Kultur

Die Gesichter des Friedens

Münster präsentiert im Vorfeld des Katholikentags die Großausstellung „Frieden von der Antike bis heute“. Von Gerd Felder
Messkoffer des Priesters Abbé Stock
Foto: Felder | Der Messkoffer des Priesters Abbé Stock, eines von 600 Ausstellungsstücken in Münster.

Der Frieden ist eine der größten Sehnsüchte der Menschen und als Thema heute aktueller denn je. In einem großen Gemeinschaftsprojekt präsentieren jetzt fünf Institutionen und vier Museen in der Katholikentagsstadt Münster die Großausstellung „Frieden von der Antike bis heute“. „Das Thema ,Frieden? wird in dieser Schau in einem noch nie da gewesenen Rahmen behandelt“, verspricht der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Matthias Löb, bei der Eröffnung. „Damit wollen wir den Blick auf die gegenwärtigen Herausforderungen in der Welt schärfen, wo es derzeit 200 bewaffnete Konflikte gibt.“ Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) fügt hinzu, er hoffe darauf, dass die Ausstellung Impulse für neue Friedensakzente setze. Anlass für das ungewöhnliche Projekt, das unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht, sind der Beginn des 30-jährigen Krieges vor 400 Jahren, der Westfälische Frieden von Münster und Osnabrück vor 370 Jahren sowie das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren.

Das LWL-Museum für Kunst und Kultur, das Bistum Münster, das Archäologische Museum der Universität Münster, das Kunstmuseum Pablo Picasso und das Stadtmuseum Münster beleuchten mit insgesamt 660 hochrangigen Kunstwerken und Objekten die große und vielschichtige Geschichte des Friedens aus verschiedenen Blickwinkeln. Unter dem Titel „Frieden. Wie im Himmel, so auf Erden?“ widmet das Bistum Münster sich mit seinem Ausstellungsteil – 100 Kunstwerken und Objekten im Altbau des LWL-Museums – der Entwicklung des christlichen Friedensideals. „Zur jüdisch-christlichen Tradition gehört wesentlich eine Friedensvision“, erklärt der Generalvikar des Bistums Münster, Norbert Köster. „Davon haben Menschen sich im Laufe der Jahrhunderte anstecken lassen und sich dafür eingesetzt, eine Friedensordnung in der Welt zu schaffen, aber gerade auch Christen sind immer wieder an ihrem Anspruch gescheitert.“ Während der Eingangsbereich der Ausstellung den christlichen Idealen wie den zehn Geboten, den Seligpreisungen der Bergpredigt oder den Vorstellungen vom guten Hirten gewidmet ist, befassen die übrigen Abteilungen sich mit dem Verhalten von Christen in politischen Konflikten und der Haltung der Päpste in den beiden Weltkriegen. Darüber hinaus wird in den Blick genommen, welche negativen Auswirkungen der Missionsauftrag haben konnte, indem er Christen und Juden und sogar Christen untereinander entzweite; auch die Kreuzzüge werden als eigenes Thema behandelt. „Es war ein Hauptanliegen des Bistums Münster, keine apologetische Ausstellung zu zeigen, sondern bewusst kritische Punkte der Geschichte aufzugreifen, die zu Ausgrenzung, Verfolgung und Konflikten führten“, erläutert Professor Thomas Flammer, der Projektleiter der Bistumsausstellung. Die Bistums-Schau endet in einem Raum, der das Zweite Vatikanische Konzil und den von Papst Johannes Paul II. stark geförderten interreligiösen Dialog als wesentliche Friedensbeiträge würdigt.

Unter dem Titel „Wege zum Frieden“ befasst sich das LWL-Museum in seinem Neubau mit Bildern, Vorstellungen und Symbolen einer friedlichen Welt sowie den historischen Strategien und Ritualen, mit denen Europäer über Jahrhunderte hinweg versuchten, Frieden zu erreichen – sei es zwischen Konfessionen oder Staaten oder auch zwischen Gruppen in einem Land. „Die Renaissance entwarf eigene Leitbilder für Frieden und Gerechtigkeit und schuf Personifikationen des Friedens“, verdeutlicht Hermann Arnhold, der Direktor des LWL-Museums.

Im Barock wird die Friedensgöttin auf einem Gemälde Theodoor van Thuldens als attraktive Frau mit aufreizender Körperhaltung gezeigt, die das Füllhorn des Friedens im Arm hält. Ein Künstler wie Otto Dix, der von Albträumen geplagt wurde, verarbeitet in Zeichnungen und Bildern seine persönlichen Erfahrungen während des Ersten Weltkrieges. Das LWL-Museum zeigt aber auch, dass der Frieden jahrhundertelang durch festgelegte Rituale wie etwa eine Hochzeit, ein Friedensmahl oder Unterwerfung und Versöhnung geschlossen wurde. Ein absolutes Highlight ist die Skulpturengruppe „Die Bürger von Calais“ von Auguste Rodin, die sich auf ein Ereignis von 1347 bezieht, als König Edward III. von England nach einer langen Belagerung das Leben von sechs angesehenen Bürgern forderte und dafür versprach, die Stadt Calais zu verschonen. Das LWL-Museum macht klar: Erst ab 1500 gewannen Friedensschlüsse und die rechtliche Ausgestaltung des Friedens stetig an Bedeutung. Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde zum ersten Mal in Europa ein Krieg nicht durch Unterwerfung des Gegners, sondern auf dem Verhandlungsweg beendet. „Seither wurden die diplomatischen Verhandlungsformen immer ausgefeilter und weiter demokratisiert“, erläutert Arnhold. Die Ausstellung nimmt aber auch das „Zeitalter der Extreme“ des Ersten und Zweiten Weltkriegs unter die Lupe und stellt die Ambivalenz der Atombombe dar, die den Frieden einerseits bedroht und andererseits im Kalten Krieg sicherte. Am Ende haben die Besucher die Möglichkeit, an einer Museumswand eigene schriftliche Beiträge über das, was ihnen am Frieden besonders wichtig ist, zu hinterlassen.

Nur wenige Meter vom LWL-Museum entfernt präsentiert das Archäologische Museum der Universität Münster als erstes Museum überhaupt eine Ausstellung zum Frieden in der Antike über alle damaligen Epochen hinweg. Eines der Glanzstücke ist der älteste erhaltene Friedensvertrag der Menschheit, den der bekannte Pharao Ramses II. im Jahr 1259 vor Christus mit dem Hethiterkönig Hattusilli III. schloss. Die berühmte Statue der Friedensgöttin Eirene, die im Jahr 375 vor Christus von dem Künstler Kephisodot geschaffen und auf dem Staatsmarkt von Athen aufgestellt wurde, ist als vergoldete, polychrome Rekonstruktion zu bestaunen, die mithilfe neuester wissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse entstanden ist. „Ein wichtiger Aspekt ist für uns die Auseinandersetzung mit Symbolen, Allegorien und Bildern des Friedens aus dem antiken griechisch-römischen Kulturraum“, betont der Direktor des Museums, Professor Achim Lichtenberger. Auch hier darf die Taube – in der griechischen Antike das Symboltier der Liebesgöttin Aphrodite – nicht fehlen: Auf einer Münze ist das Symboltier dargestellt, das in der jüdisch-christlichen Tradition dem Urvater Noah das Ende der großen Sintflut ankündigt, indem es ihm einen Ölzweig bringt.

Das Kunstmuseum Pablo Picasso nimmt diesen roten Faden unter dem Motto „Picasso – Von den Schrecken des Krieges zur Friedenstaube“ auf. „Wir spannen einen Bogen von Picassos Anti-Kriegsbild ,Guernica? aus dem Jahr 1937 bis hin zu seiner weltberühmten Friedenstaube aus dem Jahr 1949“, führt Museumsleiter Professor Markus Müller aus. „Beide Werke entwickelten sich zu Ikonen der Moderne, die bei Friedensdemonstrationen bis heute immer wieder als Bildzitate Verwendung finden.“ Fotografien von Picassos Lebensgefährtin Dora Maar geben einen spannenden Einblick in die Entstehungsgeschichte des monumentalen Jahrhundertgemäldes „Guernica“, in dem Picasso die Schrecken des Spanischen Bürgerkrieges bildgewaltig einfing.

In der Nachkriegszeit schuf der berühmte Künstler verschiedene Versionen seiner „Friedenstaube“, die bis heute weltweit als Motiv für Friedensplakate genutzt wird, allerdings auch von den kommunistischen Parteien und Regimen mehrerer Länder für Propagandazwecke missbraucht wurde. „Man muss ehrlich zugeben: Picasso hatte nie die Absicht, ein weltweit bekanntes Friedenssymbol zu schaffen, aber da seine Taube so plakativ-verständlich und symbolgeladen ist, wurde sie zum bekanntesten Kunstwerk des 20. Jahrhunderts“, ordnet Museumsleiter Müller die Bedeutung des Bildes ein.

Am Ende des Ausstellungs-Reigens steht der Beitrag des Stadtmuseums Münster, der sich unter dem Motto „Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden“ der Rezeption des Westfälischen Friedens in Münster widmet. „Mehr als 300 Jahre war der Westfälische Frieden für das katholische Münster kein Grund zum Feiern“, unterstreicht Oberbürgermeister Markus Lewe. „Das blieb lange eine Sache von Experten, weil die Protestanten als Sieger des Friedensschlusses erschienen.“ Wie das Stadtmuseum verdeutlicht, wurden die Jubiläen in den Jahren 1748 und 1848 völlig ignoriert, und 1898 gab es nur ein Treffen von Historikern. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es anlässlich der Gedenkwoche zum 300. Jubiläum im Jahr 1948 zu einer Neubewertung. „Wir sind also erst seit wenigen Jahrzehnten die Friedensstadt, die sich an die Jubiläen regelmäßig erinnert“, räumt Lewe ein. „Außerdem ist der Westfälische Friede heutzutage ein Thema, das weit über Münster und Deutschland hinaus inzwischen weltweit Politiker und Forscher bewegt.“

Die Ausstellungen in den verschiedenen Museen laufen bis zum 2. September und sind dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, während des Katholikentags (Mittwoch bis Samstag) von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Das Kombiticket kostet 25, ermäßigt 16 Euro. Weitere Informationen beim Besucherservice, Tel. 02 51/5 90 72 01, E-Mail: info@ausstellung-frieden.de.

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