All meine Bemühungen haben das Ziel, zu zeigen, wer Jesus wirklich ist

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. schreibt über Glaube und Vernunft, die historisch-kritische Exegese, die Macht des Bösen und die Leuchtspur des Glaubens
Foto: dpa | In seinem Brief kommt Benedikt XVI. auch auf seinen Dialog mit Jürgen Habermas zu sprechen und erinnert daran, dass es „eine Pathologie der Religion und – nicht minder gefährlich – eine Pathologie ...
Foto: dpa | In seinem Brief kommt Benedikt XVI. auch auf seinen Dialog mit Jürgen Habermas zu sprechen und erinnert daran, dass es „eine Pathologie der Religion und – nicht minder gefährlich – eine Pathologie ...

Wer ist jener Piergiorgio Odifreddi, der jetzt überraschend Post von Benedikt XVI. erhielt? Auf elf Seiten hat sich der emeritierte Papst mit den Thesen des Mathematikers auseinandergesetzt. Die Zeitung „La Repubblica“ hat Auszüge aus dem Brief veröffentlicht, die im Folgenden in einer eigenen Übersetzung abgedruckt sind. Im Mai 2011 war das Buch Odifreddis „Caro Papa, ti scrivo“ (Lieber Papst, ich schreibe Dir) in Italien erschienen. Und Benedikt schrieb zurück – ungefähr zu der Zeit, als Papst Franziskus dem Altvater des antiklerikalen Laizismus italienischer Prägung, Eugenio Scalfari, in einem offenen Brief auf zwei lange Editorials geantwortet hatte (siehe DT vom 14. September).

Auch Odifreddi ist ein Ungläubiger und macht aus seinem Atheismus keinen Hehl. Als Autor und im Fernsehen wirbt er für eine Naturreligion ohne Schöpfer und ohne ein Leben nach dem Tod. Um besser zu verstehen, auf wessen Geistes Kind sich der Papa emerito da eingelassen hat, sei hier das persönliche Credo von Odifreddi wiedergegeben, das er in seinem Buch von 2011 veröffentlicht hat: „Ich glaube an den einen Gott, die Natur, die allmächtige Mutter, Schöpfer des Himmels und der Erde, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge. Ich glaube an den einen Herrn, den Menschen, den eingeborenen Sohn der Natur, geboren von der Mutter am Ende aller Jahrhunderte: Natur von Natur, Materie aus Materie, wahre Natur aus wahrer Natur, hervorgebracht, nicht geschaffen, aus derselben Natur wie die Mutter. Ich glaube an den Geist, der Herr ist und dem Leben Bewusstsein gibt, und der aus der Mutter und dem Sohn hervorgeht, und mit der Mutter und mit dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, und der gesprochen hat durch die Propheten des Intellekts. Ich erwarte die Auflösung im Tod, aber kein anderes Leben in einer Welt, die nicht kommen wird.“ Um es etwas salopp zu sagen: Ein gefundenes Fressen für den Theologen und emeritierten Papst Benedikt, der kein Haar Odifreddis ungekrümmt lässt. gho

Sehr geehrter Herr Professor Odifreddi,

(…) ich möchte Ihnen danken, dass Sie versucht haben, sich ausführlich mit meinem Buch und folglich mit meinem Glauben auseinanderzusetzen; gerade das entspricht großteils dem, was ich mit meiner Ansprache an die Römische Kurie beim Weihnachtsempfang 2009 beabsichtigt habe. Ich muss mich auch für die aufrichtige Art und Weise bedanken, mit der Sie meinen Text behandelt und ehrlich versucht haben, ihm gerecht zu werden.

Mein Urteil über Ihr Buch in seiner Gesamtheit ist jedoch in sich eher divergent. Einige Teile habe ich mit Genuss und Gewinn gelesen. Bei anderen Teilen habe ich mich hingegen über eine gewisse Aggressivität sowie über die Unbesonnenheit der Argumentation gewundert. (…)

Mehrfach weisen Sie mich darauf hin, dass die Theologie nur phantasievolle Spekulation sei. Diesbezüglich wundere ich mich, dass Sie mein Buch dennoch einer so ausführlichen Diskussion für würdig halten. Erlauben Sie mir, diesbezüglich vier Punkte anzumerken:

1. Es ist richtig zu behaupten, dass „Wissenschaft“ im engsten Sinne des Wortes nur die Mathematik ist, wobei ich von Ihnen gelernt habe, dass man auch hier noch zwischen Arithmetik und Geometrie unterscheiden müsste. In allen Fachgebieten hat die Wissenschaftlichkeit immer – der Besonderheit ihres Gegenstands entsprechend – eine eigene Form. Das Wesentliche besteht darin, dass sie eine verifizierbare Methode anwendet, Willkür ausschließt und die Vernünftigkeit in den jeweiligen unterschiedlichen Modalitäten garantiert.

2. Sie müssten zumindest zugeben, dass die Theologie im historischen Bereich und im Bereich des philosophischen Denkens dauerhafte Ergebnisse hervorgebracht hat.

3. Eine wichtige Aufgabe der Theologie ist es, dafür zu sorgen, dass die Religion mit der Vernunft und die Vernunft mit der Religion verbunden bleibt. Beide sind von essenzieller Bedeutung für die Menschheit. In meinem Dialog mit Habermas habe ich gezeigt, dass es eine Pathologie der Religion und – nicht minder gefährlich – eine Pathologie der Vernunft gibt. Beide bedürfen einander, und sie in ständiger Verbindung zu halten, ist eine wichtige Aufgabe der Theologie.

4. Phantasievolle Spekulation findet sich im übrigen im Bereich vieler Wissenschaften. Was Sie hinsichtlich der Theorien über den Anfang und das Ende der Welt bei Heisenberg, Schrödinger usw. ausführen, würde ich als phantasievolle Spekulation im positiven Sinne bezeichnen: es sind Visionen und Vorhersagen, um zu einer wahren Erkenntnis zu gelangen, aber es sind eben nur Vorstellungen, mit deren Hilfe man versucht, sich der Wirklichkeit zu nähern. Phantasievolle Spekulation im großen Stil gibt es übrigens gerade auch innerhalb der Evolutionstheorie. Das egoistische Gen von Richard Dawkins ist ein klassisches Beispiel für phantasievolle Spekulation. Der große Jacques Monod hat Sätze geschrieben, die er selbst sicher nur als phantasievolle Spekulation in sein Werk eingefügt haben wird. Ich zitiere: „Das Erscheinen der Landwirbeltiere… rührt von der Tatsache her, dass ein urzeitlicher Fisch ,beschlossen‘ hat, die Erde zu erkunden, auf der er sich jedoch nicht zu bewegen vermochte, außer durch ungeschicktes Hopsen, wodurch er als Folge einer Verhaltensänderung den Selektionsdruck herbeiführte, dank dessen sich die kräftigen Gliedmaßen der Landwirbeltiere entwickeln sollten. Unter den Nachfahren dieses kühnen Entdeckers, dieses Magellans der Evolution, gibt es einige, die mit einer Geschwindigkeit von mehr als siebzig Stundenkilometern laufen können...“ (zitiert [und übersetzt] nach der italienischen Ausgabe „Il caso e la necessita“, Mailand 2001, S. 117 f.).

In allen bislang diskutierten Themenbereichen handelt es sich um einen ernsthaften Dialog, für den ich – wie ich schon wiederholt gesagt habe – dankbar bin. Die Dinge verhalten sich anders im Kapitel über die Priester sowie über die katholische Moral und noch einmal anders in den Kapiteln über Jesus. Bezüglich dessen, was Sie über den moralischen Missbrauch Minderjähriger durch Priester sagen, kann ich dies – wie Sie wissen – nur mit tiefer Bestürzung zur Kenntnis nehmen. Ich habe niemals versucht, diese Dinge zu verschleiern. Dass die Macht des Bösen bis zu diesem Punkt in die innere Welt des Glaubens eindringt, stellt für uns eine Qual dar, die wir auf der einen Seite auszuhalten haben, während wir auf der anderen Seite gleichzeitig alles tun müssen, was in unseren Möglichkeiten steht, damit sich Fälle dieser Art nicht wiederholen. Es ist nicht einmal ein Grund des Trostes, zu wissen, dass soziologischen Untersuchungen zufolge der Prozentsatz an Priestern, die dieser Verbrechen schuldig sind, nicht höher ist als der in anderen vergleichbaren Berufsgruppen. Auf alle Fälle sollte man diese Perversion nicht ostentativ so darstellen, als ob es sich dabei um einen besonderen Unflat des Katholizismus handeln würde.

Wenn man auch über das Böse in der Kirche nicht schweigen darf, so darf man jedoch ebenfalls die große Leuchtspur an Güte und Reinheit nicht verschweigen, die der christliche Glaube im Laufe der Jahrhunderte gezogen hat. Man muss an die großen und reinen Gestalten erinnern, die der Glaube hervorgebracht hat – von Benedikt von Nursia und seiner Schwester Scholastika über Franz und Klara von Assisi, Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz, zu den großen Heiligen der Nächstenliebe wie Vinzenz von Paul und Kamillus von Lellis bis zu Mutter Teresa von Kalkutta und den großen und edlen Gestalten im Turin des neunzehnten Jahrhunderts. Auch heute gilt, dass der Glaube viele Menschen zur selbstlosen Liebe, zum Dienst für die Mitmenschen, zur Aufrichtigkeit und zur Gerechtigkeit drängt (…).

„Was Sie über die Gestalt Jesus sagen, ist Ihres wissenschaftlichen Ranges nicht würdig“

Was Sie über die Gestalt Jesus sagen, ist Ihres wissenschaftlichen Ranges nicht würdig. Wenn Sie die Frage so stellen, als ob man über Jesus im Grunde nichts wisse und nichts über ihn als historische Gestalt nachweisbar wäre, dann kann ich Sie nur entschieden dazu einladen, sich vom historischen Standpunkt aus ein wenig kundiger zu machen. Dazu empfehle ich Ihnen vor allem die vier Bände, die Martin Hengel (Exeget der Evangelisch-Theologischen Fakultät Tübingen) gemeinsam mit Maria Schwemer herausgegeben hat: Sie sind ein hervorragendes Beispiel für historische Genauigkeit und weitreichende historische Information. Demgegenüber ist das, was Sie über Jesus sagen, unbesonnenes Gerede, das Sie nicht wiederholen sollten. Dass in der Exegese auch vieles von unzureichender Ernsthaftigkeit geschrieben wurde, ist leider eine unbestreitbare Tatsache. Das amerikanische Seminar über Jesus, das Sie auf Seite 105 ff. anführen, bestätigt nur nochmals das, was Albert Schweitzer in Bezug auf die Leben-Jesu-Forschung festgestellt hat, dass nämlich der sogenannte „historische Jesus“ zumeist die Vorstellungen der Autoren widerspiegelt. Diese misslungenen Formen historischer Arbeit beeinträchtigen jedoch in keiner Weise die Bedeutung ernsthafter historischer Forschung, die uns zu wahren und sicheren Erkenntnissen über die Verkündigung und die Gestalt Jesu geführt hat.

(…) Zudem muss ich entschieden Ihre Behauptung (S. 126) zurückweisen, ich hätte die historisch-kritische Exegese als ein Werkzeug des Antichristen dargestellt. Bei der Behandlung des Berichts über die Versuchungen Jesu habe ich lediglich die These von Soloviev wiederholt, derzufolge die historisch-kritische Exegese auch vom Antichristen angewendet werden kann – was eine unbestreitbare Tatsache ist. Gleichzeitig habe ich jedoch immer – und vor allem im Vorwort zum ersten Band meines Buches über Jesus von Nazareth – ganz klar deutlich gemacht, dass die historisch-kritische Exegese notwendig ist für einen Glauben, der keine Mythen mit historischen Bildern vorlegt, sondern wahre Geschichtlichkeit beansprucht und daher die historische Wirklichkeit seiner Aussagen auch auf wissenschaftliche Weise darstellen muss. Daher ist es auch nicht richtig, wenn Sie sagen, ich hätte mich nur für die Meta-Geschichte interessiert: ganz im Gegenteil. Alle meine Bemühungen haben das Ziel zu zeigen, dass der in den Evangelien beschriebene Jesus auch der wirkliche historische Jesus ist; dass es sich um Geschichte handelt, die sich tatsächlich ereignet hat (…).

Mit dem neunzehnten Kapitel Ihres Buches kommen wir zu den positiven Aspekten Ihres Dialogs mit meinem Denken zurück. (…) Auch wenn Ihre Auslegung von Joh 1,1 weit von dem entfernt ist, was der Evangelist sagen wollte, besteht immerhin eine Übereinstimmung, die wichtig ist. Wenn Sie jedoch Gott durch „die Natur“ ersetzen wollen, bleibt die Frage, wer oder was diese Natur ist.

„Meine Kritik an Ihrem Buch ist zum Teil hart. Doch Offenheit gehört zum Dialog; nur so kann die Erkenntnis wachsen“

An keiner Stelle wird sie von Ihnen definiert, und so erscheint sie wie eine irrationale Gottheit, die nichts erklärt. Ich möchte jedoch vor allem noch darauf hinweisen, dass in Ihrer Religion der Mathematik drei fundamentale Themen der menschlichen Existenz unberücksichtigt bleiben: die Freiheit, die Liebe und das Böse. Ich wundere mich, dass Sie die Freiheit – die doch der tragende Wert der Neuzeit war und ist – mit einem einzigen Hinweis abtun. Die Liebe kommt in Ihrem Buch nicht vor und auch über das Böse findet sich keinerlei Information. Was immer die Neurobiologie über die Freiheit sagt oder nicht sagt: im realen Drama unserer Geschichte ist sie als entscheidende Wirklichkeit präsent und zu berücksichtigen. Doch Ihre Religion der Mathematik weiß nichts über das Böse. Eine Religion, die diese fundamentalen Fragen übergeht, bleibt leer.

Sehr geehrter Herr Professor Odifreddi, meine Kritik an Ihrem Buch ist zum Teil hart. Doch Offenheit gehört zum Dialog; nur so kann die Erkenntnis wachsen. Sie waren sehr offen, und so werden sie akzeptieren, dass auch ich es bin. In jedem Fall bewerte ich jedoch die Tatsache als sehr positiv, dass Sie durch Ihre Auseinandersetzung mit meiner Einführung in das Christentum einen so offenen Dialog mit dem Glauben der katholischen Kirche gesucht haben und dass es trotz aller Gegensätze im Kernbereich nicht ganz und gar an Übereinstimmungen fehlt.

Mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen für Ihre Arbeit.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller

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