Vernunft & Realität

Endlich erwacht

Warum die „vernünftige“ Wirklichkeit die „narzisstischen Rationalitäten“ in die Knie zwingen wird.
"Dornröschen" tanzt
Foto: Georg Wendt (dpa) | Dornröschen ist erwacht: Nach langem Schlaf macht sie erste, noch etwas unsichere Schritte in einer neuen Realität.

Die Vernunft hatte es schon immer schwer. Molière beschrieb es treffend in „Der Menschenfeind“: „Der Mensch ist ein vernünftig Wesen, wer‘s glaubt, der ist nie Mensch gewesen.“ Trotzdem lernen die meisten Menschen nichts daraus. Es ist zum Verzweifeln. Vernunft, wo bist du?

Doch was bedeutet überhaupt „vernünftig“ zu sein? Grundsätzlich bezeichnen wir jemanden als „vernünftig“, wenn er angemessene Ziele auf eine intelligente Weise verfolgt. Intelligenz und Angemessenheit sind somit Kernmerkmale von Vernunft. Warum nicht ausnahmslos Intelligenz? Ganz einfach. Einerseits kann Intelligenz nicht alleine bestimmen, was ein angemessenes Ziel ist oder nicht. Wertvorstellungen und persönliche Neigungen spielen einen maßgeblichen Anteil. Andererseits sagt der gängig erfasste IQ-Wert nur etwas über die Berufseignung und den Bildungserfolg aus. Mehr nicht.

„Es ist doch nicht so aussichtslos, wie man meinen könnte.
Die Vernunft erwacht langsam aus ihrem Dornröschenschlaf“

Wie jemand mit niedrigem oder hohem IQ-Wert mit alltäglichen Dingen im wirklichen Leben umgeht, kann der IQ-Wert nicht erfassen. Unter anderem lassen Intelligenz-Aufgaben nämlich keine Ambiguitäten zu, und sie bieten alle relevanten Informationen zur Lösung des Problems auf dem Silbertablett an. Das ist lebensfern.

Vor allem in unserer Gesellschaft, der sogenannten „Informationsgesellschaft“. Tagtäglich überfluten uns Informationen über Informationen, die Welt ist vernetzter denn je. Wichtige von unwichtigen Informationen, Fakten von „Fake-News“ müssen unterschieden, Gesamtzusammenhänge in den Blick genommen werden. Bei diesem ganzen Wirrwarr kann es schnell passieren, die Angemessenheit von Zielen zu verkennen – und das „falsche“ Denksystem zu nutzen.

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Zwei Denksysteme konkurrieren um Anwendung

Zur Erinnerung: Die Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahnemann unterschieden zwei Denksysteme. System eins: Es operiert mittels Intuitionen und Faustregeln. Es läuft automatisch, unbewusst und zügig. System zwei hingegen kaut alle Informationen bis zum Schluss zigmal durch. Es ist bewusst, beansprucht kognitive Anstrengung und braucht mehr Zeit. Bei Informationsüberflutung, gesellschaftlicher Begünstigung von Schnelligkeit und mangelnder Bildung wissen viele nicht, wann sie welches System nutzen sollten.

Abgesehen davon, dass die meisten kognitiv träge sind und auf den Autopiloten des zweiten Systems schalten. Wann können wir demnach ein Ziel als „angemessen“ beurteilen? Sofern es realistisch zu erreichen ist. Das klingt banal, ist es aber nicht. Viele überschätzen sich oder hängen fanatisch einem Ideal an. Die einen meinen ihre eigene Biologie überwinden zu können, indem sie sich ihr Geschlecht frei wählen könnten. Die anderen sind bereit Errungenschaften unserer Zivilisation zu opfern, um das Klima zu „retten“.

Ist „zweckrationales Handeln“ „Vernunft“?

Wir können festhalten: Essenzielle Vernunft konstituiert sich aus Intelligenz und Angemessenheit. Diese „objektive Vernunft“ setzt und verfolgt ihre Ziele unter Berücksichtigung einer gesamtheitlichen Sichtweise. Sie ist eine interdisziplinäre, multiperspektivische Vernunft, die ahistorisch und gesellschaftsunabhängig ist. Sie ist universell. Jedoch auch selten anzutreffen, nämlich beim „echten“ Intellektuellen – im Sinne José Ortega y Gassets: „Man ist ein Intellektueller für sich, trotz seiner selbst, ja gegen sich selbst, unweigerlich.“ Weil Intellektuelle so selten anzutreffen sind, muss mit Vernunft etwas anderes gemeint sein.

Während Vernunft noch von der Antike bis zur Zeit der Aufklärung als etwas Subjektives galt („subjektive Vernunft“), versuchte vor allem Friedrich W. Hegel mit seinem absoluten Geist das Verständnis für die Vernunft als essenzielle zu etablieren. Vergeblich. Arthur Schopenhauer war es, der die Grundlage für unser heutiges Verständnis von Vernunft, im Sinne von Rationalität, oder richtigerweise Rationalitäten, maßgeblich prägte. Darauf aufbauend spezifizierte Max Weber diese Rationalität eines reinen Mittel-Zweck-Denkens mit seiner Konzeption des „zweckrationalen Handelns“.

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Eine pervertierte, hypersubjektive Form der Rationalität

Eine pervertierte Form hiervon sehen wir heutzutage in einer rein ökonomischen Rationalität, ja Nutzenmaximierung, die allgemeinverständlich als „rational“ gilt. Man kann sie zur Kategorie der „subjektiven Vernunft“ einteilen und sie als „Spezialistenvernunft“ oder „Rationalität“ im Weber‘schen Sinne bezeichnen. Es ist die Vernunft innerhalb eines spezifischen Systems oder aus einer bestimmten Perspektive heraus. Konkret kann man von „praktisch subjektiver Vernunft“ sprechen, die typisch für Unternehmer und Politiker ist. Demgegenüber steht die „theoretisch subjektive Vernunft“, die bei Kopfarbeitern und Berufsintellektuellen zu finden ist.

Gerade diese „subjektive Vernunft“ – sowohl praktisch als auch theoretisch – finden wir gegenwärtig als pervertierte, hypersubjektive Form von Rationalität wider. Man kann auch von einer „narzisstischen Rationalität“ sprechen. Einseitig werden die Interessen des eigenen Systems, der eigenen Gruppe gesehen und verfolgt – und anderen Gruppen geradezu aufgezwungen. So fokussiert sich die „praktisch narzisstische Rationalität“ ausschließlich auf die ökonomische Nutzenmaximierung.

Das System ring mit der Ideologie

Es ist eine Karikatur der „praktischen Vernunft“, für die eine Ursache-Wirkung-Logik gilt, jedoch mit maximalem Gewinn. Die pervertierte Form der „theoretischen narzisstischen Rationalität“ hingegen äußert sich in einer „Bürokraten-Rationalität“. Diese operiert wiederum mit zwei Denkmodi: „systemkonforme Logik“ und „ideologische Logik“. Bei ersteren gilt als rational, was dem System nutzt. Beim zweiten geht es um die Erreichung eines ideologischen Zieles.

Wohin das führt, sehen wir tagtäglich: Zunehmend gilt das Diktat einer Gruppierung. „Cancel Culture“ ist hierbei „nur“ eine Seite der Medaille. Nebenbei werden Personen mit anderweitigen Positionen zunehmend nicht mehr zu bestimmten gesellschaftsrelevanten Positionen zugelassen. Klimaaktivismus, Gendersprache und Politische Korrektheit zeugen von diesem Wirkmechanismus. Das ist nicht nur fragwürdig. Es ist höchst gefährlich. Für das Individuum, für die Freiheit, für die Demokratie. Man muss es in dieser Schärfe sagen: Es ist totalitär.

Letztlich wird die Realität die Ideologie in die Knie zwingen

Ist es also „fünf vor zwölf“ um unsere Demokratie bestellt? Mitnichten. Es ist eher ein Grund zum Optimismus – folgt man zumindest Hegel: „Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Demnach wird früher oder später die „vernünftige“ Wirklichkeit die „narzisstischen Rationalitäten“ in die Knie zwingen. Erste Schritte in diese Richtung sehen wir bereits auf politischer Ebene: Die Grünen müssen sich peu à peu von ihrem „Atomkraft? Nein, danke!“-Credo verabschieden. Und mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine beginnen einige Pazifisten ihr Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“ zu überdenken.

Es ist doch nicht so aussichtslos, wie man meinen könnte. Die Vernunft erwacht langsam aus ihrem Dornröschenschlaf. Der Schritt in Richtung „essenzielle Vernunft“ im Sinne Hegels, oder zeitgemäß formuliert, einer „global rationality“, ist womöglich nicht so weit entfernt, wie wir meinen. Schließlich wissen wir doch: Die Vernunft hat es schwer. Wie immer.

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