Vom Frontsoldaten zum Textarbeiter

Kühles Protokollieren, zwanghaftes Hinschauen: Ernst Jüngers Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg. Von Urs Buhlmann
Ernst Jüngers Helm und das Besitzzeugnis des Verwundetenabzeichens
Foto: IN | Die sechste und siebte Verwundung Ernst Jüngers bei Cambrai: Der Helm des Schriftstellers und das Besitzzeugnis des Verwundetenabzeichens.

Die späten Tagebücher („Siebzig verweht“) gelten dem Kenner als Weltliteratur, einigen sogar als des Autors wichtigsten Beitrag zur Literatur. Nun hat Helmuth Kiesel, der verdiente Biograph und Kenner Ernst Jüngers, dessen Kriegstagebücher aus dem Ersten Weltkrieg in einer mustergültig edierten Ausgabe herausgebracht. Auf Französisch waren sie schon vor zwei Jahren erschienen, wohl auch, weil die Mägen französischer Literaturfreunde mehr vertragen. Doch jetzt können auch wir die meist unmittelbar nach dem Gefecht hingeworfenen Beobachtungen und Bewertungen des Stoßtruppführers Jünger zwischen dem 30. Dezember 1914 und dem 10. August 1918 verfolgen und die aseptische Kühle, die schon dem 20-jährigen Tagebuchschreiber zu eigen ist, wahrnehmen oder uns darüber ereifern.

Es liegt ein Textsteinbruch vor uns, aus dem Jünger einige Jahre nach dem Krieg das Material für sein Erfolgsbuch „In Stahlgewittern“ und auch für die Schriften „Das Wäldchen 1252“ oder „Der Kampf als inneres Erlebnis“ entnahm, weitaus weniger aber als bisher angenommen und stark bearbeitet. Diese Werke aber bestimmen in den Augen seiner Kritiker – welcher Schriftsteller kann schon für sich in Anspruch nehmen, dass er Zeit seines Lebens und bis heute so im Gespräch und umstritten ist wie Ernst Jünger – wesentlich das Bild des Autors in der Öffentlichkeit als mordlustigen Psychopathen, der ungerührt von der Menschenjagd zur Insektenjagd wechselte – war doch die Käferjagd eine lebenslange Passion des mit 102 Jahren Gestorbenen, der er, wie man hier lernt, auch im Schützengraben frönte. Wer Jünger also nicht mag, wird bei der stellenweise verstörenden Lektüre dieser Kriegstagebücher reichlich Indizien für seine Ablehnung finden.

Die Motivation, sich freiwillig für den Kriegseinsatz zu melden, war freilich eher banal: Der ungeliebten Schule wollte Jünger, der schon einen kurzen Abstecher bei der Fremdenlegion hinter sich hatte, endgültig entfliehen und den Krieg als Erfahrung erleben und auf sich wirken lassen. Wie er haben tausende junger Männer in allen europäischen Ländern 1914 gedacht und den Gang ins Feld geradezu herbeigesehnt. Vielleicht kann dieser Gesichtspunkt eine Art Leseempfehlung für den voluminösen Band sein: Ihn nicht zuerst als literarisches Erlebnis aufzufassen, sondern als authentischen Einblick und Rückblick in eine Zeit, die uns schon äonenhaft weit entrückt zu sein scheint. Wir mögen stolz darauf sein, uns die Maßstäbe dieser Epoche nicht mehr zu eigen zu machen und müssen doch zur Kenntnis nehmen, dass sie einmal bei der überwältigenden Mehrheit der Zeitgenossen in Geltung waren.

Man erfährt in den Tagebucheinträgen sehr viel über Kriegsführung und Frontsoldatenalltag, über die Unmittelbarkeit des kriegerischen Geschehens, das sich vielfach noch als Kampf Mann gegen Mann darstellte, noch nicht abgelöst war von der heutigen gleichsam klinischen Kriegsführung, die auf unbemannte „Drohnen“ setzt, die ins Hinterland des Feindes gesandt werden.

Im Krieg gibt es Abgründe tierischster Erbärmlichkeit

Der Stil dieses Jüngerschen Frühwerks ist gelegentlich, man muss es sagen, pennälerhaft: Famos und kolossal geht es zu, man pennt und säuft und der Offizier ist der „Macher vons Ganze“. Das tut geradezu weh in den Augen – angesichts des Wissens, welch sorgsam stilisierender Textarbeiter der spätere Schriftsteller Jünger ist. Doch noch einmal: Hier geht es um unmittelbare Verarbeitung des ungeheuren Geschehens. Jünger selber sprach einmal vom „Trieb des Dokumentarischen“ und erwähnte, dass fast jeder Soldat damals ein Tagebuch geführt habe, um das Erlebte zu fixieren. „Wie Bauern ihren Acker pflügen, habe ich das Bedürfnis, Situationen, die ich sehe und erlebe, festzuhalten“, meinte er in einem Gespräch.

Und dies tat er in schonungsloser Offenheit. Inmitten der gleichmütigen Schilderung des Vormarsches seines Regiments plötzlich ein Satz wie: „Dann lag ein Pferd auf der Straße, die Därme lagen umher und dampften noch“. Die Granaten fliegen umher und wieder hatte „ein armer Kerl ins Gras beißen müssen, der Aktive Stölter, dem (sic) ein Sprengstück die Halsader durchschlagen hatte, und der trotz der drei Verbandspäckchen, die seine Kameraden ihm um den Hals banden, sofort verblutete“. Nach einer seiner insgesamt 14 Verwundungen wird der Verletzte Jünger zum Hauptverbandsplatz gefahren, gemeinsam mit drei anderen: „Einer meinte, lasst nur, ich komme doch lebendig nicht an. Er hatte einen Bauchschuss und bat uns während der Fahrt, ihn zu erschießen.“ Das ist so grausam, wie der Krieg grausam ist. Gerade der Erste Weltkrieg, der noch Elemente des persönlichen Kämpfens mit den gesteigerten technischen Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts verband, gilt als besonders grausam geführt.

Jünger ist sein ungerührter Chronist. An den Beginn des dritten Heft seines Kriegstagebuchs setzt er die Zeichnung einer Granate und schreibt darunter: „Gut ist, wenn in Grase liegt, Schlecht ist, wenn in Fresse fliegt“. Der feingeistige Connaisseur wird in diesen Aufzeichnungen nichts finden, was ihm Freude bereiten wird. Doch kann man einem gerade der Adoleszenz entwachsenen und in die leibhafte Hölle geworfenen Leutnant einen Vorwurf daraus machen, wenn er seinen moralischen Sinn bedeckt hält und einfach nur registriert, was ihm widerfährt? Im Sommer 1916 schreibt er: „Das Gelände von schwersten Granaten durchpflügt. Kein Centimeter war da, der nicht viele Male umgepflügt war... Vorwärts durch einen knietiefen Graben, unterbrochen von knietiefen Trichtern. Tote lagen darin. Ekelhaftes Gefühl auf solchen weichen Toten zu treten.“

Jünger erlebte im zweiten Teil des Krieges, der vor allem mit ungeheurem Materialeinsatz geführt wurde mit, wie Kameraden in den Boschschen Szenerien des Schützengrabens wahnsinnig wurden. Geht man zu weit, wenn man annimmt, dass ihm das kühle Protokollieren, das schon fast zwanghafte Hinschauen, half, bei Verstand zu bleiben und das Geschehene zu verarbeiten? Im letzten Kriegsjahr lag das Durchschnittsalter der Gefallenen bei 19,5 Jahren, im selben Jahr war der 1895 geborene Jünger bereits der zweitälteste Kompagnieführer seines Regiments. Wer Ernst Jünger also zum Botschafter des Brutalismus stempelt, möge sich fragen, wie ihn selber die Umstände des Kriegslebens und Überlebens prägen und verändern würden. Ähnliche Momente gleichsam kalten und gelegentlich auch ästhetisierenden, wertfreien Beobachtens finden sich im übrigen auch in den Kriegstagebüchern, die der Herausgeber am ehesten neben Jüngers Aufzeichnungen stellen möchte, in jenen von Hermann Löns und Robert Musil.

Helmuth Kiesel macht in seinem nüchtern abwägenden Nachwort deutlich, dass Ernst Jünger prinzipiell im gleichen bellizistischen Geist erzogen worden war wie alle seine Altersgenossen, dass seine Familie den Werdegang vom Kriegsfreiwilligen zum hochdekorierten Kompanieführer mittrug – 1918 erhielt er als Rekonvaleszent die höchste preußische Tapferkeitsauszeichnung für Offiziere, den Pour le Mérite. Von diesem im Ersten Krieg 685 Mal vergebenen Orden gingen 480 an Generäle, 70 an Jagdflieger, deren „Erfolge“ sichtbar und vor allem zählbar waren, und „nur elf an Kompanieführer der Infanterie, deren Leistungen in der Unübersichtlichkeit des Schlachtfeldes allzu leicht untergingen“. Zu verdanken habe er die Dekorierung, so Kiesel weiter, einer sicherlich singulären psychischen Veranlagung, die ihn fähig machte, „extreme Gefahrenlagen und brutalste Destruktionserfahrungen auszuhalten, ja, in ihnen sozusagen zur großen Form aufzulaufen, faszinierenden Selbstgenuss zu empfinden und Selbstbestätigung ungeheurer Art zu gewinnen“. Doch macht der Vergleich zwischen den späteren „Stahlgewittern“ und den jetzt vorliegenden Kriegstagebüchern als deren Ausgangspunkt auch deutlich, dass Jüngers Persönlichkeitsbild daraus wesentlich nuancierter und durchaus weniger heroisch zu Tage tritt. Von nationalistischem Hurra-Patriotismus keine Spur. Liest man die nach dem verlorenen Krieg weit verbreitete Sammlung „Kriegsbriefe gefallener Studenten“, die ein Freiburger Literaturwissenschaftler damals in Verbindung mit dem Unterrichtsministerium herausgegeben hatte, wird deutlich: Es findet sich, so Kiesel, bei Jünger „keine Entsprechung zu dem nationalen und religiösen Pathos, das in jenen Briefen vielfach angeschlagen wird. Nirgendwo geriert sich Jünger in seinem Tagebuch oder in seinen Briefen an den Bruder Friedrich Georg als Streiter für Deutschtum oder deutsche Kultur, nirgendwo sagt er, dass er sich „danach sehne, fürs heißgeliebte Vaterland, für Kaiser und König bluten zu dürfen“, und nirgendwo behauptet er, dass der Krieg eine „Glaubensprobe“ sei oder „Gottesnähe“ spüren lasse“.

Vielmehr lassen seine Aufzeichnungen aus dem 17er und 18er Jahr doch eine stärker werdende Müdigkeit an dem blutigen Tun, gelegentlich schon eine selbstattestierte „Wurstigkeit“ erkennen – im Bewusstsein der nahenden Niederlage. Christlichen Trostes ist Ernst Jünger in dieser Phase seines Lebens anscheinend noch nicht bedürftig, kann ihn auch nicht spenden. Uninteressiert bemerkt er, kurz nach Kriegsbeginn bei seinem ersten Spitalaufenthalt, wie gleichgültig ihn der umhergehende Pfarrer und dessen Worte gelassen habe. Im August 1918, wiederum im Lazarett, fallen ihm allerdings die katholischen Ordensschwestern auf, „deren abgeklärtes, arbeitsames Wesen mich immer angenehm berührt hat“. Doch ist es noch ein weiter Weg bis zu jenem Tag, als Jünger in hohem Alter zur katholischen Kirche konvertierte.

Am Ende dieser Kriegsaufzeichnungen finden sich nachdenkliche Sätze: „Es ist merkwürdig, wie rasch sich die Eindrücke verwischen, wie leicht sie schon nach einigen Tagen eine andere Färbung annehmen. Angst, Schwäche und Kleinmut hat man schon am ersten Ruheabend vergessen, wenn man den Kameraden beim Becher seine Erlebnisse berichtet. Unmerklich stempelt man sich zum Helden.“ Jünger hat in jenen Kriegsjahren gelernt – und dieses Wissen wird ihm bleiben: „Der Mensch ist unberechenbar, im (sic) Umgang mit ihm muss man auf alles gefasst sein. Es gibt nichts, das von ihm nicht zu erhoffen, nichts, das von ihm nichts zu befürchten stände. Gerade da, wo sich sein Wille am höchsten potenziert, im Kriege, gähnen neben gipfelnden Worten Abgründe tierischster Erbärmlichkeit.“ Ernst Jünger hatte beides reichlich erlebt: Als „ergreifend“ beschreibt er die Anhänglichkeit der Soldaten an den Offizier, den sie als menschlich anständig und vorbildhaft mutig erlebt haben, als widerlich empfindet er die Manie, dem gerade Gefallenen, auch dem aus den eigenen Reihen, die Taschen zu leeren. Der Krieg also als Vater aller Dinge, als Schule des Lebens?

Derartig realistisch imprägniert macht sich der Schriftsteller in statu nascendi jedenfalls auf einen langen Weg, einen noch über acht Jahrzehnte führenden Lebensweg, und ebenso einen inneren Weg, der ihn zu Höhen führen sollte, deren der Kriegsfreiwillige Jünger damals noch nicht gewahr war. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen prägt Europa bis zum heutigen Tag und er ließ den Menschen Ernst Jünger nie mehr los.

Ernst Jünger: Kriegstagebuch 1914–1918, Hrsg. von Helmuth Kiesel, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2010, 655 Seiten, ISBN: 978-3-608-93843-2, EUR 33,90

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