Der große Rock-Lyriker

2016 erhielt Bob Dylan den Literaturnobelpreis. Einfach war es nicht. Erst mal meldete er sich nicht, dann schwänzte er ganz cool die Preisverleihung. Typisch für ihn. Von Alexander Ertl
Bob Dylans handgeschriebener Songtext zu „Blowin' in the Wind“.
Foto: dpa | Bob Dylans handgeschriebener Songtext zu „Blowin' in the Wind“.

Einige Jahre lang gab man sich der Illusion hin, die Rock-Ikone Bob Dylan zu kennen, schließlich hatten ihn Feuilletonisten regelmäßig Anfang Oktober auf die Liste der literaturnobelpreisverdächtigen Kandidaten gesetzt. Mehr als eine Art intellektueller Gag schien das nicht zu sein. Denn wer zeichnet schon die leicht ergraute Lockenmähne „für das Vorzüglichste in idealistischer Richtung“ aus, wie es Alfred Nobels Testament verfügt? Als die Stockholmer Jury dem Singer-Songwriter im letzten Jahr dann wirklich den Literaturnobelpreis zuerkannte, war die Literaturkritik ratlos. Manch einer sprach von einer „schallenden Ohrfeige“ für die Literatur und die Spiegel-Kolumnistin Sibylle Berg spöttelte via Twitter: „die Chancen für mich, den Nobelpreis in Physik zu bekommen, haben sich gerade dramatisch erhöht“.

Dabei reiht sich Bob Dylan gut ein in die Riege derer, die vor der Verleihung nicht unbedingt als große Schriftsteller bekannt waren. So wurde bereits 1902 der hochbetagte preußische Altertumshistoriker Theodor Mommsen ausgezeichnet. 1938 erhielt die von der Kritik für ihre schnulzigen Schmonzetten verschrieene Pearl S. Buck den Preis. Der Bühnenzampano Dario Fo kam 1997 nach Stockholm. Wer will da noch behaupten, dem Literaturpreis fehlte es an literarischer Vielfalt? Dylan ist nicht durch Essays oder satirische Bühnenstücke bekannt geworden, sondern durch seine Songs. Darin liegt wohl das Anstößige. Songs, die jeder mittels Platten- oder CD-Spieler, Walkman oder nunmehr Spotify anhören kann. Vielleicht ist die beste Beschreibung des Kulturphänomens Bob Dylan, dass man seine Kunst als ein Amalgam sehe, eine unteilbare Mixtur der beiden Kunstformen Musik und Poesie.

Nein, auch so erschließt man sich Bob Dylan nicht vollends. Die Bühnenperformance bietet mehr als nur Buchstaben und Noten. Im Kosmos „Bob Dylan“ hat auch der kaum bekannte Aquarellmaler seinen Platz. Man kann eigentlich nicht anders, als ehrfürchtig festzustellen, wie unnahbar Bob Dylan ist. Wie sehr er sich den Begriffen und Einordnungen zu entziehen vermag. Wer ist Bob Dylan, dieser flüchtige Bekannte der Popkultur, dieser unbekannte Individualist?

Wer Bob Dylan auf die Schliche kommen will, beginnt die Spurensuche bei seinem Namen. 2004 äußerte er sich in einem seiner seltenen Interviews: „Manche Leute werden unter falschem Namen in der falschen Zeit geboren. Du nennst dich so, wie du gerufen werden willst. Das ist das Land der Freien.“ Am 24. Mai 1941 wurde Robert Allen Zimmerman in Duluth, Minnesota, geboren. Der falsche Name? Die jüdischen Großeltern waren vor antisemitischen Pogromen in Russland geflohen, man gab ihm auch noch den hebräischen Namen Shabtai Zisel ben Avraham mit auf den Lebensweg. Als der kleine Mr. Zimmerman sechs war, zog die Familie in die Bergbausiedlung Hibbing. Mit zwanzig Jahren ging er nach New York, um sein großes Idol Woody Guthrie („This Land is Your Land“) aufzusuchen. Tatsächlich schaffte er es in sehr kurzer Zeit, zu einer der führenden Figuren der New Yorker Folkszene aufzusteigen. Er nannte sich jetzt Bob Dylan, nach dem Dichter Dylan Thomas, den er aber angeblich gar nicht so mochte. Das Mysteriöse an Dylan verbirgt sich in diesem Namen. An anderen Stellen gibt er vor, sich nach einem Onkel namens Dillion benannt zu haben.

Dylan liebt es – und seien es die gewöhnlichsten Dinge – widersprüchliche Informationen zu streuen. Sein erster Manager, John Hammond, bezweifelte gar, „dass er in seinem Leben je aufrichtig gewesen ist“. Einmal wird Dylan selber sagen: „Ich bin nur Bob Dylan, wenn ich's sein muss.“ Dylan liebt es, um sich eine Aura des Fiktiven auszubreiten. Wer Bob Dylan wirklich ist, weiß man nicht so recht. Manchmal trat er auch als „Lucky Wilbury“, „Elston Gunnn“, „Jack Fate“ oder „Boo“ auf. Vielleicht muss man auch gar nicht unbedingt wissen, wer Bob Dylan ist.

Mit seinem Lied „Blowin' in the Wind“ (1963) wurde Dylan zum Sprachrohr einer Protestbewegung, die gegen das gutbürgerliche Amerika, gegen den Vietnamkrieg, soziale Ungerechtigkeit und Rassismus aufbegehrte. In einer Umfrage von 1964 bezeichneten ihn amerikanische Studenten als die „markanteste Persönlichkeit nach J.F. Kennedy“. Der Soziologe Axel Honneth, acht Jahre jünger als Dylan, schreibt: „Spielerisch hat Dylan, ohne es wissen zu können, die Kluft zwischen dem Existenzialismus der fünfziger Jahre und dem Geist der Revolte der siebziger Jahre geschlossen, hat den Gestus des trotzigen Individualismus in den Strom der solidarischen Bewegungen hinüberretten können.“

Nachgeborene spüren ein solches Flirren zwischen biederen Wohlstandsfünfzigern und aufmüpfigen Achtundsechzigern in Zeilen wie diesen: „It ain't me you're lookin' for, babe.“ Man kennt diesen Vers in der Coverversion Johnny Cashs (DT vom 4. März 2017). Im August 1964 erschien der Song „It ain't me, babe“ auf dem Studioalbum „Another Side of Bob Dylan“. Es ist die vierte Platte des 23-jährigen Jungspunds. Der Song beginnt harmlos, wie ein Ständchen, ganz in der Tradition eines Schubertlieds: Ein Verehrer steht nachts vor dem Fenster, während das Objekt der Begierde dahinter sitzt und überlegt, ob es sein Herz und das Fenster öffnen soll. Überraschend ist aber die Vertauschung der Rollen. Angebetet wird nämlich der Mann – und der benutzt die Gitarre, um die Dame höflich wegzuscheuchen: „Go 'way from my window/ Leave at your own chosen speed/ I'm not the one you want, babe/ I'm not the one you need.“ Außerhalb der Liederwelt brachte Dylan den Beatles das Kiffen bei, während diese in „She Loves You“ ihren Jüngern daseinsfreudig „Yeah, Yeah, Yeah!“ entgegenplärrten.

Nicht von ungefähr hat das Musikmagazin „Rolling Stone“ einen Song aus der LP „Highway 61 Revisited“ von 1965 zum „besten Song aller Zeiten“ gekürt, pikanterweise „Like A Rolling Stone“. Das Album selbst ist voller biblischer Anspielungen. ln „Highway 61 Revisited“ fordert der Allmächtige Abraham auf, seinen Sohn zu opfern. Surreal verlagert Dylan das 22. Kapitel der Genesis auf den Highway 61, eine Bundesstraße, die in Nord-Süd-Richtung die ganzen USA durchquert. Der väterliche Stammvater „Abe“ verschwindet aber nach der ersten Strophe. Nun schleichen Landstreicher und Ganoven wie „Georgia Sam“ oder „Mack the Finger“ (unwillkürliche Reminiszenz an Bertolt Brechts Dreigroschenoper) über die Schnellstraße. Da sieht der Sänger „a next world war“ kommen. Die Apokalypse beginnt auf dem Highway, der an Elvis Presleys „Graceland“ ebenso vorbeiführt wie an der Jazz-Wiege New Orleans; an Sam Philips' Sun Records-Studio ebenso wie an Duluth, der Geburtsstadt von Abraham „Abe“ Zimmermans Sohn. Was für eine Idee! Johannes der Täufer hat im darauffolgenden hastenden Song „Tombstone Blues“ seinen Auftritt, der sich, nachdem er einen Dieb gefoltert hat, an seinen „Commander-in-Chief“ wendet. Religion wird hier zur Kulisse für ein mythisches Amerika, das aus dem ideellen Geist der Gründerväter lebt. Aber die amerikanische Story ließe sich eben nicht ohne die Allgegenwart einer korrupten weißen Mittelschicht erzählen.

„Highway 61 Revisited“ ist schon das sechste Studioalbum des produktiven Ausnahmetalents. Mit der Platte eckt das Wunderkind allerdings auch an. Dylan wendet sich radikal von seinen Folksongfans ab. Vorerst. Am 17. Mai 1966 „passierte“, ja, anders kann man es sich gar nicht erklären, der denkwürdige wie auch legendär gewordene Auftritt in der Manchester Free Trade Hall. Erstmals tritt Dylan mit einer elektrisch verstärkten Band auf. Aus akustischer Lagerfeuerstimmung wird harter Rock. Ein empörter Fan schleudert ihm einen Ruf entgegen, der all die Enttäuschung ins Wort fasst, die Dylan provozierte: „Judas!“ Als hätte er einer ganzen Subkultur nur was vorgegaukelt. Es ist ein lauter, demütigender Zwischenruf.

Der vermeintliche Erlöser ist nicht mehr als nur ein Verräter. Doch Dylan reagiert unerschrocken, wie die Aufnahmen beweisen. Er antwortet dem Fan: „I don't believe you.“ und fügt nach einer halben Ewigkeit leerer Gitarrenakkorde hinzu: „You're a liar!“ und weist die Band an: „Play it fuckin' loud!“. Aus dem Tumult wird ein Happening. Nach einem Motorradunfall 1966 zieht sich Dylan ins Private zurück. Ausgerechnet zwischen Holzhäusern und weitläufigen Wäldern findet er in Woodstock sein Refugium. Er nimmt nicht am legendären Festival von 1969 teil, sondern arbeitet lieber an neuen Songs, laut seiner Autobiographie angewidert von „Außenseitern und Radikalen auf der Suche nach dem Protest-Prinzen“. Beim Revival 1994 dagegen wird er wie ein verlorener Sohn sehnsuchtsvoll hofiert. Persönliche Krisen folgen, 1977 lässt er sich von seiner Frau Sara scheiden (zweite Horrornachricht: im gleichen Jahr stirbt Elvis).

Die nun folgende Sinnsuche verschlägt ihn nicht nach Fernost, sondern ausgerechnet in eine charismatisch-evangelikal geprägte Gemeinde von Born-Again-Christen. Im Mai 1980 erzählt er: „Ich weiß, viele von euch haben nie zuvor von Jesus gehört. Ich weiß, dass ich es bis vor einigen Jahren nicht habe. Jesus tippte mir auf die Schulter und sagte: ,Bob, warum widersetzt du dich mir?‘ Ich sagte: ,Ich widersetze mich dir nicht!‘ Er sagte: ,Wirst du mir nachfolgen?‘ Ich sagte: ,Nun, ich habe noch nie zuvor darüber nachgedacht.‘ Er sprach: ,Wenn du mir nicht nachfolgst, dann widersetzt du dich mir.‘“ Der Hintergrund: Ein Fan warf 1978 in San Diego statt Blumen ein kleines silbernes Kreuz auf die Bühne, wenige Tage später will Dylan die physische Anwesenheit des Gekreuzigten erlebt haben.

Nach wenigen Jahren verabschiedet sich auch diese Phase von Gospelgesängen und zwischen die Songs gelegte „Predigten“: „Das war alles Teil meiner Erfahrung.“ In den Songs des Albums „Infidels“ von 1983 entdeckt Dylan zwar die Bücher Leviticus und Deuteronomium, fortan spricht er aber kaum mehr über Glauben. Die autobiographischen Aufzeichnungen „Chronicles“ von 2004 verlieren kein Wort über Jesus. Vielmehr kolportiert Dylan die Legende, Bobby Zimmerman sei 1964 auf der Straße überfahren worden. Er changiert gekonnt zwischen Einfall und Zufall und zeigt sich seit den 1990ern, dem Älterwerden angemessen, als blasierter Dandy. Als Internetshows und YouTube immer beliebter werden, präsentiert er von 2006 bis 2009 eine eigene Radioshow.

1997 krächzte er in Bologna, einer Station seiner „never ending tour“ und das Publikum johlte. Niemand Geringerer als Papst Johannes Paul II. hatte ihn zum dortigen Eucharistischen Kongress eingeladen. Joseph Ratzinger, damals noch Glaubenspräfekt, hielt davon nichts. Zu nihilistisch seien die Texte. Mit dem Song „A Hard Rain's a-Gonna fall“ gab Dylan dem Glaubenshüter recht – und widerlegte ihn kurz darauf. Er griff vor 300 000 Leuten zum Klassiker „Knockin' on Heavens Door“, was den polnische Papst zu einer Meditation über „Blowin' in the Wind“ inspirierte, die verwehte Antwort: „Ihr fragt, auf wie vielen Straßen ein Mann gehen muss, bevor er ein Mann wird. Ich antworte: Es gibt nur einen Weg für die Menschen, es ist der Weg Jesu Christi, der sagt: ,Ich bin der Weg und das Leben‘.“ Bob Dylan ist weitaus mehr als nur eine anregende Kunstfigur. Aber wer er nun wirklich ist, das weiß man auch nach mehr als 55 Jahren öffentlicher Beobachtung nicht. Ein bisschen phantastisch, ein bisschen eigenwillig. Aber nie langweilig. „Mich hat es immer zu den Leuten hingezogen, die verrückt waren: verrückt danach, zu leben, sich auszudrücken oder gerettet zu werden; Leute, die alles auf einmal wollten, die nie gähnen mussten. Ich dachte, da passe ich ganz gut dazu.“

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