Als Mann und Frau schuf er sie

Wege zu einer geglückten Identität in einer vom Genderismus geprägten Gesellschaft. Von Roberta Wallmann
Erste Cranach-Ausstellung in Frankreich
Foto: dpa | Als Mann und Frau schuf er sie: So sah Lucas Cranach der Ältere Adam und Eva, die Ureltern der Menschheit.

Nicole, 35 Jahre, ist verheiratet und hat drei kleine Kinder. Und dann ist da Thomas, 40 Jahre. Aber Nicole verbindet mit Thomas eine tragische Geschichte: Ihr Vater, jetzt 68 Jahre alt, hat ihre Mutter und die Familie verlassen, als sie selbst noch ein Kind war, und eine homosexuelle Partnerschaft mit Thomas begonnen. Für Nicole ist ihr Vater seitdem sehr distanziert, bei ihren seltenen Besuchen kann sie besser mit Thomas reden als mit ihrem Vater. „Für die Kinder ist es besonders bitter – der Opa kümmert sich kaum um sie und für mich es ist schwierig, ihnen die Situation zu erklären.“ In der Tat, wie kann man Kindern erklären, dass ein Mann auf einmal nicht mehr seine Frau, sondern einen Mann liebt, von dem er zudem noch durch eine Generation altersmäßig unterschieden ist? Oder die Tatsache, dass der nette Nachbar auf einmal eine Frau sein will und sich auch so anreden lässt? Und gleichzeitig diesen Kindern das große Geschenk der Sexualität, der Liebe, der Ehe und dann auch noch der sakramentalen Würde einer Ehe nahebringen – kurz, alles, was sie brauchen, um eine erfüllte sexuelle Identität zu entwickeln?

Familien, ganz besonders die jungen, stehen heute unter einem großen Druck. Das „Alles ist möglich“ im Bereich der Beziehungen, dazu die öffentliche Meinung und die neuen Gesetze machen ihnen das normale Erziehungsleben schwer. Wie soll man reagieren, wenn Frau Merkel ganz selbstverständlich vom „Witwer von Herrn Westerwelle“ oder die Nachbarin von der „Frau von Frau Müller“ spricht, wenn Jugendliche aufgefordert werden, zwischen „drei Geschlechtern“ zu wählen, wenn ein Freund im Kindergarten bei zwei Papas aufwächst? In manchen Medien werden Christen, die Homosexualität und Intersexualität zwar tolerieren, aber nicht als gleichwertig akzeptieren und als wünschenswert erachten, in die rechte Ecke gerückt, so als ob sie von irrationalen Ängsten besetzt seien. Dabei ist es in der Biologie selbstverständlich, dass die Säugetiere in zwei Formen daherkommen, die zusammen eine Gattung ausmachen, was das Fachwort „Dimorphismus“ ausdrückt. Was in der Naturwissenschaft unumstritten ist, wird in der gegenderten Sozialwissenschaft als genderfeindliche Ideologie diffamiert.

Auf der anderen Seite steht das reiche, leibfreundliche und realitätskonforme katholische Menschenbild: „Gott schuf den Menschen also als sein Abbild, als Mann und Frau schuf er ihn…“ Durch die ganze Bibel zieht sich das dimorphe Bild des Menschen. Die Liebe zwischen Gott und dem Menschen wird im Gleichnis des leidenschaftlichen Hohenliedes besungen, Paulus erklärt die Ehe zwischen Mann und Frau zum Abbild der Treue Jesu zu seiner Kirche und beschreibt sie als ein großes Geheimnis. Im katholischen Glauben wird ein Sakrament aus dem Aufeinander-Verwiesensein der beiden Geschlechter.

Die Probleme sind für kleine und große Kinder nicht einfach zu verkraften. So wird in der vom Bundesverfassungsgericht vorgegebenen Pflicht, auf Personalausweisen und im Melderegister ein Geschlecht anzugeben, nicht zwischen Personen unterschieden, die genetisch oder anatomisch zwischen männlicher und weiblicher Identität angesiedelt sind (also Intersexuelle, Menschen, die biologisch gesehen unter einer Störung ihrer sexuellen Identität leiden) und zwischen Menschen, die der Überzeugung sind, dass sie eigentlich dem anderen Geschlecht zugehören, obwohl sie biologisch eindeutig ein Mann oder eine Frau sind (Transgender). Und das, obwohl diese beiden Möglichkeiten äußerst unterschiedlich sind. Bei Ersteren ist eine sehr sensible medizinische und psychologische Begleitung gefragt, die im Idealfall zu einer möglichst guten sexuellen Identität führen sollte. Wahrscheinlich ist dabei ein hoher Grad von Verschwiegenheit hilfreich, der die Intimsphäre der Betroffenen achtet – also ein Thema für die ärztliche Sprechstunde, aber kein Thema für die Öffentlichkeit. Bei der zweiten Gruppe dagegen ist zu fragen, ob das Beharren auf der Einstellung, etwas zu sein, was man nicht ist, nicht die Quadratur des Kreises darstellt, da die gesunden XX- oder XY-Chromosomen in jeder Zelle auf jeden Fall egal bei welcher Maßnahme bestehen bleiben. Hier ist eine empathische und genaue psychologische Begleitung angesagt mit dem Ziel, die Betroffenen zu einer eigenen Würde und evidenten sexuellen Identität zu begleiten.

Zwischen Windeln wechseln, Nasen putzen, Kindergeburtstagen vorbereiten und Ordnung schaffen sind junge Eltern gefordert, altersgemäß den Kindern den Spagat zu vermitteln zwischen Nächstenliebe für alle Menschen, egal wie sie zu den Reizthemen stehen, die die Gesellschaft im Moment umtreiben, und der Verantwortung, ihren Kindern ein christliches Menschenbild weiterzugeben, das ihnen die Chance auf ein glückliches Erwachsenenleben und die Annahme ihrer Identität als Geschöpf und damit als Mann oder als Frau gibt. Da ist keine neutrale, wertfreie Erziehung möglich. Zwischen den Zwängen des Gender Mainstreaming einerseits und der frohen und freiheitlichen Zustimmung zu der Identität der anvertrauten Kinder und Jugendlichen stehen die Eltern als verantwortliche Erzieher. Dabei ist die Jugendzeit alles andere als ein kontinuierliches Wachstum, sondern gekennzeichnet von Sprüngen, Entwicklungsschüben, Krisen und Sich-Ausprobieren auf vielen Feldern. Die homo-erotische Entwicklungsstufe etwa will durchlebt und hinter sich gelassen werden. Wenn kleine Mädchen große Mädchen anhimmeln und kleine Jungs große Jungs verehren, dann ist das eben kein Zeichen für eine „sich verändernde sexuelle Orientierung“, sondern die Frage: „Was ist an der oder dem Größeren so wertvoll und anziehend, dass ich diesen Menschen als Vorbild für meine eigene Identität so schätze?“. Lernen am Beispiel sozusagen. Eine solche Entwicklungsphase zu zementieren, indem man Jugendliche dann mal schnell zu einem „Outing“ ermutigt, ist verheerend. Oder wenn Kinder bereits vor der Pubertät auf das andere Geschlecht festgelegt werden – und sei es mit geschlechtsumwandelnden Hormongaben oder Operationen, deren Zahl in den USA in jüngster Zeit sprunghaft angestiegen ist –, dann hat das zur Folge, dass neben den immensen seelischen Schäden Organe lebenslang und unwiderruflich beschädigt oder beseitigt wurden und ein Leben als normaler Mann oder normale Frau damit nicht mehr möglich sein wird. Eine Phase wird auf ein ganzes Menschenleben ausgeweitet, ohne Umkehrmöglichkeit.

Kinder und Jugendliche benötigen einen Schutzraum, in dem sich ihre Persönlichkeit bilden kann. Gerade im Bereich der Sexualität sind sie, wie jeder verantwortliche Erzieher und Lehrer bestätigen wird, sehr sensibel und verletzbar. Mit welchem Vokabular der Aufklärungsunterricht in der Schule stattfindet, welche Medien benutzt werden und welche nicht, ist entscheidend für die Atmosphäre dieser Stunden und prägend für die Gedanken der Kinder über einen längeren Zeitraum. Eltern sollten sich einmischen und wann immer sie eine Möglichkeit haben, mit den Verantwortlichen ins Gespräch kommen. Ganz oft, so die Erfahrung vieler Eltern, freuen sich die Erzieher und Lehrer über das Interesse und das Engagement der Eltern. Dabei können Eltern sich auf Papst Franziskus berufen, der in „Amoris laetitia“ einen ganzen Abschnitt der Abwehr der Gender-Ideologie gewidmet hat, um das Fazit zu ziehen: „Die Schöpfung geht uns voraus und muss als Geschenk empfangen werden. Zugleich sind wir berufen, unser Menschsein zu behüten, und das bedeutet vor allem, es so zu akzeptieren und zu respektieren, wie es erschaffen worden ist.“ (AL 56). Oder mit den genialen Worten von Papst Benedikt vor dem Deutschen Bundestag: „Der Mensch macht sich nicht selbst… Sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“ Christian Morgenstern hätte ihm wohl lebhaft zugestimmt – von ihm stammt das Bonmot: „Und der ist nicht frei, der da will tun können, was er will, sondern der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll.“ Romano Guardini, der große Religionsphilosoph, verfasste vor 57 Jahren den Essay „Die Annahme seiner selbst“, bei dem die Überschrift zum Programm für ein ganzes Menschenleben wird, auch und gerade in der Annahme seiner selbst als Mann oder als Frau. Mozart lässt Papageno und Papagena singen: „Mann und Frau, Frau und Mann reichen an die Gottheit an.“

Den Kindern und Jugendlichen Freude an ihrer Identität zu vermitteln, wie geht das? Wenn die Eltern Freude über ihre Unterschiedlichkeit ausstrahlen, wenn sie eine bejahende Haltung ihrem Ehepartner gegenüber leben, wenn sie Freude am Frau- oder Mannsein des Anderen haben. Wenn sie sich das Staunen über das Ganz-Anders-Sein des Anderen bewahren können und die Sehnsucht, mit dem Partner gemeinsam ein größeres Ganzes sein zu wollen. Verschiedenartig, nicht austauschbar. Wenn sie das Wachstum ihrer Mädchen und Jungen wahrnehmen, im Gespräch bleiben, ermutigen, Perspektiven aufzeigen. Ein schönes Kleid für ein heranwachsendes Mädchen, ein cooler Anzug für einen Jungen sind keine wertlosen Ausgaben. Fähigkeiten entdecken und fördern ebenfalls nicht – übrigens unabhängig von Geschlechterklischees, die niemand zementieren sollte. Vorbild sein im Respekt vor dem anderen Geschlecht. Die eigene Familie, die Ehe, wertschätzen. Feiern. Vielleicht auch mal mit Menschen, die wenig Zugang zum Glauben haben. Um wieder Papst em. Benedikt zu zitieren: „Die Ehe ist an sich ein Evangelium, eine Frohe Botschaft für die Welt von heute und besonders für die entchristlichte Welt.“

Eine Erziehung, die dies versucht, kann durchaus ermüdend sein und fordert viel Kraft. Eine Mutter erzählt: „Unsere Jugendlichen wollen endlos diskutieren. Immer wieder stellen sie uns auf die Probe und wollen wissen, was wir von den Dingen, die sie erzählen, halten. Da kann es hoch hergehen. Dem standhalten, gut argumentieren und authentisch Zeugnis geben, ist manchmal ganz schön schwierig. Aber dann bekommen wir mit, wie unsere Kinder ganz woanders genau diese Positionen vertreten. Ganz schön mutig!“ Die Kirche baut auf die Familien, denn die Familien sind mitten in der Gesellschaft und kommen an Stellen, an die die offiziellen Vertreter der Kirche nicht hinkommen. Papst Franziskus appelliert an alle Christen: „Als Christen dürfen wir nicht darauf verzichten, uns zugunsten der Ehe zu äußern, nur um dem heutigen Empfinden nicht zu widersprechen, um in Mode zu sein oder aus Minderwertigkeitsgefühlen angesichts des moralischen und menschlichen Niedergangs. Wir würden der Welt zentrale Werte vorenthalten, die wir beisteuern können und müssen.“ (AL35)

Das bedeutet auch, Zeugnis zu geben. Am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, im Kreis der Großfamilie zum christlichen Menschenbild zu stehen. Sich nicht in eine Ecke schieben zu lassen. Differenziert zu diskutieren, wo das geht. Eine kleine Bemerkung fallen zu lassen, wo das nicht geht. Aushalten, wo man nicht im Mainstream ist. Andersdenkende liebevoll und respektvoll behandeln. Und vor allem und immer wieder: Freude ausstrahlen, die von innen kommt. Das ist die Bedeutung des Wortes Evangelium: Frohe Botschaft.

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