Definitionshoheit

Die Kirche kann das Zauberwort „trans“ zurückerobern

Zukunft und die Kirche oder: Vom heilenden Wissen um das ewige Wort der Wahrheit.
Jesus und das Brotwunder
Foto: IMAGO / CHROMORANGE

Wenn es um die Zukunft geht, spielt das Wort „trans“ inzwischen eine Hauptrolle. Ganz egal ob in Transgender, Transhumanismus oder Transformation der Gesellschaft – überall steht „trans“ ganz vorne. Da mutet es einen eigenartig an, dass diese zum Schlüsselwort mutierte Silbe bei all den vielen Erwähnungen ihr Wesen beinahe vollkommen eingebüßt hat. Denn ungeachtet der Häufigkeit ihres Vorkommens ist das Bewusstsein dafür geschwunden, dass „trans“ nicht nur „über …hin“, sondern auch „über …hinaus“ bedeutet.

„Trans“ ist in seiner Grundbedeutung von Transzendenz nicht zu trennen. Dafür aber sind Transhumanisten keine Experten. Im Gegenteil. Denn sie schneiden gerade diesen entscheidenden Aspekt ab und suggerieren, dass die ewige Heimat bei Gott eine faule Ausrede und ihr Bemühen um die Unsterblichkeit des Menschen nach irdischen Maßstäben die Lösung sei. Nach diesem Axiom wird die Gesellschaft, ob uns das gefällt oder nicht, derzeit transformiert.

„Geistiges Mittelmaß, das sich in endlosen Diskussionen verstrickt und
alle Beteiligten mit einem schlechten Gefühl zurücklässt, zieht niemanden an“

Wie in einem solchen schönen neuen Gemeinwesen die Kirche der Zukunft aussieht, ist eine große Frage. Bei der Suche nach einer fundierten Antwort sollte man sich auf die Grundlagen der Sancta Ecclesia besinnen. Wer nun nach seinem Kirchengeschichtsbuch kramt, um sich in Erinnerung zu rufen, wer nach der Auferstehung welche Rolle spielte, wer was durfte oder wie genau die Strukturen aussahen, darf sich wieder entspannen. Denn es geht hier, ebenso wie bei der Zukunft der Kirche, nicht um Strukturen, sondern vielmehr um Jesus Christus, der Weg, Wahrheit und das fleischgewordene Wort des Lebens ist. Wie wirkmächtig gerade der Aspekt des Wortes ist, kann man sehr gut an der derzeitigen Debatte im Kulturbetrieb ablesen.

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Ein Beispiel. Im schottischen Theater ist ab sofort das Wort „spooky“ verboten. Es bedeutet übersetzt: schaurig, unheimlich, gespenstisch, eigenartig und sonderbar. Wer sich nun erstaunt die Augen reibt und fragt, was um Himmels willen an einem so harmlosen Wort so gefährlich ist, dass man es verbieten müsste, dem ist ein sehr winziges, in den Augen einiger aber essenzielles Detail der Geschichte der Verwendung dieses Wortes nicht präsent. Denn die Offiziere der US Armee setzten während des Zweiten Weltkriegs, also in einem vergleichsweise kleinen wenngleich sehr schrecklichen Moment der Geschichte das Wort „spooky“ für Farbige ein.

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Damit haftet ihm in den Augen einiger weniger, aber sehr wortmächtiger Menschen, der Makel des Rassismus an. Und deshalb ist es im schottischen Theater nun verboten. Logisch betrachtet ist das Unsinn. Denn wenn man jedes Wort verbieten würde, das irgendwann einmal eine zeitlang von einer gewissen Gruppe in beleidigender Form gebraucht wurde, würde unsere Sprache bald um eine ganze Reihe von Begriffen ärmer sein. Schädlinge etwa dürfte man dann selbst in einem so harmlosen Raum wie dem heimatlichen Vorgarten nicht mehr als solche benennen, weil der Begriff von den Nationalsozialisten in denunzierender Weise zum Einsatz gebracht wurde.

Bislang aber scheint es so, als sei der Eifer der selbsternannte Wortpolizei, die vor allem im englischen Sprachraum mitunter mächtiger zu sein scheint, als ihre uniformierten Kollegen, kaum zu bremsen. Dessen Folgen verändern nicht nur den Kulturbetrieb. Sie haben auch Auswirkungen auf das Gesundheitssystem. Dort sind nämlich die Anmeldungen für die Vorsorgeuntersuchungen für Gebärmutterhalskrebs deutlich zurückgegangen, weil es nun politisch nicht mehr opportun ist, Frauen dazu einzuladen. Stattdessen ergeht die Aufforderung, sich zur Untersuchung anzumelden an Menschen mit einer Cervix. Da die wenigsten wissen, was das ist und ob sie so etwas besitzen, überlesen vor allem Frauen ohne Lateinabitur diese Einladung schnell. Mit gravierenden Folgen. Denn Krebserkrankungen in diesem Bereich sind im Frühstadium ausgezeichnet behandelbar, enden in fortgeschrittenen Stadien aber oft tödlich.

Transzendenz verleiht Immunität in Debattten

Die beiden Beispiele zeigen: das Bewusstsein für Worte kann die Welt verändern. Hier liegt eine immens große Chance für die Zukunft der katholischen Kirche. Sie ist ein überzeitliches, Dank der Heiligen und Seligen im wahrsten Sinne des Wortes transzendentes Gebilde, dessen Haupt Jesus Christus, das Wort des Lebens, ist. So verstanden kann ein katholisch gelebtes Leben wie ein Sauerteig von innen her transformierend auf die Gesellschaft einwirken. Denn je mehr Gläubige sich ihrer wichtigen Funktion als Verkünder des Wortes bewusst sind, desto wirksamer wird ihre Verkündigung die Gesellschaft durchdringen. Haaresträubender Unsinn wie die Debatte darüber, ob der Begriff Schwarzfahren wohl einen Farbigen beleidigen könne, wird sich in einem in der Transzendenz verwurzelten Umfeld weniger gut verbreiten, weil Geschichtsbewusstsein und der Sinn für die jenseitige Wirklichkeit zu einer Verstärkung des Realitätssinnes führen und der letztere zudem Dank der durch ihn geschenkten Distanz zum alltäglichen Gerede die Discretio, Gabe der Unterscheidung stärkt.

Eine ihrer transzendenten Dimension bewusste Kirche verfügt außerdem über eine stärkere Immunität gegenüber Debatten, deren Themen allzu irdisch und damit im Angesicht der Ewigkeit unwesentlich sind. Genau damit aber macht sie sich relevant und zukunftsfähig. Denn geistiges Mittelmaß, das sich in endlosen Diskussionen verstrickt und alle Beteiligten mit einem schlechten Gefühl zurücklässt, zieht niemanden an. Der heitere Blick nach oben hingegen öffnet den Raum, weitet den Blick und lässt aufatmen. Grund genug, ihn zu wagen.

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Barbara Stühlmeyer Jesus Christus Selige

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