Fortschrittsglaube

Die Diktatur der Dummen

Wir hängen einem infantilen Fortschrittsglauben an. Nicht die Digitalisierung, sondern nur die Arbeit am Menschen und ein Mehr an Menschlichkeit können uns in die Lage versetzen, unsere Probleme zu lösen.
Führt die „digitale Transformation“ unsere Gesellschaft wirklich in bessere Gefilde?
| Führt die „digitale Transformation“ unsere Gesellschaft wirklich in bessere Gefilde?

Welch radikale Kursänderungen erfolgen in der Politik unserer Tage – verbunden mit Eingeständnissen großer Fehler bei wichtigen Entscheidungen im vergangenen Vierteljahrhundert! Ob das Deutschlands Verhältnis zu Russland und zur Ukraine betrifft oder die immer radikaleren Maßnahmen angesichts des Klimawandels, die Schwenks in Sachen „Impfpflicht“ oder vor rund einem Jahrzehnt die „Energie-Wende“ – in all diesen und noch anderen Fällen drängt sich die Frage auf, wie es sein konnte, dass politisch zum Teil über lange Jahre hin Wege eingeschlagen wurden, die später als fatale Irrwege erkannt wurden. Diese Frage stellt sich umso mehr, als ja auch in der Gegenwart schwerwiegende Entscheidungen in militärischer, ökologischer und wirtschaftlicher Hinsicht fallen, von denen wiederum nicht klar ist, ob sie womöglich eines Tages als Fehlentscheidungen gebrandmarkt und bereut, wenn nicht verflucht werden.

Im Nachhinein lässt sich jeweils ziemlich klar diagnostizieren, dass solche Irrwege allemal von einem erstaunlichen Mangel an Weit- und Tiefblick zeugen. Sie wurden großenteils gefällt, obwohl rückblickend eingeräumt werden muss, dass die Parameter für das Fällen „richtiger“ Entscheidungen, für das Einschlagen eines besseren Wegs stets auch vorhanden waren und lediglich verdrängt wurden. Umso mehr lassen sich all jene Fehlentscheidungen auch als fatale Dummheiten bezeichnen. Sie wurden freilich weniger begangen aus Mangel an Intellekt als vielmehr aus bestimmten psychologischen Konstellationen heraus.

Der Finger in der Wunde

Der Psychologe Hans-Joachim Maaz hat schon vor einem Jahrzehnt in seinem Buch „Die narzisstische Gesellschaft“ den Finger in die Wunde gelegt. Die Selbstverliebtheit des Narzissmus ignoriert ein Stück weit die Realität und setzt das jeweilige Eigenbedürfnis über alles andere. Und wenn solch eine psychische Einstellung einer ganzen Gesellschaft zu attestieren ist, dann schließt das auch die Herrschenden ein. Da nützt es wenig, dass es sich jeweils um demokratisch gewählte Regierungen handelt. Demokratie ist laut Maaz ungeachtet all ihrer unstrittigen Vorteile in Zeiten wachsender „digitaler Demenz“ ein Gebilde geworden, das auf ganz neue Weise ein massen- und informationspsychologisches Problem darstellt: „Dass die Mehrheit einer Bevölkerung nicht selbstverständlich eine vernünftige, gesunde, progressive Einstellung vertritt, sondern von hochpathologischen Motiven getragen sein kann, hat nicht nur die deutsche Geschichte wiederholt gezeigt.

Der Deckmantel der Normalität

Wenn unter Gruppendruck alle ähnlich denken und handeln, verbirgt sich das Pathologische unter dem Deckmantel der ,Normalität‘.“ Das narzisstische Bedürfnis, dazuzugehören und so zu sein, wie alle sind, ja sich möglichst gut dem Zeitgeist anzupassen, um keinen Selbstwertmangel zu erleiden, sei eine nicht zu unterschätzende Kraft für unreflektierte Fehlentwicklungen einer Massengesellschaft. Die Verbreitung der narzisstischen Störung mit ihren zerstörerischen und lebensbedrohlichen Folgen lasse sich – ähnlich der Pest im Mittelalter – kaum noch beherrschen, bemerkte Maaz in einem ZEIT-Interview: „Es hat mich immer interessiert, wie es sein kann, dass die Mehrheit einer Bevölkerung eine offensichtliche Pathologie mitmacht. Wir sind begeistert in den Krieg gezogen und haben akzeptiert, dass ein Volk vernichtet wird. In der DDR waren wir dann angepasst, mussten immer nur jubeln und kuschen. Und heute machen wir mit beim Wachstumswahn, beim Konsumrausch, immer besser, immer höher, immer weiter. Diese Verhaltensweisen sind allesamt gestört.“ Dabei dürfte klar sein, dass just die Kultur der digitalen Transformation narzisstische Einstellungen ungemein fördert.

Rückfall in kindliche Verhaltensmuster

Wohl noch treffender ist die Diagnostik Alexander Kisslers, der 2020 das Buch „Die infantile Gesellschaft“ publiziert hat. Ist nicht der von Maaz angeführte Narzissmus im Kern ein Symptom der Regression, des psychischen Rückfalls in ein kindliches, ja kindisches Verhaltensmuster, das sich oberflächlich an narzisstischen Bedürfnissen orientiert und sich als unfähig zu klugem Weitblick erweist? Zur infantilen Gesellschaft gehören dabei auch die Regierenden selbst. So erklärt es sich, dass manch äußerst wichtige Entscheidungen oft im Nachhinein als nicht weitblickend, als pseudoklug und eher an Gefühlsbedürfnissen orientiert zu verstehen sind. Kinder entscheiden in dieser dümmlich-naiven, oft oberflächlichen Weise statt nach den Maßgaben von Vernunft und Weisheit; sie lassen sich leicht suggerieren und von außen lenken. Zu einer infantilen Gesellschaft passt insofern ein zunehmend paternalistischer Regierungsstil. All das erleben wir heute immer öfter, wie einige Beispiele verdeutlichen können.

Ein zentrales Feld, auf dem ein klares Umdenken erforderlich wäre, ist tatsächlich das der Digitalisierung – eben angesichts zahlreicher Warnungen Intellektueller aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen und Aufgabenfeldern. Durch die digitale Revolution werde sich „alles ändern“, verkündeten Politiker begeistert, ohne ernsthaft zu fragen, ob das wirklich wünschenswert oder nicht vielmehr mit hohen Risiken für Europa, ja für die Menschheit und den Planeten behaftet sein könnte. Groß sind freilich die Versuchungen durch die bezaubernden digitalen Möglichkeiten. Doch ihnen breitflächig nachzugeben, zeugt von einer in der Gesellschaft wie in den Regierungen vorherrschenden infantilen Unreife.

Der infaltile Fortschrittsglaube

Heutzutage holt uns mit neuer Vehemenz ein naiver, eben infantiler Fortschrittsglaube ein. Wenn die Ampel-Regierung ihr Programm unter die Überschrift „Den Fortschritt wagen“ stellt, mutet das etwas seltsam an – als lebten wir nicht bereits seit Beginn des Industriezeitalters in beständigem Fortschreiten von Technik und Wissenschaft, und als gäbe es dabei nicht unzählige Erfahrungen mit der Ambivalenz des Fortschritts! Freilich zeugt das Reden vom Wagnis in der genannten Überschrift von einer gewissen Einsicht in den Risiko-Charakter des Fortschritts, der sich ja auch als ein Fortschreiten zum Schlechteren entpuppen könnte. So bedeutet, wie Charles Taylor in seinem Buch „Unbehagen an der Moderne“ unterstreicht, die durch den Fortschritt vergrößerte Freiheit, dass „die Menschen nicht nur höher hinaufsteigen, sondern auch tiefer herabsinken können“. Wer wollte denn garantieren, dass die „digitale Transformation“ unsere Gesellschaft wirklich in bessere Gefilde führt?

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Exemplarisch sei auf die fortschreitende Digitalisierung der Infrastruktur hingewiesen. Ist sie wirklich fortschrittlich – oder nicht vielmehr hochriskant, weil störanfällig, insbesondere durch Hackerangriffe? Aus dem neuesten Jahresbericht des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) geht klar hervor, dass es auch künftig nicht möglich sein werde, die durch die digitale Transformation verursachten Schäden in den Griff zu bekommen. Klaus Schwab warnte vorigen Sommer als Präsident des Weltwirtschaftsforums vor einer regelrechten Cyber-Pandemie, die in ihren Effekten schlimmer sein würde als die aktuelle globale Krise. Schon kurz darauf häuften sich weltweit Cyber-Attacken mit weitreichenden Folgen für große Firmen. Umso bedrohlicher bleibt die Lage auf dem Gebiet der digitalen Infrastruktur, auf die täglich Angriffe erfolgen. Die Kriegssituation in der Ukraine lässt Cyber-Attacken international anwachsen. So griffen kürzlich pro-russische Hacker bundesdeutsche Ministerien und Behörden an. Wann wird ein Umdenken erfolgen, wie es die Journalisten Thomas Fischermann und Götz Hamann in ihrem Buch „Zeitbombe Internet“ schon 2011 mit ihrer Forderung nahelegten, kritische Infrastrukturen müssten „unwiderruflich vom Netz“?

Ökologische Belastung durch Digitalisierung

Nicht zuletzt die ökologisch drohenden Schäden durch die Digitalisierung werden in der infantilen Gesellschaft gern verniedlicht, obwohl die Gefahren bekannt sind. „Wenn wir die Digitalisierung unverändert fortsetzen, wird sie zum Brandbeschleuniger für die ökologischen und sozialen Krisen unseres Planeten“, warnte Svenja Schulze als Bundesumweltministerin – aber wer hört darauf? Selbst Papst Franziskus rief vor zwei Jahren zur ökologischen Wende: Es sei nicht die Zeit, weiter wegzuschauen, während der Planet aus Profitgier und im Namen des Fortschritts geschändet werde. Doch diese Schändung schreitet fort. Namentlich im Gefolge des Ukraine-Kriegs werden manche durch die Klimakrise beförderten Einsichten wieder infrage gestellt.

Auch werden trotz mancher Warnungen vor gesundheitlichen Schädigungen durch den Infraschall von Windrädern die Abstandsregeln nach unten korrigiert. In der infantilen Gesellschaft denkt kaum jemand daran, stattdessen nach zumutbaren Möglichkeiten des Energiesparens Ausschau zu halten, wie sie etwa auf den luxuriös gehandhabten Gebieten des „Streamens“ und digitaler Währungen, aber auch der Straßenbeleuchtungen gegeben wären.

„Wir brauchen einen geistigen Aufbruch“

Wer wägt zudem die Risiken der unser Leben immer mehr beherrschenden Künstlichen Intelligenz so ab, dass kritische Argumente nicht durch die Suggestivkraft der Vorteile verdrängt werden? Rai Ehlers mahnt: „Was wir heute brauchen, ist ein geistiger Aufbruch, der sich auch vor Konfrontationen mit denen nicht scheut, die Maschinen ohne Rücksicht auf mögliche Folgen in einen sich selbst korrigierenden Lauf treiben wollen.“ Den Planeten mit KI zu überziehen, ist Zeichen einer gekünstelten, aber nicht menschlichen Intelligenz. Ulrike Guérot fragt: „Was, wenn die Arbeit am Menschen und an der Menschlichkeit die einzige Chance ist, der Apokalypse zu entkommen, die künstliche Intelligenz aber genau das nicht gestattet?“

Ohne Umkehr droht ein Desaster – auf den genannten und weiteren Gebieten. Die Realität wird die unguten Verhältnisse und Agitationen früher oder später einholen und womöglich in apokalyptischem Ausmaß überrollen – zum Beispiel in ökologischer Hinsicht. Rechtzeitiges Sich-ehrlich-Machen und kluge Besinnung wären wünschenswert, finden aber in der infantilen, narzisstisch geprägten Gesellschaft wenig Raum. Schon die Bibel berichtet bis hin zur Johannes-Apokalypse, dass selbst bitterste Plagen die Menschen nicht zur Umkehr bringen. Und so dürfte auch in unserer fortschrittstrunkenen Zeit Brigitte Witzer mit ihrem Buch „Die Diktatur der Dummen“ (2018) die Gesamtlage treffend beschrieben haben.

Der Autor ist apl. Professor für Systematische Theologie (Universität Erlangen-Nürnberg), Pfarrer i.R. und Publizist.

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