordert habe, dass es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau gebe. Roloff bewertete Buddha jedoch nicht als Sozialreformer im heutigen Sinn; es sei ihm vorrangig um die „Befreiung aus dem Daseinskreislauf“ gegangen und um die Loslösung von weltlichen Anhaftungen, die aber, so muss wohl gesagt werden, direkt in die Geschlechterauflösung führt. Sie hob jedoch hervor, dass buddhistische Frauen seit den 70er Jahren versuchen, sich die Rechte als befreite Frauen zurückzuerobern, nachdem sich im institutionalisierten Buddhismus über die Jahrhunderte eher die Männer in den Vordergrund gebracht hätten.

Dass aber Frauen eine Vorrangrolle im Buddhismus spielen sollten, lehnten alle Referenten ab, weil dadurch „wieder neue Machtverhältnisse entstehen würden“. Auch die Vergangenheit des Buddhismus in Europa war männlich. Darauf hat in ihrem Vortrag Vajramala S. Thielow hingewiesen, die die persönliche Schülerin des deutschstämmigen buddhistischen Gelehrten Lama Anagarika Govinda war und der sie 1984 zu seiner Dharma-Erbin berief. Seit damals leitet sie ein Studien- und Meditationszentrum in Überlingen. In der deutschen Geschichte des Buddhismus sieht sie Frauen eher im Hintergrund ihrer Meister, als Ehefrauen, weibliche Unterstützer, Sponsoren oder die Manuskripte redigiert haben. Thielow zitierte die Aussage von Padmasambhava, der den tantrischen Buddhismus nach Tibet gebracht habe, dass Frauen das höhere Potenzial besitzen, wenn es um die Verwirklichung von Weisheit und Erleuchtung gehe. Vor allem das speziell Weibliche betonte Thielow, um eine weibliche Eigenart der Religiosität zu verdeutlichen. Frauen haben nach ihrer Meinung wenig Interesse an Institutionalisierungen, aber auch nicht an Dokumentationen oder Konsolidierungen. Darauf führt sie es zurück, dass die Spuren buddhistischer Meisterinnen fast verschwunden sind und die Darstellungen ihrer Lehren von ihren männlichen Schülern überdeckt seien, die ihre Lehrnachfolge häufig unter ihrem eigenen Namen angetreten haben. Wie ein roter Faden ziehe es sich durch die buddhistische Geschichte Indiens und Tibets, dass Frauen nie eine eigene Schulrichtung begründet hätten, sondern nur „Praxis-Traditionen“, wie etwa Fastenrituale. Das unterscheide sie von männlichen Schülern, die große Kraft in Institutionalisierungen und das Aufrechterhalten von Hierarchien und eines Verhaltenskodexes gelegt hätten.

Auch heute gebe es viele Lehrerinnen in Ost und West. Im Hinblick auf den Geschlechterunterschied zitierte Thielow die englische Nonne Tenzin Palmo, die nach zwölf Jahren des Rückzugs zur Meditation in eine Höhle ein tibetisches Nonnenkloster gegründet habe: „Die wahre Natur unseres Geistes, Weisheit und Mitgefühl haben kein Geschlecht. Aus der absoluten Sicht gibt es weder männlich noch weiblich. Aber der Buddhismus hat sich wie jede andere Religion sehr patriarchal entwickelt. Um ehrlich zu sein: Wenn der Dalai Lama in weiblicher Gestalt zurückkehren würde, würde man ihn nicht akzeptieren.“ Die Mönche würden ihn einfach ignorieren. Dennoch sieht Thielow in den Frauen die Hoffnung, Hierarchien in den Religionen beseitigen zu können, was schon damit beginne, dass Frauen lieber im Kreis als im Frontalunterricht lehren. Die Vollordination von Frauen hält sie für unbedingt wichtig. Dabei sind die asiatischen Frauen noch im Nachteil, weil sie weniger gut ausgebildet sind als diejenigen in Europa, die mit einem Hochschulstudium bessere Voraussetzungen für das Studium des Buddhismus mitbringen. Die Gleichstellung mit den Mönchen werde sich daher im Westen leichter vollziehen, sodass die Frauen nicht mehr zusätzliche Prüfungen und Bedingungen vorweisen müssen.

So dient Buddhas weibliche Seite letztlich auch der gesellschaftlichen Veränderung. Die Buddhismusforscherin Shelley Anderson schrieb dazu in „Feminismus, Buddhismus und gesellschaftlicher Wandel“: „Buddhismus und Feminismus sind häufig zwei Seiten ein und derselben Münze. Beide streben Befreiung und Veränderung an... Beide verlangen eine radikale Neubetrachtung der Individuen und der Gesellschaft sowie Respekt vor der wahren Natur der Dinge.“

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