Feuilleton

Die Flucht 1945

Vor 70 Jahren: Erst in letzter Minute gestattete die NS-Führung die Evakuierung der ostpreußischen Bevölkerung vor der heranrückenden Roten Armee. Lange war das Leiden der Flüchtlinge Tabu. Die Stadt Königsberg gibt bis heute ein erschütterndes Zeugnis des Krieges. Von Benedikt Vallendar
Ostpreußische Flüchtlinge suchen nach verwertbaren Gegenständen
Foto: dpa | Ostpreußische Flüchtlinge suchen bei einem ins Eis eingebrochenen Pferdegespann nach verwertbaren Gegenständen.

Die Bilder wollen Eduard Prawdzik nicht aus dem Kopf gehen. Obwohl die schrecklichen Ereignisse mehr als siebzig Jahre zurückliegen. Es sind die Bilder von Bomben, Tieffliegern, zerfetzten Menschenleibern und verendeten Pferden, die mit schwerer Last im Straßengraben zusammengebrochen waren; sie lassen den Steyler Missionar, der 1935 in Ostpreußen geboren wurde, bis heute nicht los. So als ob alles erst gestern gewesen sei. Immer von neuem wühlen die Ereignisse der Flucht aus seiner ostpreußischen Heimat Eduard Prawdzik auf, wenn er alte Fotoalben aufschlägt oder historische Sendungen dazu im Fernsehen sieht.

Der Massenexodus ihrer Landsleute aus Ostpreußen ist bis heute ein Brandmal im kollektiven Bewusstsein der Deutschen, eine vernarbte Wunde, die von Zeit zu Zeit zu pochen beginnt und die Betroffenen oft genug zum Weinen bringt. Die Sehnsucht nach ihrer Heimat geht oft Hand in Hand mit unterdrückten Schamgefühlen angesichts monströser Verbrechen, derer sich Teile der Wehrmacht und Einsatzgruppen der SS in der Sowjetunion schuldig gemacht haben. Und doch sehen sich die Ostpreußen bis heute in der Rolle eines Sündenbocks. Denn am Ende mussten sie allein für das büßen, was Bayern, Westfalen, Sachsen und Saarländer seit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 dort angerichtet hatten.

Erschreckend sind die Einzelheiten, die Zeitzeugen über die Massenflucht der Deutschen aus Ostpreußen berichtet haben. Nur wenige Frauen waren nach dem Krieg in der Lage, von ihrer Vergewaltigung durch einen Rotarmisten zu berichten. Die Scham belastet sie bis heute, hat in vielen Fällen zu psychischen Störungen und dauerhafter Bindungsunfähigkeit geführt. In den prüden Fünfzigerjahren war es ein Tabu, über solche Dinge zu sprechen. Die Dunkelziffer jener Frauen, die dieses Martyrium durchlitten haben, dürfte daher in Wahrheit viel höher gewesen sein als jede offizielle Statistik.

Bis heute ist die Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen wohl das größte Trauma der jüngeren deutschen Geschichte. Und dennoch kann das Schreien der Verletzten und das Wimmern der Erfrierenden wohl kaum jemand nachempfinden, der es nicht selbst erlebt hat. „Vor allem die Frauen und Kinder konnten sich oft nicht helfen, erfroren jämmerlich bei minus 20 Grad und mehr“, sagt Eduard Prawdzik. Ständig mussten die Fliehenden bei ihrem Marsch über das Frische Haff, einem der schönsten Strände Europas, mit sowjetischen Luftangriffen rechnen. Die russische Militärführung ging davon aus, dass sich zwischen den Flüchtenden auch Wehrmachtsangehörige und auf den Leiterwagen unter Planen versteckte Waffen befanden, die es unschädlich zu machen galt.

Als sich ab dem 23. Januar 1945, dem offiziellen Beginn der Evakuierung aus den deutschen Ostgebieten, die Bewohner Ostpreußens zu Pferd, zu Fuß und viele mit ihrem Vieh im Schlepptau auf eine ungewisse Marschroute gen Westen machten, herrschte eisiger Winter. Die Straßen waren vereist und es lag meterhoher Schnee. Viele Bahnverbindungen ins Reich waren dem britischen Bombenhagel zum Opfer gefallen, um den deutschen Nachschub gegen die Rote Armee zu unterbinden. Briten, Franzosen, Amerikaner und Russen waren zum damaligen Zeitpunkt noch Verbündete, arbeiteten Hand in Hand und beseelt von dem Gedanken, Hitlerdeutschland in die Knie zu zwingen; nach sechs Jahren Krieg, der die Welt an den Rand des Abgrunds geführt und in seiner letzten Phase apokalyptische Ausmaße angenommen hatte. „Viel hilft viel“, dachten sich viele russische Militärs und setzten die deutschen Stellungen zwischen Allenstein im heutigen Polen und dem Hafen Pillau unter wochenlanges Artilleriefeuer. Die Amerikaner sorgten derweil über die Türkei für nahezu unbegrenzten Nachschub. Und das mit weitreichenden Folgen. Am Ende waren in Ostpreußen ganze Landstriche verwüstet, Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und der Region auf Jahrzehnte die Basis für einen wirtschaftlichen Wiederaufbau genommen. Bis heute gilt das frühere Ostpreußen, die Region Kaliningrad, das etwa so groß wie Schleswig-Holstein ist und seit 1946 den Namen eines Vertrauten Stalins trägt, nach Albanien als ärmste Region Europas. Vor allem auf dem Land leben viele Menschen noch immer ohne Wasseranschluss und manchmal ohne Strom. Der Alkohol ist in vielen Dörfern des Oblasts Kaliningrad ein ständiger Alltagsbegleiter, was auch russische Stellen einräumen.

Immer wenn Eduard Prawdzik, der mehrere Jahre als katholischer Seelsorger in Kaliningrad gearbeitet hat, am Strand an jener Stelle steht, wo er, seine Mutter und die beiden Brüder im Winter 1945 vor den heranrückenden Sowjettruppen zu Fuß und auf einer der letzten Fähren Richtung Dänemark geflohen sind, läuft dieser schreckliche Film vor seinen Augen ab. „Von dort oben sind wir die Böschung herunter geschlittert“, sagt Prawdzik. In den Büschen lagen Tote und an den Bäumen hingen menschliche Gliedmaßen. Noch immer sieht die Stelle so aus, wie sie Eduard Pradwzik in Erinnerung behalten hat. Selbst der kleine Trampelpfad, den Flüchtlinge Jahrzehnte zuvor in panischer Angst vor den russischen Truppen auf dem Weg zum Strand genommen haben, ist noch so wie im Januar 1945.

Meist nahmen die Flüchtlinge nur das mit, was sie am Leib hatten oder gerade tragen konnten. Dass die Russen im Anmarsch waren, hatte sich schnell per Mundpropaganda herumgesprochen, derweil die lokalen NS-Größen weiter auf Durchhalteparolen setzten. Doch Familie Prawdzik hatte ihren Nachbarn schon immer mehr geglaubt als dem großspurigen Gehabe des braun uniformierten Blockwarts. Und irgendwann mussten auch sie dann Hals über Kopf ihre Habseligkeiten zusammenraffen. Jeder mit einem kleinen Rucksack, die Mutter mit dem damals zweijährigen Bruder an der Hand, der später in einem Flüchtlingsheim in Dänemark starb, marschierten sie los, hinein in die Eiseskälte. Der Vater galt als kriegsverschollen. Eduard Prawdzik war damals zehn Jahre alt, ein Junge, der so gerne unbekümmert seine Kindheit verlebt hätte und doch so schnell erwachsen werden musste.

Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass Ostpreußen in den Krieg hineingezogen werden würde. Die NS-Propaganda unter ihrem Gauleiter Erich Koch, der nach dem Krieg zum Tode und später zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, in der er 1986 vergessen starb, hatte in dieser Hinsicht ganze Arbeit geleistet. Seit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 hatte Ostpreußen als Versorgungsbasis für die in Leningrad kämpfende Wehrmacht gedient. In manchen Städten, wie etwa Tapiau, dem heutigen Gwardejsk, hatte ihr Oberkommando Kasernen hochgezogen, die, als Ironie der Geschichte, heute von der russischen Armee genutzt werden.

Noch im Juli 1944 fuhren die Gutshöfe in Ostpreußen friedlich wie eh und je die Ernte ein. Allein die russischen und polnischen Zwangsarbeiter und Gefangenen waren ein vorsichtiger Hinweis darauf, dass weiter östlich grausame Kämpfe tobten; dass sich Hitlers Wehrmacht auf dem Rückmarsch befand und der Vormarsch der Roten Armee Richtung Reichsgrenze nur noch eine Frage der Zeit schien. Im August 1944 erlebte Königsberg seinen schlimmsten Luftangriff durch britische Bomber. Seit der deutschen Niederlage bei Stalingrad im Februar 1943 herrschte auch in Ostpreußen gespannte Ruhe. Wohl ahnend, dass die Front immer näher rücken und die Tage Ostpreußens, dem historischen Kernland der Deutschen, gezählt sein würden. Doch wollte das kaum jemand wahrhaben, zumal es verboten war, darüber zu sprechen. Auf das Hören feindlicher Sender, deren deutschsprachige Programme auch den Ostpreußen reinen Wein einschenkten, stand die Todesstrafe. „Praktisch erst in letzter Minute durften wir unser Gebiet verlassen“, erinnert sich Eduard Prawdzik. Als es fast schon zu spät war, als die Russen mit ihren Stalinorgeln, Panzern und Haubitzen in Hör- und Sehweite Königsbergs standen.

Am 24. Januar 1945 wurde Königsberg von Gauleiter Erich Koch zur Festung erklärt. Das klang nach großer Widerstandskraft und machte auf die sowjetischen Angreifer einen gewissen Eindruck. Tatsächlich aber war die Königsberger Festungsanlage im 19. Jahrhundert entstanden und die Stadt damit gegen moderne Waffen nur unzureichend geschützt. Zudem hatten sich nur 35 000 Verteidiger in ihr verschanzt, die sich unter General Otto Lasch, dem Festungskommandanten, gegen 250 000 russische Angreifer zur Wehr setzen mussten. Lasch geriet später in Gefangenschaft, verbrachte viele Jahre im Gulag und konnte die Sowjetunion erst 1955 mit den letzten deutschen Kontingenten verlassen. 1971 starb er in Bonn-Bad Godesberg.

Zehn Wochen hielt Königsberg durch. Das Leben in der schon größtenteils in Trümmern liegenden Stadt verlief gespenstisch normal: Der öffentliche Verkehr und die Versorgung mit Lebensmitteln waren weitgehend intakt. Banken und Postämter hatten geöffnet und die Menschen sich, so gut wie es eben ging, in Kellern eingerichtet. Viele versuchten, über den Seeweg von Pillau aus zu fliehen. Bis am 30. Januar 1945 die Rote Armee unerwartet in Methgethen, einem Vorort Königsbergs einmarschierte. Die Bewohner wurden buchstäblich im Schlaf überrascht; niemand hatte sie gewarnt. Die Verbindung nach Pillau war unterbrochen und damit zunächst auch das letzte Schlupfloch nach Westen. Wenige Tage später gelang es der Wehrmacht, unter ihren Kämpfern der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker als verwegener Frontoffizier im Range eines Hauptmanns, einen schmalen Korridor dorthin wieder freizukämpfen und einige Wochen offenzuhalten. Damit ermöglichte sie tausenden Königsbergern zu entkommen. Ende März 1945 jedoch war sich General Lasch darüber im Klaren, dass der endgültige Sturm auf Königsberg unmittelbar bevorstand. Den 1. April – es war der Ostersonntag und ein milder, sonniger Frühlingstag – erlebten die letzten 130 000 in Königsberg verbliebenen Menschen noch einmal ruhig. Sie krochen aus ihren Kellern und schlenderten durch die zerstörte Stadt. Viele gaben sich der Illusion hin, die Kräfte des Gegners seien nach wochenlanger Belagerung am Ende. Doch sie täuschten sich. Am 6. April 1945 griff die Rote Armee zur Entscheidungsschlacht an. Stalinorgeln setzten die Stadt unter stundenlangen Dauerbeschuss. Bomber pflügten die Trümmerberge nochmals um. General Lasch kapitulierte, als am Abend des 8. April 1945 plötzlich sowjetische Soldaten vor seinem Gefechtsbunker am Paradeplatz auftauchten. Heute ist der so genannte „Lasch-Bunker“ eines der am meisten besuchten Museen der Stadt.

Für die Bewohner Königsbergs begann nun die Apokalypse. Die Rotarmisten nahmen grausame Rache und keiner ihrer Offiziere wollte oder konnte das verhindern. Es kam zu willkürlichen Erschießungen, Massenvergewaltigungen und bestialischen Folterungen an wehrlosen Zivilisten. „Alles, was wir tagsüber sahen, hatte uns so entsetzt, dass niemand mehr ein Wort sprechen konnte. Aber was wir nachts hörten, erschütterte uns umso mehr. Schreie, Hilferufe, Schüsse und Jammern“, erinnert sich Michael Wieck in seinem Buch „Zeugnis vom Untergang Königsbergs“. Als Jude hatte Wieck Naziterror und Holocaust überlebt, nun geriet er in die Hölle derer, die er eigentlich als Befreier ersehnt hatte.

Und als sich das Chaos ausgetobt hatte, kamen die Seuchen. Typhus, Ruhr. Und der Hunger. Die Trümmerwüste Königsberg, als riesiges Internierungslager abgeriegelt, wurde zum Massengrab. Als 1948 die letzten Deutschen aus der nun schon Kaliningrad heißenden Stadt deportiert wurden, waren von knapp 110 000 Menschen am Tag der Kapitulation noch 15 000 am Leben.

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