Altarbild im Breitwandformat

Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum widmet einem vergessenen Meisterwerk eine Ausstellung. Von Constantin von Hoensbroech
Foto: hoens | Die – mutmaßliche – Sonntagsseite des Retabels.
Foto: hoens | Die – mutmaßliche – Sonntagsseite des Retabels.

Wer die Darstellung des zwölfjährigen Jesus im Tempel betrachtet, kann sich wahrhaft bildlich in die Situation hineinhören: so frisch wirken die Farben, so lebendig die Szenerie mit dem gestikulierenden Schriftgelehrten im Vordergrund und dem so zurückhaltend und doch das Bild bestimmenden in der Mitte sitzenden jugendlichen Jesus. Auch die Tafel daneben, die den Kindermord zu Betlehem zeigt, wirkt ungemein plastisch und gegenwärtig. Fast scheint das Schreien der verzweifelten Mütter hörbar, die ihre Babys vor den Schwerthieben der Soldaten bergen. Ähnlich authentisch sind die Darstellungen der Verkündigung Mariens sowie die daneben gezeigte Begegnung Marias mit Elisabeth: Im Vordergrund sind die beiden in freundschaftlicher und respektvoller Begegnung einander zugetanen jungen Frauen zu sehen, im Hintergrund gackern einige Hühner, der laue Wind fährt sachte durch die reich belaubten Bäume, sanft hebt die hügelige Landschaft an und verschmilzt am Horizont mit dem blauen Himmel.

Dies sind nur kleinere Tafeln, dennoch detailreich und mit viel Aufwand gestaltet, die solche Begebenheiten erzählen. Noch beeindruckender ist die Wirkung der übermannshohen Bilder, die an der Museumswand aneinandergereiht eine grandiose Wirkung entfalten. Sie ziehen die Betrachter aufgrund ihrer Opulenz und meisterhaften Ausführung einerseits, aber auch und gerade wegen der so ungemein wirkungsvollen Vergegenwärtigung von Darstellungen aus dem öffentlichen Wirken Jesu andererseits in ihren Bann.

Diese Szenen aus dem Neuen Testament sind und bleiben unvergessen, und sie gehören nicht nur für bibelfeste Christen, sondern auch für Kunstkenner und -liebhaber vielfach zur allgemein bekannten Ikonografie künstlerischen Schaffens. Vergessen ist jedoch die Art und Weise, in welchem Zusammenhang die eingangs geschilderten Motive und weitere vor rund 500 Jahren präsentiert worden sind. Es handelt sich nämlich um das seinerzeit größte Altarretabel, das es je in Köln gegeben hat. Das grandiose Meisterwerk muss im Originalzustand mit einer Spannweite von sieben Metern und einer Höhe von fünf Metern sowie seinen ausgeklügelten mehrfach aufklappbaren und auf diese Weise variablen Bildstrecken wie eine cineastisch anmutende Bibelstunde im Breitbandformat gewirkt haben. Auch wenn der farbenprächtige mittelalterliche Film, um bei diesem Bild zu bleiben, den das Wallraf-Richartz-Museum in Köln aktuell zeigt, nur unvollständig wieder zusammengesetzt worden konnte. Das ist auch keine Überraschung, denn mehr als die Hälfte des Altaraufsatzes, den die Kölner Kreuzbrüder um 1515 in Antwerpen für ihre Kirche in Auftrag gegeben hatten, wurde mit der unter Napoleon in Köln wütenden französischen Säkularisierung im Jahr 1802 in Einzelteile zersägt, eingelagert oder verschleudert, später zerstört, beschädigt, verschollen. Die große Überraschung ist aber, dass das Wallraf-Richartz-Museum die Zusammenhänge rund um „Ein vergessenes Meisterwerk – Das Antwerpener Altarbild der Kölner Kreuzbrüder“ derart überzeugend rekonstruiert, dass nun eben ein einzigartiges Fragment im Mittelpunkt einer Ausstellung steht – Ergebnis von intensiven, zum Teil detektivischen Forschungsarbeiten der vergangenen zwanzig Jahre.

Neben acht Gemälden, die nach der Zerstörung des Retabels in Köln geblieben sind und im Depot des Museums lagerten, bleiben für verloren gegangene Bilder oftmals nur graue Flächen an der Wand. Doch das, was vorhanden ist und zum Teil auch während der Forschungsarbeiten restauriert worden ist, zeigt sich derart sehenswert, dass sich viele Besucher herausgefordert fühlen dürften, selbst die Zusammenhänge zwischen Vorhandenem und Verschollenem nachzuverfolgen – oder durch eine Spende dazu beizutragen, die langwierigen Arbeiten zu unterstützen, um weitere vorhandene Bilder von vergilbter Firnis zu befreien.

Zu den Zusammenhängen, die die Ausstellung aufzeigt, gehört Wissenswertes über den Orden der Kreuzbrüder, aber auch über die Tradition und das beeindruckende wirtschaftliche Denken und Handeln der Antwerpener Maler sowie zum Forschungsprojekt insgesamt. Spannend ist beispielsweise auch die ungeklärte Frage, inwieweit die Antwerpener in Konkurrenz zu ihren Kölner Kollegen standen, die mit so prominenten Handwerkern wie Stefan Lochner Anfang des 16. Jahrhunderts gerade mal einen Steinwurf vom Kloster der Kreuzbrüder entfernt waren. Höchst unterhaltsam und aufschlussreich ist es darüber hinaus zu erfahren, auf welche Weise und mit welcher Chuzpe die Antwerpener Maler sich bei Albrecht Dürer bedienten. Derartige Copyrightverletzungen würden heutzutage vielfach die Gerichte beschäftigen.

Wie beim Puzzle werden die Einzelteile zusammengesetzt

Wie bei einem gigantischen Puzzle werden die identifizierten Gemälde und Skulpturen – sie waren in einem Setzkasten im Mittelteil eingesetzt – gemeinsam mit Stellvertreterfotos von verschollenen Fragmenten und dem rund einem Dutzend noch vorhandener Einzelteile zu einem großen Ganzen wieder zusammengesetzt. Das Monumentalbild wird wieder lebendig – nicht zuletzt durch ein wunderbares Holzmodell inmitten der Ausstellung, das die jeweiligen Variationen der Altarbilder veranschaulicht.

Die üppigen theologischen Bilderstrecken, die im Alltag, zu Sonntagen sowie zu Feiertagen bewegt worden sind, werden in der Ausstellung bewusst oder zumindest erahnbar und vor allem auch sinnlich nachvollziehbar. Schließlich war es wohl nicht zuletzt durch die hohe künstlerische und ästhetische Ausführung der Bilder und Holzskulpturen beabsichtigt, die Betrachter zu beeindrucken und in ihrem Glauben demütig zu bestärken.

Information: „Ein vergessenes Meisterwerk – Das Antwerpener Altarbild der Kölner Kreuzbrüder“; bis 12. Juni 2016, Köln Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Courbod; Dienstags bis Sonntags: 10.00 bis 18.00 Uhr.

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