Ein katholischer „Boss“

„Einmal katholisch – immer katholisch.“ So denken nicht nur Bischöfe und Priester, auch einer der größten Rockstars der Gegenwart. Bruce Springsteen weiß, dass er seiner religiösen Erziehung viel zu verdanken hat. Auch wenn es manchmal dunkel und düster war. Von Renardo Schlegelmilch
Bruce Springsteen rockt auch mit 67 Jahren weiter auf den Bühnen der Welt
Foto: dpa | Auch mit 67 Jahren rockt Bruce Springsteen weiter auf den Bühnen der Welt.

Can you feel the spirit?“, schreit der Mann auf der Bühne den knapp 100 000 Menschen zu seinen Füßen zu. „Wenn ihr den Geist in euch spüren könnt, dann antwortet mir! Antwortet mir mit einem „Yeah! Yeah!“. Aus zigtausend Kehlen erschallt im Chor ein kräftiges: „Yeah! Yeah!“.

Man könnte es zwischenzeitlich für einen Gospel-Gottesdienst halten. Die Menschen sind tief bewegt. Momente der Freude, der Trauer, der puren Ekstase. Ein Konzert von Bruce Springsteen sprengt alle Dimensionen. Nicht nur die Zuschauerzahlen übersteigen die meisten Pop-Konzerte (und auch Gottesdienste), sondern auch die Länge der Show. Vier Stunden Konzert sind nicht ungewöhnlich. Viele Menschen, die solch ein Konzert mal miterlebt haben, sprechen von der spirituellen oder gar transzendentalen Dimension des Erlebnisses. Der „Boss“ sagt dazu: „Wir erschaffen etwas aus dem Nichts. Wir kommen auf einer leeren Wiese mit diesen Menschen zusammen. Wenn wir dann auf der Bühne stehen und spielen, teilen wir einen Moment. Da ist etwas Greifbares, eine verbindende Energie in der Luft.“

Springsteen ist katholisch. „Katholisch vorgeschädigt“, wie er es hin und wieder in Interviews bezeichnet. Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie der amerikanischen Provinz (New Jersey) war die Institution Kirche, mehr noch als der Glaube an sich, so ziemlich das Zentrum seiner frühen Kindheit: „Es hieß immer nur Kirche, Kirche, Kirche. Das war unser Lebensinhalt. Wir waren mindestens zweimal die Woche da. Ich erinnere mich noch gut an die roten Backsteine und den hohen Kirchturm. Wir waren immer da, bei jeder Hochzeit und jeder Beerdigung. Mindestens jeden Freitag und Sonntag sind wir zum Gottesdienst.“ Dabei, fügt er hinzu, sei die katholische Kirche seiner Jugendzeit nicht mit der von heute zu vergleichen. Springsteen ist aufgewachsen in der Zeit vor den Reformen des zweiten Vatikanischen Konzils. „Man vergisst immer, dass die Kirche damals viel düsterer war, viel mystischer. Die ganze Messe auf Latein. Wenn man heute in die Kirchen geht, ist alles offen und hell, als ich Kind war, war es immer dunkel.“ Geschichten von Hölle und Verdammnis waren für ihn damals, als nicht hinterfragendes Kind, „genau so real, wie die Tankstelle um die Ecke“. Trotzdem, bei aller Dunkelheit (metaphorisch wie räumlich) hat ihm die Zeit in der Kirche viel Inspiration für seine späteren Liedtexte gebracht.

„Der Katholizismus steckt voller Poesie, Gefahr und Dunkelheit, die meine Vorstellungskraft angeregt, aber auch meine innersten Gefühle widerspiegelt hat. Ich habe dort die Sprache für meine Musik gefunden. Eine Sprache voller Härte und Schönheit, eine Sprache fantastischer Geschichten. Voller unvorstellbarer Leiden, aber auch unendlichen Heils.“ Ein gutes Beispiel für diese sprachliche Inspiration ist das Lied „Youngstown“ (1995), ein Lied über den Verfall einer alten Stahlarbeiter-Stadt im Nordosten des US-Bundesstaates Ohio. Wie in so vielen Liedern von Springsteen geht es hier um den einfachen amerikanischen Arbeiter, dem die Lebensgrundlage genommen wird. In diesem Fall eine Stahlhütte, von den Arbeitern nur „Jenny“ genannt, die fast 200 Jahre lang ihren Dienst geleistet hat. Die Arbeiter, die Jahrzehnte in glühender Hitze an den Stahlöfen standen, haben auf einmal keinen Job mehr. Springsteen findet die passende biblische Metapher: „Wenn ich sterbe, will ich keinen Platz im Himmel. Für die Arbeit im Himmel bin ich nicht geschaffen. Ich bete, dass der Teufel mich holt und an die feurigen Schmelzöfen der Hölle stellt.“

Bei aller Inspiration hatte die katholische Erziehung der 50er Jahre allerdings auch ihre Schattenseiten. Neben den ständigen Konflikten mit dem tief religiösen Vater Douglas Springsteen, einem Tagelöhner, über den er noch viele Lieder schreiben würde, waren zum Beispiel in der kirchlich getragenen Schule auch Schläge vom Pfarrer oder den Schwestern an der Tagesordnung. Katholische US-Erziehung der 1950er Jahre halt. „Das war für uns damals ganz normal“, schreibt Bruce Springsteen in seiner Autobiographie. „Trotzdem haben diese Erfahrungen einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen, der dazu geführt hat, dass ich mich von der Religion erst mal grundsätzlich verabschiedet habe.“ Diese Erfahrungen haben ihn geprägt und ihre Spuren in der Psyche, aber auch in der Musik von Bruce Springsteen hinterlassen.

Die Karriere des späteren „Boss“ und Trägers der Freiheitsmedaille, der höchsten zivilen Auszeichnung der USA, hat aber erst mal holprig angefangen. Eine richtige Ausbildung hat der junge Bruce nie gemacht, ihm war immer klar: Ich will Musik machen. Eine Zeit lang hat er sich als Gärtner über Wasser gehalten. Die Nächte aber immer wieder in den Bars von Asbury Park verbracht – um Musik zu machen. Nach verschiedenen Hard Rock-Bands wie „Steel Mill“ oder der „Bruce Springsteen-Band“ (beides mit mäßigem Erfolg) kam dann 1973 der erste Plattenvertrag. Die Musik des jungen Künstlers, die damals sehr stark an Bob Dylan angelehnt war, wollte allerdings keiner wirklich hören. Erst das pompös produzierte „Born to Run“-Album zwei Jahre später hat den Durchbruch gebracht. Die kommenden zehn Jahre war Bruce Springsteen einer von vielen. Einer dieser jungen, ungestümen Singer-Songwriter, die die Welt verändern wollten. Eine Zeit, in der er auch viele Lieder für andere Künstler geschrieben hat. Manfred Manns „Blinded by the Light“, Patti Smiths „Because the Night“ oder „Fire“ von den Pointer Sistes stammen alle aus der Feder von Bruce Springsteen. Nicht, weil er sich im Hintergrund halten wollte, sondern weil er selbst mit den Liedern keinen Erfolg hatte, und trotzdem irgendwie die Rechnungen bezahlen musste. Der Schritt vom Singer-Songwriter zum Weltstar und zur Ikone der Popkultur kam dann 1984: Born in the USA. Zu dem Zeitpunkt Springsteens siebtes Studioalbum. Mit Hits wie „Glory Days“ oder „Dancing in the Dark“ hat sich das Album bis heute weltweit über 30 Millionen mal verkauft und zählt damit zu den meistgehörten Alben aller Zeiten. Fans beklagen, dass seine Musik auf Born in the USA ein wenig platt und einfallslos klingt. So wird das Titellied zum Beispiel oft von Rechtskonservativen in den USA als patriotische Hymne auf das Heimatland verstanden. Ronald Reagan hatte es sogar 1984 im Wahlkampf verwendet. Wer sich den Text anhört, merkt aber direkt, dass das keine gute Idee ist. Es geht um die Leiden des einfachen Mannes in Amerika durch den Vietnam-Krieg und die fehlgeleitete Politik der amerikanischen Regierung.

Obwohl Springsteen durch Born in the USA zum Weltstar wurde, hatte (und hat) er mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen: Depression. Selbst in den Zeilen eines Welthits wie „Dancing in the Dark“ finden sich schon damals Hinweise darauf: „I get up in the evening ...“ – Ich stehe auf am Abend und habe nichts zu sagen. Komme heim am Morgen und fühle mich noch genau so. Ich bin nur noch müde, müde und habe von mir selbst genug.“ Sein Leben lang ist er wegen dieser Depressionen immer wieder in Behandlung. Heute ist er überzeugt, die harte katholische Erziehung hatte definitiv einen Anteil daran. Spuren dieser katholischen Kindheit finden sich auch in seiner Musik: Von den Texten seiner Schülerbands der späten 60er, bis zu den Stadion-Hymnen auf den aktuellsten Alben. Dabei hat der Bezug zum Glauben in Springsteens Musik verschiedene Ebenen: Die Spiritualität, die Suche nach Sinn und Hoffnung auf bessere Zeiten ist eine davon. Immer wieder finden sich Gebete in seinen Texten. „I pray for the strength Lord“ – Herr, gib mir Kraft – heißt es in „My City of Ruins“, ein Lied, geschrieben als Antwort auf die Ungewissheit und die Leiden des amerikanischen Volkes nach dem 11. September 2001.

Es sind die schweren Zeiten, in denen sich Springsteen in seiner Musik dem Glauben zuwendet. Das Album „Wrecking Ball“ von 2012 widmet sich der Finanz- und Wirtschaftskrise in den USA, die auch seine Heimatregion in New Jersey hart getroffen hat. „Du betest so gut du kannst. Betest, dass dein Bestes gut genug ist und der Herr den Rest tun wird“, heißt es übersetzt im Lied „Rocky Ground“. Neben den Gebeten und Metaphern gibt es aber noch eine ganz andere religiöse Ebene seiner Musik. In vielen Liedern finden sich ganz konkrete Bezüge und Zitate aus der Bibel. Zum Beispiel wird in einem Song über die Konflikte zwischen Vater und Sohn Springsteen die biblische Geschichte von Kain und Abel bemüht. Springsteen hatte sein Leben lang Probleme mit seinem gewalttätigen Vater. „Adam raised a Cain“ befasst sich genau damit und ist 1978 auf dem Album „Darkness on the Edge of Town“ erschienen: „In der Bibel hat Kain Abel getötet, und wurde aus dem Garten Eden verbannt. Genau so wirst du in dein Leben geboren und musst für die Sünden der Väter zahlen.“ Interessant ist dabei übrigens, dass man den Titel des Liedes auf zwei Weisen übersetzen kann: Adam und sein Sohn Kain, der den friedliebenden Bruder Abel tötet, aber auch „Adam erhebt den Stock“ (engl. cane, genau so ausgesprochen wie Cain), um den Sohn zu züchtigen.

Bei der tiefsitzenden katholischen Prägung ist es wohl auch kein Zufall, dass ein Großteil der Frauen, die in Springsteens Liedern besungen werden, Mary, Marie oder Maria heißen. Das fängt beim Klassiker „Thunder Road“ an („the screen door slams, Mary's dress sways“) und zieht sich durch seine gesamte Laufbahn. Einer der neuesten Springsteen-Songs heißt auch passenderweise „Mary Mary“ (2014 auf der EP „American Beauty“ erschienen). Dabei merkt man beim ,gereiften‘ Springsteen definitiv, dass seine Beziehung zum Glauben, zur Kirche und zum Katholizismus mit dem Alter entspannter, aber auch wohlwollender geworden ist. Wollte er 1973 in „Lost in the Flood“ (auf dem Debut-Album „Greetings from Asbury Park, NJ“) noch schockieren mit Zeilen wie „Nonnen rennen schwanger durch den Vatikan, beteuern die unbefleckte Empfängnis“, so findet man heute in seinen Liedern fast auf jedem Album einzelne Gebete in den Zeilen. Wenn die Alltagsweisheit keine Lösungen mehr bietet, muss halt der Glaube herhalten.

Am besten wird sein gewandeltes Verhältnis zum Glauben aber deutlich, wenn man den Text zu „Darkness on the Edge of Town“ von 1978 anschaut. Heißt es auf der Original-Platte „I lost my money when I lost my wife, these things don't seem to matter much to me now.“ So wird bei Live-Konzerten heutzutage aus dem verlorenen Geld der verlorene Glaube („lost my faith“). Ob er ihn tatsächlich zwischenzeitlich verloren hat oder nicht, der Glaube bewegt Bruce Springsteen definitiv in seiner Musik.

Und was sagt der „Boss“ selbst, wenn man ihn auf das Thema Gott und Glaube anspricht? „Einmal katholisch – immer katholisch. Ich gehe nicht aktiv in die Kirche, aber da kommt man auch nicht raus. Tief in mir drin bin ich immer noch im Team.“

Der Autor ist Moderator und Redakteur des Domradios in Köln.

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