Europa aus dem Geist der Frühromantik

Europa in der Krise – wenn die Bürger des Kontinentes darüber reden, reden sie über Wirtschaft, Wirtschaft und nochmals Wirtschaft. Dabei nährt sich der Kontinent aber nicht von der Ökonomie allein. Sein christliches Erbe vielmehr ist die geistige Erdwurzel, aus dem Europa lebt – bis heute, wofür beispielhaft der Dichter Novalis bürgt. Von Professor Franco Rest
Dichter Novalis
Foto: dpa | Der Dichter Novalis.
Dichter Novalis
Foto: dpa | Der Dichter Novalis.

Das „geeinte Europa“ ist nun über 50 Jahre alt, hat sich stetig erweitert, befindet sich in neuen Herausforderungen seitens der Ökonomie und des Islam – hat aber nur noch wenig Kontakt zu seinen Wurzeln. Pflanzen, die ihre Wurzeln verloren haben oder aus anderen Gründen daran gehindert sind, aus den Wurzeln Nahrung aufzunehmen, verdorren, selbst wenn sie versuchen, aus der Luft Nahrung aufzunehmen. Auch Europa hat geistige Erdwurzeln und versucht doch allein mühsam von den Luftwurzeln der Wirtschaft, der Demokratie und des (internationalen) Rechts zu überleben.

Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, schrieb 1799 seinen Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“. Das schriftstellerische Werk des Dichters Novalis wurzelt in einer individuellen Religiosität und Christusanschauung, ausgerichtet an dem Ideal der ungeteilten Christenheit des Mittelalters und des Bemühens um Versöhnung der Gegensätze zwischen Professionalität und dichterischer Freiheit, Glaube und Wissen, Geist und Natur, Bewusstem und Unbewusstem.

Novalis besann sich der wahren „Katholizität“ als der Stätte des „Glaubens und der Liebe“, sowie des wahren „Protestantismus“ als der Stätte des „Wissens und Habens“. Die Untergrabung des umfassenden religiösen Interesses führte zum Verlust des friedenstiftenden Einflusses der Religion; uns wurden, so Novalis, nämlich keine „herrlichen großen Erscheinungen des Überirdischen“ mehr vermittelt, zu wenig „Feuer des Himmels“, der religiöse Kunstsinn kam abhanden und mit ihm die ganze Poesie. Eine Spirale der Zerstörung kam in Gang: Man wandte sich gegen die Bibel, gegen das Christentum, gegen Religiosität überhaupt, dann auch gegen Enthusiasmus, „Phantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit; man setzte den Menschen in der Reihe der Naturwesen obenan, und machte die unendliche, schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein echtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sei“.

Diesem Schreckensbild setzt Novalis eine Vision entgegen, die man auch Auferstehung des Christlichen ohne Machtanspruch und ohne Gewalttätigkeit nennen könnte. Er fragt: Wäre diese Vision die wahre Chance für ein sich auch geistig einigendes Europa? „Das Neugeborene wird das Abbild seines Vaters, eine neue goldene Zeit mit dunkeln unendlichen Augen, eine prophetisch wundertätige und wundenheilende, tröstende und ewiges Leben entzündende Zeit sein – eine große Versöhnungszeit, ein Heiland, der wie ein echter Genius unter den Menschen einheimisch, nur geglaubt nicht gesehen werden kann, und unter zahllosen Gestalten den Gläubigen sichtbar, als Brot und Wein verzehrt, als Geliebte umarmt, als Luft geatmet, als Wort und Gesang vernommen, und mit himmlischer Wollust, als Tod, unter den höchsten Schmerzen der Liebe, in das Innere des verbrausenden Leibes aufgenommen wird.“

Derart poetisch klingt seine Hoffnung auf die eine, einigende, wahre Kirche für Europa. Denn weltliche Kräfte allein können sich nicht ins Gleichgewicht setzen ohne das moralische, ideale Element der Religion, ohne den „alleinseligmachenden Glauben an die Regierung Gottes auf Erden“, ohne das „himmlische Zutrauen der Menschen zu einander“, ohne die „Ergießungen eines gottbegeisterten Gemüts“, so Novalis. Das Wesen dieser Kirche wird seiner Meinung nach Freiheit sein.

Der zwar 1799 geschriebene, aber erst 1826 erschienene Aufsatz ist in vollendet poetischer Sprache verfasst. Mit Novalis könnten wir diese europäische Kirche als „eine“ und nicht „einzige“ bezeichnen, wie wir Gott als den Einen und nicht als Einzigen darlegen. Einheit ist Einigkeit, Einheitlichkeit, Un-Teilbarkeit. Die Christenheit – wohlgemerkt nicht das Christentum – hat sich unter dem Einfluss von Reformation und modernen Wissenschaften von den Impulsen des Mittelalters weg entwickelt. Die Vision eines künftigen Europa benötigt aber eine Idee der Freiheit, eines in Freiheit gelebten „Christentums“.

Die Unterscheidung zwischen Christenheit und Christentum war in der Frühromantik reif. Das „Christentum“ möchte Salz der Erde sein, um mitzuhelfen, diese Erde schmackhaft und genießbar zu machen. Vom Christentum ging ein Segen aus trotz der vielen und oft schmerzlichen Schattenseiten der „Christenheit“. Gegen diese lassen sich Einwände und Vorwürfe erheben. Auch heute wollen viele Christen, den Worten Christi folgend, Salz der Erde sein; auch heute möchten sie oft unsichtbar und unaufdringlich in dieser Welt mitwirken, denn es geht ihnen um das Reich Gottes, das ja nicht von dieser Welt ist.

Die Erwartung des Gottesreiches gehört zur Glaubensexistenz jedes Christen zu allen Zeiten. Die Christen beten ernsthaft um die Wiederkehr Christi, um das Ende dieser Welt, freudig und erwartungsvoll. In der Geschichte hat die Christenheit ihrem Selbstverständnis zuwider den Versuch unternommen, falsche Weltgeschichte zu machen, manchmal sogar weltlicher als viele andere Menschengruppen. Die Christen sind den Verlockungen der Welt erlegen; sie sind mit der Welt einen verhängnisvollen Pakt eingegangen. Aber es gab die Rufenden in der Wüste ihrer Zeit, von Franz von Assisi bis zu Girolamo Savonarola und darüber hinaus, die nicht nur vorübergehend, sondern oft sehr nachhaltig Besinnung und Bekehrung auszulösen vermochten.

Nicht das Christentum hat also versagt, sondern die Christenheit, und zwar dadurch, dass sie aus dem Christentum eine Idee machte, anstatt es zu leben. Vielleicht hat man es zum Beispiel nicht genügend bemerkt, wie die liberale Theologie namentlich auf protestantischer Seite einem Relativismus verfiel, nur um sich als Wissenschaft an den Universitäten, gleichsam voraussetzungslos etablieren zu können. Auf diese Entwicklung kommt Novalis zu sprechen. Die Theologie trat als Wissenschaft und Weltanschauung auf, die Kirche spaltete sich in Konfessionen und formierte sich weltlich. Man kann die Geschichte der Reformation und der Nachfolgezeit nicht genug entmythologisieren; die dort ausgetragenen Händel tragen keine Spur mehr von Reinheit und Erfülltheit vom Heiligen Geiste. Die fanatisierte Wahrheitsbehauptung ist notwendig bar jeder Liebe; und darum befindet sich das Christentum in einer traurigen Situation. Diese Liebe aber als unsichtbare Wirklichkeit, als Seele im Leibe weltlicher Erscheinungen, sie ist es, die allein die erstrebte Harmonie verbürgt.

Für Novalis gilt deshalb das Mittelalter als die „echtchristliche“ Zeit der Harmonie und Einheit von Gott-Welt-Mensch, in welcher kindliches Zutrauen die Menschen erfüllte. Dieses Zutrauen wich dem Drang zum Wohlbefinden. „Glauben und Liebe“ machten „den derben Früchten, Wissen und Haben, Platz“, so Novalis. Folgen sind Religionsstreit, Reformation und das Eindringen der irdischen Wissenschaft, der Philologie, in die Religionsangelegenheiten; die Botschaft wird der trockenen Buchstabengelehrsamkeit ausgeliefert. „Dieser Protestantismus zeigt keine großen Erscheinungen des Überirdischen mehr“ und auch der Kunstsinn leidet „sympathetisch mit“.

Nun fordert Novalis eine zweite, geistige Reformation, die alle Erkenntnisse des Menschen zu seinem Wohle und zur Sicherung eines ewigen Friedens nutzt, dessen Zeichen bereits erkennbar sind. Einen Beitrag dazu liefert die Poesie, „reizender und farbiger ... wie ein geschmücktes Indien dem kalten, toten Spitzbergen jenes Stubenverstandes gegenüber“, schreibt Novalis. „Der Herzschlag der neuen Zeit“ ist die Bereitschaft, den durch Schicksal und Geschichte geläuterten Glauben in seiner alten Reinheit wieder lebendig und wirksam werden zu lassen, einen Glauben, dessen Wesen Freiheit ist. Europa stellt sich dem abendländischen Menschen als historische Aufgabe, deren Lösung eben nicht im Rationalismus, sondern in der Besinnung auf die religiöse Substanz der europäischen Kultur gesucht werden muss. Novalis: „Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken und die Völker sichern, und die Christenheit mit neuer Herrlichkeit sichtbar auf Erden in ihr altes friedenstiftendes Amt installieren.“ Die dafür erforderlichen Energien kommen aus dem Glauben an die Regierung Gottes auf Erden, aus dem „himmlischen Zutrauen der Menschen zu einander“, aus der „süßen Andacht bei den Ergießungen eines gottbegeisterten Gemüts“, also aus dem „allesumarmenden Geist“ des Christentums selbst.

Christentum in diesem Sinne ist für Novalis dreifacher Gestalt: Zeugungselement der Religion – Mittlertum – Glaube an Christus. In diesem Sinne ruft er die Kraft des gelebten katholischen Glaubens zurück: Seine Allgegenwart im Leben, seine Liebe zur Kunst, seine tiefe Humanität, die Unverbrüchlichkeit seiner Ehen, seine menschenfreundliche Mitteilsamkeit, seine Freude an der Armut, am Gehorsam und an der Treue. Das Wesen eines in diesem Sinne christlich geprägten Europa wird die „echte Freiheit sein, und alle nötigen Reformen werden unter der Leitung derselben, als friedliche und förmliche Staatsprozesse betrieben werden“. Novalis weiß ausdrücklich nicht den Tag und die Stunde solchen Geschehens, sondern kann nur zur Geduld und zur Treue gegenüber dem vollständigen Glauben aufrufen.

Viele Menschen irritiert ein solcher Text ausgerechnet aus der Hand dieses ersten Frühromantikers, dem man eine Besinnung auf die Bedeutung des Christentums für die Zukunft Europas nicht zutrauen möchte. Aber auch das ist ein Impuls der Romantik, dem wir uns heute in der nachindustriellen Kulturepoche werden stellen müssen.

Die Romantik war der vorläufig letzte Versuch, ein Wertesystem zu etablieren, dem die Menschen tatsächlich folgen könnten, basierend auf der „inneren Stimme“, auf der Freiheit des Handelns und dem freien Schöpfertum. In der Poesie ist der Mensch schöpferisch; er drückt sich aus, agiert, macht, erfindet, aber er kalkuliert, deduziert oder argumentiert nicht. Schöpferisch tätig sein heißt, ganz allein auf sich gestellt sein. Wo war das Lied, bevor es der Komponist erdachte, wo das Gedicht bevor es aus der Feder des Dichters floss? Das Wesen des Menschen liegt in seiner Freiheit begründet; er legt sich selbst seine Gesetze auf.

„Ich bin am ehesten ich selber, wenn ich etwas schöpfe – das und nicht die Befähigung zu logischem Denken, ist der göttliche Funke, der in meinem Innern glimmt ... Die Natur ist etwas, dem ich meinen Willen aufzwinge, eine Sache, der ich eine Form gebe.“ Im Geistigen vollendet sich der Mensch selbst und ist also durchaus sein eigenes Geschöpf. „Die Welt ist ein Poem, erträumt von meinem Innersten.“ Menschsein heißt handeln, nicht begreifen und verstehen. Das sucht Novalis in der Christenheit für Europa: eine Schöpfung wahrhaft wieder aus Nichts, bei der wir die Regeln, denen die Welt gehorcht, nach unseren Wünschen und Vorstellungen gestalten. Nicht die protestantischen sorgfältigen Überlegungen setzen die Ziele unseres gesellschaftlichen Lebens, sondern die in diesem Sinne katholisch gedachten Geistesblitze und die gewaltigen irrationalen Sprünge; nicht die gelehrten, philologischen, sondern die schlummernden Kräfte. Für die sittliche Freiheit zählen Absichten, Integrität, Aufrichtigkeit, Reinheit des Herzens, Natürlichkeit.

Unsere eigenen Gebete, Wünsche und Wehklagen sind die Basis künftigen Selbstverstehens. In ihnen bildet sich wieder die neue Einheit wie „Indien und Spitzbergen, wie Philologie und Marienfrömmigkeit“, wie Freiheit und Notwendigkeit, wie Ungewissheit und Wagnis.

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