Pandemie

„Es gibt mehr Daten, als wir derzeit nutzen“

Die Pandemie hat klar negative Effekte für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gehabt, meint die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx.
Ethikratsvorsitzende Alena Buyx
Foto: Michael Kappeler (dpa) | „Wir haben der Politik etwas gegeben, mit dem sie arbeiten können soll. Wir begutachten anschließend aber nicht, was sie daraus macht“, so beschreibt Alena Buyx die Vorgehensweise des Ethikrates.

Frau Professor Buyx, auf einer Skala von eins bis zehn steht Ihr persönliches Corona-Nerv-Barometer aktuell wo?

Schon in den oberen Rängen. Wie wohl die meisten Menschen bin auch ich pandemiemüde. Allerdings mag ich mich nicht beschweren. Ich habe keinen Job verloren, bin nicht existenziell bedroht, niemand ist schwer erkrankt oder gestorben. Die für uns alle sehr intensive Zeit geht aber natürlich auch an mir nicht spurlos vorüber.

Apropos spurlos: Der Corona-Expertenrat, dem Sie ebenfalls angehören, hat in seiner siebten Stellungnahme gefordert, die „primäre und sekundäre Krankheitslast“, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen „wissenschaftlich zu erfassen und zu bewerten“. Was macht Ihnen da vor allem Sorgen?

Zunächst: Der Deutsche Ethikrat hat schon sehr früh, noch unter meinem Vorgänger Peter Dabrock, in der März-Empfehlung 2020 darauf hingewiesen, dass ein Blick auf Gesundheit in so einer Pandemie, der sich nur auf die in Rede stehende Erkrankung fokussierte, ein zu verkürzter wäre. Wir haben das im Verlauf der Pandemie immer wieder unterstrichen. Anfangs nannten wir das „Nebenfolgen“, vielleicht nicht der eleganteste Begriff. Aber er hat etwas erfasst, das schon damals absehbar war.

Nämlich?

Dass Maßnahmen zur Abwehr der Pandemie, die der Deutsche Ethikrat zum damaligen Zeitpunkt eindeutig gerechtfertigt fand, zugleich immer auch andere, gesundheitliche, gesellschaftliche, ökonomische usw. Folgen zeitigen, die gleichzeitig in den Blick genommen werden müssen. Und was die sekundäre Krankheitslast betrifft, da hat es jedenfalls zu lange gedauert, bis das durchgedrungen und fokussiert untersucht worden ist.

Inzwischen ist das anders?

Es gibt mittlerweile eine Reihe von Studien, die zeigen, dass der erste Lockdown Kinder und Jugendliche insgesamt nicht so stark belastet hat. Das gilt sowohl für die körperliche als auch für die psychische Gesundheit. Leider hat sich dies jedoch im Verlauf der Pandemie verändert. Insbesondere die sehr lange Phase des letzten Herbstes, Winters und Frühlings hat klar negative Effekte für Kinder und Jugendliche gehabt.

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Der Expertenrat beschreibt als handfesten gesundheitsbezogenen Effekt etwa die Adipositas. Die hat in allen Alters- und auch allen sozialen Gruppen zugenommen. Natürlich gibt es Gruppen, die stärker belastet sind als andere. Aber aufs Ganze gesehen, ist hier im Verlauf der Pandemie eine sekundäre Krankheitslast in allen Gruppen gestiegen und leider ganz besonders in denjenigen, die schon vorher negativ betroffen waren. Hier macht sich bemerkbar, dass es weniger Sportunterricht gab und der Anteil klassischer körperlicher Aktivitäten abgenommen hat. Schulwege und Freizeitsport sind weggefallen und vieles anderes mehr. Auch weiß man, dass die Kinder mehr zu Hause waren, sich dort im Schnitt weniger bewegt haben und es mehr Mediennutzung gab. Ein weiterer Aspekt ist die psychische Gesundheit. Auch da gibt es inzwischen belastbare Daten, die zeigen, dass gerade Kinder und Jugendliche, sehr verkürzt gesagt, wirklich mitgenommen wurden durch die letzten zwei Jahre. Diese sekundären Krankheitslasten müssen mit der primären Krankheitslast ins Verhältnis gesetzt werden. Das ist aber kein Ignorieren von Risiken durch das Virus selbst, denn die gibt es natürlich auch. Über die gesamte Gruppe gesprochen haben Kinder und Jugendliche geringere Risiken, aber es gibt eben auch um die zehn Prozent, die Risikofaktoren haben und die von einer Infektion mit dem Virus stärker betroffen sein können.

Daraus folgt was?

Der Expertenrat fordert unter anderem mehr Angebote für Kinder und Jugendliche, etwa was die psychische Gesundheit anbelangt. Dass es da Bedarf gibt, ist schon länger bekannt. In der Pandemie ist er aber noch einmal gestiegen. Insofern sollten Förderprogramme verstärkt und neue aufsetzt werden. Forschung, die es schon gibt, sollte besser gebündelt werden. Auch gibt es mehr Daten, als wir derzeit nutzen. Wenn die proaktiver und besser verknüpft und ausgewertet werden, könnte man schneller eine Menge dazu lernen.

Die kurz vor Weihnachten veröffentliche Ad-hoc-Empfehlung des Ethikrats zu einer Ausweitung der gesetzlichen Impfpflicht gegen COVID-19 hat dem Rat den Vorwurf eingebracht, Ethik auf Bestellung zu liefern. Wie sehr trifft das seine Vorsitzende?

Relativ wenig. Das ist eine seltsame Kritik. Zunächst mal ist es unsere gesetzliche Aufgabe, Aufträge der Bundesregierung zu bearbeiten. Dann: wenn wir uns auf drei Seiten eindeutig für oder gegen eine Impfpflicht positioniert hätten, hätten wir womöglich der einen oder anderen politischen Seite einen Gefallen getan. Wir haben aber ein sehr komplexes Papier gemacht, das sich viel Zeit nimmt, die Argumente vorzustellen, die für und gegen eine Impfpflicht sprechen. Uns geht es prinzipiell darum, aufzuzeigen, dass man mit guten Gründen zu schwierigen ethischen Fragen unterschiedliche Positionen einnehmen kann. Und deswegen war es uns auch hier wichtig, diese Argumente, ich sage das jetzt mal etwas pathetisch, redlich und transparent darzustellen. Das allein ist für den politischen Prozess schon eher kompliziert. Und dann haben wir ja auch keine Einstimmigkeit erzielt. Letztlich haben wir im Rat drei Positionen. Die kleinste Gruppe hält eine Impfpflicht gegen COVID-19 zum jetzigen Zeitpunkt für nicht verhältnismäßig. Die beiden anderen Gruppen halten verschiedene Formen von Impfpflicht für verhältnismäßig. Das ist doch keine Handreichung, bei der Politiker einem hinterher sagen, lieben Dank, das ist genau das, was wir wollten.

Der Ethikrat hat 24 Mitglieder. 13 votierten für eine Impfpflicht ab 18, sieben für eine für besonders vulnerable Personen, Ältere und Vorerkrankte. Vier lehnten eine Impfpflicht gegen COVID-19 ab. Gibt es eine Erklärung dafür, dass Letztere ihre Argumente in der FAZ, statt in der Stellungnahme präsentierten?

Bei Ad-hoc-Empfehlungen gibt es, anders als bei unseren Stellungnahmen, keine Sondervoten. Das ist der formale Grund. Und dann hat es auch in der Vergangenheit immer wieder mal kernige öffentliche Austausche zwischen Ratsmitgliedern gegeben. Es ist ein wichtiges Moment, dass wir uns zwar um Konsens bemühen, aber kein Einstimmigkeitsprinzip haben, sondern unterschiedliche Positionen und Kontroversen abbilden können. Es ist ja interessant, dass die ersten drei politischen Entwürfe zur Impfpflicht die drei Positionen abbilden, die auch im Rat vertreten werden. Insofern sind wir auch ein Spiegelbild gesellschaftlicher Debatten. Wenn der Rat wie ein monolithischer Block eine Position verträte, überdeckte dies, dass es wichtige Punkte gibt, die kontrovers sind. Das kann nicht unsere Aufgabe sein. Unsere Aufgabe ist es, so etwas transparent und verstehbar machen.

Die Hürden, die der Rat für eine Ausweitung der Impfpflicht stellt, sind recht hoch. Angemahnt wird etwa eine flächendeckende Infrastruktur niederschwelliger Impfangebote, die Einrichtung eines datensicheren, nationalen Impfregisters sowie eine kontinuierliche Evaluation und Begleitforschung. Täuscht der Eindruck, dass keines der bislang ventilierten politischen Konzepte bereit ist, sämtliche Hürden, die der Rat an eine Ausweitung der Impfpflicht stellt, auch zu nehmen.

Ich kommentiere die Gesetzesentwürfe bewusst nicht. Wir haben der Politik etwas gegeben, mit dem sie arbeiten können soll. Wir begutachten anschließend aber nicht, was sie daraus macht. Das ist nicht unsere Aufgabe. Ich kann aber sagen, dass wir der Politik sehr deutlich mitgegeben haben, dass es bei den – wir haben das „flankierende Maßnahmen“ genannt – noch sehr viel Luft nach oben gab und gibt. Aus ethischer Sicht ist die Politik also nicht der Aufgabe enthoben, sich mit diesen ausführlich zu beschäftigen und auch wirklich in sie zu investieren. Wie Sie richtig sagen, sind das keine Trivialitäten, das ist herausfordernd. Und dass die Diskussion um eine Impfpflicht keinen verengten Blick nur auf die Pflicht nehmen darf, das mahne ich, aber auch viele meiner Kolleginnen und Kollegen seit Monaten immer wieder öffentlich an. Und natürlich heißt das auch, dass ein mögliches Gesetz aus unserer Sicht diese Elemente aufnehmen müsste.

Alle scheinen sich einig zu sein, dass eine Impfpflicht gegen die Virusvariante Omikron zu spät komme. Wie klug ist es dann, eine solche auf Vorrat zu etablieren? Gegen Varianten, die noch niemand kennen kann und für Impfstoffe, von denen niemand weiß, wie wirksam und verträglich sie sein werden?

Aus ethischer Perspektive, das haben wir klar gesagt, ist eine Impfpflicht keine Maßnahme für die aktuelle Welle. Die ethische Diskussion war also von vorneherein auch antizipierend. Wir haben das argumentative Handwerkszeug auf den Tisch gelegt. Die Argumente ändern sich als solche nicht. Was sich ändern kann, ist der Sachstand. Und bei der Anwendung von Argumenten auf einen veränderten Sachstand kann natürlich etwas anderes herauskommen. Das ist ein subtiler Punkt, der sehr schwierig zu kommunizieren ist. Es ist aber wichtig, dass man sich bemüht, eine optimale Gestaltung von etwaigen Maßnahmen auch mit Blick auf die Zukunft vorzunehmen. Denn wenn man das nicht macht, kommt der berechtigte Vorwurf, man würde nur auf Sicht fahren. Wir unterstreichen in der Empfehlung, dass eine ständige dynamische Veränderung des Sachstandes zu den Grundcharakteristika pandemischer Situationen gehört. Deshalb ist es auch so schwierig, in einer Pandemie langfristig zu planen. Entweder man sagt, wir fahren auf Sicht und agieren nur auf Basis des direkt überschaubaren und dann zugleich beschränkten Sachstands, oder man versucht, zu antizipieren und vorauszudenken. Unser Papier kann daher der Vorbereitung dienen. Es ist noch unklar, was im Herbst auf uns zukommt. Wäre es klar, wäre es einfacher. Aber solange es unklar ist, gibt es auch keinen Grund zu sagen, wir hören jetzt auf, zu diskutieren und vorzubereiten.

Die STIKO hat früh darauf hingewiesen, dass keiner der Impfstoffe „sterile Immunität“ gewährt. Die Regierung hat jedoch lange den Eindruck erweckt, dass eine Impfung nicht nur gegen einen schweren Verlauf einer Erkrankung, sondern auch zuverlässig vor einer Infektion mit dem Virus und dessen Weitergabe schütze. Traut die Politik den Bürgern zu wenig zu? 0der ist unsere Gesellschaft tatsächlich unfähig, derart wichtige Differenzierungen vorzunehmen?

Sehr viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben gesagt, dass eine sterile Immunität unwahrscheinlich ist. Gleichzeitig gab und gibt es aber natürlich Effekte auf die Transmission, anfangs lag das ja bei 90 Prozent und auch in anderen Phasen der Pandemie war und ist die Transmissionsunterdrückung nach einer Impfung ja nicht null. Es gibt einen deutlichen Effekt. Je nachdem, wie lange eine Impfung her ist, nimmt er dann ab. Wie genau, das hat man erst über die Zeit gelernt. Und das richtig zu kommunizieren, ist schon sehr schwer. Schon für Wissenschaftler ist es nicht einfach, das gut zu beschreiben. Gleichzeitig gab es in der politischen Kommunikation schon die Tendenz, die Komplexität mancher Sachverhalte nicht immer völlig transparent darzustellen. Dahinter mag der Gedanke stehen, das sei zu kompliziert für die öffentliche Kommunikation. Und hier meine ich: das stimmt nicht. Die Menschen sind viel eher in der Lage, solche Entwicklungen mitzunehmen und zu integrieren, als dies in der politischen Kommunikation mitunter vorausgesetzt wird. Und für das Vertrauen in die Maßnahmen, die einer Pandemie entgegengesetzt werden, ist es zuträglicher, auch komplexe Sachverhalte zu kommunizieren. Das zeigt auch die Cosmo-Studie von Cornelia Betsch aus Erfurt. Die Public Health-Ethik sagt seit langem, dass die Kommunikation in dieser Art von Krisen ganz oben auf der Agenda dessen stehen muss, was man gut machen muss. Wie wir sehen, wird das jedoch teils noch immer unterschätzt.

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