Literaturbetrachtung

Die Grenzen des Sagbaren ausloten

Die Auseinandersetzung mit Uwe Tellkamp und seinem neuen Roman „Der Schlaf in den Uhren“ stellt sich als eine Debatte um Meinungsfreiheit und Toleranz heraus.
Uwe Tellkamp im Gespräch mit der Buchhändlerin und Verlegerin Susanne Dagen
Foto: ZDF/Ulf Behrens | Uwe Tellkamp im Gespräch mit der Buchhändlerin und Verlegerin Susanne Dagen in der Dokumentation „Der Fall Tellkamp – Streit um die Meinungsfreiheit“ von Andreas Gräfenstein.

„Der größte Vorwurf, der uns gemacht wird, ist, dass wir Teil des Kulturbetriebs sind, und der Kulturbetrieb hat links zu sein“. Mit „uns“ meint die Buchhändlerin und Verlegerin Susanne Dagen sich, aber auch Uwe Tellkamp, mit dem sie sich gerade unterhält. Dies gehört zu den Schlüsselmomenten des 90-minütigen Dokumentarfilms „Der Fall Tellkamp – Streit um die Meinungsfreiheit“ von Andreas Gräfenstein, den 3sat Ende Mai ausstrahlte, und der nun in der ZDF-Mediathek abgerufen werden kann.

„Sie wirft dem Autor ‚Opfertum, ganz viel Opfertum‘ vor.
Das Opfergetue sei ‚keine Tellkamp´sche Spezialität,
man kennt es von Rechten, die sich im Widerstand
zu einem vermeintlich links-grünen politisch-kulturellen Mainstream wähnen‘“

Allerdings gilt als Höhepunkt des Dokumentarfilms gemeinhin ein anderes Gespräch, das etliche Medien zitieren: In der Debatte zwischen Uwe Tellkamp und Durs Grünbein am 8. März 2018 sagte der Autor von „Der Turm“ im Hinblick auf die Flüchtlingsströmung seit 2015: „Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen hierher, um in die Sozialsysteme einzuwandern.“ Ein Satz aus einer zweistündigen Diskussion, die aus dem gefeierten Autor Uwe Tellkamp einen in Ungnade gefallenen „Rechten“ macht. Der Schriftsteller bezeichnet dieses Streitgespräch mit Grünbein als „die letzte freie Debatte“.

Man muss nicht mit Tellkamp darin übereinstimmen. Auch nicht mit anderen Aussagen, etwa mit der larmoyant klingenden Behauptung, Westdeutsche hätten Einheimische am Elbhang verdrängt und sowieso die wichtigsten Stellen im Kulturbetrieb Dresdens übernommen. Dennoch: Gehören solche Aussagen nicht zur Meinungsfreiheit?

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Gelobte Literatur, gelungene Verfilmung

All das scheint bei der Beurteilung des neuen Romans von Uwe Tellkamp „Der Schlaf in den Uhren“ eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen, den der Dresdner Autor als „Fortschreibung“ (nicht „Fortsetzung“) seines gefeierten „Der Turm“ (2008) sieht, von dem immerhin eine Million Exemplare verkauft und 2012 von Thomas Kirchner (Drehbuch) und Christoph Schwochow (Regie) mit so gut wie allen ostdeutschen Schauspielern, die Rang und Namen haben, erfolgreich als Fernseh-Zweiteiler verfilmt wurde.

Andreas Platthaus stellt zwar in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ fest, ein Buch „erläutert sich selbst“, weswegen er auf dessen Form eingeht. Aber er geht auch auf die Person Tellkamps ein: „Hier führt Uwe Tellkamp die eigene Wahrnehmung der deutschen Gegenwart die Feder.“ In der „taz“ nennt Dirk Knipphals den Roman eine „Gegenwartssuppe“. Er sei „irgendwo auch schlicht die Geschichte einer Ankunft in neuem, unbekanntem und, in der Romanrealität, unübersichtlich-feindlichem Terrain, dem unserer Gegenwart nämlich.“ Für Knipphals ist dies „natürlich politisch fragwürdig und nahe an einem Aluhutdenken“.

Unterstellende Betrachtungen über die Intentionen des Autors

Für Paul Jandl in der „Neuen Zürcher Zeitung“ ist „von der Virtuosität“, die den Roman „Der Turm“ auszeichne, „allein die Nostalgie geblieben. Und eine tiefe Kränkung“. Jandl legt besonderen Wert auf die Auseinandersetzung des Romans mit den Medien: „Wen die Wendung vom ,Hauptstrom‘ an das Feindbild der Mainstream-Medien erinnert, der liegt richtig.“ Jandl nennt Tellkamps neuen Roman einen „Ressentiment-Roman“. Wieder werden Werk und Autor in der Beurteilung vermischt: Die Ressentiments „arbeiten sich an einer Gegenwart ab, die sie auf ihrem Marsch in die Vergangenheit gerne hinter sich lassen möchten. Das ästhetische Konzept dieser Nostalgie ist das eine. Das politische das andere. Tellkamps Geschichtskonzept tappt durch ein vom Schriftsteller selbst erfundenes Dunkel. Aber da ist kein Halt. Da ist nur die Rolle des Opfers.“

„Gewiss haben die Figuren ein literarisches Eigenleben“, so Michael Ernst in „MDR Kultur“, „doch dahinter steckt offenbar sehr viel Uwe Tellkamp, der ja in den vergangenen Jahren mit einigen Aussagen durchaus für Verwirrung, für Interpretation und vielleicht auch für Fehlinterpretation zu sorgen verstand“. Wer etwas über Uwe Tellkamp erfahren wolle, sollte seinen neuen Roman lesen. Auf der BR-Homepage schreibt Knut Cordsan, der Verfasser des neuen Romans sei „in den vergangenen Jahren vor allem durch das Beklagen enger werdender ,Meinungs-‘ und ,Gesinnungskorridore‘ aufgefallen.“

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Es geht nicht um den Inhalt, es geht um die vermeintlichen Gesinnung

Die Diskussion um „Der Schlaf in den Uhren“ nimmt sich denn auch häufig als Debatte um die Person Uwe Tellkamp aus, insbesondere um solche Begriffe: Sind inzwischen „Meinungskorridore“ so eng geworden, dass das Wehklagen über einen dekadenten Westen nicht mehr von der Meinungsfreiheit gedeckt wird, weil die von Tellkamp in seinem Roman genährte Vorstellung, die Bundesrepublik und deren Medien seien genauso gelenkt wie eine „DDR 2.0“ sofort als „Pegida“-Denk- und Ausdrucksweise gebrandmarkt, und deshalb in die „rechte Ecke“ gestellt wird? Oder – um erneut Susanne Dagen zu zitieren – gilt die Meinungsfreiheit „nur in eine Richtung“, ist sie eine „Einbahnstraße“ geworden? „Gibt es heute eine gute und eine weniger gute, eine schlechte Meinung?“ Noch einmal: Ob man mit Tellkamps Thesen übereinstimmt oder nicht, spielt eine untergeordnete Rolle. Die Frage ist vielmehr, wer die Grenzen des Sagbaren festlegt.

Die seit geraumer Zeit geführte Diskussion um Uwe Tellkamp, die mit Erscheinen seines neuen Romans neuen Auftrieb erhalten hat, lässt sich womöglich auf die Frage reduzieren, ob der Hinweis auf die Einengung der Meinungsfreiheit berechtigt oder aber bereits „rechtes Gedankengut“ sei. Für die „BILD“-Zeitung sind die Verrisse des Romans in den Feuilletons gerade ein Beweis dafür, dass Tellkamp mit der „Einheitsmeinung in vielen Zeitungen“ Recht habe: „Beweisführung gelungen!“

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Die mediale Rezeption bestätigt Tellkamp

Wenn Tellkamp von „linksgrünen versifften Medien“ spricht, bedient er sich eines „rechten Narrativs“? Eine solche Meinung äußert Ronya Othmann in ihrer Besprechung des erwähnten Gräfenstein-Dokumentarfilms in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die sie mit „Tellkamps Jammern“ überschreibt. Sie wirft dem Autor „Opfertum, ganz viel Opfertum“ vor. Das Opfergetue sei „keine Tellkamp´sche Spezialität, man kennt es von Rechten, die sich im Widerstand zu einem vermeintlich links-grünen politisch-kulturellen Mainstream wähnen“. Ronya Othmann darf sich natürlich darüber lustig machen. Es müsste allerdings auch sie nachdenklich stimmen, was im Gräfenstein-Dokumentarfilm etwa Monika Maron sagt: „Ich konnte damals [1988] in jeder Zeitung schreiben. Jetzt bleiben nur die Welt und die NZZ“.

Für die Richtigkeit von Tellkamps Thesen tritt Michael Hametner in der linksliberalen Wochenzeitung „Der Freitag“ ein: „Der Schlaf in den Uhren“ werde „mit Gesinnungskritik überzogen“. Dies sei ein Zeichen dafür, „wie sehr Tellkamp mit seinem Wort von Gesinnungskorridor ins Schwarze getroffen hat“.

„Die Gesellschaft driftet auseinander“

Noch pointierter drückt es Vera Lengsfeld auf ihrer Homepage aus, wenn sie über die Fernsehsendung über Tellkamp berichtet: „Toleranter Umgang bedeute, so die reichlich eingestreuten Kulturvermittler, die Grenzen der Toleranz strikt zu beachten. Mit einem solchen, wie dem Tellkamp, sei deswegen ein Gespräch nicht mehr möglich, weil er sich außerhalb des Sagbaren gestellt habe. Besser kann man es kaum sagen. Toleranz ist die Meinung des Wir, so dass das abweichende Du nicht mehr zu Wort kommen darf.“

Am Beispiel Uwe Tellkamp zeigt sich exemplarisch, was Theologe und Landtagsabgeordneter Frank Richter im mehrfach erwähnten Dokumentarfilm äußert: Das Land sei noch nicht gespalten, aber „die Gesellschaft driftet auseinander“.

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