Alle Augen richten sich auf den Heiligen Vater

Ein Blick in die Literaturgeschichte: Wie Goethe, Chateaubriand und Stendal die Karwoche im Vatikan erlebten. Von Ulrich Nersinger
Foto: IN | Papst Pius VI. während der Feierlichkeiten in der Karwoche.
Foto: IN | Papst Pius VI. während der Feierlichkeiten in der Karwoche.

Jahr für Jahr zieht es unzählige Scharen von Touristen und Pilgern zur Feier der Karwoche nach Rom. Das Privileg, die Heilige Woche mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche zu erleben, lockte schon im 18. und 19. Jahrhundert Gläubige ebenso wie Neugierige in die Ewige Stadt. Der Großteil der Liturgien fand damals in der Palastkapelle der Päpste, der Sixtina, statt. In den Aufzeichnungen über seine „Italienische Reise“ notierte Goethe unter dem Datum vom 1. März 1788: „Sonntags gingen wir in die Sixtinische Kapelle, wo der Papst mit den Kardinälen der Messe beiwohnte. Da die Letzteren wegen der Fastenzeit nicht rot, sondern violett gekleidet waren, gab es ein neues Schauspiel. Einige Tage vorher hatte ich Gemälde von Albrecht Dürer gesehen und freute mich, nun so etwas im Leben anzutreffen. Das Ganze zusammen war einzig groß und doch simpel, und ich wundere mich nicht, wenn Fremde, die eben in der Karwoche, wo alles zusammentrifft, hereinkommen, sich kaum fassen können.“

In der Heiligen Woche kam in der Cappella Sixtina bei den Trauermetten Gregorio Allegris berühmtes „Miserere“ zur Aufführung. Die Palastkapelle war von Kerzen erhellt. Im Altarraum befand sich ein großer Leuchter mit fünfzehn Kerzen. Wenn der Papst einzog, wurde mit dem Gesang der „Tenebrae“ begonnen. Zunächst erklang der erste Teil der Matutingebete, an deren Ende die erste Kerze gelöscht wurde. Dann folgte der zweite Teil mit den „Lamentationes“, den Klagen des Propheten Jeremia. Es schlossen sich die Laudes an mit dem choraliter rezitierten 50. Psalm, umrahmt von der Antiphon „Justificeris Domine“, und das „Benedictus“, der Gesang des Zacharias. In genau festgelegter Reihenfolge wurden die Kerzen in der Palastkapelle gelöscht, bis auf eine, die der Päpstliche Zeremonienmeister während der Wiederholung der zum „Benedictus“ gehörigen Antiphon „Traditor autem“ vom Leuchter nahm und löschte. Im fast dunklen Kirchenraum wurde die Antiphon „Christus factus est“ angestimmt. Dann folgte, nochmals und nun in Allegris Vertonung, der 50. Psalm „Miserere“, der kniend gebetet werden musste, nur die Kantoren standen. Am Schluss intonierte der Papst das Gebet „Respice quaesumus, Domine“, deren letzte Sätze er jedoch still betete. Der Zeremonienmeister klopfte nach der eingetretenen Stille laut mit den Händen auf eine Altarstufe oder ein eigens herbeigestelltes Holzbänkchen, worauf alle Anwesenden so viel Lärm wie möglich zu machen hatten, zumeist durch lautes Scharren mit den Füßen auf dem Boden. Erst mit dem Entzünden einer Kerze durch den Zeremonienmeister trat wieder Stille ein, die Anwesenden – einschließlich des Papstes – erhoben sich von den Knien und verließen die Kapelle.

Laurenz Lütteken merkt zu dem eindrucksvollen Geschehen in der Sixtina an: „Im entscheidenden letzten Moment der Zeremonie, der Bitte um das Erbarmen Gottes angesichts der Hinrichtung seines Sohnes, kippt die Einstimmigkeit gewissermaßen um in ihre Vervielfachung, also den homophonen Blocksatz des Falsobordone ... Und zuletzt, vor der endgültigen Stille, erhebt sich ein unkonturierter Lärm: Geräusch jenseits der Musik, in dem die hochmittelalterliche Vorstellung nachklingen mag, dass großer Lärm einen vollzogenen Sachverhalt bestätigt. Der Tod Christi wird also durch ein geräuschhaftes Tosen verdeutlicht, das ... in geradezu schockierendem Kontrast zur polyphonen Komposition Allegris steht.“

Selbst die kritischen, dem katholischen Glauben ambivalent oder ablehnend gegenüberstehenden Rombesucher des 18. Jahrhunderts sahen in einer solchen Zeremonie keinen bloßen „coup de théatre“; sie betrachteten sie durchaus noch als Etwas – ein Kunstwerk –, das im Dienst der Religion stand. Johann Wolfgang von Goethe fand die Liturgie der Trauermetten „undenkbar schön“, und Madame de Stael wurde bei ihr von einem „süßen, reinen Gefühl“ ergriffen; Chateaubriand schrieb an Frau von Récamier: „Ich beginne diesen Brief am Mittwochabend der Karwoche, soeben zurückgekehrt von der Sixtinischen Kapelle, wo ich beim Abendgottesdienst das Miserere habe singen hören. Ich erinnere mich, dass Sie einst mit mir über diese wunderbare Zeremonie gesprochen haben und deshalb war ich davon so erschüttert, wie selten in meinem Leben. Unvergleichlich ist dieses Licht, das nach und nach erstirbt, diese Schatten, die die Wunderwerke Michelangelos verhüllen, all diese auf den Knien liegenden Kardinäle und der Papst, hingestreckt zu Füßen des Altares. Jener himmlische Gesang vor Leid und Erbarmung, der sich in Intervallen aus der Nacht und aus der tiefen Stille erhebt: der Gedanke an einen Gott, der am Kreuze stirbt, um die Sünden und die Schwächen der Menschen zu sühnen! Rom und all seine Erinnerungen unter den Gewölben des Vatikans ... Ich liebe sogar jene Kerzen, deren gedämpftes Licht einen Faden weißen Rauches entweichen lässt: das Sinnbild eines plötzlich erloschenen Lebens. Rom ist geschaffen, alles zu vergessen, alles zu verachten, und ... zu sterben!“

In die Liste der Bewunderer der Karwoche am Päpstlichen Hof reihten sich Berühmtheiten wie Charles Dickens, der Comte d'Espinchal, Henry Beyle Stendhal und Taine bereitwillig ein. Aber es waren nicht nur die Trauermetten, die beeindruckten; die ganze Heilige Woche zog die Rombesucher in ihren Bann. Stendhal schrieb an einen seiner Freunde: „Die Zeremonien der Karwoche haben mich überwältigt. Man kann sich nicht erinnern jemals so viele Fremde in Rom gesehen zu haben.“

Der Graf d'Espinchal, der nach dem Sturm auf die Bastille aus Frankreich geflohen war und am Gründonnerstag den Segen des Papstes empfing, schwärmte: „Das war eine der schönsten und der erhebendsten Zeremonien, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Der große weite Platz von St. Peter und selbst die Straßen, die in ihm münden, waren dichtgefüllt von den Massen des Volkes. Unzählige Wagen waren rechts und links des Platzes in dichten Reihen aufgestellt. Im Hintergrunde hielt die prächtige leichte Kavallerie der päpstlichen Armee. Von Menschen dicht besetzt waren die Terrassen der majestätischen Kolonnaden, die der Genius eines Bernini geschaffen hat. Das Schauspiel war von einer Großartigkeit, für die es keine Worte gibt. Aus der zahllosen Menge des Volkes erhob sich ein gewaltiges Gemurmel, dessen tosendes Lärmen einen großen Eindruck machte. Kaum erschien aber Seine Heiligkeit und beugte sich von der Loggia hernieder, da wich jeder Lärm mit einem Male einer tiefergreifenden Stille. Aller Augen sind auf den Heiligen Vater gerichtet: aller Erwarten harrt dem heiligen Segen entgegen. Und wie der Segen mit weiter feierlicher Geste und lauter Stimme ausgesprochen wird, da donnern die Geschütze vom Kastell S. Angelo und wie ein Echo antworten ihnen die Batterien der Vorwerke von den Hügeln, die die Stadt umsäumen, während alle Glocken Roms feierlich das Fest einläuten. Dies alles zusammen gibt ein Erlebnis, wie man es gewaltiger, religiöser, großartiger sich nicht vorstellen kann.“

Zu besonderen Gelegenheiten und zu den Festen, an denen der Heilige Vater in eigener Person im Vatikan das Messopfer feierte und er der Stadt Rom und dem Erdkreis – „urbi et orbi“ – den Apostolischen Segen spendete, vernahm man bis zum Ende des alten Kirchenstaates (1870) von der Engelsburg den Salut der dortigen Geschütze; so am Gründonnerstag vierzig donnernde Kanonenschüsse. Am Karsamstag wurden zur Ankündigung des Osterfestes dreißig Salven abgeschossen. Zum Tagesanbruch des Auferstehungsfestes feuerten die Geschütze des Kastells vierzehn Salven aus ihren Rohren. Die Ostermesse mit dem Segen des Papstes begleiteten die Kanoniere des Artilleriekorps sogar mit fünfzig Schüssen.

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