Die Erfindung Europas

Wann, wie und warum die Idee einer Einigung der Staaten Europas entstand und von den Päpsten Rückenwind bekam Von Stephan Baier
Foto: dpa | Europäischer Freiheitskämpfer: Johannes Paul II. mit Vaclav Havel und dessen Frau.
Foto: dpa | Europäischer Freiheitskämpfer: Johannes Paul II. mit Vaclav Havel und dessen Frau.

Von ferne betrachtet ist die Einigung Europas eine einzigartige Erfolgsgeschichte: Nationen, die sich in zwei Weltkriegen mörderisch bekämpften, ihre Weltmachtposition verspielten und am Ende verarmt, ausgeblutet, moralisch wie wirtschaftlich ruiniert, politisch aus Washington oder Moskau ferngesteuert am Boden lagen, rafften sich erneut auf und begannen ein gemeinsames Abenteuer, das zu einer weltweit bewunderten Zone des Friedens, der Freiheit, der Rechtsstaatlichkeit und der sozialen Sicherheit in Wohlstand führte. Nur die Europäer selbst sehen ihre Einigung nicht als Erfolgsgeschichte, sondern als Serie von Pleiten, Pech und Pannen. „Brüssel“ ist für breite Schichten in vielen Ländern Europas zum Synonym für engmaschige Überreglementierung, nationalen Souveränitätsverlust und intransparente Politik geworden.

Tatsächlich bietet die nationale wie die europäische Politik stets ausreichend Anlass für Unzufriedenheit. Und doch ist zumindest ein Teil der Europa-Kritik nur psychologisch erklärbar, als Selbstkritik von Europäern, denen das Woher und Warum ihrer europäischen Identität aus dem Blick geraten ist. Die Frage nach der Identität Europas stellte sich gar nicht, solange Europäer die Welt dominierten. Und das war rund 400 Jahre lang der Fall: Von der Entdeckung, Erschließung und Eroberung fremder Kontinente bis zur Selbstzerfleischung der Europäer im Ersten Weltkrieg. In dieser Epoche der globalen Dominanz europäischer Nationen war der Gedanke der Einigung Europas nicht naheliegend. Ideen einer Einigung Europas entstanden vorher wie nachher aus dem Bewusstsein, die eigene Freiheit und Identität nur gemeinsam sichern und verteidigen zu können.

Da sind vorher etwa der Plan eines Staatenbundes von Pierre Dubois aus dem Jahre 1306 („De recuperatione terrae sanctae“) und die diplomatischen Bemühungen des böhmischen Königs Georg Podebrad im 15. Jahrhundert. Und da sind nachher die großen Paneuropa-Initiativen des österreichisch-japanischen Grafen Richard Coudenhove-Kalergi ab 1922 und des französischen Staatsmannes Aristide Briand 1929. Sie alle waren keine Utopisten, sondern sahen im Zusammenschluss der Europäer die Chance, den Frieden und die europäische Lebensart gegen drohende Kriege und wesensfremde Ideologien zu verteidigen. Erfolglos, wie wir aus der Gewalt- und Leidensgeschichte des Abendlandes wissen. Erst nach dem schrecklichsten aller europäischen Bruderkriege siegte der Wunsch, dem kriegbringenden nationalen Egoismus eine realistische Friedensidee entgegenzusetzen.

Der britische Premierminister und Kriegsheld Winston Churchill formulierte 1946 diese Vision: „Wenn Europa einmal einträchtig sein gemeinsames Erbe verwalten würde, dann könnten seine drei- oder vierhundert Millionen Einwohner ein Glück, einen Wohlstand und einen Ruhm ohne Grenzen genießen… Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa schaffen. Der Weg ist einfach. Es ist nichts weiter dazu nötig, als dass hunderte von Millionen Männer und Frauen Recht statt Unrecht tun und Segen statt Fluch ernten.“ Es waren interessanterweise praktizierende Katholiken, die zu den ersten Baumeistern des vereinten Europa wurden: der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer, der französische Präsident Charles de Gaulle, der lothringische Staatsmann Robert Schuman und der italienische Ministerpräsident Alcide de Gasperi – für die beiden Letztgenannten laufen Seligsprechungsverfahren. Robert Schuman verdanken wir die „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“, was auf den ersten Blick recht pragmatisch aussieht. Schuman machte aber bereits 1950 als Außenminister Frankreichs deutlich, dass er in der Montan-Union nur „den ersten Grundstein einer europäischen Föderation“ sah. Er wusste, dass sich „Europa nicht mit einem Schlage herstellen“ lässt, dass es vielmehr „konkrete Tatsachen“ braucht, „die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen“. Mehr noch: Als Robert Schuman 1958 seine Antrittsrede als erster Präsident des neu geschaffenen – noch nicht direkt gewählten, sondern aus den nationalen Parlamenten delegierten – Europäischen Parlaments hielt, gab er Einblick in seine Motivation: „Wir sind dazu aufgerufen, uns auf die christlichen Grundlagen Europas zu besinnen, indem wir ein demokratisches Modell der Herrschaftsausübung aufbauen, das durch Versöhnung eine Gemeinschaft der Völker in Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden entstehen lässt, das zutiefst in den christlichen Grundwerten verwurzelt ist.“ Schuman wollte das Gegeneinander der europäischen Nationen durch ein neues Miteinander ersetzen, den nationalen Egoismus durch ein Modell des europäischen Gemeinwohls – und er war pragmatisch und realistisch genug, mit dem Kleinen und Konkreten zu beginnen. Anders als später Kommissionspräsident Jacques Delors, der dazu aufrief, Europa eine Seele zu geben, wusste Schuman, dass Europa bereits eine Seele hat.

Nach seiner Motivation gefragt, sagte er: „Ich tat es, weil ich an die christlichen Grundlagen Europas glaube.“ Er war dabei keineswegs einfach ein moderner Politiker, der angesichts der herannahenden Globalisierung den kleinen nationalen Egoismus durch einen neuen kontinentalen Egoismus ersetzen wollte. Im Gegenteil: „Europa muss wieder ein Wegweiser für die Menschheit sein. Europa ist gegen niemanden. Das geeinte Europa ist ein Symbol der allumfassenden Solidarität der Zukunft.“

Sonderbarerweise wird bis heute auch in Kirchenkreisen eher der sozialistische Technokrat Delors zitiert als der weise Katholik Schuman. Dabei teilte der europapolitisch aktivste Papst des 20. Jahrhunderts, Johannes Paul II., die Sicht Schumans, dass Europas Seele nicht zu machen, zu erfinden, zu beschaffen oder zu konstruieren, sondern nur wiederzuentdecken und vom Schutt freizulegen sei. So appellierte der Papst aus Polen in Europas äußerstem Westen, in Santiago de Compostela 1982 „an dich, altes Europa“ mit diesen Worten: „Finde dich wieder selbst. Sei du selbst. Schau auf deine Ursprünge. Belebe deine Wurzeln. Lass jene wahren Werte wieder aufleben, die deine Geschichte ehrenvoll machten und dich unter den anderen Erdteilen herausheben.“

In dieser Rede, die heute nicht minder aktuell ist als vor 32 Jahren, erinnerte Johannes Paul II. daran, „dass das europäische Wesen unverständlich ist ohne das Christentum“. Wörtlich sagte der einzige Papst, der je mit dem Karlspreis der Stadt Aachen – der wohl renommiertesten europapolitischen Auszeichnung – geehrt wurde: „Auch noch in unseren Tagen ist die Seele Europas eins, denn sie hat neben ihrem gemeinsamen Ursprung genau die gleichen christlichen und menschlichen Werte; hierzu gehören etwa die der menschlichen Würde, des tiefen Gefühls für Gerechtigkeit und Freiheit, der Arbeitsamkeit, der Unternehmungsfreude, der Liebe zur Familie, des Respekts vor dem Leben, der Toleranz und der Sehnsucht nach Zusammenarbeit und Frieden.“

Bei alledem war Johannes Paul II. keineswegs blind gegenüber den Schattenseiten und Häresien Europas, kritisierte vehement wie kein anderer die sich ausbreitende „Kultur des Todes“, den Verfall des Familienbewusstseins, die alten und neuen Ideologien der Unfreiheit. Wie ein guter Pädagoge versuchte er, die Ressourcen der guten Fähigkeiten und großen Talente zu wecken und zu fördern. Immer wieder erinnerte er die Europäer daran, „dass es die Evangelisierung war, die Europa geprägt hat, die den Grundimpuls für die Zivilisierung ihrer Völker und für ihre Kulturen gegeben hat“. Und er warnte, ein Europa, „das den Wert der Toleranz und der allgemeinen Achtung mit ethischem Indifferentismus und Skeptizismus in Bezug auf die unverzichtbaren Werte verwechselte, würde sich den riskantesten Abenteuern öffnen und früher oder später die erschreckendsten Gespenster seiner Geschichte in neuer Gestalt wieder auftauchen sehen“. Wie prophetisch! Die Idee Europa war übrigens kein persönlicher Tick Johannes Pauls II. Vielmehr stand er hier ganz in der Kontinuität mit seinen Vorgängern: Papst Pius XII. mahnte bereits am Ende des Zweiten Weltkriegs, in einer Radioansprache vom 9. Mai 1945, dass nun neue Wege des Friedens gefunden werden müssten, vor allem in der Respektierung der gleichen Rechte aller Völker. 1953 sagte Pius XII. in seiner Weihnachtsbotschaft, es sei immer ein Anliegen des Christentums gewesen, die Völker zu einigen. Den eben begonnenen Integrationsprozess Europas nannte er ein Wagnis, dessen Ausgang niemand mit Gewissheit voraussagen könne. Wie ein prophetisches Wort klingt heute seine Mahnung, die europäische Kultur werde entweder „unverfälscht christlich“ sein – oder „sie wird verzehrt werden vom Steppenbrand jener anderen, materialistischen, der nur die Masse und die rein physische Gewalt etwas gelten“. Auch Papst Paul VI., der den heiligen Benedikt zum Schutzpatron Europas erklärte, betätigte sich als Mahner: Die ökonomischen Gesichtspunkte allein könnten auf Dauer keine stabile Einheit garantieren. Darum wolle die Kirche mit dem Verweis auf die gemeinsame, vom christlichen Glauben geprägte Geschichte die wachsende Einheit Europas in einer tieferen Dimension verankern.

Genau dies intonierte Johannes Paul II. bei seiner Ansprache vor dem Europäischen Parlament in Straßburg 1988: „Wie könnte die Kirche der Errichtung Europas gleichgültig gegenüberstehen? Seit Jahrhunderten ist sie fest verwurzelt in den Völkern, aus denen es besteht und die sie eines Tages aus der Taufe gehoben hat; Völker, für die der christliche Glaube eines der Elemente ihrer kulturellen Identität ist und bleibt.“ Als „Zeichen der Zeit“ bezeichnete Johannes Paul II. damals den „Zustand des Friedens“ zwischen den Völkern Europas, eine „größere Empfindsamkeit für die Menschenrechte und den Wert der Demokratie“, aber auch die „Tatsache, dass dieser Teil Europas, das bisher in seine wirtschaftliche Zusammenarbeit so viel investiert hat, immer intensiver auf der Suche nach seiner Seele und nach einem Geist ist, der imstande wäre, seinen geistlichen Zusammenhalt zu sichern“. Das war noch vor der Befreiung der östlichen Hälfte Europas, an die Papst Johannes Paul II. – im Gegensatz wohl zur damaligen Mehrheit der Politiker – immer geglaubt hat. Weder der Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks 1991 noch die 2004 erfolgte Osterweiterung der Europäischen Union waren in seinen Augen rein ökonomisch erklärbare Prozesse. Die Osterweiterung war auch mehr als eine logische Folge der zwischen 1989 und 1991 erfolgten Selbstbefreiung der Völker Mittel- und Osteuropas. Wenn Johannes Paul II. 1998 in Wien dazu aufrief, „aus einer west-europäischen Wohlstandsinsel eine gesamteuropäische Zone der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens zu schaffen“, dann gerade deshalb, weil er Europas Einigung nicht als rein politischen Vorgang sah, sondern als Beitrag zur Wiederentdeckung der Seele Europas. Bereits 1987 hatte er auf dem Domplatz in Speyer dazu aufgefordert, der „europäischen Heimat zu helfen, ihre christliche Seele wiederzuentdecken“.

Während heute viele Christen das vereinte Europa traurig und kampflos den Ideologen zu überlassen scheinen, hatte Papst Johannes Paul II. den Kampf um den Kurs Europas nie aufgegeben. 1984 begründete er dies so: „Europa kann sich nur erneuern und wieder zu sich selber finden durch die Erneuerung jener gemeinsamen Werte, denen es seine eigene Geschichte, sein wertvolles Kulturgut und seine Sendung in der Welt verdankt. Dazu kann und will die Kirche ihren nicht zu ersetzenden Beitrag leisten. Sie vermag Europa zu helfen, seine Seele und Identität wiederzufinden sowie seine Berufung in der internationalen Völkergemeinschaft richtig zu deuten und wahrzunehmen.“ An dieser Herausforderung hat sich auch drei Jahrzehnte später wenig geändert. Christen, die heute um die zukünftige Gestalt des vereinten Europa ringen, können Papst Johannes Paul II., der am 27. April in Rom heiliggesprochen wird, jenen Patronen Europas hinzugesellen, die er selbst uns geschenkt hat. Wer sich in die weltanschauliche Schlacht um die Seele Europas wirft, kann sich zweifellos auf Johannes Paul den Großen berufen. Er muss es aber nicht, denn er kann auch einen der bedeutendsten Gründerväter der Europäischen Union zum Zeugen anrufen. Robert Schuman erklärte 1959 in einer Ansprache vor Abgeordneten des Europäischen Parlaments: „Die Demokratie verdankt ihre Entstehung und Entwicklung dem Christentum; sie wurde geboren, als der Mensch berufen wurde, die Würde der Person in individueller Freiheit, den Respekt vor dem Recht des anderen und die Nächstenliebe gegenüber seinem Mitmenschen zu verwirklichen. In der Zeit vor Christus waren solche fundamentalen Grundsätze und Ideen noch nie formuliert oder inhaltliche Substanz eines Herrschaftssystems geworden. Erst das Christentum hat die natürliche Gleichheit aller Menschen ohne Unterschied von Klasse und Rasse gelehrt… Diese fundamentalen Werte, die sich aus der Ebenbildlichkeit des Menschen mit seinem Schöpfergott ableiten, sind im Laufe der Zeit grundlegende Elemente der Kultur bis in unsere Tage hinein geworden.“ Sie sind jedoch in unseren Tagen neuerlich in Frage gestellt und in Gefahr geraten. Deshalb können wir in Anlehnung an Robert Schuman sagen, dass die Demokratie Europas verteidigt, wer an seine christliche Seele erinnert.

Themen & Autoren

Kirche

Der hohe Wert von Wahrheit und Freiheit – Nächste Folge der losen Serie über die „Köpfe des Konzils“: Bischof Karol Wojtylas Akzentsetzung beim Zweiten Vatikanum.
29.11.2022, 19 Uhr
Christoph Münch
Papst Franziskus erinnert die Bischöfe an ihre Pflicht, für die Lehre einzustehen. Das zeigt: Seine „Basta-Kommunikation“ wirkt.
29.11.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Ein Fazit, das der Görlitzer Bischof Ipolt aus den Gesprächen in Rom zieht ist, dass man auf dem Synodalen Weg nicht weiter machen kann wie bisher.
28.11.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt