Ein Geburtstag und seine Folgen

Vor 25 Jahren wurde das erste Retortenbaby der Welt gezeugt. Seitdem ist aus der künstlichen Befruchtung vor allem ein Geschäft geworden, mit dem sich Kundenwünsche maßgeschneidert befriedigen lassen.

„Ich bin kein Monster, sondern ganz normal im Bauch meiner Mutter gewachsen“, verteidigt sich Louise Joy Brown. Als sie vor fünfundzwanzig Jahren am 25. Juli 1978 um 23.47 Uhr mit einem Gewicht von 2.600 Gramm im Oldham and District General Hospital bei London per Kaiserschnitt zur Welt gebracht wurde, war sie bereits international ein Gesprächsthema. Das erste Baby der Welt, das mittels künstlicher Befruchtung erzeugt wurde, sorgte für eine heute kaum noch vorstellbare Empörung.

Seitdem ist nicht nur die Themse viel Wasser hinunter geflossen. Allein in Deutschland, wo eine künstliche Befruchtung zum ersten Mal 1982 erfolgreich durchgeführt wurde, sind laut dem Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren (BRZ) in den zurückliegenden zwanzig Jahren etwa 100000 Kinder zur Welt gekommen, die ohne das Zutun der Reproduktionsmediziner nicht existieren würden. Weltweit sind es längst Millionen.

Dabei geht es schon lange nicht mehr ausschließlich darum, Eltern die auf natürlichem Wege ohne Wunder keinen Nachwuchs zeugen können, mittels Technik zu einem Kind zu verhelfen. Denn der Geist, den der Gynäkologe Patrick Steptoe und der Physiologe Robert Edwards gemeinsam vor einem Vierteljahrhundert aus der Flasche ließen, als sie der an einem Verschluss des Eileiters leidende Lesley Brown Eizellen entnahmen und diese in der Petrischale befruchteten, hat sich als unkontrollierbar erwiesen. Über die Folgen wird heute beinah täglich berichtet: Frauen, die im Alter von Großmüttern noch einmal Mutterglück erleben wollen und sollen dürfen. So genannte Designer-Kinder, die mittels Präimplantationsdiagnostik (PID) „auserwählt“ wurden, um aufgrund passender Gene als Zellspender für bereits geborene erkrankte Geschwisterkinder zu fungieren. Nach Geschlecht selektierte Kinder, die ihren Eltern vorzugsweise durch den Einsatz von Spermiensortierern zu so genannten „balanced families“ verhelfen sollen. Nicht immer. Aber immer öfter – und keineswegs nur bei unfruchtbaren Paaren.

Eine Entwicklung, die selbst Edwards die Haare zu Berge stehen lassen. Die heutigen Fabriken der Babymacher – allein in Deutschland gibt es mittlerweile rund einhundert solcher Zentren – erfüllen den Pionier mit Entsetzen: „Seit sich die künstliche Befruchtung ausgebreitet hat, ist sie zum pharmazeutischen Unfug verkommen“. Und dabei findet Edward noch überaus freundliche Worte, wie ein Blick auf die Realität zeigt.

Nach einer Studie, deren Ergebnisse im vergangenen Jahr in der Fachzeitschrift „Human Reproduction“ veröffentlicht wurden, sind im Jahr 2001 in 24 IVF-Zentren aus 14 Ländern im Rahmen von 412 Zyklen PID-Techniken durchgeführt worden. Wie viele Embryonen pro Zyklus dabei untersucht wurden, geht aus dieser Studie nicht hervor und ist je nach Gesetzeslage von Land zu Land unterschiedlich. In Deutschland sind es drei, in anderen Ländern bis zu zwölf und mehr pro Zyklus. Tatsache ist aber: Von den 412 Zyklen dienten allein 78 Zyklen ausschließlich der Bestimmung des Geschlechts des Embryos, und zwar ohne dass bei den Gametenspendern ein erhöhtes Risiko zur Übertragung einer vererbbaren Krankheit vorgelegen hätte. Im Auftrag der Paare wählten die Reproduktionsmediziner also unter den befruchteten Eizellen diejenigen Embryonen aus, die das von den Eltern gewünschte Geschlecht aufwiesen. Die Studie, die in diesem Zusammenhang von „social sexing“ oder auch „family balancing“ spricht, widerlegt zudem die Behauptung, dass die künstliche Befruchtung heute nur von unfruchtbaren Paaren nachgefragt wird. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: In Verbindung mit Methoden der hierzulande (noch) verbotenen PID wird die künstliche Befruchtung längst auch für zeugungsfähige Paare überaus interessant: Denn 75,6 Prozent der Zyklen betrafen laut der Studie fruchtbare Paare.

Ein Zentrum, das „social sexing“ durchführte, gab zum Beispiel an, es sei besser, Embryonen zu eliminieren, statt Abtreibungen vorzunehmen. Dies zeigt, dass die Möglichkeit der künstlichen Befruchtung längst auch dazu geführt hat, dass Abtreibungen allein deshalb durchgeführt werden, weil die Kinder ein nicht erwünschtes Geschlecht besitzen. Der Mensch, ein Produkt, das nach den Wünschen der Auftraggeber hergestellt und wie ein Auto über die gewünschte Sonderausstattung verfügen können soll.

Dass die gametenspendenden Auftraggeber über die Erfüllung ihrer Wünsche durchaus zu wachen bereit sind, wird in der Studie durch den Hinweis bestätigt, dass im Rahmen des „social sexing“ ein Kind wegen eines Diagnosefehlers bei der PID, der erst bei einem erneuten Screening im Mutterleib festgestellt werden konnte, dann auch tatsächlich abgetrieben wurde. Es hatte keine Erbkrankheit, es wäre einfach nur mit einem nicht erwünschten Geschlecht zur Welt gekommen.

In Großbritannien haben Patientinnen seit kurzem sogar die Möglichkeit, eigene Eizellen zu spenden. Im Gegenzug erhalten sie dafür eine verbilligte IVF. Wie das „Deutsche Ärzteblatt“ Ende Juni berichtete, ist die Methode vor allem für Patientinnen interessant, die es sich nicht leisten könnten, umgerechnet rund 3400 Euro für eine künstliche Befruchtung zu bezahlen. Nach Angaben des Blattes bietet der Londoner Arzt Dr. Ian Craft in seiner Klink Logan Centre for Assisted Reproduction preiswerte Behandlungen an. Anstatt die 3400 Euro pro IVF zu bezahlen, müsse die Patientin lediglich etwa 1500 Euro aufbringen. Dafür verpflichte sie sich, eigene Eizellen zu spenden, damit diese von der Klinik für IVF-Behandlungen anderer Patientinnen genutzt werden könnten. Nach Angaben von Craft haben bisher vier Frauen das Angebot angenommen und Eizellen gespendet. Die britische Aufsichtsbehörde (Human Fertilisation and Embryology Authority, HFEA) habe die Methode für zulässig erklärt.

Damit nicht genug: Frauen, die eine künstliche Befruchtung vornehmen lassen wollen, können eventuell bald auf Eizellen zurückgreifen, die aus dem Gewebe abgetriebener Föten gewonnen wurden. Laut einem Bericht des britischen „Telegraph“ hat ein Team israelischer und niederländischer Forscher in einem Experiment sieben abgetriebenen Kindern das Eierstock-Gewebe entnommen und im Labor vier Wochen lang kultiviert. Die die Eizellen produzierenden Follikel hätten sich normal entwickelt, allerdings sei noch nicht das Stadium erreicht worden, in dem sie gesunde Eizellen abgegeben hätten. Nun würden die Forscher versuchen, im Labor Bedingungen zu schaffen, unter denen die Follikel zum Eisprung gebracht werden könnten. „Wenn wir sie reifen lassen können, dann können sie für künstliche Befruchtungen genutzt werden“, zitiert der „Telegraph“ Tal Biron-Shental vom Meir Hospital in Kfar Saba, Israel, der an der Studie mitarbeitet. Zwar gebe es viele ethische Bedenken, doch solange keine endgültigen Forschungsergebnisse vorlägen, müsse auf diese keine Antwort gegeben werden.

Falsch. „Techniken sind“, so die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim, „im sozialen Raum nie neutral, sondern wirken zurück auf die Entscheidungssituation, die Handlungsalternativen und die Beurteilungsmaßstäbe. Sie verändern individuelle Erwartungen und Verhaltensweisen, soziale Werthaltungen und Standards. Sie setzen an vorhandenen Bedürfnissen an, treiben sie weiter voran und verändern sie unter der Hand, bis neue Bedürfnisse, Wünsche, Normen entstehen.“

Aus dem prinzipiell verständlichen Wunsch nach einem Kind, ist längst der Wunsch nach einem optimierten Kind geworden, das zum passenden Zeitpunkt (etwa in der Karrierepause), ohne unerwünschte Merkmale (Krankheiten) und mit erwünschten Merkmalen (passendes Geschlecht oder passendes Zellgewebe) zur Steigerung der eigenen Lebensqualität oder was dafür gehalten wird, zu erscheinen hat.

Für all das kann Louise Joy Brown freilich nichts. Sie ist kein Monster. Sie ist tatsächlich, „ganz normal“ im Bauch ihrer Mutter herangewachsen. Trotzdem, wer die vergangenen 25 Jahre Reproduktionsmedizin Revue passieren lässt, dem fällt es nicht leicht, dem ersten unnatürlich gezeugten Kind ungezwungen und fröhlich zum Geburtstag zu gratulieren.

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