Würzburg

Achtsamkeit hat ihren Preis

Der Esoterik-Markt boomt. Vielen selbsternannten Gurus geht es allerdings weniger um Erleuchtung, als um die Teilhabe an einem Milliardengeschäft.
Yoga
Foto: dpa | Ein höheres Bewusstsein im Einklang mit sich selbst erlangen. Für viele Menschen ein erstrebenswertes Ziel.

Eine aschblonde Schönheit mit geschlossenen Augen und zartem, hingehauchten Lächeln. Der Hintergrund ist hellblau, das Logo „Time“ durch den Kopf halb verdeckt. „The Mindful Revolution“ lautet die Headline der Ausgabe vom 3. Februar 2014. Artikelschreiberin Kate Pickert, einfühlsame „Health-care“-Journalistin des Time-Magazins, ruft „Achtsamkeit“ als Königsweg der postmodernen Gesellschaft aus. Man spürt förmlich den Atem der Glückseligkeit im Nacken.

Die empfohlene „Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion“ (Mindfulness-Based Stress Reduction), kurz MBSR, geht auf ein Konzept von Jon Kabat-Zinn zurück. Der frühere Molekularbiologe entwickelte das auf Meditation und Hatha-Yoga basierende System Ende der 1970er, als sich die fernöstliche Esoterik durch die Popkultur inflationär ausbreitete. Natürlich hat so viel Achtsamkeit ihren Preis. Die Kursgebühren der MBSR-Ausbildung belaufen sich auf 3.790 Euro, die Kursgebühr für die Einübung auf 640 Euro. Beide Tarife gelten nur für Privatpersonen. Für Firmen oder Selbstständige sind die anfallenden Kosten höher. Nicht mit eingerechnet sind die Kosten für Unterbringung und Verpflegung.

Spätestens seit die Beatles 1967 in ihrem LSD-Lullaby „Strawberry Fields Forever“ „Nothing is real“ als oberste Leitlinie des New Age propagierten, ist Esoterik weltweit zum Mainstream geworden. Da passt ins Bild, dass Großkonzerne wie Google, SAP, RWE oder Apple ihren Mitarbeitern schon seit einiger Zeit „Achtsamkeitsseminare“ anbieten.

Die Esoterik breitet sich aus in Alltags- und Berufswelt

Die Offerten auf dem Esoterikmarkt sind breit gefächert. Schamanismus gehört ebenso dazu wie Okkultismus, Beschwörung von Baum- und anderen Geistern und Feminismus. Viele Strömungen haben ihren Ursprung in gnostischen und paganen Traditionen, wie im Wicca-Kult oder im okkulten Rosenkreuzertum, aber auch in der Mysterien-Psychologie Carl Gustav Jungs. Plakativ beworben wird ein „Spiritueller Tourismus“, dazu gehören „Ganzheitliche Kraftreisen“ oder Seminare, die dazu dienen, „blockierende Muster der Ahnen (zu) lösen“.

Reichen sich New Age und Faschismus die Hand? Ahnenkult betrieb schon Nazi-Esoteriker Heinrich Himmler. Von finsteren Mächten lassen sich New-Age-Apostel wie Kabat-Zinn oder Rebirthing-Guru Leonard Orr nicht beeindrucken. Längst gehört Esoterik zum Allgemeingut. „Positiv Thinking“ steuert den Alltag, garniert mit klimafreundlichen, veganen und radikal selbstzentrierten Sprechblasen. Yoga-Techniken werden schon in Kindergärten und Schulen vermittelt. Selbst der Hochleistungssport kommt, seit medizinische Tricks weitgehend ausgereizt sind, ohne Esoterik nicht aus. Mentaltrainer impfen Athleten Sätze wie „Ich schaffe das“ ein, die beim Wettkampf unaufhörlich als magische Formel abgespult werden.

Selbstmitleid heißt jetzt Selbstmitgefühl, Narzissmus Achtsamkeit. Du funktionierst noch immer nicht? Selber schuld. Arbeitslos geworden? Dann war die Selbstoptimierung suboptimal. Manchmal entsteht der Eindruck, es ginge bei dem gigantischen Eso-Trip nur darum, Menschen zu hedonistischen Kontraphobikern zu erziehen. „Fast alle Gurus, Rückführungsgruppenleiter, Heiler, Seher, Rutengänger und Feuerspringer sind die Hedgefondsmanager 2.0“, schrieb Sibylle Berg schon 2011 in ihrer Spiegel-Online-Kolumne.

Auch Ronald Purser, „Professor of Management“ an der „San Francisco State University“, warnt in seinem Buch „McMindfulness“ vor der bedenkenlosen Anwendung spiritualistischer Gaukelspiele. In die gleiche Kerbe schlägt David Forbes' Grundthese seines Buches „Mindfulness and its discontents“: die Achtsamkeitsindustrie stärke vor allem kapitalistische Bestrebungen. Kritik am Esoterik-Boom kommt nicht nur aus den USA.

Esoterik ist die Religion des radikalen Kapitalismus

Der deutsche Personalmanager Viktor Lau beklagte in einem Interview mit dem Internetportal „KarriereSPIEGEL“, es habe sich „eine unheilvolle Managementesoterik mit obskuren Angeboten ausgebreitet“. Lau warf in seinem „Schwarzbuch Personalentwicklung – Spinner in Nadelstreifen“ Personalmanagern vor, mit irrationalen und esoterischen Methoden zu arbeiten. Vor allem sei bedenklich, dass Esoterik-Coaches mit dubiosen Methoden den Mitarbeitern „religiös und spirituell zu Leibe rücken“, um ihre Arbeitskapazität zu steigern.

Eigentlich ein Paradoxon: In einer Gesellschaft, die versucht, alles mit Vernunft zu erklären, hat sich ein okkultes, völlig irrationales System ausgebreitet, das viele Bereiche des menschlichen Lebens manipuliert. In seiner weitsichtigen Enzyklika „Centesimus annus“ warnte Papst Paul II. bereits 1991 vor der Gefahr, dass „sich eine radikale kapitalistische Ideologie breitmacht“. Die New-Age Esoterik ist die Religion dieser Ideologie.

Doch gegen die inhumanen Anforderungen des Shareholdervalue-Kapitalismus hilft kein „Don't worry, be happy“-Mantra. Wie weit die Irreführung der New-Age-Apologeten schon gedrungen ist, verdeutlicht wahlweise ein aktueller Buchtitel: „Jesus und Buddha. Worte, die unser Herz erleuchten. Parallele Aussagen der zwei großen Weisheitslehrer der Menschheit“. Zeugt der Titel, der beim christlichen Kösel-Verlag erschienen ist, nicht schon vom dramatischen Verlust der christlichen Identität? Seien wir achtsam.

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