Abschied von den uralten Idealen

Albert von Schirnding erzählt in der unaufgeregten, verinnerlichten Freiheit eines alten Freiherrn Von Michael Stallknecht

Es war wohl kein Zufall, dass sich die öffentliche Debatte um innerkirchlichen wie außerkirchlichen, sexuellen wie nichtsexuellen Missbrauch ausschließlich mit Institutionen beschäftigte, die traditionell öffentlichen Augen entzogen sind. Welten, aus denen, wie viele klassische Romane zuvor, jetzt Albert von Schirnding erzählt: In unmittelbarer Nachkriegszeit gerät da der Ich-Erzähler, introvertierter Spross einer adligen Familie, unter den Einfluss des „Meisters“, der zwölf Jungen, in aristokratischem Habit und zu strenger Keuschheit verpflichtet, mit einem sehr elitären Programm für Körper und Geist zu „Aposteln“ seiner Lehre heranzieht. Allgemeiner Liebling des Internats ist der fünfzehnjährige Toni, Zimmernachbar des Ich-Erzählers, der als Knabensopran eine internationale Karriere macht. Aber nicht nur Toni muss zunehmend um seine Stimme fürchten – im Lauf des Buches werden alle Jungen erwachsen.

Männlichkeit, Keuschheit, Katholizismus, Philhellenismus, aristokratische Ideale, Autoritätsbewusstsein, Pubertät, Knabengesang, Wagner-Kult, nackte jugendliche Körper: Es ist, als habe von Schirnding in „Vorläufige Ankunft“ kein Reizthema auslassen wollen. Doch während der Niederschrift des Romans konnte er die Missbrauchsdebatte kaum ahnen. Wie er sein Thema angeht, legt jedoch nahe, dass sich in der Debatte weit Größeres spiegelte – das sich darum durchaus antizipieren ließ.

Der „Meister“ trägt viele Züge von Ernst Jünger

Etwa wenn von Schirnding maliziös schildert, wie schon in der Nachkriegszeit Knabenchöre unter Druck geraten: durch frustrierte Eltern, deren Kinder nicht Starsolisten geworden sind, durch Tageszeitungen, die sich als „höchstrichterliche moralische Instanz“ aufspielen, durch eine um Meinungsführerschaft bemühte Pädagogik, die Erziehung durchpsychologisieren will: „Falls die Vorwürfe zuträfen, sei der Tatbestand sowohl körperlicher wie seelischer Misshandlung Minderjähriger gegeben. ,Es besteht ein öffentliches Interesse an der restlosen Aufklärung der fraglichen Vorfälle. Sie darf nicht den kirchlichen Trägerorganen allein überlassen bleiben. Wir werden uns zu ihrem Anwalt machen.‘“ Dass der örtliche Domkapellmeister ziemlich hart hinlangen kann, heißt ausgerechnet Toni gut: „Endlich einer, der ohne den pädagogischen Zucker auskommt. Den nicht die Person, nur mein vokales Material interessiert, das er für seine künstlerische Arbeit einsetzt.“ Die Schönheit seiner Stimme gilt Toni als Gottesbeweis. Die flüchtige Gabe dem Schöpfer zurückzuschenken, das Individuellste an sich vorzuzeigen, gelingt nur durch Verzicht auf Individualismus. Am Ende des Buches erfüllt sich Tonis Karriere vor jenem Papst, der als Inbegriff des Asketen gilt: vor Pius XII. Der Junge und der Papst, sie nehmen Teil am selben Dienst.

Aber Albert von Schirnding schlägt sich nicht einfach auf Tonis Seite, schreibt seinem alteuropäischen Kosmos keine Apotheose. „Vorläufige Ankunft“ zeigt vielmehr den langsamen Zerfall der geschlossenen Welten. Wie Mehltau hat sich die Erbschuld des Nationalsozialismus über die traditionellen Institutionen gelegt, nichts, auch nicht die Kunst, darf nunmehr als unpolitisch gelten. Ausgerechnet David, der Jude, den der Meister aus der Hand der Nazis gerettet hatte, wird zum Judas, „verrät“ den Meister für die geschlechtliche Liebe zu einer Frau. Hat der Meister Recht, wenn er als echt konservativer Kulturpessimist lehrt, dass Europa keine Vergangenheit und damit auch keine Zukunft mehr habe, der Mensch keinen Tod mehr und damit auch kein Leben, dass das Ende aller Geschichte gekommen und nichts übrig sei als „ewigen Unsinns ewige Wiederholung“? Oder ist er schlicht ein medizinischer Fall, leidet, wie sein Diener sagt, unter Depressionen? In „Vorläufige Ankunft“, das macht die Tragik des Buches aus, haben beide Betrachtungsweisen gleichermaßen recht. Und am Ende des Buches ist nicht nur der immer noch halb regierende Fürst, sondern auch der Meister tot.

Es ist wohl auch die Tragik seines Autors. Eindeutig ist Regensburg, wo Albert von Schirndings Vater Chef der Thurn-und-Taxis'schen Gesamtverwaltung war, als Schauplatz zu erkennen: eine ihrer selbst noch bewusste Provinz, in der Kirche, Fürstenfamilie, Stadttheater und Domspatzen noch in der Nachkriegszeit – unter dem Pontifikat Pius‘ XII. – allgemein Bindungskräfte bilden. Der Meister trägt viele persönliche Züge von Ernst Jünger, in dessen Wilflinger Haus der junge von Schirnding mehrere Sommerferien verbrachte.

Liegt am Ende die Ratio geborgen in alten Welten?

Von Schirnding gehört zu den schillerndsten, ambivalentesten Persönlichkeiten unserer Zeit: Über dreißig Jahre lang im Dienst als Lehrer am Münchner Ludwigsgymnasium für – wie könnte es anders sein – die klassischen Sprachen und gleichzeitig im Herzen immer „unordentlicher“ Künstler. Lange Jahre SPD-Mitglied zum Schrecken seiner uralten Familie, aber inzwischen wieder auf einem Familienschlösschen residierend. Kirchenkritiker und doch voller Liebe für die Una Sancta, die er auch in seinem neuen Roman als Quelle aller Barmherzigkeit – und natürlich aller Kultur – preist.

„Vorläufige Ankunft“ ist im doppelten Sinn ein Buch über den Verlust der Unschuld. In der Missbrauchsdebatte warnte Albert von Schirnding in der Süddeutschen Zeitung, vom „pädagogischen Eros“ als solchem Abschied zu nehmen. In „Vorläufige Ankunft“ ist der Eros ganz klassisch jener dunkle Schmerz, der Menschen bedrohlich hinreißen, deshalb keinesfalls rationalisiert werden kann. Aber das Erwachsenwerden der Jungen, das Brechen der Kinderstimmen, das meint hier auch den Abschied vom „Gralsbezirk eines aus den Nazi-Gräueln unerschüttert hervorgegangenen abendländisch-christlichen Weltbilds“. Doch, fragt das Buch, lässt es sich ganz ohne Unschuld leben, lässt es sich außerhalb des Paradieses gemütlich einrichten? Es ist Stadelmann, der Lehrer für die klassischen Sprachen, der die Jungen anhand griechischer Statuen lehrt, dass Wehmut unabdingbar zum Erwachsensein dazugehört, und von ihnen fordert, dem „Verlangen nach Unschuld zu widerstehen, den ,Bruch von Geist‘ anzuerkennen“. Stadelmann, der alles als Produkt historisch-politischer Umstände erklären kann, will die Jungen entführen aus den Flucht-, den Gegenwelten, aus dem „männerbündlerischen Unfug“, den er der „verbogenen Sexualität“ des Meisters zuschreibt. Doch als der Meister stirbt, wird Stadelmann wahnsinnig. Liegt am Ende die Ratio doch geborgen in jenen Welten, die alle Aufklärung als inhuman denunziert?

Albert von Schirnding betrachtet den Abschied von den uralten Idealen seines abendländischen Kosmos‘ mit einem weinenden, einem lachenden Auge, einem aufklärerischen, einem konservativen. Und stellt gerade mit dieser flimmernden Ambivalenz die entscheidende Frage unserer Zeit, jene Frage, die wohl auch kein Leser endgültig für sich beantworten mag. Was an „Vorläufige Ankunft“ aufregt, anregt, erotisch flimmert, ist gerade das Sensationslose. Ruhig wählt der Autor einen klassischen Erzählduktus, versetzt mit einem Schuss Surrealismus. Wenn sein Roman provoziert, so geschieht das gerade durch die Soigniertheit, mit der hier einer – selbstverständlich in alter Rechtschreibung – über all das spricht, worüber derzeit nur noch gekreischt wird. Auf seine sehr eigene Weise ist der inzwischen 75-jährige von Schirnding, wie sein Meister Ernst Jünger, ein Enfant terrible. Aus „Vorläufige Ankunft“ spricht die unaufgeregte, verinnerlichte Freiheit eines alten Freiherrn. Geschult über Jahrhunderte an genau jenen Institutionen, die im Ruf stehen, unfrei zu machen.

Albert von Schirnding: Vorläufige Ankunft. Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 2010, 222 Seiten, EUR 24,–

Themen & Autoren

Kirche