Städtereise

Die Schönheit Roms erleben

Was wäre ein Besuch der Ewigen Stadt ohne die Bilder Caravaggios – aber auch Orte der Ruhe sind anziehend.
Blick über die Dächer Roms auf die Kirche Sant’Agnese in Agone an der Piazza Navona
Foto: Kristina Ballova | Auch im Herbst ist die Ewige Stadt sehenswert: ein Blick über die Dächer Roms auf die Kirche Sant’Agnese in Agone an der Piazza Navona.

Eine Reise nach Rom ist etwas Besonderes, egal wie oft man die „Urbs Aeterna“ schon besucht hat. Man taucht in eine andere Welt ein und kann sich zwischen den Plätzen, Brunnen und Kirchen dieser Stadt regelrecht verlieren. Zwischen dem Ruhm der Vergangenheit und der Mondänität der Gegenwart. Zwischen der Pracht der Antike und des Barocks, zwischen dem Weltlichen und Sakralen. Doch heute zieht mich vor allem das Sakrale an, für das ich mir bewusst Zeit und Ruhe lasse.

Es ist ein frischer, herbstlicher Tag. Die kalte Jahreszeit kommt auch hier im Süden an. Das nächtliche Gewitter und starker Regen am Morgen brachten die Römer etwas aus der Spur, was man in der Verkehrsspitze vor acht Uhr gut beobachten kann. Vespa- und Autofahrer sind nervös, weil der Weg zur Arbeit doppelt so lang dauert. Wir nehmen den schönsten und wohl ältesten Weg nach Rom – die „Via Appia“. Entlang alter Mauern und Pinien-Alleen, fahren wir an Sebastians- und Calixtuskatakomben vorbei. Eine kleine, unauffällige Kirche an einer Straßenecke markiert ein bedeutendes Moment für das Papsttum: die „Quo-Vadis-Domine“-Kirche. Der Ort, an dem der aus Rom fliehende Petrus Christus begegnete und beschämt wieder zurückkehrte, um in Rom verhaftet und gekreuzigt zu werden.

„Die Schönheit Roms ist überhaupt so besonders,
weil sie das Irdische immer mit einem Hinweis auf das Ewige verbindet“

Mit der Nähe zum Stadtzentrum zeigen sich spektakuläre antike Bauten. Diokletiansthermen, die zu dieser Zeit die größten Badeanstalten in Rom waren, verdeutlichen die Dimensionen des damaligen Denkens: 40 000 Sklaven bauten diese Bäder, in denen über 3 000 Römer Platz fanden. Der Palatin-Hügel und Circus Maximus wirken durch das graue Wetter eher gewöhnlich, Neros Palast erscheint dafür in einem leuchtenden Terrakotta-Ton. Dieser Farbton ist für die Straßen Roms sehr typisch. Je nach Jahreszeit und Wetter strahlt er immer unterschiedlich. Heute war er dunkler und kräftiger als sonst. Ins Stadtzentrum ist es nicht mehr weit und in der Nähe von Ponte Sisto konnten wir einen freien Parkplatz finden. Mit einem Regenschirm am Tiber entlang zu spazieren, ist auch eine neue Erfahrung. Zwar besuche ich Rom gern im Herbst, bislang erschien er aber immer im goldenen Glanz dieser Jahreszeit. Heute wirkt alles anders.

Durch einen Cappuccino, Cornetto und frisch gepressten Orangensaft gestärkt, schreiten wir zum Piazza Navona. Der Regen ist vorbei und die Wölken überlassen schmalen Sonnenstrahlen etwas mehr Platz. Auf dem Campo de´ Fiori bauen Verkäufer unter den Regenschirmen ihre Stände auf. Es ist ruhig, nur wenige Menschen sind unterwegs. Giordano Brunos Statue wirkt düster wie immer. Eine ideale Stimmung. Keine Touristen in Sicht und ein gutes Licht für die Aufnahme der Bilder. Am Piazza Navona herrscht ebenso eine seltene Ruhe und Berninis „Vier-Flüsse-Brunnen“ lässt sich von allen Seiten bewundern.

Lesen Sie auch:

Exemplarische, barocke Kunst

Die Kirche der Heiligen Agnes lädt zum kurzen Gebet ein. Bei den Gebeinen der jungen Märtyrerin reflektiere ich über die Verantwortung, die wir diesen mutigen Christen gegenüber haben: sie fürchteten Folter und Tod nicht, warum wollen wir es in der heutigen Welt so bequem haben? In der Basilika „Sant‘Agostino“ bete ich bei den Gebeinen der Mutter vom Heiligen Augustinus – der heiligen Monika. Eine bewundernswerte und geduldige Frau und Mutter.

Ein weiterer Grund diese Kirche zu besuchen, ist Caravaggios berühmtes Werk „Madonna dei Pellegrini“ – die Pilgermadonna. Immer aufs Neue fasziniert das Spiel mit Licht und Schatten, das für den barocken Maler bezeichnend ist. Aus der Sicht der damaligen Kunst galt das Bild als ungewohnt nüchtern und profan, vor allem durch eine realistische Abbildung von einfachen Leuten. Die Madonna entzieht sich ebenso den üblichen Kriterien und Erwartungen: der Geliebten von Caravaggio nachgebildet, strahlt sie eine Schönheit und Gesundheit aus, die im Kontrast zu den Pilgern steht. Auch spielt das Loretto-Motiv eine eher untergeordnete Rolle auf dem Bild, während in den Vordergrund das Moment der besonderen Begegnung tritt. Von der Schönheit und Tiefe dieses Meisterwerks angesprochen, mache ich mich zu einem nicht minder berühmten Werk Caravaggios auf den Weg: Der „Berufung von Matthäus“ in der Kirche San Luigi dei Francesi .

Ein Bild des Künstlers wirkt wie ein Filmset

Ähnlich wie bei der Pilgermadonna wird hier eine heilige Handlung in einem alltäglichen Kontext dargestellt: Jesus tritt in ein Zöllnerhaus, wo fünf Männer sitzen und zeigt mit dem Finger auf Matthäus. Dieser wiederum zeigt fragend auf sich selbst. Das Revolutionäre an diesem Bild ist die besondere Lichtführung: es wirkt wie ein Filmset. Das Licht fällt durch eine Öffnung, wie durch einen Scheinwerfer in den Raum. Beide Bilder verbindet das Heilige, dass die Profanität mit seinem Licht durchdringt.

Diese Eindrücke brauchen eine Weile, um verarbeitet zu werden. Die Seele fühlt sich satt an, nun soll es auch der Körper werden. In der Gegend sind unzählige Trattorias zu finden. Es gilt spontan zu entscheiden: schauen, wie die Tische gedeckt sind, wie die Essenskarte aussieht und ob genug lokale Menschen drinnen sitzen. Dort, wo es den Römern in der Mittagspause schmeckt, schmeckt das Essen vermutlich wirklich.

Lesen Sie auch:

Schönheit der Kunst auf sich wirken lassen

Der barocken Schönheit folgend, führt der Weg weiter zu der Mutterkirche des Jesuitenordens: „Il Gesù“ – der Kirche des heiligsten Namens Jesu. Gegenreformation im großen Stil. Hier merkt man schnell, wo das Vorbild der barocken Kirchen lag. Nicht nur durch die Größe und Buntheit beeindruckend, sondern auch durch optische Illusionen des Deckenfreskos, ist diese Kirche eine der schönsten in Rom. Es ist auch ein Ort der Ruhe. Im Inneren der Kirche kann man die Schönheit der Kunst ohne Hektik und Lärm auf sich wirken lassen. Die kleine Herz-Jesu-Kapelle lädt zur Andacht ein.

Was wäre ein Besuch Roms ohne den Besuch von Vatikan? Durch die schmalen Gassen an klassischen Sehenswürdigkeiten wie Pantheon oder Fontana di Trevi vorbei laufend, gelangen wir bis zur Engelsburg. Der Blick von der Engelsbrücke zum Vatikan ermüdet nie. Die vertraute Schönheit und ein Zuhause für alle Katholiken. Die Wolken sind mittlerweile ganz verschwunden und die Statuen an den Kolonnaden des Petersplatzes erstrahlen im satten Glanz der Abendsonne. Ich denke an all‘ die Ereignisse, dessen Zeuge dieser historische Platz war, vor allem aber an Papst Johannes Paul II. Seine letzten Jahre und sein Tod berührten mich immer noch. Er ist einer der Gründe, warum ich den Petersdom besuchen will. Wegen der Warteschlange verzögert sich der Besuch bei ihm.

Die großen Hirten der Kirche im Petersdom

Doch es gibt Ablenkung: Das majestätische Portal der Kirche beeindruckt immer aufs Neue. Hier, im Schoß der Kirche und an den Gräbern der großen Päpste, mache ich mir Gedanken über die Heiligkeit. Angesichts der Ewigkeit spielt es kaum eine Rolle, ob man vor 400 oder 20 Jahren verstorben ist. Hier, hinter dem weißen Marmor der Seitenaltäre wachen die großen Hirten der Kirche. Das berühmte „Skelett mit Sanduhr“ am Grabmal von Alexander VII. sticht unter allen Kunstwerken aus der Hand Berninis innerhalb der Basilika besonders hervor. Sie will uns an die begrenzte Lebenszeit erinnern. Ein vergoldetes „Memento Mori“, das so gut zu der barocken Schönheit Roms passt.

Die Schönheit Roms ist überhaupt so besonders, weil sie das Irdische immer mit einem Hinweis auf das Ewige verbindet. Dieser Draht zieht sich durch Jahrhunderte hindurch und erinnert uns, wo ein großer Teil unserer Kultur und unseres Glaubens seinen Ursprung hat. Schließlich ist es soweit: Der Weg zum großen Papst aus Polen ist frei.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Kristina Ballova Alexander VII. Apostel Matthäus Caravaggio Giordano Bruno Heilige Agnes Heilige Monika Heiliger Augustinus Jesus Christus Johannes Paul II. Kaiser Nero Päpste Simon Petrus

Weitere Artikel

Liturgie ist im Verständnis Benedikts XVI. niemals eine esoterische Dreingabe, sondern vielmehr das sichtbare und klingende Vermächtnis Christi, dieser Welt jetzt schon eine greifbare Ahnung ...
12.01.2023, 15 Uhr
Guido Rodheudt

Kirche

Katholiken und Orthodoxe seien „gemeinsam zum gleichen Ziel unterwegs“, sagt der Grazer Bischof Krautwaschl.
02.02.2023, 19 Uhr
Stephan Baier
Menschenrechte gegen Katechismus: Eine Podiumsdiskussion über die Sexualmoral des Synodalen Weges fördert erneut weltanschauliche Gräben zutage.
02.02.2023, 13 Uhr
Anna Diouf
Bei zwei Begegnungen spricht sich der Papst für den Frieden und die Bekämpfung der Armut im Kongo aus. Hass und Gewalt seien niemals zu rechtfertigen, sagte er.
01.02.2023, 21 Uhr
José García
Man erhoffe sich von der Führung im Südsudan ein erneutes Bekenntnis zum Frieden und Bemühungen, das Friedensabkommen umzusetzen, so der Vatikanvertreter bei der UNO.
01.02.2023, 16 Uhr
Meldung