Die Seichtigkeit der Erneuerung

Ein Blick unter die Oberfläche der kurzen Pop-Ära im frühen Nachkriegsdeutschland – Die Kunsthalle Schirn fördert die Kraft politischer Kritik zutage. Von Björn Hayer
Gerhard Richter, Motorboot, 1. Fassung 1965.
Foto: Schirn | Gehört zu den Größten der Gegenwartskunst: Gerhard Richter, Motorboot, 1. Fassung 1965.
Gerhard Richter, Motorboot, 1. Fassung 1965.
Foto: Schirn | Gehört zu den Größten der Gegenwartskunst: Gerhard Richter, Motorboot, 1. Fassung 1965.

Bunt, grell und immer verspielt: Das war die amerikanische Pop Art, welche Coca-Cola, Campbell-Suppen und Dosenbohnen zur Ikone avancieren ließ. Statt Elitenästhetik verstanden sich US-Pop-Artisten wie Andy Warhol oder Roy Lichtenstein als Vertreter einer demokratischen Kunst, die für alle offen sein sollte. Ziel war die Masse, die Konsumgesellschaft mit ihrer Warenvielfalt, die Suche nach dem Besonderen im Uniformen. Entgegen landläufiger Vermutungen war die Bewegung der 50/60er Jahre jedoch keineswegs ein rein amerikanisches Projekt, zumal – dies nur nebenbei – deren eigentlicher Ursprung ohnehin auf England und den britischen Kritiker Lawrence Alloway zurückgeht. Auch in der Bundesrepublik konnte sich durch die Adenauer-Ära, wenig ausgezeichnet durch Experimentierfreudigkeit, eine Gruppe engagierter Kunstnovizen vorarbeiten, um eine deutsche Variante der Massenkunst zu entwickeln. Den Anfang nahm die Ausstellung „Leben mit Pop – eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus“ (1963) im Düsseldorfer Möbelhaus Berges, organisiert von Gerhard Richter und Konrad Lueg – ein Auftakt zu einem Quantum Verrücktheit und Farbenfreude in der ansonsten biedermeierlichen Nachkriegsrepublik.

Wer nun noch einmal in jene bis in die Gegenwart unterschätzte Phase hiesiger Trivial- und Warenkunst eintauchen möchte, kann dies nun in der Frankfurter Schirn in der Werkschau „German Pop“ tun. Unter den Elogen und Festivitäten auf das Alltägliche trifft der Besucher auf Herbert Kaufmanns „Hommage a Litfaß“ (1968), Christa Dichgans' „Stillleben mit Seepferd“ (1969), einem Acrylgemälde, worauf das Meerestier nebst Batmann und Robbe als aufblasbare Gummipuppen zu bestaunen sind, oder Thomas Bayrles bildreich bestücktes Porträt der Markenflasche „Ajax“ von 1966. Jenseits der Oberfläche verbirgt sich aber mehr als affirmativer Kauffetischismus. Nachdem die Adenauer-Gesellschaft aufgrund der einschneidenden Erfahrungen mit Massenkult während der NS-Vergangenheit nur allzu sensibel auf große Volkskunst reagiert, beschreitet die deutsche Version des Pop hingegen einen schmalen Grat zwischen Hommage an das amerikanische Ideal, welches im freien Merkantilismus seine zweite Haut zu besitzen meint, und ebenso politischer Zeitkritik. Konrad Klaphecks ausschnitthaftes Bild einer Schreibmaschine mit dem Titel „Der Wille zur Macht“ (1959) hebt unverkennbar auf die Manipulationsgewalt des geschriebenen Wortes ab und verweist in der Anspielung auf Nietzsche zugleich auf dessen Pervertierung durch Hitlers Propagandamaschinerie. Und auch auf Thomas Bayrles „Nürnberger Orgie“ (1966), einer mit Öl bemalten Holzkonstruktion aus dem Jahr 1966, wirft die jüngere Historie ihre Schatten: Wie auf einer Art Monitor wird man eines in SA-Rot ummantelten Armes mit Hakenkreuz im Gestus des Hitlergrußes gewahr, der sich mittels eines Elektromotors heben oder senken lässt. Statt Geschichtslast und Tiefe ganz abzuwerfen, lebt das Erbe der Vergangenheit in manch populärästhetischem Zuschnitt auf ausdrucksstarke Weise weiter.

Gleiches gilt für die gesellschaftlichen Diskussionen jener Tage, die sich den verschiedenen Arrangements einschreiben. Exemplarisch wird dies auf einem der unbetitelten Werke (1969) von Peter Brüning deutlich. Auf dessen vertikalem Triptychon wandert der Blick des Betrachters vom Schriftzug „Now“ im oberen Part zum „Shell“-Logo in der Mitte bis zu einer Aufnahme aus dem KZ in Dachau hinunter. Hierin starren Lagerarbeiter auf ein Plakat, dessen Aufdruck ein krudes Entgrenzungsversprechen Heinrich Himmlers zu erkennen gibt: „Es gibt einen Weg in die Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterland“, heißt es dort. Doch was steckt hinter der skurrilen Montage? Möglicherweise eine radikale Botschaft: Setzt man die Worte des Nazi-Schergen mit der Symbolmarke der Ölindustrie zueinander ins Verhältnis, kann der Kapitalismus als Fortsatz einer faschistoiden Ausbeuterlogik angesehen werden. Auch das ist Pop in mutigster Verve: Vereinfachung, Verdrehung und neuartiges Verstehen. Niemals politisch ganz korrekt, aber offen, ehrlich und stets provokativ. Selbst die heutige Wachstumskritik findet Anknüpfungspunkte in den schrillen Farbkosmen der 60er Jahre. Wenn Karl Heinz Höldicke übereinandergestapelte Tomatenkisten auf die Leinwand bannt, woraus ein überquellendes Rot die ganze Fläche zu überziehen scheint, tritt eine mehr als scharfzüngige Absage an Überkonsum und Wohlstandsluxus zutage.

Abseits der engagierten Kunst und der politisch aufgeheitzten Debatten, die von den Studentenprotesten bis zum Vietnamkrieg reichen, erinnern andere Ausstellungsstücke wiederum unmittelbar an so coole wie auch seicht anmutenden US-Vorbilder. So beispielsweise Peter Roehrs in Brauntönen gehaltene Konservensammlung von 1964 oder Ferdinand Kriwets fotoschussartige Bilder verschwommener Neonlichttexte. Selbst Warhols serielle Drucktechnik schlägt sich in zahlreichen Kopien deutscher Künstler nieder. Dass Vieles darunter ebenso an Absurdität grenzt, liegt in der kunstgeschichtlichen Tradition begründet. Denn „German Pop“ spinnt vor allem Gedanken des Dadaismus weiter.

Das Ganze wirkt mehr traumhaft als real

Das allumfassende Pop-Dogma lautet „Dagegen“ und wendet sich nicht nur gegen politische Borniertheit, sondern nimmt auch die Welt, wie sie ist, mit allerhand Witz und Polemik auf die Schippe. Die Vernunft hat längst abgedankt, wo zwei beinah zum Himmel reichende Fernsehapparate mitten auf einem „Autobahnkreuz“ (Wolf Vostells, 1970) emporragen oder wie in Klaus Staecks „N. Y. II“ (1969) ein Rasiermesser gleich einem Damoklesschwert über der Silhoutte einer Großstadt schwebt. Noch abstruser mögen da nur noch Lothar Fischers Skulpturen wirken: Mal wölbt sich eine unförmige Blaumasse aus der Wand („Blauer Rauch“, 1968), mal schaut uns ein physiognomisch verzerrter Damenkopf aus Ton mit diffusen Lockenwicklern im Haar entgegen. Das Ganze mehr traumhaft als real. Popig eben.

Zwar zeigen sich die Künstler der kurzen deutschen Pop-Ära im Vergleich zu den Ursprungsbewegungen in den US und Großbritannien insgesamt als weniger optimistisch und spielfreudig. Gleichwohl stellt die 1963 in Frankfurt am Main geborene Kuratorin Martina Weinhart – übrigens auch in einem klugen und thesenstarken Katalog – eindrucksvoll heraus, welche politische Sprengkraft gerade hierzulande von den farbverliebten Kreativgeistern ausging. Die Welt der schillernden Mode sowie der banalen Warenregale traf darin auf Vergangenheitsaufarbeitung und gesellschaftskritischen Gestaltungswillen. Durch die junge, korsettierte und oftmals als fade geltende Bundesrepublik zog in jenen Tagen eine bunte Welle der Erneuerung. Für manch einen zu schnell und zu abrupt. Nun ist daher ein Revival möglich: In der Mainmetropole ist ihr Schwung derzeit wieder ungemein lebendig.

– Die Ausstellung „German Pop“ ist bis 8. Februar 2015 geöffnet, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Römerberg, 60311 Frankfurt.

– Katalog: German Pop. Herausgegeben von Martina Weinhart und Max Hollein. Dt./Engl. Ausgabe, 248 Seiten, 160 Abbildungen, Hardcover. Gestaltung Moiré. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2014, Preis: EUR 34,– (Schirn), EUR 48,– im Buchhandel.

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