Trauerrituale

Ein Mysterienspiel von tiefstem Gehalt

Inmitten des scheinbar völligen Zerfalls der Form, erscheint mit der Bestattung der Queen die ritualgewordene Epiphanie all dessen, was überwunden zu sein schien – das gibt zu denken.
Nach dem Tod von Königin Elizabeth II. - Staatsbegräbnis
Foto: Ben Birchall (PA Wire) | Die Choreographie des Todes: Während der Trauerzermonien für Elisabeth II. war nichts dem Zufall überlassen - und die Menschen unterwarfen sich dem Protokoll der geordneten Trauer.

Falls es überhaupt eines Beweises bedurft hätte, dass der abendländische Mensch sich in Sehnsucht nach Transzendenz, Halt und Ritual verzehrt, so wäre er durch die feierliche Bestattung der verstorbenen Monarchin des Vereinigten Königreichs, Elisabeth II., geliefert worden. Wie aus einer anderen Welt wirken die Bilder, die uns seit Tagen überfluten, und doch gleichzeitig seltsam vertraut, wie eine Heimkehr.

„Ich sage Ihnen, warum die Menschen weltweit so tief berührt sind
von dem, was in diesen Tagen in London geschieht.
Weil es die ultimative Antithese zu der aus den Angeln gehobenen/künstlichen Woke-Welt ist,
in der wir leben müssen“

Vor wenigen Tagen schrieb Eduard Habsburg-Lothringen, ungarischer Botschafter beim Heiligen Stuhl, auf Twitter in englischer Sprache: „Ich sage Ihnen, warum die Menschen weltweit so tief berührt sind von dem, was in diesen Tagen in London geschieht. Weil es die ultimative Antithese zu der aus den Angeln gehobenen/künstlichen Woke-Welt ist, in der wir leben müssen. Es ist wie ein Aufwachen. Und die Menschen tun es. Erstaunlich.“ Dem ist eigentlich kaum etwas hinzuzufügen.

Die Moderne hat sich bemüht, alles zu zerstören, was bislang die Essenz von Zivilisation an sich war: Die Ausrichtung der Gesellschaft auf Gott, der Respekt vor dem Erbe der Tradition, die Ritualisierung des Alltags, die Akzeptanz und Transzendierung des gesellschaftlichen Rollenspiels. An ihre Stelle ist eine angeblich freidenkerische, fortschrittsorientierte, „entspannte“ und egalitaristische Gemeinschaft getreten, hinter der freilich nie dagewesene Abgründe von Hedonismus, Selbsthass, Hypokrisie und Polarisierung stecken, die öffentlich aufzudecken mittlerweile vom Einzelnen einen hohen Preis fordert.

Eine ganze Nation trauert - ritualisiert und geordnet

Nun aber, inmitten des scheinbar völligen Zerfalls der Form, erscheint mit der Bestattung der Queen die ritualgewordene Epiphanie all dessen, was überwunden zu sein schien. Eine ganze Nation gibt sich eine Form, stellt für einige wenige Tage ihren Alltag unter den Primat der Trauer – aber nicht etwa der ungeordneten Emotion, sondern vielmehr des streng in die geordnete symbolische Tat umgesetzten Empfindens.

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Was seit Jahrzehnten allemal an Weihnachten geschieht (und auch da zunehmend kapitalistisch überformt), ist nunmehr in einem völlig anderen Kontext vergegenwärtigt worden: Dass eine Gesellschaft sich ein Ziel geben kann, das nicht nur alle vereint, sondern das auch keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Zweck hat, sondern „nur“ symbolischer Art ist – und dabei klar macht, dass jenes „nur“ wichtiger ist als alles andere, weil es ans Wahre rührt.

Vor allem aus Deutschland kommen die Mäkler

Die Vergegenwärtigung der Sterblichkeit ebenso wie der Beginn einer neuen Ära, und das alles unter dem Zeichen christlicher Tradition sowie im doppelten Bezug nicht nur auf einen realen Menschen, sondern auch auf den Souverän, also die Personifizierung der Nation – das ist nicht nur ein atavistisches „politisches Spektakel“, sondern ein Mysterienspiel von tiefstem Gehalt, das an die fundamentalsten Werte individueller wie kollektiver Identität rührt und zeigt, was die Monarchie – und sei sie nur konstitutionell – einer Republik voraus hat: Nämlich den unmittelbaren Bezug auf den Menschen an sich und all das, für das er selbst nur ein irdisches Symbol ist.

Kein Wunder, dass da – vor allem in Deutschland – die Mäkler nicht fehlen dürfen, die mit dem üblichen Arsenal billiger Rhetorik die Briten zu belehren suchen, wie sie ihr Gemeinwesen reformieren sollen: Jener von Millionen von Menschen im In- und Ausland praktizierte rituelle Aufstand gegen die „Häresie der Formlosigkeit“, auch wenn er nur einige wenige Tage dauerte, hat gezeigt, dass unser kultureller Boden zwar weitgehend kahlgeschlagen wurde, aber förmlich nach dem Wasser der Tradition dürstet, um erneut Blüten zu treiben.

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