Der Pantheismus ist kein Ausweg

In Amerika versuchen Atheisten in die Kultur einzudringen, auch in Europa zeigt der Verlust des Glaubens neue Spuren

Seit Papst Benedikt XVI. das öffentliche und wissenschaftliche Gespräch mit seiner Verteidigung der Vernunft als einem der Fundamente verantworteten Glaubens mitbestimmt, regt sich unter den Gebildeten der Verächter der Religion Unbehagen und Widerwillen. Dass ausgerechnet der Papst global Chancen und Grenzen vernunftbestimmten Lebens auslotet und damit auch noch global ernst genommen wird, provoziert die Gegner.

In den Vereinigten Staaten etwa sprießen atheistische Bekenntnisse von Wissenschaftlern wie Pilze aus dem Boden. Ihre Plattform ist das Internet. Dort gibt es zum Beispiel die Seite www.atheistalliance.org, auf der unter anderem der Evolutionsbiologe Richard Dawkin als einer der heftigsten Kritiker des Christentums aktiv ist. Diese atheistische Allianz ist eine Dachorganisation von etwas mehr als 40 Organisationen an Freidenkern oder säkularen Humanisten in amerikanischen Bundesstaaten, die offiziell gegen die „religiöse Rechte“, wie sie sie nennen, und die Politik der Republikaner unter Präsident George W. Bush in den Vereinigten Staaten agitieren, aber sich auch kritisch auf Papst Benedikt XVI. und dessen Vernunftbegriff beziehen. In ihrer Selbstbeschreibung auf dieser Internetseite betonen sie, dass jede atheistische Erziehung damit beginnt, sich an die Atheisten in der Geschichte zu erinnern, die eine „Kultur der Vernunft“ in der Welt erst möglich gemacht hätten. Den Anspruch auf das Urheberrecht auf die Vernunft wollen die Atheisten nicht aufgeben.

Ein Kampfbahn, in der in den Vereinigten Staaten Christen und Atheisten sich ihre Rennen liefern, ist die Evolutionstheorie. Die Verteidiger der Schöpfungstheologie wollen als so genannte „Kreationisten“ Gott nicht aus der Natur- und Kulturgeschichte der Erde und des Menschen ausklammern lassen. Der Schöpfungsbericht der Bibel ist für sie mehr als nur ein Mythos, der von Schöpfungsberichten früherer Kulturen und Religionen zehrt. Sie nehmen seine Botschaft und die Einzelheiten des Berichtes in der Genesis wörtlich. Mit dem Begriff des „intelligenten Designs“ umschreiben sie die Schöpfungstätigkeit Gottes. Allerdings – die Fronten zwischen „Kreationisten“ und „Atheisten“ in den Vereinigten Staaten sind derart verhärtet und erbittert umkämpft, dass es Europäern schwerfällt, hier überhaupt noch Partei zu ergreifen. Wo in der europäischen Tradition des Denkens Evolutionstheorie und Schöpfungstheologie das Gespräch schon immer gesucht haben und suchen, wo Dialog möglich war und ist, wenn und sofern die Evolutionstheoretiker die Phänomene der Welt nicht allein naturalistisch und mechanistisch als bloße Folge materieller Wechselwirkungen interpretierten, und umgekehrt die Theologen die Natur als wissenschaftlich beschreibbare und objektivierbare Größe ernst nahmen, herrscht in den Vereinigten Staaten weitgehend Funkstille. Was manche zum Schmunzeln verführende Blüte treibt: So vereinnahmen etwa die selbst ernannten Atheisten in Amerika Papst Benedikt XVI. kurzerhand unter die Rubrik „Kreationist“ – eine Absurdität.

Die „Kreationisten“ in den Vereinigten Staaten rüsten im Wettrennen mit den Atheisten immer weiter auf. Bei Cincinatti zum Beispiel entsteht ein „Museum der Kreationisten“. Eine evangelikale Gruppe unter dem Sammelbegriff „Antworten in der Genesis“ wollen die Menschheits- und Naturgeschichte nach den Vorgaben der Bibel darstellen. Die „Kreationisten“ versuchen auch weiterhin mit Hilfe von Rechtsmitteln, den Unterricht der Evolutionstheorie an den Schulen zurückzudrängen. Sie publizieren alternative Lehrmittel und stellen alternative Internet-Lexika im Stil von Wikipedia ins Internet. Für die „Kreationisten“ handelt es sich bei ihren Bemühungen schließlich um einen Kulturkampf – so wie auch die Atheisten ihren Kampf als Kulturkampf um die Zukunft der Vereinigten Staaten ausgeben. Was sich etwas merkwürdig, fremd und typisch amerikanisch ausnimmt, erreicht in etwas anderer Form auch Europa und Deutschland. Der Atheismus kehrt zurück. Er kehrt aber nicht wie in Amerika auf dem Feld der Naturwissenschaften und Biologie zurück, sondern als Begleitmusik zu einer Renaissance der Religionen, wie sie in Europa aktuell behauptet wird. Zu lesen ist dies auch als Reaktion auf den Erfolg Benedikts XVI., den der Papst im öffentlichen Diskurs mit der Versöhnung von Vernunft und Glauben als Grundlage des interreligiösen Gesprächs und der Auseinandersetzung mit dem Säkularismus versteht.

Der Atheismus will auch in Europa verloren gegangenes kulturelles Terrain zurückerobern. Und dafür setzt er beim Skandal des Religionskrieges an: Für ihn erledigt sich der Anspruch der Religionen von selbst durch die Tatsache von religiös motivierten Kriegen, eine Art Atheismusbeweis ex negativo. Als atheistische Tat feiert er den Anspruch, die Konflikte der Religionen entschärfen zu wollen, indem er Religionen als ein naturgeschichtliches Phänomen ausweist, und sie so in ihre Grenzen weist. Was von dieser Welt ist, soll diese Welt auch in Ruhe lassen. Exemplarisch für solche Bemühungen ist zum Beispiel ein Beitrag von Geseko von Lübke jüngst in „natur + kosmos“, in der dieser Autor die Wurzeln des Glaubens in der Natur selbst verortet. Diese habe einst als beseelt und heilig gegolten, die Religionen hätten sie dann von der Schöpfung abgespalten. „Die verlorene Natur“ wird dann den Religionen zum Vorwurf gemacht und als Grund ihrer Gewalttätigkeit ausgegeben. Dagegen wird dann ein Panentheismus oder Pantheismus als Ausweg empfohlen. Das ist nun weder originell noch neu, zeigt aber, wie schwer sich die aufgeklärte Gegenwart damit tut, die Welt als übernatürliche Schöpfungs- und Offenbarungstat Gottes zu begreifen. Und wie wenig geistige Phantasie und Kreativität sie besitzt, zu unterscheiden zwischen dem Dass dieser Tatsache und dem Wie, wie sich die Schöpfungs- und Offenbarungstat Gottes ausfaltet und den geschaffenen Wesen zeigt. Denn dieses Wie lässt sich durchaus naturwissenschaftlich erforschen. Die Offenbarungsreligionen müssen sich also wieder mit einem Pantheismus, eine Schrumpfform des atheistischen Denkens, herumschlagen, der längst überwunden schien. Was in Europa an theologischer und philosophischer Anstrengung ansteht, ist mehr als das, was in den Vereinigten Staaten gerade zwischen „Kreationisten“ und Atheisten tobt.

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