Elternkompetenz ist kein Naturprodukt

Vom Wagnis der Erziehung oder Warum anthropologisches Wissen für Eltern unverzichtbar ist / Teil III. Von Johannes Schwarte
Eltern von Neugeborenen zahlen oft für mehr Privatsphäre
Foto: dpa | Die Stabilität der frühkindlichen Bindung entscheidet über die spätere Entwicklung des Kindes.

In Gesprächen über Erziehungsfragen ist zuweilen die scherzhafte Bemerkung zu hören, Kinder könnten „bei der Auswahl ihrer Eltern gar nicht vorsichtig genug sein“. Diese Sentenz enthält einen wichtigen Hinweis: Eltern haben eine geradezu schicksalhafte Bedeutung für ihre Kinder. Das gilt auch für die Fähigkeit der Eltern, angemessen mit ihren Kindern umzugehen und sich dafür eine wahre Elternkompetenz anzueignen.

Definiert man Elternkompetenz als Fähigkeit, sich dem Kind altersangemessen zuzuwenden und ihm eine optimale Persönlichkeitsentwicklung zu ermöglichen, dann setzt das voraus, dass Eltern über elementare Kenntnisse über den jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes und die daraus resultierenden Bedürfnisse und Erfordernisse verfügen. Ohne solche Kenntnisse können Eltern, ohne es zu wollen und zu ahnen, vieles falsch machen im Umgang mit ihren Kindern. Dass Eltern im Normalfall ihre Kinder lieben und das Beste für ihre Kinder wollen, sei hier als selbstverständlich vorausgesetzt. Aber Elternliebe allein genügt nicht. Ohne ein Fundament an anthropologischem Wissen über die vielen Faktoren, von denen das Gelingen der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes abhängig ist, kann falsch verstandene oder falsch „dosierte“ Elternliebe dem Kind sogar schaden.

Diese Abhängigkeit elterlicher Kompetenz von anthropologischem Grundwissen wird in unserer Gesellschaft kaum beachtet. Öffentliche Debatten zu Erziehungsfragen zeichnen sich durch anthropologische Ignoranz aus, so als gäbe es entsprechende Erkenntnisse über den Menschen nicht. Diese weit verbreitete Ignoranz im öffentlichen Bewusstsein müsste dringend durch anthropologische Aufklärung überwunden werden. Hier hätten nicht nur die Medien eine wichtige Aufgabe, sondern vor allem auch die Schulen. Eine Grundbildung über elementare anthropologische Erkenntnisse müsste Bestandteil von Allgemeinbildung sein. Es ist eigentlich nicht zu begreifen, dass junge Menschen in unseren Schulen kaum auf eine ihrer wichtigsten Lebensaufgaben hin angesprochen werden: dereinst ein guter Vater beziehungsweise eine gute Mutter zu sein. Angesichts der schicksalhaften Bedeutung elterlicher Kompetenz für ihre Kinder ist der Gedanke nur schwer zu ertragen, dass die allermeisten jungen Menschen heute mehr Zeit auf den Erwerb des Führerscheins verwenden als auf die Förderung elterlicher Kompetenz.

Infolge der anthropologischen Ignoranz hält unsere Gesellschaft Elternkompetenz für ein naturwüchsiges Resultat und glaubt, dass sie sich ebenso „von selbst“ einstelle wie die Zeugungs- und Gebärfähigkeit. Das ist ein fundamentaler Irrtum. Elternkompetenz ist kein „Naturprodukt“ wie Elternliebe. Elternkompetenz setzt Wissen voraus, das angeeignet werden muss wie anderes Wissen. In den Vereinigten Staaten hat man das erkannt. Dort tendiert die Bildungsdebatte dahin, der elterlichen Kompetenz höchste Priorität einzuräumen, gefolgt von beruflicher und staatsbürgerlicher Kompetenz. Diese hohe Wertschätzung der Elternkompetenz resultiert wohl auch daraus, dass es in den USA in der Sozialisationsforschung eine spezielle Forschungsrichtung gibt, die sich mit „biografiezerstörenden Verhaltensweisen“ befasst. Es ist klar, dass bei der Frage nach den Ursachen zerstörerischer Lebensweisen die Elternkompetenz nahezu zwangsläufig ins Zentrum der Forschung rückt.

Anthropologische Erkenntnisse wurden schon überwiegend im Laufe des 20. Jahrhunderts gewonnen. Sie machen die vielfältigen Störungsmöglichkeiten des prinzipiell ergebnisoffenen Prozesses der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes deutlich und den Eltern bewusst, auf wie vielfältige Weise sie fördernden Einfluss auf den Persönlichkeitsentwicklungsprozess ihrer Kinder nehmen können. Bei den anthropologischen Wissenschaften handelt es sich um die philosophische Anthropologie, Sozialisationsforschung, Bindungsforschung, Hirnforschung und Moralisationsforschung. Ihre wichtigsten Erkenntnisse seien nachfolgend skizziert:

Verglichen mit Tieren etwa gleicher Entwicklungsstufe wird der Mensch „zu früh“ geboren. Er kommt als „natürliche Frühgeburt“ zur Welt. Seine Geburt bedeutet noch nicht das Ende der Schwangerschaft, sondern sie kommt einem „Uterus-Austausch“ gleich: Der biologische Uterus wird gegen den „sozialen Uterus“ (Familie) ausgetauscht. Die Schwangerschaft dauert im ersten Lebensjahr, dem „extra-uterinen Frühjahr“ (Adolf Portmann), im Prinzip noch fort. Deshalb ist der Mensch im ersten Lebensjahr hochgradig in seiner Entwicklung gefährdet, da er „noch nicht zu Ende geboren“ ist (Portmann). Kompetente Eltern wissen um die hochgradige Gefährdung ihres Kindes im ersten Lebensjahr. Sie sind bemüht, Störfaktoren (wie Lärm und Hektik) möglichst vom Kind fernzuhalten.

Der Mensch ist bei seiner Geburt in sozialisationstheoretischer Perspektive „physisches Rohmaterial“ (Johannes Messner), ein „plastischer Organismus mit der Möglichkeit der Menschwerdung“. Gleichwohl ist dieser „mögliche Mensch“ des Geburtszustandes in moralischer und juristischer Perspektive selbstverständlich bereits Mensch im vollen Sinn mit uneingeschränkter Menschenwürde. Für die Realisierung der Menschwerdung übernimmt die Natur keine Gewähr. Die Verantwortung dafür trägt die menschliche Gesellschaft, konkret und primär die Eltern, aber keineswegs nur sie allein.

Der Persönlichkeitsentwicklungsprozess ist im Augenblick der Geburt ergebnisoffen. Er ist sehr störanfällig und schließt die Möglichkeit tiefgreifender Störungen bis hin zu völligem Misslingen ein. Die Menschwerdung des Menschen im Prozess der Sozialisation ist etwas grundlegend Anderes als die Entfaltung eines genetischen Programms beim Tier, bei dem alle Lebensvollzüge durch das Instinktprogramm gesteuert und gewährleistet werden. Das gibt dem Leben der Tiere ein so hohes, zeitüberdauerndes Maß an Stabilität. Der Mensch ist demgegenüber aufgrund seiner Instinktreduktion (die wiederum eine Voraussetzung für seine nahezu unbegrenzte Lernfähigkeit ist) ein sehr instabiles, anfälliges und „riskiertes“ Lebewesen, ausgestattet mit der „konstitutionellen Chance zu verunglücken“ (Arnold Gehlen). Für manche Autoren gilt sogar, „dass Menschsein von der Wurzel her total misslingen kann“ (Joachim Illies). Vor allem die gut dokumentierten Beispiele von „Wilden Kindern“ oder „Wolfskindern“, die sich wie ihre tierischen „Vorbilder“ auf allen Vieren fortbewegen, zeigen auf eindrucksvolle Weise, dass ein Gelingen der Menschwerdung des Menschen alles andere als selbstverständlich ist. Sie machen auf die nahezu unbegrenzte Plastizität des Organismus „möglicher Mensch“ des Geburtszustands aufmerksam. Die Bindungsforschung hat in den vergangenen Jahrzehnten immer deutlicher gezeigt, wie wichtig eine stabile Bindung für den Menschen ist. Sie bildet sich in der Regel als Mutter-Kind-Beziehung aus. Als entscheidende Einflussgröße wurde die Feinfühligkeit der Mutter in ihrer Reaktion auf die Bedürfnisbekundungen des Kindes erkannt. Die Stabilität der frühkindlichen Bindung entscheidet nicht nur über die spätere Bindungsfähigkeit des Menschen, sondern auch über die Bindung an Werte. Die Wertbindung des Menschen entscheidet maßgeblich darüber, ob er einen „Halt“ im Leben findet oder haltlos bleibt.

In der Hirnforschung der vergangenen Jahrzehnte hat das Gehirn sich als plastisches Organ erwiesen, das sich durch die aus dem Sozialisationsmilieu kommenden Impulse (Sinneseindrücke) weitgehend selbst organisiert und sich infolgedessen umso effizienter und differenzierter entwickeln kann, je „brauchbarer“ und differenzierter die Impulse sind. Die Entwicklung des Gehirns und die Ausformung seiner Struktur sind somit aktivitätsabhängig und erfahrungsbezogen. Kompetente Eltern wissen um die prägende Bedeutung des Sozialisationsmilieus für ihr Kind und begreifen es als einen Faktor, der ihrer Gestaltung unterliegt. Auch wissen sie, dass indirekte Erziehung durch Einflussnahme auf das Sozialisationsmilieu ihres Kindes (Sinneseindrücke, optische und akustische Reize) wichtiger ist als direkte durch Einflussnahme auf das Verhalten.

Die Moralisationsforschung wiederum hat immer deutlicher erkannt, dass Kinder sich bereits sehr früh zu „moralischen Wesen“ entwickeln, die sich für die moralische Urfrage, was richtig oder falsch, gut oder schlecht beziehungsweise böse ist, interessieren. Wenn sie „moralische Rückfragen“ stellen, müssen diese altersangemessen beantwortet werden. Moralität und ein waches Gewissen sind keine „Naturprodukte“. Sie fallen nicht vom Himmel, sondern werden von dem Milieu beeinflusst, in dem ein Kind aufwächst. Zur „Naturausstattung“ des Menschen gehört lediglich eine „moralische Antenne“, eine Ansprechbarkeit auf moralische Fragen und ein elementares „Wertempfinden“ (Max Scheler). Die Entfaltung dieser Möglichkeiten erfolgt nicht naturwüchsig, sondern durch Impulse aus der Umwelt, dem Sozialisationsmilieu, und ihrer Verarbeitung. Das Ergebnis kann hohe moralische Sensibilität mit entsprechendem Verantwortungsbewusstsein sein. Es kann aber auch weitgehende moralische Unempfänglichkeit mit dem Extremergebnis völliger Gewissenlosigkeit sein. Zur Elternkompetenz gehört eine Sensibilität für die moralischen Rückfragen ihrer Kinder, die Fähigkeit zur altersadäquaten Beantwortung solcher Rückfragen sowie insbesondere ein Wissen um die Bedeutung der eigenen Vorbildlichkeit für das Wertempfinden ihrer Kinder.

Es gibt Elternkompetenz nicht zum Nulltarif. Sie ist nur dann zu erlangen, wenn Eltern gewisse Ansprüche an sich selbst stellen: Wenn sie bereit sind, sich elementare anthropologische Grundkenntnisse anzueignen, ferner das Wohl ihrer Kinder ins Zentrum der Lebensplanung zu rücken und die Lebensgestaltung an den Bedürfnissen und Verarbeitungsmöglichkeiten der Kinder auszurichten. Für diesen Einsatz werden Eltern durch Freude am Wachsen und Gelingen der Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder reich beschenkt.

Der Sozialethiker und promovierte Theologe Johannes Schwarte plädiert seit Jahren dafür, dass Elternkompetenz zu einem zentralen Bildungsziel erklärt wird und Eltern und Lehrer sich in diesem Zusammenhang auch vertieft mit anthropologischen Erkenntnissen befassen. Empfehlenswert in diesem Sinn ist sein im Nomos-Verlag 2015 erschienenes Buch „Die Plastizität des Menschen. Ergebnisoffenheit und Beeinflussbarkeit der Persönlichkeitsentwicklung“.

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