„Ein transzendenter und allwissender Gott“

Der Religionswissenschaftler Perry Schmidt-Leukel über theologische Besonderheiten des Buddhismus sowie den modernen Pop-Buddhismus. Von Alexander Riebel
Foto: IN | Maitreya gilt als der noch erwartete Buddha und künftige universale Weltenlehrer.
Foto: IN | Maitreya gilt als der noch erwartete Buddha und künftige universale Weltenlehrer.

Perry Schmidt-Leukel ist seit 2009 Professor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster und war zuvor Professor an der Universität Glasgow. 2015 hat er die Gifford-Lectures gehalten, eine Auszeichnung, die davor seit 25 Jahren keinem Deutschen mehr zuteil wurde (zuletzt war es Annemarie Schimmel, davor Jürgen Moltmann).

Schließen sich Christsein und Buddhistsein aus?

Das kommt darauf an, von welcher Art Christsein und Buddhistsein die Rede ist. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass beide Religionen in sich äußerst vielgestaltig, vielfältig und unterschiedlich sind. Es gibt bestimmte Ausprägungen des Christentums, die mit gewissen Ausprägungen des Buddhismus unvereinbar sein können. Andererseits gibt es auch Formen des Buddhismus und des Christentums, die eine gewisse Affinität zueinander haben, so dass es inzwischen zahlreiche Menschen für sich selber eine religiöse Doppel-Identität als Christ und Buddhist behaupten.

Zen-Buddhismus und christliche Mystik werden zuweilen als vereinbar bezeichnet.

Dieser Vergleich ist in der Tat häufig herangezogen worden, vor allem im Zuge des Interesses, das christlich-katholische Ordensleute an der Zen-Meditation entwickelt haben. Bekannt in Deutschland sind Pater Hugo Makibi Enomiya-Lassalle oder Williges Jäger. Interessant ist, dass man von zen-buddhistischer Seite etwas zurückhaltender gegenüber christlicher Mystik gewesen ist.

Der Buddhismus scheint hierzulande eine äußerst attraktive Religion zu sein, ohne Gott, aber mit Selbsterlösung...

Die Antwort auf Ihre Frage erfordert eine gewisse Differenzierung. Zum einen kann man nicht so ohne weiteres sagen, der Buddhismus sei eine Religion ohne Gott. Zwar gibt es im Buddhismus nicht die Vorstellung eines personalen Schöpfergottes, aber durchaus den Glauben an eine transzendente Wirklichkeit, also an eine Wirklichkeit, die Raum und Zeit übersteigt, die unbedingt ist, ewig oder zeitenthoben und die die Grundlage der Erlösung darstellt, nämlich das Nirwana. Das kann man durchaus als einen Glauben betrachten, der mit einem profunden christlichen Gottesglauben einiges gemeinsam hat. Auch der Gedanke der Selbsterlösung ist im Blick auf den Buddhismus problematisch, und zwar im doppelten Sinn: zum einen geht es in allen Schulen und Richtungen des Buddhismus gerade um die Erlösung vom Selbst. Und genauso wenig wie man sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen kann, kann sich das Selbst von sich selbst befreien. In einer Form des Buddhismus hat dies zu der Vorstellung geführt, dass die Befreiung nur durch das Vertrauen auf die „andere Kraft“ der transzendenten Wirklichkeit geschehen kann; das ist eine Ausprägung des Buddhismus, die in seiner Geschichte durchaus eine große Rolle gespielt hat.

Sie meinen den Buddhismus des reinen Landes?

Genau. Dort finden wir diesen Aspekt sehr stark mit dem Vertrauen auf diese andere Kraft als Grundlage der Erlösung. Das ist in Japan die größte buddhistische Richtung, aber nicht nur dort; sie hat eine lange Geschichte im gesamten chinesischen Kulturraum und seine Wurzeln gehen auf Indien zurück.

Aber was weiß der Buddhismus-Anhänger hierzulande von diesen Zusammenhängen? Ist der Buddhismus hier nicht eher das Vehikel für einen Lifestyle?

Man kann grob vereinfachend sagen: Im europäischen Westen – in Amerika ist es etwas anders - hat es zwei unterschiedliche Wellen der Buddhismusrezeption gegeben. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fing man an, sich wissenschaftlich intensiver mit dem Buddhismus zu beschäftigen, weil erst Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten buddhistischen Texte in Europa bekannt und dann allmählich übersetzt wurden. Es bildete sich dann ein Buddhismus-Bild heraus, bei dem der Buddhismus als eine „atheistische Religion“ präsentiert wird. Damals war die falsche Vorstellung verbreitet, der Buddhismus sei die zahlenmäßig größte Weltreligion. Das gab den religionskritischen Kreisen im Europa des 19. Jahrhunderts einen enormen Auftrieb. Sie sahen im Buddhismus einen bisher unbekannten Verbündeten in ihrer Kritik des Christentums. Folglich wurde der Buddhismus häufig überhaupt nicht mehr als „Religion“ bezeichnet, sondern als eine atheistische Philosophie. Auf diese Weise hat die abendländische Auseinandersetzung zwischen dem Christentum und den atheistischen Strömungen der Aufklärung massiv die erste Wahrnehmung des Buddhismus im Westen beeinflusst. Hinzu kam noch die Gegenreaktion der christlichen Apologetik. Sie kritisierte den Buddhismus als pessimistische Religion, als weltflüchtig und nihilistisch. Die christliche Apologetik hat diese auch von Nietzsche und Schopenhauer vertretene Auffassung gegen den Buddhismus gewendet. In dieser Zeit kommt auch die unzutreffende Vorstellung auf, der Buddhismus kenne keine tätige Nächstenliebe. Dieses eher negative Bild vom Buddhismus hat sich sehr lange gehalten und wirkt immer noch nach. Im 20. Jahrhundert, vor allem ab den 60er Jahren, entsteht jedoch ein neues, anderes Buddhismus-Bild: der Buddhismus als Pop-Religion oder Lifestyle. Die Ursachen dafür sind vielfältig und müssten genauer untersucht werden. Jedenfalls wird der Buddhismus nun eher als eine attraktive Lebensweisheit, als eine Mischung aus Psychologie und Meditation und als Weg der Selbstverwirklichung wahrgenommen – bisweilen gar als ein Lebensstil ungebundener Freiheit, ohne Glaubenslehre, aber uneingeschränkt tolerant und immer friedfertig. Dieses Klischee wirkt ebenfalls stark nach, hat allerdings mit der gelebten Wirklichkeit des Buddhismus in Asien nicht sehr viel zu tun. Hier spiegeln sich erneut eher innerwestliche Probleme wider, die nun weniger mit den neuzeitlichen als eher mit den postmodernen Auseinandersetzungen um das Christentum zu tun haben.

Sie sprechen innerwestliche Probleme an – dient der Buddhismus hier nicht als Flucht vor einer Wirklichkeit?

Innerhalb der Schar westlicher Buddhismus-Bewunderer gibt es durchaus Menschen, deren Interesse am Buddhismus sehr ernsthaft ist, aber auch solche, bei denen das Interesse oberflächlich bleibt. Vielfach findet sich eine recht ungenaue Kenntnis des Buddhismus, insbesondere dort, wo er als eine Art Psycholehre verstanden wird, in der es nur darum geht, immer glücklich zu sein. Hier besteht die Tendenz, allen ernsthaften Alltagsproblemen aus dem Weg geht und den Menschen das Gefühl zu geben, was immer sie tun, sei schon in Ordnung. Bis hin zu den Auswüchsen, das es Pornodarsteller gibt, die den Buddhismus als ideale Religion anpreisen. All das ist sehr weit weg von der Realität des Buddhismus in Asien. Auf der anderen Seite kann jedoch auch dieser Pop-Buddhismus immer wieder dazu führen, dass der eine oder andere sich wirklich ernsthaft mit dem Buddhismus beschäftigt, sich vielleicht einer buddhistischen Gemeinschaft anschließt und zu einem praktizierenden Buddhisten wird. Diejenigen, die diesen Weg konsequent beschreiten und beibehalten, dürften zahlenmäßig aber einen eher kleineren Kreis bilden..

Es gibt ja auch viele Vorurteile, wie dass Meditation oder das Schreiben von Haikus schnell erlernbar seien.

Richtig. Wenn man jedoch an Literatur denkt, die erheblich zur westlichen Bewunderung des Zen-Buddhismus beigetragen hat, wie etwa „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ (1948) von Eugen Herrigel, so werden darin die buddhistischen Künste durchaus als anspruchsvolle Praxis beschrieben. Meditation war übrigens im klassischen Buddhismus vor allem für Mönche und Nonnen vorgesehen. Laien konnten schon deswegen nicht meditieren, weil sie meist arm waren, lang und hart arbeiten mussten und so gar nicht die Zeit hatten, sich intensiv der Meditation zu widmen. Das war bestenfalls etwas für die wohlhabenden Laienanhänger. Primär war Meditation aber, gerade weil sie so anspruchsvoll ist, vor allem für den klösterlichen Kontext von Mönchen und Nonnen vorgesehen. Doch dies ändert sich heute auch in Asien.

Zurück zum Transzendenzbegriff – der ist doch anders als im Christentum?

Der Glauben an eine transzendente Wirklichkeit findet sich nicht nur im Buddhismus des Reinen Landes. Im klassischen Buddhismus wird das Nirwana als „Todlose“ und das „Unbedingte“ bezeichnet, ohne das es keine Erlösung gäbe. Im Mahayana-Buddhismus finden sich weitere Begriffe für Transzendenz, und häufig nimmt das Transzendente hier auch personale Züge an, insofern alle Buddhas als Ausdruck, quasi als Inkarnation der letzten Wirklichkeit verstanden werden. So auch im Buddhismus des Reinen Landes. Hier wird sogar das Element der elterlichen Liebe mit in das Bild eingetragen. Amida-Buddha wird als Vater/Mutter angerufen und gilt dabei zugleich als Symbolisierung der an sich unbegreifbaren letzten Wirklichkeit. Zudem besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Glauben an eine transzendente Wirklichkeit und dem besonderen Rang des Mitgefühls. Denn der Buddhismus geht davon aus, dass die Erleuchtung eine doppelte Vollkommenheit beinhaltet, die Vollkommenheit der Weisheit und die Vollkommenheit des Mitgefühls. Beides gehört untrennbar zusammen und bedingt sich gegenseitig.

Aber der Transzendenzbegriff widerspricht ja geradezu der christlichen Vorstellung vom Sein – dass wir schließlich auch bei Gott sind. Ist Buddha allwissend, es gibt die unbeantworteten Fragen?

In traditionellen Texten wird Buddha durchaus als allwissend bezeichnet. Es gibt Fragen, die er nicht beantwortet, aber nicht, weil er keine Antwort wüsste, sondern weil eine Antwort auf diese Fragen nicht zum Heil führe – so jedenfalls sagen es die kanonischen Texte. Nach einigen klassischen buddhistischen Philosophen handelt es sich hierbei jedoch um Fragen, die prinzipiell nicht beantwortbar sind, was an der Struktur des menschlichen Denkens liege. Nehmen Sie beispielweise die Frage, ob die Welt im räumlichen Sinn begrenzt oder unbegrenzt ist. Jede Antwort bleibt für das Denken unbefriedigend.

Der Seelenbegriff gilt dem Buddhismus als problematisch. Die frühe westliche Buddhismus-Rezeption hat diesen Punkt jedoch völlig missverstanden, weil man die buddhistische Nicht-Ich-Lehre im Sinn einer materialistischen Seelenleugnung gedeutet hat. Doch das ist nicht gemeint. Der Buddhismus lehrt, dass der Mensch aus seiner Körperlichkeit und zusätzlich vier mentalen Bestandteilen besteht. Die mentale Wirklichkeit wird also keineswegs geleugnet. Geleugnet wird die Idee eines unveränderlichen Seelenkerns. Das Geistige wie auch das Körperliche ist jeweils prozesshaft gedacht: Alles befindet sich in einem permanenten Prozess der Veränderung und deswegen - so die buddhistische Auffassung - ist es überhaupt möglich, von der Verblendung hin zur Erleuchtung zu gelangen. Angesichts der Frage, wie man sich die Identität des Erleuchteten nach dem Tod vorstellen soll, werden alle logischen Antwortmöglichkeiten negiert: Man kann nicht sagen, dass er noch existiert; man kann aber auch nicht sagen, dass er nicht mehr existiert; man kann nicht sagen, dass er sowohl existiert als auch nicht existiert; noch kann man sagen, dass er weder existiert, noch nicht existiert. Dann folgt ein Satz, der in den gängigen Anthologien oft weggelassen wird. Der Vollendete, so heißt es, sei unbegreifbar wie das große Weltenmeer – ein Symbol im alten Indien für etwas wirklich Unausdenkbares. Auch im Christentum gibt es ja ein durchaus ähnliches Problem. Es finden sich zwar zahlreiche Bilder und Metaphern für das ewige Leben. Versucht man diese jedoch wörtlich zu nehmen, so gerät man in große denkerische Schwierigkeiten. Zahlreiche Metaphern für das Nirwana und die endgültige Befreiung kennt der Buddhismus auch. Aber es wird betont, dass es eben nur Metaphern sind. Letztendlich muss der Geist hier die Segel streichen und sagen, das können wir nicht mehr erfassen.

Professor Perry Schmidt-Leukel hat zuletzt die Bände veröffentlicht:

– Buddhismus verstehen. Geschichte und Ideenwelt einer ungewöhnlichen Religion. Gütersloher Verlagshaus 2017, 368 Seiten, EUR 29,99.

– Buddhist-Christian Relations in Asia. EOS-Verlag 2017, 460 Seiten, EUR 29,95.

Themen & Autoren

Kirche

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke äußert sich zum „Ad-limina-Besuch“ der deutschen Bischöfe, zur Gefahr eines Schismas und zum neuen kirchlichen Arbeitsrecht.
26.11.2022, 14 Uhr
Dorothea Schmidt
Der Vatikan hat die Kritik der Kardinäle Ladaria und Ouellet am Synodalen Weg veröffentlicht. Diese Transparenz schafft Orientierung, wo bisher nur ungläubiges Staunen über die Bischöfe war.
25.11.2022, 11 Uhr
Guido Horst
Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt in zwei Fällen gegen den Kölner Kardinal wegen des Verdachts der falschen eidesstattlichen Versicherung. Ökumenisches Gebet abgesagt. 
25.11.2022, 11 Uhr
Meldung
Im Wortlaut die Stellungnahme von Kardinal Marc Ouellet zum Synodalen Weg beim interdikasteriellen Treffen mit den deutschen Bischöfen.
24.11.2022, 17 Uhr
Kardinal Marc Ouellet