Durch Wahrheit zum Menschsein

Was Edith Stein über die Bildung dachte – Zum Anlass der Jahrestagung der Edith Stein Gesellschaft in Wien. Von Regina Einig
Edith Stein-Fenster in Maria Heimsuchung der katholischen Pfarrgemeinde Wadgassen
Foto: Pfarrgemeinde Wadgassen | Trotz ihrer Liebe zur Allgemeinbildung ist für Edith Stein die Ausbildung der Individualität des Einzelnen zentral. Das Edith Stein-Fenster in Maria Heimsuchung der katholischen Pfarrgemeinde Wadgassen.

Pater Roberto, Edith Stein suchte ein Leben lang nach der Wahrheit. Was verstand sie unter Wahrheit?

Tatsächlich beschäftigt sich Edith Stein mit dem Begriff „Wahrheit“ an mehreren Stellen und unter verschiedenen Gesichtspunkten in ihrem Werk, aber gerade im Zusammenhang mit ihrer Bildungsidee steht ihr Verständnis von ontologischer Wahrheit im Vordergrund: die Übereinstimmung vom Wesen eines Seienden (was es ist) mit seiner realen Wirklichkeit (wie es ist). Im Persönlichkeitsbereich könnten wir auch von „Stimmigkeit“ beziehungsweise „Kongruenz“ sprechen – ein Motiv, das eindeutig zum Charakter Edith Steins gehörte und das sie als Ziel aller Bildung vertrat.

Inwieweit bedeutete Wahrheitssuche für Edith Stein auch wissenschaftliche Forschung?

Edith Stein betrieb Philosophie gerade mit diesem hohen Anspruch: die Wahrheit suchen. Ihre wissenschaftliche Methode, die Phänomenologie versucht gerade, zum Wesen der Dinge vorzudringen, zu einer Wesensschau.

Zu Lebzeiten Edith Steins war die Hoffnung auf Fortschritt und Technik unbelasteter und unbefangener als heute. Inwieweit bietet das Denken Edith Steins Orientierungshilfe für Grenzziehungen heute?

Edith Stein durchlebte selbst eine Phase der großen Hoffnung auf technischen und sozialen Fortschritt, die um die Jahrhundertwende in Preußen besonders ausgeprägt war. Die Katastrophe des ersten Weltkrieges bedeutete für ihre Einstellung ein regelrechter Einbruch. Für sie wurde es immer klarer, dass die Wahrheitssuche sich nicht auf die materielle, immanente Ordnung beschränken darf, sondern dass sie auch die geistliche Dimension des Menschen umfassen muss, um erst „menschlich“ zu sein. In dieser Hinsicht sind ihr Denken und ihre Schriften voller Impulse und Anfragen auch an die heutige Zeit, die so zerrissen zu sein scheint zwischen einem naiven Glauben an die Technik und einem Spiritualismus, der das Glück im Mysteriösen und Unvernünftigen sucht. Edith Steins Leben und Werk zeigen gerade umgekehrt, wie Glaube und Vernunft zusammengehören.

Edith Steins kindlicher Glaube und schlichte Frömmigkeit ist von vielen bezeugt worden. Sie wollte gehorchen, heißt es in einem Lebensbild. Warum konnte sich diese hochgebildete Frau dem Klosterleben unterwerfen und Oberen Gehorsam versprechen, die ihr intellektuell doch unterlegen waren? Was fand sie im Karmel unter Laienschwestern, während das Leben bei Dominikanerinnen oder Benediktinerinnen ihren akademischen Fähigkeiten möglicherweise besser entsprochen hätte?

Die persönliche Bekehrung Edith Steins bleibt für uns ein Geheimnis, das sie auch selbst sehr gehütet hat. Tatsache ist aber, dass sie schon bei ihrer Hinwendung zur Katholischen Kirche, also schon zur Zeit ihrer Taufe, den Wunsch verspürte, Karmelitin zu werden. Dazu wird sicher die Persönlichkeit und die Gottesbeziehung der Karmelitin Teresa von Avila eine sehr anziehende Wirkung ausgeübt haben. Gerade in der hoch-intellektuellen Edith Stein lebte offensichtlich eine kontemplative Berufung, die aus einer tiefen Freundschaft mit Jesus heraus gerade die Einfachheit und die Radikalität des Lebens im Karmel gesucht hat. Sie hat also innerlich sehr bald den Vorrang des kontemplativen Lebens in der Kirche erkannt. Man muss aber dazu sagen, dass sie die Oberen damals bewusst dazu ermutigt haben, in einem gewissen Ausmaß auch in der Klausur weiter wissenschaftlich tätig zu sein.

Edith Stein setzte sich als Lehrerin am Mädchenlyceum mit Faust auseinander und fand das Stück trotz Respekt vor Goethe wegen seines einseitig diesseitsorientierten, defizitären Menschenbildes wenig geeignet für den Unterricht. Was kennzeichnete ein ganzheitliches Bildungsideal aus Sicht Edith Steins?

Das Bildungsideal Edith Steins betrachtet den Menschen, sei es ein Kind in der Schule oder ein Erwachsener, gerade in seiner Ganzheit von natürlichen Anlagen, Vernunft und Geist. Edith Stein kritisiert dadurch sowohl einen naiven Notionismus, der dem Menschen lediglich Daten und Wissen vermitteln will, als auch eine naive Reduktion des Menschen auf Lustgefühle. Leitend sind für sie die Begriffe der Klarheit und der Wahrheit, wie ich vorhin sagte. Im Menschen – und zwar in jedem Menschen anders – sind Neigungen und Anlagen vorhanden. Diese zur Entfaltung zu bringen wäre die Aufgabe der Bildung, die allerdings auch nicht unter Druck alles Mögliche entwickeln muss, was im Menschen „steckt“. Leitend ist dabei die Freiheit und die Vernunft des Menschen selbst, welche Akzente gesetzt werden. Bei aller Liebe zur Allgemeinbildung ist für Edith Stein die Individualität des Einzelnen so zentral. Für mich ist es immer so wohltuend, an einen Ausspruch Edith Steins zu denken, nachdem sie die Verschiedenheit der Menschen betrachtet. Sie beschreibt diese Unterschiede nicht als „Produktionsfehler“ im Vergleich zu einem wie auch immer gearteten Ideal „Mensch“, sonders sie nennt diese Unterschiede gerade „gottgewollt“.

Edith Stein setzte sich intensiv mit der Rolle der Frau auseinander. Wie hätte sie auf die Herausforderung Gender-Mainstreaming, vor der heute viele Lehrer stehen, reagiert? Kann man ihre Schriften als apologetisch gegen die Negierung der Geschlechterunterschiede betrachten?

Edith Steins Schriften können – Gott sei Dank! – kaum für apologetische Aussagen verwendet werden, da sie immer sehr differenziert sind. Auch über das Thema der Geschlechterunterschiede schreibt sie sehr besonnen, dass einerseits die steife Einteilung in eine „Welt der Frau“ und eine „Welt des Mannes“, was Beruf und Lebensführung angeht, so nicht haltbar ist, andererseits geht sie schon von natürlichen, körperlichen Unterschieden aus, die man nicht einfach ignorieren darf. Für sie bleibt das Gegebene der Körperlichkeit eine unhintergehbare Vorgabe, ohne aber dass alles dadurch vorherbestimmt wäre.

Die Jahrestagung der „Edith Stein Gesellschaft Österreich“ am 19./20. Oktober in Wien steht diesmal unter dem Motto „Alle Bildung ist Selbstbildung“; Referent ist u.a. Professor Pezzella von der Lateranuniversität. Pater Roberto Maria Pirastu, Präsident der Edith Stein Gesellschaft Österreich, eröffnet die Tagung mit einem Gottesdienst im Wiener Stephansdom am 19. Oktober um 18 Uhr.

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