Angeklagt: Die Krankheit

Der skeptische Philosoph Odo Marquard hat einmal eine geistreiche Wendung formuliert: Weil es für die Menschen der Moderne keinen Gott mehr gibt, sie aber gleichwohl weiterhin Übel jedweder Art bedrängen, können sie diesen Gott dafür auch nicht mehr verantwortlich machen. Sie müssen einen neuen Kandidaten auf die Anklagebank setzen: den Menschen selbst. So ist in der Moderne der Mensch des Menschen Ankläger in Sachen Leid geworden. Eine eigene Pointe des sogenannten Theodizee-Problems.

Der Philosoph wollte mit diesem Bonmot verständlich machen, warum Menschenverachtung, Tugendterror sowie die Tötung als andersartig und andersdenkend markierter Menschen ein kennzeichnendes Merkmal – und beileibe keine bloße bedauerliche Nebenerscheinung – aller politischen Befreiungsbewegungen von der Französischen Revolution des 18. Jahrhunderts bis zu den kommunistischen und faschistischen Utopien des 20. Jahrhunderts geworden sind: Es muss menschliche Schuldige und Sündenböcke geben, wenn es keinen Gott mehr gibt, und dennoch das irdische Paradies auf sich warten lässt.

Das alles erklärt aber weit mehr als die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts. Es erhellt auch die Gründe erschreckender Phänomene des gegenwärtigen Alltags. Offenbar wird dies daran, wie heute die Politik und die Menschen privat und öffentlich das Thema Krankheit verhandeln und welche Folgen das für die Menschen hat – dabei spielen nämlich die von Marquard gebrauchten Kategorien von Anklage, Prozess und Verurteilung eine wichtige Rolle.

Denn auch heute sitzen Kranke deshalb auf der Anklagebank ihrer Mitmenschen, weil sich das Leid nicht aus der Welt schaffen lässt und dies für den säkularen Modernen ein Ärgernis bleibt, für dessen Erklärung aber Gott oder das Schicksal ausfallen. Wer erkrankt, muss selber schuld sein, weil er nicht gesund genug gelebt und genügend vorgesorgt hat, heißt es gemeinhin. Diese Mentalität wird gefördert beispielsweise von staatlichen gesundheitspolitischen Präventionsprogrammen, die im Einzelnen sinnvoll sein mögen; in ihrer Gesamtheit aber schieben sie dem Kranken die Beweislast dafür zu, dass er beispielsweise durch die Krankheit keine Nachteile an seinem Arbeitsplatz erleiden darf und warum er die von allen finanzierten Leistungen der Krankenkassen in Anspruch nehmen können soll. Weil dem Kranksein heute das Stigma der persönlichen Verschuldung und Verstrickung anhaftet, sind die Kranken zudem gezwungen, ihr Leid so weit als möglich zu verstecken. Diese Beweislastumkehr, wonach nicht mehr die Gemeinschaft rechtfertigen muss, warum sie Kranken ihre Solidarität verweigert, sondern zuerst der Kranke belegen muss, dass er diese Solidarität verdient, ist philosophisch betrachtet eben mit eine Folge des Umstands, dass nicht mehr Gott, sondern der Mensch Ankläger und Angeklagter zugleich im weltgeschichtlichen Theodizee-Prozess geworden ist.

Wer die Gegenwart in diesem Licht sieht, der liest die aktuellen Anwürfe gegen Tilman Jens beispielsweise, der das Recht seines berühmten Vaters auf ein Leben in Demenz verteidigt, anders. Der ist umso verbitterter über Unternehmen, die alle Daten zu tatsächlichen oder möglichen Erkrankungen ihrer Mitarbeiter sammeln. Und der schüttelt umso mehr den Kopf darüber, wieviel Anklage und Selbstanklage der säkularen Moderne mit Blick auf das Thema Krankheit in der Debatte um Thüringens Ministerpräsidenten Dieter Althaus mitschwingen. Und der wird auch in dem verzweifelten öffentlichen Mühen des Regisseurs Christoph Schlingensief, die Schuldfrage für seine Krebserkrankung öffentlich mit theatralischen Mitteln zu erörtern, nur einen weiteren Beweis für die moderne Pervertierung des Gesundheitsbegriffes lesen können.

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