Feuilleton

Der verkannte Kaiser Karl

Eva Demmerle widerspricht den seit hundert Jahren tradierten Vorwürfen gegen den letzten regierenden Monarchen Österreich-Ungarns. Von Stephan Baier
Kaiser Karl I. - von der Soziallehre der Kirche inspiriert
Foto: IN | Von der Soziallehre der Kirche inspiriert: Kaiser Karl I.

Pünktlich zum 100. Jahrestag seiner Herrschaftsübernahme hat Eva Demmerle nochmals ein Lebensbild des letzten regierenden Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn vorgelegt, des 2004 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochenen Karl aus dem Hause Habsburg-Lothringen. Bereits vor zwölf Jahren, anlässlich der Seligsprechung, hat die Autorin mit ihrem Werk „Kaiser Karl I. Selig, die Frieden stiften...“ (ebenfalls erschienen im Wiener Amalthea Verlag) einen Beitrag zur öffentlichen Rehabilitierung des vielfach verkannten und verleumdeten Kaisers versucht. Auch in ihrem neuen Werk fügt die langjährige Mitarbeiterin Otto von Habsburgs der biografischen Schilderung ein apologetisches Kapitel unter dem Titel „Mythos und Antimythos“ hinzu.

Darin antwortet sie auf die zeitgenössischen Ressentiments gegen den jung verstorbenen Kaiser, und merkt an: „Nicht uninteressant ist es, zu sehen, wie die Angriffe denen ähneln, die auch schon während des Ersten Weltkriegs und danach die antikaiserliche Propaganda prägten.“ Tatsächlich haben sich die vor hundert Jahren gezielt in Umlauf gesetzten, politisch motivierten Verleumdungen – Kaiser Karl sei Trinker, Weiberheld, dominiert von seiner ehrgeizigen Frau Zita, unpolitisch und schlecht auf die Herrschaft vorbereitet gewesen – als erstaunlich langlebig erwiesen, ebenso wie die Verhöhnung seiner ausgeprägten Frömmigkeit und seines Festhaltens am habsburgischen Herrschaftsideal.

Die Autorin zeigt, dass für den 1922 im Exil auf Funchal verstorbenen Kaiser Karl Religion keine Privatsache war: „Sein ganzes politisches Denken war aus dem christlichen Glauben geprägt. Die Soziallehre der Kirche ließ ihn seine Sozialpolitik entwickeln.“ Mit Papst Benedikt XV., dem er persönlich nie begegnete, habe ihn der unbedingte Wille zum Frieden verbunden. Ausführlich schildert Eva Demmerle die Friedensbemühungen des Papstes, den sie als „außerordentlich politischen Mensch“ bezeichnet: „Ihn prägte das Bewusstsein, dass das Fortbestehen der konservativen Mittelmächte eine wesentliche Hilfe gegen die Gefahren bot, die von Freimaurern und extrem linken Parteien in Westeuropa ausgingen.“ Darum habe Benedikt XV. seine Vermittlerdienste angeboten und auf einen Verständigungsfrieden gehofft. Innerhalb des Habsburgerreiches sei die Friedensinitiative von Außenminister Ottokar Czernin hintertrieben worden, insgesamt jedoch sei sie an US-Präsident Woodrow Wilson gescheitert, dem es nicht um eine Wiederherstellung des Vorkriegszustands in Europa gegangen sei, sondern „um die Vernichtung des preußischen Militarismus in Deutschland und um die Zerschlagung der Multinationalität Österreich-Ungarns“.

Ähnlich wie Kaiser Karl, geriet auch der Papst durch seine Friedensinitiative in die öffentliche Kritik. Dennoch sieht die Autorin darin eine zeitgeschichtliche Weichenstellung: „Seine Friedensappelle waren nicht mit Erfolg gekrönt, aber sie markieren die künftige päpstliche Diplomatie: die strikte Neutralität und die Forderung nach der Herrschaft des Völkerrechts.“ Auch kurzfristig erfolgreicher waren andere päpstliche Initiativen, etwa die Kriegsgefangenenhilfe, die Vermisstendienste und die Unterstützung beim Gefangenenaustausch. Wörtlich schreibt Demmerle: „Mit seinen Friedensbemühungen ist es Benedikt XV. allerdings gelungen, den Heiligen Stuhl wieder zu einem Player auf dem internationalen Parkett zu machen.“

Kaiser Karl wird im vorliegenden Werk als ein intelligenter, auf die Herrschaft wohlvorbereiteter und verantwortungsbewusster Regent präsentiert, der die Probleme klar sah, aber nicht die Zeit, die Umstände, das Personal und die Möglichkeiten hatte, das tragische Schicksal seines Reiches wie seiner Familie zu wenden. Auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs, im November 1916, durch den Tod des Langzeitmonarchen Franz Joseph auf den Thron gelangt, strebte Karl nach der raschen Beendigung des Krieges durch einen Verständigungsfrieden, nach einer inneren Reform der Donaumonarchie und nach einer Lösung der sozialen Spannungen durch eine moderne Sozialpolitik. Ausführlich beschäftigt sich die Autorin mit den Friedensbemühungen Karls mittels der Brüder seiner Gattin, die letztlich an „Kurzsichtigkeit und Engstirnigkeit“ gescheitert seien: „Es waren der blinde Glaube der Deutschen an den Endsieg, übermäßige italienische Gebietsforderungen und die politische Ignoranz des französischen Ministerpräsidenten.“ Und, wie Demmerle mehrfach erwähnt, das Agieren von Karls Außenminister Czernin, der den Kaiser erpresst, mit Suizid bedroht und gegenüber Berlin hintergangen haben soll. Fazit: „Gerade Karl, der bei den Friedensverhandlungen seine ganze persönliche Integrität und das Prestige eingebracht hatte, war nun international diskreditiert. Österreich hatte jeden politischen Spielraum verloren.“

Ausführlich beschreibt die Autorin das Ende der habsburgischen Herrschaft, die Verzichtserklärung Karls, welche keine Abdankung war, sondern sich „jede spätere Möglichkeit einer legitimen Restauration“ offenhielt. Schonungslos schildert sie die beiden Restaurationsversuche in Ungarn als „eine Geschichte von Ungeschicklichkeiten, schlechter Planung, Indiskretionen und Verrat“. Tatsächlich belegen lasse sich „die Möglichkeit eines dritten Restaurationsversuches“, enthüllt Demmerle, die für ihr Werk auf die Privatarchive der kaiserlichen Familie zurückgreifen konnte und auch ausführliche Passagen aus den Notizen von Kaiser Karl und Kaiserin Zita dokumentiert. Die Autorin referiert und belegt, dass es Karl bei alledem weniger um seine Herrschaft als um einen Dienst an den ihm anvertrauten Völkern ging. Diese sah er durch Nationalismus und Bolschewismus bedroht und wähnte sie nur in einer mitteleuropäischen Föderation überlebensfähig. In Summe zeichnet Eva Demmerle das Porträt eines bis heute weithin verkannten Kaisers, dessen unvollendete – an den Widrigkeiten der Zeiten gescheiterte – Vision für das Europa von heute von bleibender Aktualität ist.

Eva Demmerle: Kaiser Karl. Mythos & Wirklichkeit.
Amalthea Verlag, Wien 2016, 228 Seiten, zahlreiche s/w-Abbildungen, ISBN 978-3-99050-044-6, EUR 25,–

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