Eine Heimat bei Gott

Neu aufgelegt: Die „Hymnen an die Kirche“ von Gertrud von le Fort. Von Gudrun Trausmuth
Foto: IN | Die Dichterin Gertrud von le Fort, 1958.
Foto: IN | Die Dichterin Gertrud von le Fort, 1958.

1924 gelang Gertrud von le Fort (1876–1971) im Alter von 48 Jahren der Durchbruch als Dichterin. Dass sich der literarische Erfolg mit einem lyrischen Werk einstellte, ist bereits ungewöhnlich, noch erstaunlicher aber ist, dass die „Hymnen an die Kirche“, le Forts Gespräch der Seele mit der Kirche, zwei Jahre vor ihrem Eintritt in die katholische Kirche entstanden, denn le Fort konvertierte erst 1926 in Santa Maria dell‘ Anima in Rom.

Die Neuauflage der vor 90 Jahren erstveröffentlichten „Hymnen“ in einer von der Wiener Theologin Gundula Harand herausgegebenen, kommentierten Ausgabe ist ein wirkliches Geschenk, liegt die letzte Auflage dieser großartigen geistlichen Dichtung im Ehrenwirth-Verlag doch immerhin 26 Jahre zurück. Mit der schlicht-edlen Neuausgabe der „Hymnen“ schließt Gundula Harand an das 2012 ebenfalls bei Echter aufgelegte, mittlerweile in zweiter Auflage erschienene, „Gertrud von le Fort-Lesebuch“ an. Die optische und konzeptionelle Kontinuität der beiden Bände macht die Option einer Fortsetzung der Reihe möglich – tatsächlich harrt ja ein großer Teil des Werkes le Forts einer Neuauflage; wenn dieses geistige Erbe weitergetragen und neu fruchtbar gemacht werden soll, ist die erste Voraussetzung dafür ein Verfügbarmachen und Erschließen der Texte. Dass im Echter-Verlag in den letzten Jahren gleich zwei Bände unter dem Titel „Hymnen an die Kirche“ verlegt wurden, mag Anlass für eine gewisse Verwirrung sein. Deshalb der ausdrückliche Hinweis, dass im Falle einer Bestellung eine genaue Unterscheidung notwendig ist: 2011 wurde mit dem Neudruck der Dissertation Maria Eschbachs ein zentrales Werk der le Fort-Sekundärliteratur ebenfalls unter dem Titel „Hymnen an die Kirche“ verlegt.

Eine tiefe Botschaft für den modernen Menschen

Le Forts „Hymnen an die Kirche“ führen in ein Sprechen über die Kirche, das heute zunächst fremd, dann aber geradezu befreiend erscheint. Fernab der Monotonie heutiger Kirchendiskurse eröffnet le Fort eine wesensmäßige Ebene, die geeignet ist, ein neues Bild der Kirche im Leser entstehen zu lassen. Die „Hymnen an die Kirche“ sind das erschütternde Dokument eines persönlichen Weges in die Kirche, das in dichterischer Sprache, betrachtend und besingend, sich dem Geheimnis der Kirche zu nähern versucht. Zugleich bezeugen die „Hymnen“ in berückender Ehrlichkeit auch die Kämpfe jener Seele, die in den Dialog mit der Kirche tritt. Klassisch in ihrer Form, tritt in den „Hymnen“ gleichsam auch die Geistigkeit des modernen Menschen hervor, wenn le Fort, nachdem „die Seele“ als das innerste und formgebende Prinzip des Menschen sich bereits willentlich der Kirche hingibt, die Schmerzen der Bekehrung des Verstandes darstellt: „Ich bin in das Gesetz deines Glaubens gefallen wie in ein nackendes Schwert! Mitten durch meinen Verstand ging seine Schärfe, mitten durch die Leuchte meiner Erkenntnis!“

Die in den „Hymnen an die Kirche“ erzählte „Conversio“ geschieht aus der Perspektive der Einheit von Glauben, Denken und Leben und ist somit eine Erschütterung der ganzen Person. Diese trifft vor allem die geistigen Kräfte des Menschen, Wille und Verstand, schmerzhaft und heilend zugleich. Dem Schmerz des Verlustes der Autonomie – „Nie wieder werde ich wandeln unter dem Stern meiner Augen und am Stabe meiner Kraft!“ – steht allerdings eine Verheißung gegenüber, was auch die Herausgeberin Gundula Harand als zentrales Moment der „Hymnen“ betont: „Die Hymnen bergen eine tiefe Botschaft für den modernen Menschen. Sie weisen dem Suchenden den Weg aus der subjektiven Verschlossenheit in eine Heimat bei Gott, deren geistige Wirklichkeit durch das Geheimnis der Kirche vermittelt wird.“

Le Forts „Hymnen“, gelesen als wesenhafte und ins Ewige geweitete Schau der Kirche, sind metaphysische Dichtung. Um einen Zugang zu dieser heute ungewöhnlichen und nur zu seltenen Perspektive zu gewähren, ist Gundula Harands ausführliches Nachwort eine wunderbare Begleitung, die „die Tiefen dieser gedankenvollen Dichtung aus ihren Grundlagen erscheinen lassen“ möchte. Harand situiert die „Hymnen“ im Raum großer geistlicher Dichtung: Gleicherweise wurzelnd in der Psalmendichtung wie inspiriert durch christliche Mystik, stehen le Forts „Hymnen“ wie gesungene Gebete im geistigen Raum der Heiligen Schrift. Die Herausgeberin liest die „Hymnen an die Kirche“ „als Sprache des Glaubens“ und findet zu einer feinsinnigen Deutung der Bildhaftigkeit von le Forts Lyrik: „Bilder vermindern die Wahrheit nicht, sondern bewahren das Unsagbare, das durch sie erscheint“.

Göttliche Liebe als Prinzip der Einheit der Kirche

Hervorzuheben ist Harands Bemühen einer ordnenden Skizzierung der Theologie der „Hymnen“ gegenüber jener der „Glaubenslehre“ des evangelischen Theologen Ernst Troeltsch, le Forts verehrtem Lehrer und Meister. Präzise argumentiert die Wiener Theologin hier eine Unterscheidung zwischen Identifikation und Weiterführung einerseits (le Fort gab ja nach Troeltschs' plötzlichem Tod seine „Glaubenslehre“ heraus), Abgrenzung und Eigenentwicklung andererseits: Hält Troeltsch am „subjektiv-autonomen Prinzip der menschlichen Vernunft“ fest, so überwindet le Fort in den „Hymnen“ das Gefängnis des Subjektivismus, indem sich die Seele der katholischen Kirche anvertraut, deren Worte „die göttliche Wirklichkeit“ bezeichnen. „Die Hymnen an die Kirche erscheinen wie eine Antwort der Dichterin auf die Glaubenslehre“ summiert Harand, sieht aber andererseits auch einen bleibenden Einfluss Troeltschs' im Gesamtwerk le Forts, etwa die Tendenz, „der göttlichen Liebe als Prinzip der Einheit der Kirche eine Vorrangstellung einzuräumen“.

Mit einem abschließenden Blick auf das Textcorpus der Neuauflage der „Hymnen“ sei darauf hingewiesen, dass auch der oft weniger beachtete zweite Teil, das „Jahr der Kirche“ zu den Höhepunkten deutscher geistlicher Dichtung gehört – steht le Fort damit doch in der Tradition des „Geistlichen Jahres“ einer Annette von Droste-Hülshoff. Mit dem dritten Teil der „Hymnen an die Kirche“, überschrieben „Die letzten Dinge“, wagt le Fort den Blick auf die Kirche am Ende der Zeiten: Sagt die Kirche zuvor noch über sich „ich bin unterworfen den Schleiern meiner Schwachheit, ich bin unterworfen den dunklen Schatten der Verkennung“, so heißt es „am Ende aller Geheimnisse“: „Und Gott wird seine Liebe in mir erkennen. Und es wird kein Schleier mehr über mein Haupt fallen…“ – Gertrud von le Forts neu aufgelegte „Hymnen an die Kirche“ sind auch eine Pädagogik der Liebe zur geheimnisvoll verhüllten Braut Christi, der Kirche.

Gertrud von le Fort: „Hymnen an die Kirche“. Hrsg. von Gundula Harand. Echter Verlag, Würzburg 2014, ISBN 978-3-429-03741-3, 134 Seiten, EUR 14,90

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