Feuilleton

Ein Erneuerer der Kirchenmusik in dunkler Zeit

75. Todestag an Allerheiligen: Der Komponist und Kirchenmusiker Hugo Distler (1908–1942).
Hugo Distler (1908–1942),  Komponist und Kirchenmusiker
Foto: wiki

Hugo Distler, geboren am 24. Juni 1908 in Nürnberg und am 1. November 1942 in Berlin gestorben, ist ein Musiker, von dem man viel lernen kann. Denn er vermochte es, in gefahrvoller Zeit singend und spielend seinen Glauben zu verkünden und sich mit aller Energie dem zuzuwenden, was in der damaligen gefährlichen gesellschaftspolitischen Lage Heilung bringen konnte, der Feier des Gottesdienstes.

Dass Distler die Musik als weltverändernde Kraft begriff wird an dem nüchternen Eifer deutlich, mit dem er sich darum bemühte, sein Talent zu entfalten. Unterstützt wurde er dabei von seinen Großeltern, die dem unehelich Geborenen, dessen Mutter zeitweise mit ihrem neuen Partner und ihrem zweiten Sohn in den Vereinigten Staaten lebte, ein Zuhause gaben und über weite Strecken seine Erziehung übernahmen. Doch die Inflation, die so viele Menschen damals um ihre Ersparnisse brachte, ließ auch sie verarmen und Distler hätte, da ihm ein Stipendiumsplatz am städtischen Konservatorium in Nürnberg zweimal verwehrt wurde, seine Ausbildung abbrechen müssen, wenn Carl Dupont, an dessen Privatschule er im Fach Klavier unterrichtet worden war, sich nicht bereit erklärt hätte, Distler unentgeltlich weiter zu schulen. Nach dem Abitur studierte Hugo Distler nach der mit Auszeichnung bestandenen Aufnahmeprüfung drei Jahre lang am Leipziger Landeskonservatorium für Musik, musste aber nach dem Tod seines Großvaters und Geldgebers ohne Abschluss in den kirchenmusikalischen Dienst wechseln. Sein Lehrer Günther Ramin vermittelte ihn nach Lübeck, wo Distler am 1. Januar 1931 seinen Dienst als Kirchenmusiker begann.

Trotz der Unwägbarkeiten seines Ausbildungsweges erwies sich Lübeck St. Jakobi als Glücksfall für Distler, denn er traf dort – eine Fügung, von der manch ein Kirchenmusiker vergeblich träumt – mit einem Pastor zusammen, für den die Feier des sorgfältig gestalteten Gottesdienstes ein Herzensanliegen war. Axel Werner Kühn, so der Name des Pfarrers, engagierte sich in der liturgischen Bewegung und motivierte Distler zu seiner im Jahr 1931/32 komponierten Sammlung „Jahreskreis“, seinem Opus 5, in dem er 52 kleine geistliche Chormusiken zusammenfasste. Ebenfalls in seinem ersten Dienstjahr entstand seine „Deutsche Choralmesse“, 1932 seine „Choralpassion“ Opus 7, seine „Kleine Adventsmusik“ Opus 4 sowie seine Orgelpartita „Nun komm, der Heiden Heiland“ Opus 8.

Hugo Distler war evangelischer Kirchenmusiker, aber seine Kompositionen weisen eine Liturgizität auf, die sie auch für den katholischen Gottesdienst uneingeschränkt geeignet sein lässt. Seine Choralpassion beispielsweise ist reine Vokalmusik, wie es für den Karfreitag vorgesehen ist. Sie folgt in ihrer Struktur den Passionen von Heinrich Schütz, die für die Realisation innerhalb der Liturgie konzipiert sind und gleicht nicht den weiträumigen und mit reichem Instrumentarium ausgestatteten Passionen Johann Sebastian Bachs, deren Aufführung sich nur innerhalb eines konzertanten Rahmens empfiehlt. Die Werke von Heinrich Schütz erlebten seit den 1920er Jahren ein Revival und wurden vor allem innerhalb der Singbewegung rezipiert, der es ein Anliegen war, die Intensität ihres Gebetes singend zu vertiefen und deren Vertreter davon überzeugt waren, dass die größere Offenheit der klingenden Persona sich im Rahmen des Gottesdienstes entfalten sollte. Distler stellte sich, motiviert durch die in Lübeck am Karfreitag alljährlich übliche Aufführung der Matthäuspassion von Heinrich Schütz mit seiner Begabung als Komponist an die Spitze dieser singenden Gemeinden. Er schreibt: „Der Gedanke einer Darstellung der Passionsgeschichte in zeitgemäßer Gewandung, doch im Geist der alten durch Schütz zu herrlicher Vollendung geführten a-cappella-Passion, die in der Verwendung der Mittel sich zugunsten einer volkhaften, allgemeinverständlichen, lapidaren, ebenso primitiven wie eindringlichen Sprache befleißigt: dieser Gedanke war es, der die Entstehung der vorliegenden a-cappella-Passion veranlasste.“ Die „dramatische Eindringlichkeit“, die Willi Gundlach Distlers Werk bescheinigte und die der Komponist selbst als „unerbittliche Sachlichkeit“ und „grausige Kürze“ beschreibt, macht deutlich, wie eindrucksvoll der Sinn der Schrift sich der Gemeinde in Distlers Klanggewand erschloss.

Wie wichtig Distler die Arbeit an den Kernthemen des Glaubens war, zeigt die Systematik, mit der er sich weiteren liturgischen Kompositionen zuwandte. 1933 entstand, veröffentlicht unter der Opuszahl 10, „Die Weihnachtsgeschichte“. Auch sie ist a cappella konzipiert und arbeitet mit den Stimmen des vierstimmigen gemischten Kammerchores und vier Solisten. Textlich basiert das vom Komponisten als „Oratorium mit kammermusikalischem Charakter“ beschriebene Werk auf den Evangelien von Lukas und Matthäus, die vom Tenor vorgetragen werden, der dabei mit den übrigen Solisten und dem Chor alterniert. Die Eckpunkte setzen der im Stil der Motette komponierte Eingangs- und Schlusschor. Die Evangelientexte gliedernd erscheinen gleichsam leitmotivisch Variationen des Chorals „Es ist ein Ros entsprungen“, der das Hineinwachsen in das Geheimnis des Glaubens symbolisiert.

Ab 1933 unterrichtete Distler am neugegründeten Lübecker Staatskonservatorium, an dem er sich gegen den Widerstand des ehemaligen Pfarrers der sogenannten deutschen Christen, Ulrich Burgstaller, für die Errichtung eines kirchenmusikalischen Instituts einsetzte, was ihm im März 1935 schließlich gelang. Die von ihm dafür erwartete Gegenleistung war die Komposition eines weltlichen Werkes, der Thingspiel-Kantate „Ewiges Deutschland“. Die Thingspiele waren Teil des Versuchs, nationale „Liturgien“ zu kreieren, die nach und nach die Feier der Gottesdienste verdrängen sollten. 1935, in dem Jahr, in dem Distler seine Kantate schrieb, war der Höhepunkt der Bewegung bereits überschritten. Von den 400 geplanten Thingplätzen wurden nur wenige fertiggestellt. Distler selbst versah sein Werk mit keiner Opuszahl und verwendete das musikalische Material als Steinbruch für andere Kompositionen.

Wie viele Künstler, die unter den Bedingungen einer Diktatur arbeiten müssen, verstand sich auch Distler auf die leisen Zwischentöne, die von jenen verstanden wurden, die, wie es in der Regel Benedikts heißt, mit vom Geist berührten Ohren zu hören vermochten. Nicht umsonst widmete er seine „Weihnachtsgeschichte, die im Dezember 1933 in Köln uraufgeführt wurde, dem „Volk, so im Finstern wandelt“ und beginnt auch seinen Eingangschor mit diesem Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja. Kein Wunder, dass die NS 1936 die Aufführung von Distlers Weihnachtsgeschichte zu verhindern suchte. Aber der Komponist gab nicht auf. Auch nach seinem Weggang sang er ohne Genehmigung der Machthaber seinen Glauben weiter, so führte er 1937 mit der neugegründeten Esslinger Singakademie Bachs-Johannespassion in der dortigen Stadtkirche auf, was zur Auflösung der Akademie führte. Distlers lakonischer Kommentar ist typisch für den bescheidenen, von innen leuchtenden Charakter des Komponisten: „Es muss Ihnen das Glück genügen, diese Werke mitgesungen zu haben.“

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