Würzburg

Die große Freiheit über den Wolken

Bob Dylan und Reinhard Mey veröffentlichen „letzte“ Alben.
Bob Dylan
Foto: dpa | Genie und Gottsucher: Bob Dylan. Mit "Rough And Rowdy Ways" legt der Künstler sein 39., vielleicht sein letztes, Studioalbum vor.

Ich bin natürlich kein Hellseher, und deshalb weiß ich auch nicht, ob diese beiden Alben wirklich die „letzten“ sind, die Bob Dylan und Reinhard Mey veröffentlichen. Immerhin: Dylan ist 79, Mey 77, aber das will ja heute gar nichts mehr heißen. Der Eindruck, „letzten“ Alben zu lauschen, stellt sich nicht aufgrund des biologischen Alters der Künstler ein. Dylan legt mit „Rough and rowdy ways“ sein 39., Mey mit „Das Haus an der Ampel“ sein 28. Studioalbum vor, und beiden Werken ist eine Melancholie eingeschrieben, die andeutet, dass diese Musik sich einer Grenze nähert, die dieses Leben vom nächsten trennt. In dieser Sphäre hält man Rückschau, hier werden aus Erinnerungen Veduten gebaut, hier blickt man auf das eigene Leben gleichsam von einem Gipfel zurück und verfolgt die Täler, Flüsse, Straßen und Hügel, die fruchtbaren Felder und vielleicht auch die verbrannte Erde, die man durchschritten und durchkämpft hat. Aber auch die Vorschau auf das, was kommen mag, auf die große Freiheit, die uns „über den Wolken“ erwartet, schleicht sich in die Lieder dieser beiden wunderbaren Alben ein, und das auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

Dylan spricht mit Gott

Der zentrale Song auf Dylans Album, von dem aus sich die Gemütslage des ganzen Werks erschließt, ist „I‘ve made up my mind to give myself to you“. Wer ist dieses „Du“, das auch in anderen Liedern dieses Werks genannt wird? Verfolgt man das Netz aus theologischen Anspielungen, die sich wie ein dichtes Geflecht über alle Lieder des neuen Werkes zieht, so kann kein Zweifel daran bestehen, dass es sich bei diesem Du um Gott handelt: „If I had the wings of a snow white dove/I'd preach the gospel, the gospel of love/A love so real, a love so true“, singt Dylan, der in diesem Lied „on his terrace“ sitzt, „lost in the stars“.

„I don't think I can
bear to live my life alone“

Mit Gott hat Dylan immer wieder dialogisiert und auch gehadert, vor allem in seinen umstrittenen Gospel-Alben der Achtziger-Jahre, aber fürwahr nicht nur dort. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Gott für ihn immer nur eine Hypothese blieb, die metaphorisch umschrieben und damit befragt wurde. Hier nun, am Ende des Lebens, kommt Dylan zur Einsicht: „I don't think I can bear to live my life alone.“ Mit Gott an der Seite heben sich die Grenzen der Räume auf („Take me out traveling, you're a traveling man“). Es erwarten den Menschen Einsichten, zu denen er bei aller Genialität nicht selbst finden kann („Show me something I don't understand“). Dylan erreicht die Grenzen des Sag- und Singbaren. Die Lakonik dieser letzten Worte ist gleichsam eine Verdichtung der ausufernden Bilderwelten, mit denen uns Dylan in vielen seiner Lieder konfrontiert hat.

Eine lyrische Deutung des Verhältnisses von Gott und Mensch

Doch Dylan wäre nicht Dylan, würden sich die Dinge nicht ein wenig komplizieren. Jenes „Du“ wird direkt auch in „My own version of you“ angesprochen. Das Lied ist über der Melodie-Struktur der Barkarole aus „Hoffmans Erzählungen“ von Jacques Offenbach konstruiert, die ja bekanntlich eine Liebesnacht schildert. Doch hier scheint nicht der Mensch zu Gott zu sprechen, sondern umgekehrt Gott zu den Menschen: „All through the summers, into January/I've been visiting mosques and monasteries/Looking for the necessary body parts/Limbs and livers and brains and hearts/I'll bring someone to life, is what I wanna do/I wanna create my own version of you“. Gott denkt über die Schöpfung des Menschen nach, aber nicht nach seinem Ebenbild, sondern nach dem Bild jenes Du des menschlichen Gegenübers, das bereits existiert, denn sonst könnte er es ja nicht ansprechen. Was dabei zum Ausdruck kommt, ist der grundsätzliche Respekt Gottes vor dem Menschen, der in seiner Autonomie bereits vor seiner Schöpfung besteht. Und diese Extrapolation, diese Schöpfung nach der Schöpfung, findet dann in der letzten Strophe dieses Liedes noch einmal statt, wenn es heißt: „And I ask myself, „What would Julius Caesar do?“ Julius Caesar steht hier als Platzhalter für Jesus Christus, mit dem er die Initialen teilt.

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Gott fragt sich also: Welchen Menschen würde ich schaffen, nachdem ich meinen geliebten Sohn auf die Erde geschickt habe? Dylan betreibt hier spekulative Theologie. Und er gibt uns in der Verdopplung des „Du“ einen Schlüssel an die Hand, wie die anderen Songs des Albums zu hören sind: das „Du“ kann beides meinen – den Schöpfer-Gott wie den Menschen, die beide nicht ohne einander existieren können, die substanziell aufeinander angewiesen sind. Und so enthüllt sich das Walt Whitmann-Zitat „I contain multitudes“ („Do I contradict myself?/Very well then I contradict myself,/(I am large, I contain multitudes)“, Song of Myself, 51): Es gibt dem ersten Song des Albums – den Dylan übrigens als ersten von dreien vor der Veröffentlichung des ganzen Albums herausbrachte – seinen Titel und ist zu deuten als eine Chiffre jener unwidersprüchlichen Widersprüchlichkeit, die das Verhältnis Gottes zu den Menschen ist und zu deren lyrischem Deuter sich Dylan macht. Und dies auf eine derart geniale Weise, die sein gesamtes Schaffen zu einem kaum noch erwarteten Höhepunkt führt.

Reinhard Mey: Poet des Alltags

Reinhard Mey ist alles andere als ein byzantinistisch-spekulativer Theologe. Wir kennen ihn als einen Poeten des Alltags, der Themen wie Freundschaft, Familie, Zärtlichkeit, Nähe und Behutsamkeit in fragile, aber beständige melodische Gebilde gießt, die mittlerweile zum deutschen Liedgut gehören und die meist harmloser wirken, als sie tatsächlich sind. Das ist ja ein grundsätzliches Problem bei Künstlern, die sich nicht kritisch gebärden, sondern die das Positive zu ihrem Gegenstand machen. Aber Mey ficht das zum Glück nicht an. In seinem neuen Album findet er Bilder für die Abrundung des gelebten Lebens – des gelungen gelebten Lebens, dessen natürlich vorhandenen Brüche sich im warmen Wind der Liebe schließen.

Der titelgebende Song „Das Haus an der Ampel“ ist eine Reise in die eigene Familienvergangenheit, die Mey imaginiert, als er bei Rot an der Ampel vor seinem Elternhaus steht. Ohne jede Sentimentalität zeichnet er liebevoll Erinnerungen an seine Kindheit auf, an die behütende Vorsorge seiner Eltern, an das Glück der Geschwisterliebe, an viele kleine Details des ganz normalen Familienlebens, dessen Kraft heute sowohl linke Gesellschaftstheoretiker wie desillusionierte Patchwork-Praktiker verkennen. Mey zeigt uns, was das wirkliche Fundament eines glücklichen Lebens ist: eine glückliche Kindheit, in der man, wie er einmal von sich erzählte, „mit Liebe überschüttet wird“. Gott kommt hier nicht vor, aber das muss er auch gar nicht. Die Transzendenz liegt hin der Immanenz.

Die Bilder der Natur geben Hoffnung auf Wiedergeburt

Was es heißt, die erfahrene Liebe weiterzugeben, beschreibt Mey in „Wir haben jedem Kind ein Haus gebaut“. Mey hat einen Text geschrieben, der völlig problemlos auch ohne Musik auskäme und als Gedicht hätte veröffentlicht werden können: „Wir haben jedem Kind ein Haus gegeben/Eines nur mit einem Blätterdach/In das sich Mistel und Efeu weben/In allen Wettern ein sicheres Gefach/Aus Flügeln, die kreiselnd zu Boden sinken/Wird neu der Ahorn in jedem Jahr/Und Sonnenlicht wird in Tautropfen blinken/Und Schnee wird fallen im Januar“. Das eine Haus „nur mit Blätterdach“ – das ist dasjenige des viel zu früh verstorbenen Sohnes Max. Die Bilder der sich erneuernden Natur aber geben der Hoffnung auf eine Wiedergeburt und auf ein Wiedersehen Gestalt.

Das „Du“ erscheint bei Mey schließlich auch, und zwar in der besonderen Weise, wie es ein Künstler auf der Bühne erlebt. Aus dem Publikum mit seinen „freundlichen Gesichtern“ sticht ein Vater mit seinem behinderten Sohn heraus, der ein Konzert besucht („Der Vater und das Kind“). Mey macht aus diesem Erlebnis eine Hymne an die grenzenlose, hingebungsvolle Liebe: „Er hält das Kind den ganzen Abend über/Aus diesem Bild spricht so viel Zärtlichkeit/ Es trägt so viel Wärme zu mir herüber/Wie tausend Feuerzeuge in der Dunkelheit“. Wer das erlebt und besingt, der braucht keine gelehrte Exegese. Die Schöpfung ist für ihn evident. Er macht aus ihr eine gesungene Theologie.

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